Grusswort von Dr. Henning Scherf

Henning Scherf

Lieber Daniel Cohn-Bendit, lieber Christian Vollrath, meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich freue mich, dass wir uns wieder hier im Rathaus versammeln, um den jährlichen Hannah-Arendt-Preis verleihen zu können. Ich finde nach wie vor die Idee gut, die nun schon eine ganze Reihe von Legislaturperioden in Bremen überstanden hat, und die auch von der Großen Koalition, die eigentlich nicht die Erfinder dieses Preises waren, aber immerhin akzeptiert wird ... jetzt lacht sogar Daniel Cohn-Bendit. Und entgegen allen Unkenrufen gibt es auch keine Entrüstung bei der CDU über diesen Preisträger. Das ist alles erfunden, sie finden es okay, dass die freie Jury, ohne dass reingeredet worden ist und dass irgendwelche Wünsche adressiert worden sind, diese Entscheidung getroffen hat.

Ich versuche mich in diese Entscheidung reinzudenken, was nicht ganz einfach ist. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, diese beiden Preisträger zusammenzubinden. Das ist noch komplizierter als Antonia Grunenberg es in ihrer Rede gesagt hat. Denn das mit der Demokratie 68, das stimmt ja nicht. Ich habe 68 mit Leuten zu tun gehabt, die haben an alles andere gedacht als an Demokratie. Die wollten die Avantgarde durchsetzen, ohne Rücksicht auf Verluste. Das habe ich am eigenen Leibe erlebt. Koschnik war damals exponierter als ich, aber lieber Hans, ich war auch schon einer von diesen eigentlich diskreditierten Sozialdemokraten, die so revisionistische Kulturen hatten, und unsere Demokratie-Parteinahme hat uns gerade verdächtig gemacht vor der Studentenbewegung – das muss man doch bitte auch bedenken dürfen. Also, die 68er dürfen im Nachhinein nicht illuminiert werden als die Erfinder von demokratischen Prozessen in dieser Gesellschaft, sondern es ist eher etwas anderes. Also ich habe das – ich will Ihnen das ganz offen und herzlich sagen, ohne irgendwelche Rechthaberei –, ich habe das eher als einen Aufstand gegen die bürgerlichen Elternhäuser erlebt, gegen die konservativen akademischen Leiter, also auch einen Aufstand gegen Ernst Vollrath und seine Kollegen; die Studenten sind eben nicht mehr in die Kollegs gegangen, haben sich nicht mehr den Diskursen gestellt, haben nicht mehr demokratisch mit ihren Lehrmeistern diskutiert, sondern haben sie gehindert zu reden. Das kann man wirklich von ganz vielen sagen. Ich erinnere mich, wie Habermas oder wie Adorno nicht mehr reden durften. Daniel Cohn-Bendit war da nicht dabei, aber viele seiner Freunde haben sie damals am Reden gehindert. Und das muss man doch auch ein Stück bearbeiten. Also ich jedenfalls versuche das, ich versuche immer wieder da anzuknüpfen, wo damals eigentlich alles falsch gelaufen ist. Das, was mich tröstet, ist, dass wir das alles gemeinsam überwunden haben. Das finde ich eigentlich wichtig, und das nimmt mich für alle ein, die damals so exponiert waren, dass wir aus den unterschiedlichen Lagen heraus – ich vermute auch von den Hochschullehrern, also auch Leute wie Ernst Vollrath, den ich nicht so gut kenne, aber Kollegen von ihm kenne ich ganz gut – Nachsicht mit dieser nicht demokratischen, nicht fairen, nicht offenen, sondern totalitären, gewaltorientierten, gerade in den Diskursen gewaltorientierten Studentengeneration hatten und keine Abrechnung veranstaltet haben. Es wurde dann versucht, die Korrektur dieser Erfahrung zu stärken und wieder neue Einladungen auszusprechen, und dass dann auch viele, viele der Akteure eben nicht emigriert sind in irgendwelche grotesken Kulturen, sondern dass sie mitgemacht haben. Heute müssen sie diesen parallel laufenden Parteitag der Grünen in Rostock aushalten. Und wenn man sich diesen Spagat überlegt, dann ist das wirklich konstituierend für das, was wir alle gerne wollen: offen und frei und ohne den Avantgardeanspruch anderen aufzudrängen uns immer wieder rauswühlen aus dieser Voreingenommenheit und auch aus dieser Intransigenz, die ich bei den 68ern erlebt habe.

Noch etwas ganz persönliches, das hat nichts mit Regierungserklärungen zu tun. Ich finde, die 68er sind mit Hannah Arendt überhaupt nicht fair umgegangen, und Hannah Arendt ist auch mit dieser Generation sehr kritisch umgegangen. Und bitte tun Sie nicht so, als wenn das alles immer eine Geschichte war, sondern ich kenne viele, die gegen Hannah Arendt als konservative, vorgefasste, nicht kritische Ideologin, Emigrantin, opponiert haben, und zwar militant opponiert haben, und sie war ja so eine Streitfrau, die hat immer zurückgegeben, sie hat sich eingelassen auf diese Diskurse, sie ist ja nicht so eine konsensorientierte Vereinnahmerin gewesen, sondern so eine, die den Diskurs angenommen hat. Nach wie vor finde ich anstrengend, was sie mit Habermas und Habermas mit ihr in den Versuchen, sich auseinander zu setzen und sich zu vereinnahmen, gemacht haben.

Ich habe die Rede, die Ernst Vollrath zu Hannah Arendt geschrieben hat, zu verstehen versucht und habe gedacht, ja ja, so geht es wahrscheinlich. Dass man ohne Partei zu ergreifen wirklich sehr sorgfältig Schritt für Schritt diese Kontroverse und diese Vereinnahmung sozusagen durchleuchtet und transparent und nachvollziehbar macht. Ich selber, ich bin ja viel zu alt um 68er zu sein, also ich war 62/63 von der Uni weg. Ich habe aber in meiner Studienzeit Hannah Arendt als Konservative erlebt, also richtig auch so diskutiert. In Freiburg, weiß ich, haben sich Konservative auf sie berufen. Alle meine philosophischen und politischen Seminare, an denen ich teilgenommen habe, waren immer linkskritische Auseinandersetzungen mit Hannah Arendt. Warum sage ich das? Wenn jetzt die Linkesie vereinnahmt, muss sie auch ein Stück diese Kontroverse benennen, die dahinter steht und die ich noch nicht zu Ende gebracht habe. Darf ich das sagen? Ich denke, das ist immer noch anstrengend, das ist immer noch nicht wirklich voll zusammengebracht, sondern unterm Strich die Anklage einer Emigrantin, einer jüdischen Emigrantin, die über Freundschaft mit Heidegger, die sehr persönliche Erfahrungen mit Nationalsozialisten gemacht hat, die sie nicht kritisch aufgearbeitet hat, sondern die sie bis zu ihrem Tode sozusagen stehen gelassen hat, und die dann aber über die Emigration zu Recht die Anklage gegen totalitäre Systeme erhebt. Das begreife ich, das kann ich nachvollziehen und da denke ich, da muss ich auch irgendwie zugehören – aber dazwischen sind ganz große Brüche, ganz große intellektuelle, politische Brüche. Warum sage ich das? Weil das unser Alltag ja auch ist.

Also wenn die Grünen heute streiten, ob sie in der Bundesregierung bleiben oder nicht, ob wir diese Allianz gegen den Terror mittragen oder nicht oder das anderen überlassen, dann ist das wieder das Herz von Hannah Arendt. Ich bin nicht sicher, ob da einer Hannah Arendt zitiert in Rostock, aber sie wäre ein guter Bezug für diese Debatte. Man könnte mit vielen, vielen Bezügen aus ihrer eigenen, auch polemischen Arbeit in diese Debatte hinein Argumente finden. Und darum ist sie so aktuell und darum ist sie so lebendig und darum ist es gut, dass die Jury sich nicht bequeme Preisträger aussucht, sondern dass sie so kontroverse Positionen benennt und uns allen die Möglichkeit gibt, sich damit auseinander zu setzen.

Ernst Vollrath gelten ganz herzliche Grüße – und mit dieser Preisverleihung wird doch hoffentlich auch für ihn die positive und angenehme Erfahrung vermittelt, dass er bei dieser großen politischen Auseinandersetzung mit seinem philosophischen Arbeiten und mit seinem philosophischen Lehren nicht einfach ad acta gelegt wird, sondern einbezogen wird – und dass sich selbst solche Akteure wie Daniel Cohn-Bendit, und ich bin ja auch irgendwie ein Akteur, sich dann auch wieder solch einer wissenschaftlichen, sorgfältigen, kritischen, nicht opportunistischen Analyse und Auseinandersetzung stellen. Darum herzlichen Glückwunsch der Jury, dass Sie sich zu so einem komplizierten Vorschlag oder so einem komplizierten Duo entschieden haben.
Herzlichen Glückwunsch also ihrem Vater und gute Besserung – vielleicht kommt er mal, wenn er wieder bei Kräften ist nach Bremen; es gibt an der Bremer Universität Leute, die Antonia Grunenberg und andere, die ihn gerne mal hören würden, da soll er keinen Bogen drum machen; es gibt inzwischen eine völlig veränderte akademische Öffentlichkeit, die ihn gerne einbeziehen möchte und ihn nicht ausgrenzen möchte.

Und Daniel Cohn-Bendit – ich weiß, dass er hier auf Kohlen sitzt, er würde lieber in Rostock eine große Rede schwingen, aber die vielen Vorveröffentlichungen reichen ja vielleicht für einen Parteitagsbeitrag – herzlichen Dank, dass Sie hergekommen sind, herzlichen Glückwunsch für diesen Preis, und Ihnen allen ein weiteres Nachdenken mit Hannah Arendt und mit diesen Preisträgern.

Henning Scherf: Jurist, Bürgermeister der Hansestadt Bremen


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