Henning Scherf

Sehr geehrter Preisträger Gianni Vattimo, hochverehrtes Publikum, herzlich Willkommen im Rathaus. Schön, dass es inzwischen eine richtige Institution geworden ist, dass wir uns Jahr für Jahr hier wieder treffen und gespannt sind, was die Jury sich denn überlegt hat. Es ist immer ein bisschen wie beim „Orakel von Delphi“, und jedes Mal versuche ich gespannt, mich in Ihren Vorschlag hineinzudenken.

Also, lieber Preisträger: Sie sind der berühmte Turiner Philosoph, der bei Gadamer studiert hat, der dann ein Achtundsechziger geworden ist, wahrscheinlich mit Heidegger im Gepäck, und sich schließlich über die Linke in Italien im Europaparlament findet. Sie gelten als postmoderner Philosoph. Es ist kompliziert, postmodern oder links zu sein, habe ich mir gedacht, da gucke ich genau hin: Wie wird er das begründen? Denn die Postmoderne will doch eigentlich die Linke überwunden haben, will die klassischen linken Entwürfe als totalitäre, universalistische, ideologisch fixierte Konzepte abgelegt haben. Nun kommt einer – und den hat die Jury ausgesucht – der das in seiner Biografie integrieren kann.

Ich habe auch mit Lust Ihren Vortrag gelesen. Leider konnte ich nicht dabei sein und habe gedacht, schau an: Jetzt bringt er den libertinären Grünen bei, dass die Linke eben doch noch nicht beerdigt ist, sondern dass es Gründe gibt, über den Sozialismus zu reden. Das hat mich gefreut, als Sozialdemokrat gefreut, und ich würde gerne fragen, wenn Sie vielleicht Lust haben, darauf zu antworten, wo dieser Punkt denn sein kann, die Postmoderne ihrerseits wieder zu überwinden und ihr so etwas wie Parteinahme und nicht nur allgemeine Unverbindlichkeit oder allgemeinen Diskurs – sozusagen den Salon als Lösung der Klassenkämpfe – zurückzugeben. Zwei Fragen an Sie, das ist ganz lieb und herzlich gemeint, ganz kollegial, würde ich also gerne in meiner kleinen Begrüßungsrede stellen.

Das eine, was ich gelernt habe – da berühren Sie sich auch mit Hannah Arendt –, ist, dass Sie jemand sind, der den Dialog lebendiger machen will und wieder entdeckt hat. Postmoderne können gelegentlich schwer in Dialoge eintreten, weil man dazu ein Gegenüber braucht, das eine Position vertritt, eine Meinung hat. Sie müssen Partei ergreifen. Und ich glaube, da steckt eine Möglichkeit drin, sich wieder zu erklären: Für was ergreife ich eigentlich Partei? Warum sind Menschenrechte so wichtig? Weil wir alle das Entsetzen über den Machtmissbrauch und den Terror der Staatsgewalt kennen und wissen, der muss auch mit mächtigen, durchsetzungsfähigen Operationen bekämpft und überwunden werden.

Das Zweite, das klingt jetzt sehr christlich, aber ich habe auch in Ihren Schriften gefunden, dass Ihre Philosophie wieder Schnittpunkte mit der Religion ausmacht und die auch benennt. Das ist kein Tabu mehr. Die Linke redet nicht mehr über die Religion wie über einen Irrtum von vorgestern, wie Lenin mit ihr umgegangen ist, sondern sie entdeckt wieder Schnittstellen, entdeckt wieder Zugänge, Verständigungsmöglichkeiten. Und deshalb meine zweite Frage an Sie: Ist das eine Möglichkeit, Postmoderne zu überwinden, dass wir in der Tradition religiöser Erfahrung lernen, das Leiden der Anderen zum Zentrum unseres eigenen Denkens und Handelns zu machen? Also nicht unser eigenes, sondern das unserer Zeitgenossen – nahe und ferne?

Zwei Fragen, ich bin ganz neugierig, wie Sie mir antworten werden. Ich weiß, dass Sie so etwas lieben und deshalb habe ich mich auch getraut, so etwas zu sagen.

Herzlichen Glückwunsch der Jury für diese Entscheidung. Ich finde, das ist spannend, welche Persönlichkeiten die Jury in den vergangenen acht Jahren ausgewählt hat, was sie diskutiert und erarbeitet hat. Ich finde schön, dass wir daraus eine Tradition machen. Ich finde schön, dass das mit dem Bremer Rathaus verbunden ist, weil es diesem Rathaus gut ansteht, auch ein Zentrum solcher Diskurse zu sein. Die Menschen sollen spüren, dass so etwas hier Platz hat und bitte auch in der Zukunft Platz haben wird. Also herzlichen Dank. Ich freue mich, dass Sie gekommen sind und wünsche Ihnen allen eine nachdenkliche und spannende Preisverleihung.

Henning Scherf: Jurist, Erster Bürgermeister der Freien Hansestadt Bremen


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