Einführung in den Vortrag von Gianni Vattimo

Lothar Probst

Mit dem Vortrag des diesjährigen Hannah-Arendt-Preisträgers Gianni Vattimo und der sich anschließenden Diskussion setzen die Initiatoren des Preises eine Tradition fort, die sie von Anfang an gepflegt haben – nämlich die Preisträger nicht nur in wohlfeilen Worten festlich zu ehren, sondern sie selber ins öffentliche Licht zu stellen und sprechen zu lassen. Liebe und Freundschaft, so Hannah Arendt, gedeihen im Verborgenen, aber die »Entbergung« der eigenen Person, um es mit einem Terminus von Heidegger auszudrücken, kann nur im öffentlichen Raum stattfinden. »Im Gegensatz zu dem, was im Privaten ... geschieht, in der Geborgenheit der eigenen vier Wände, erscheint hier alles in jenem Licht, das nur die Öffentlichkeit, und das heißt die Anwesenheit der anderen erzeugen kann.« (Hannah Arendt) Nur in der Öffentlichkeit tritt die differentia specifica des Menschseins ins Bewusstsein. »Sprechen und Handeln«, so Hannah Arendt, sind die Tätigkeiten, in denen sich die Einzigartigkeit jedes Menschen darstellt. »Sprechend und handelnd unterscheiden sich Menschen aktiv voneinander« und schaffen zugleich einen gemeinsamen öffentlichen Raum, der sie miteinander verbindet.
Nach dieser kleinen Einstimmung möchte ich einige Anmerkungen zu dem Thema Antiglobalismus, Populismus und der Sinnverlust des Politischen machen, welches dieser Veranstaltung im Vorfeld der Preisverleihung vorangestellt wurde. Für uns als Veranstalter war der Ausgangspunkt dieser Trias die Frage, welche politischen Phänomene und Reaktionsbildungen im Zusammenhang mit dem Prozess der Globalisierung zu beobachten sind. Es ist wohl unbestritten, dass in den letzten Jahren kein anderes Paradigma politische Akteure, gesellschaftliche Bewegungen und wissenschaftliche Experten so in Schwingungen versetzt hat wie das der Globalisierung. Niemand, so scheint es, kann sich der normativen Kraft des Faktischen entziehen, die vom Prozess der Globalisierung ausgeht und ihn wie eine zwangsläufige Programmierung der Moderne erscheinen lässt. Wie sollen wir uns zu dieser normativen Kraft des Faktischen verhalten? Bleibt uns nur die Alternative, uns entweder im Strom dieser Globalisierung zu bewegen oder sie zu bekämpfen und aufzuhalten?

Die oben angeführte thematische Trias spielt, auch mit Blick auf das Land, aus dem der diesjährige Preisträger kommt, vor allem auf zwei Reaktionsmöglichkeiten an. Wie nur wenige andere Länder Europas ist Italien in den letzten Jahren ein prominenter Schauplatz jener Bewegung geworden, die als Bewegung gegen den Vormarsch des globalen Kapitalismus Furore gemacht hat. Wir denken an die militanten Auseinandersetzungen in Genua, aber auch an die friedlichen Proteste im Rahmen des Anfang November 2002 in Florenz stattgefundenen Europäischen Sozialforums von attac und anderen Gruppierungen. Nicht zufällig ist mit Antonio Negri auch ein Italiener als Mitautor des Buches Empire hervorgetreten, welches innerhalb der antiglobalen Bewegungen fast schon einen Kultstatus erreicht hat und als theoretischer Entwurf einer Weltordnung jenseits des Empire gilt, obwohl es gerade in dieser Hinsicht eigentlich nur eine Leerstelle zu bieten hat. Indem der Prozess der Globalisierung auf das Machwerk eines scheinbar übermächtigen internationalen kapitalistischen Netzwerks reduziert und damit dämonisiert wird, erschöpft sich der moralisierende Protest des Antiglobalismus häufig in der trotzigen Beschwörung einer vernetzten Weltgesellschaft von unten, in der sich alle Ausgebeuteten im Interesse »der Menschheit« sammeln.
Der zweite Teil der Trias, der Populismus, lässt uns im Zusammenhang mit Italien an eine Regierung denken, die – unter den spezifischen Bedingungen Italiens – jenen »populist turn« repräsentiert, der in den vergangenen Jahren die politische Landkarte in Europa verändert, zumindest aber stark geprägt hat. Mittlerweile gibt es im südlich-alpinen, im nördlich-skandinavischen und auch im westlichen Teil Europas einen Ring rechtspopulistischer Parteien, die zum Teil die Regierungen stellen oder aber an Regierungen beteiligt sind. Das Phänomen Berlusconi stellt in diesem Szenario zwar einerseits einen Sonderfall dar, ist aber andererseits Ausdruck einer tief greifenden Krise des Politischen, die mittlerweile viele Länder Europas erfasst hat. Diese Krise kann auch als Indikator der Unzufriedenheiten großer Teile der Wählerschaft mit der fortschreitenden Ökonomisierung und Verrechtlichung politischer Entscheidungsprozesse sowie eklatanter Legitimationsdefizite im Zusammenhang mit der Entstehung supranationaler Bürokratien gelesen werden. Alle drei Tendenzen machen aus den modernen Demokratien ein immer komplexeres und komplizierteres Aushandlungssystem mit vielen Akteuren und vielen Vetospielern. Dabei erzeugen sie einen untergründigen Hang zur Blockierung politisch notwendiger Entscheidungen sowie zur Neutralisierung und Stillegung von politischen Konflikten, weil diese die funktionalen administrativen Handlungsabläufe stören. Die dadurch entstehende Lücke im Bereich der Symbolisierung des Politischen vermag der Populismus mit einer Strategie der Repolitisierung von Konflikten oder aber mit einer Identitätspolitik zu füllen, die die Hoffnung auf eine Bewahrung gewachsener kultureller Traditionen im Rahmen des langsam erodierenden Nationalstaats verspricht.
Es gibt jenseits des Antiglobalismus und des Populismus aber noch eine dritte Reaktionsbildung auf den Prozess der Globalisierung, die den Anspruch erhebt, die Globalisierung im Sinne des Fortschritts und der ethischen Werte liberaler Demokratien gestalten zu wollen. Im Kreise politischer Eliten und ihrer wissenschaftlichen Beraternetzwerke wird diese Variante unter dem Stichwort global governance diskutiert. Die Probleme nationalstaatlichen Handelns im Zuge der Globalisierung sollen durch rationales und effizientes Regieren in transnationalen Kontexten adjustiert werden, um politische Steuerungsfähigkeit zurückzugewinnen. Es geht also in erster Linie um die Aufrechterhaltung der Funktionsfähigkeit politischer Institutionen unter den Bedingungen der Globalisierung. Das in den meisten Formen des transnationalen Regierens auftretende Demokratiedefizit soll, so dieser Ansatz, durch die Stärkung der internationalen Zivilgesellschaft erfolgen, ohne dass sich bisher auch nur in Ansätzen herausgeschält hätte, wie in diesem Kontext die Demokratie konstituierenden Prinzipien von Legitimität und Volkssouveränität eingelöst werden können.

In allen drei beschriebenen Reaktionen auf den Prozess der Globalisierung wird Politik entweder auf Moral, auf Identität oder auf Funktionalität reduziert. Gibt es, ausgehend vom politischen Denken Hannah Arendts, andere Möglichkeiten einer Rückgewinnung des Politischen? Ist ihr republikanischer Freiheitsbezug, ihr positiver Weltbezug und ihre Vorstellung von der assoziativen und gemeinschaftsstiftenden Kraft des Politischen, ihre Idee des Miteinander-in-Beziehung-Tretens von Menschen in einem umgrenzten öffentlichen Raum, in dem sich politische Urteilskraft bildet, vor dem Hintergrund der Globalisierung antiquiert oder hat er noch Aktualität?
Ich will diese Frage an dieser Stelle offen lassen und der später folgenden Diskussion überantworten. Wenn ich anfangs gesagt habe, dass Italien in Bezug auf das Thema dieser Diskussionsrunde ein exponierter Schauplatz ist, so muss dieser Bemerkung hinzugefügt werden, dass Italien zugleich das Land ist, welches in den vergangenen Jahrzehnten eine Reihe ungewöhnlicher Philosophen hervorgebracht hat, die heute zu den anregendsten politischen Denkern in Europa gehören. Dazu gehört sicherlich auch Gianni Vattimo, der diesjährige Hannah-Arendt-Preisträger. »Der Philosoph«, so Nietzsche, »hat das schlechte Gewissen seiner Zeit zu sein – dazu muss er deren bestes Wissen haben.« Nun, ich denke, dass Gianni Vattimo seit vielen Jahren versucht, dieser Maxime nachzueifern. Sein origineller Beitrag zum komplexen Beziehungsverhältnis von Gewalt und Modernität ist die Ausarbeitung seiner Philosophie des »schwachen Denkens«, eines Denkens, welches sich der eigenen Geschichtlichkeit bewusst ist, auf universalistische und moralische Ansprüche verzichtet und interpretierend die Tradition mit der Gegenwart verbindet. In seiner bisherigen Philosophie hat es Gianni Vattimo vermieden, seinen Lesern eine »globale Theorie« anzubieten. Wir dürfen gespannt sein, ob er sich auch im folgenden Vortrag an diese Prämisse gehalten hat.

Lothar Probst (Vorstands- und Jury-Mitglied des Hannah-Arendt-Preises für politisches Denken)


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