Laudatio auf Gianni Vattimo

Simona Forti

Vattimo's pensiero debole, das schwache Denken, ist kein pensiero flebile, kein flaues Denken. Es wird nämlich nicht nur von starken Motivationen bewegt, sondern vermag auch machtvolle Gedanken hervorbringen.
Daher ist die beste Art und Weise, auf die man das Vattimo's Werk würdigen kann, vielleicht in einer einfachen Unterscheidung: in der Trennung nämlich zwischen dem, was seinem Denken eigen ist, und dem, was diesem, hingegen, womöglich aufgrund seines großen Erfolges, unberechtigterweise zugesprochen worden ist.
Diese Unterscheidung wird durch die Nicht-Dunkelheit seiner Philosophie erleichtert. Sie hat nie im Alibi des Unausprechbaren und Rätselhaften Zuflucht gesucht, sondern immer die Klarheit als eigene Pflicht empfunden.
Ich will im Folgenden deutlich machen warum die Ontologie der Aktualität – wie Vattimo selbst heute das schwache Denken neu begreift -- keine Ontologie der Flauheit ist. Gestatten Sie mir zuvor, jedoch, dass ich ein kollektives Dankeschön sage, welches meine Generation Gianni Vattimo schuldet. Er ist einer der wichtigsten Führsprecher der 'Befreiung der italienischen Philosophie' gewesen, von der wir heute alle, unabhängig von der jeweiligen theoretischen Position, profitieren.
Wovon Befreiung? Vor allem von den letzten, noch immer schwerwiegenden, Lasten des idealistischen Historizismus und der marxistischen Orthodoxie; und auch von einem mit dem Katholizismus zu stark kompromittierten Existenzialismus. Befreiung aber auch von philosophischen Praktiken, die, vielleicht gerade um diesen Fallen zu entgehen, sich auf eine bloße Historiographie, auf eine sorgfältige und archäologische Verwaltung von Doktrinen reduziert hatten.

Das Verdienst von Vattimo bestand vor allem darin, gegen eine als Handwerk verstandene Philosophie, eine philosophische Auffassung zu neuem Leben zu erwecken, welche sich als Existenzweise versteht. Er hat einer beruhigenden als poiesis-techne betriebenen Philosophie, eine unruhige, als praxis und ethos gelebte Philosophie entgegengesetzt. Ein Tun und eine Haltung, welche das Denken in ein Ringen mit der Welt verwickeln.
Seine Auslegung von Nietzsche und Heidegger, sowie seine Interpretation des Endes der Moderne, vermochten jene Kraft weiterzugeben, die das Denken erzeugt wenn es wahres Denken ist. Die Kraft, die versteinerte Begriffsgefüge auseinandernimmt und vor allem jene Gegensätze abbaut, in denen sich eine zur Doktrin verkommene Philosophie notwendigerweise verhärtet.
Die De-Konstruktion ist dann nicht mehr eine Geschmacksache, mehr oder weniger modeabhängig. Sie ist vor allem das ethos eines Denkens, das sich auf die philosophische Vergangenheit zurückbezieht, um die Gegenwart zu verstehen. Ein Denken, das sich in einer "Ontologie der Aktualität" auszudrücken, das persönlich für alle Aporien verantwortlich zeichnet, die aus diesem Verhältnis zur Vergangenheit entstehen können.
Es ist vielleicht kein Zufall, dass der Ausdruck "Ontologie der Aktualität" von Foucault stammt. Er benutzte ihn, um eine der beiden philosophischen Linien zu bezeichnen, die von Kant ausgehen: die Philosophie als Analytik der Wahrheit im Allgemeinen und die Philosophie als Ontologie der Gegenwart. Während die erste dieser beiden Linien versucht die Antworten auf die Frage nach den universellen Strukturen der wahren Erkenntnis zu finden, artikuliert sich die zweite in einer beinahe unendlichen Reihe von Fragen über die Gegenwart und darüber, was von dieser Gegenwart für und durch die philosophische Reflexion zu dechiffrieren und zu differenzieren ist.
Was also ist unsere Aktualität, oder genauer, wie und warum interpretieren wir sie? Wie positionieren wir uns zu einander, zum Heute und zur Vergangenheit?

Es sind die selben Fragen, die auch Vattimo sich und uns gestellt hat, um sie unmissverständlich zu beantworten: unsere Aktualität kann als das Ende der Moderne gelesen werden, als Epoche des vollendeten Nihilismus und der daraus folgenden Säkularisierung. Unser Heute blendet sich in jenem post-metaphysischen Horizont ein, welchen Nietzsche und Heidegger denkbar machten, taucht sich ins Licht ihrer Erkundung des abendländischen Denkens als eines Vorganges, der durch das fortschreitende Schwachwerden der platonisch-aristotelischen Idee vom Sein bis zu eben dem Punkt gelangte, dass "vom Sein nichts mehr ist".
Wie sollen wir uns darauf einstellen? Welches ethos sollen wir uns zu eigen machen bei dieser nihilistischen Interpretation der Moderne?
Der Heideggersche Horizont eröffnet potentiell zwei große Alternativen. Erstens ein sozusagen "restauratives" ethos, das die eigene Zeit als Nihilismus verneint, und den Anspuch erhebt, eine neu-antike Vision des Seins wieder herzustellen. Die zweite Alternative besteht hingegen in einem ethos der kontinuierlichen Bewegung; des übermütigen Springens von einem Schein zum anderen. Alle Formen des Scheins sind dannach gleichwertig, bloße Trugbilder in einer vom Sein und dessen Wahrheit verlassenen Erde.
Das ethos zu dem Vattimo uns auffordert, entspricht weder dem einen noch dem anderen. Ich denke man kann in seinem Fall vielmehr von einem ethos der Freiheit, des Widerstands und der Verantwortung sprechen.
Damit steht Vattimo zu Arendt, Foucault, Derrida, und auf der Seite all derer die man der sogenannten 'Heideggerschen Linken' zu rechnen könnte. Sie reagiert auf den Verlust der Begründung nicht mit dem Handstreich ihrer Neufundierung. Vielmehr verbreitert sie den Weg, der von Nietzsche und Heidegger eröffnet wurde, zu einer sozusagen radikalen 'Befreiung der Freiheit', in ihrer ersten Bedeutung als Fehlen jeglicher notwendiger Bestimmung. Auch wenn sich dann die Wege der Links-Heideggerianer bei den Formen der Handhabung dieser Freiheit trennen.

Alles andere als flau, begnügt sich das schwache Denken nicht damit, den aristotelischen Spruch vom "Sein das sich auf viele Weisen ausdrückt', nach einem neuen Skript vorzutragen, in dem die Substanz abhanden gekommen.
Deshalb wird sich das Denken mit der Kraft zum Widerstand ausstatten müssen. Widerstand gegen die Versuchung, noch oder wieder an eine Wahrheit als Entsprechung von Vorstellung und Ding, von Subjekt und Objekt, von Denken und Sein zu glauben. Sogar gegen die Versuchung eines pluralen Fundaments, das ein einheitliches ersetzen sollte.
Und Widerstand nicht aus einem bloß theoretischen Grund, sondern aufgrund einer in erster Linie ethischen und politischen Entscheidung. Denn die im Nihilismus vollendete Moderne hat der philosophischen Reflexion ein unauflösbares Band zwischen Metaphysik und Gewalt aufgezeigt. Die Wurzeln der Gewalt der Metaphysik gründen letztlich in jener 'autoritären' Beziehung, die sich zwischen dem Fundament und dem Fundierten, zwischen dem wahren Sein und der Erscheinung herausbildet. Mit anderen Worten: sie gründen in jenen Herrschaftsbeziehungen, die sich zwischen dem Subjekt und dem Objekt aufbauen, auch wenn das Objekt ein anderes Subjekt ist.
Man kann also auch über Vattimo das sagen, was er selbst über Heidegger, Lévinas und Adorno sagt: Die Ablehnung der Metaphysik geschieht eher aus einem ethischen als aus einem theoretischen Grund, da das Denken vom Sein als Präsenz und Objektivität vor allem gewalttätiges Denken ist.
Das Zeitalter der Technik und der totalen Organisation kennzeichnet daher nicht den Zusammenbruch und die nihilistische Negation der ewigen Werte der Philosophie, wie die wohlmeinenden Humanisten glauben wollen. In der Technik und der totalen Organisation, die das zwanzigste Jahrhundert geprägt und verformt haben, muss man vielmehr das Werk der metaphysischen Philosophie erkennen können.
Gerade als ein Denken der peremptorischen Präsenz des Seins ist die Metaphysik in erster Linie gewalttätiges Denken. In der unanfechtbaren Evidenz, die keinen Raum für weitere Fragen mehr offen lässt, agiert das Fundament als eine Autorität, die zum Schweigen bringt und sich durchsetzt, ohne 'Gründe dafür zu liefern'. Vattimo wird nie müde, in all seinen Werken auf diese tiefgehende Beziehung zwischen Metaphysik und Gewalt hinzuweisen.
Deshalb hat er mit seiner Interpretation der Hermeneutik als Ontologie der Aktualität, welche die Wurzeln der Gewalt dechiffriert, dazu beigetragen, die Politik anders zu denken – nicht als Objekt einer Technik und Ordnung, sondern als Ereignis, Sprache, Beziehung.
Er hat nicht nur den Horizont der Dekonstruierbarkeit einer Politik eröffnet, die sich mit der Herrschaft identifiziert, deren Kategorien – vom Staat bis zur Repräsention – in jener Metaphysik wurzeln. Vielmehr hat er auch das Grundierungsverhältnis selbst für erledigt erklärt – jene Beziehung, welche die Legitimität der Politik in ihrer Anpassung an eine theoretische Wahrheit verortet, und dadurch Freiheit lähmt und Verantwortung annulliert.
Was uns Vattimo gelehrt hat, ist also, dass das Ende der Metaphysik kein Fluch ist, auf den man zu reagieren hat, indem man zwanghaft neue Fundamente sucht und dabei unvermeidlich neue Fundamentalismen hervorbringt. Es ist aber auch nicht die verantwortungslose Freiheit des Kindes, wie sie Nietzsche beschreibt. Vielmehr handelt es sich um eine Situation, deren Versuchungen, der Restauration oder der Ästhetisierung, wir widerstehen müssen, ohne allerdings die in ihr geborgene potentielle Freiheit zu verkennen; nicht zuletzt die Freiheit, die christliche Botschaft der caritas und der kenosis wieder aufzunehmen, eben weil sie von ihrer schweren Last einer gewalttätigen Metaphysik befreit sind.
Paradoxerweise ist es noch einmal Nietzsche, der Vattimo auch diese Möglichkeit bietet. Nur weil Gott tot ist – von seinen eifrigsten Getreuen getötet – können wir ihn als Liebesbeziehung denken; nicht mehr als das Fundament, das uns befiehlt, der göttlichen Wahrheit zu entsprechen.
Wenn die vollendete Metaphysik uns dazu verurteilt, unsere konstitutive Freiheit zur Kenntnis zu nehmen, vermag ihr Ende dennoch nicht, uns über unseren Schatten springen zu lassen: die Tradition ist das einzige Erbe, das uns hinterlassen wurde, die einzige Quelle, aus der wir schöpfen können, wenngleich wir ihre Sprache in allen unausgedrückten Potentialitäten verwinden dürfen und müssen.
Vattimo weiß, dass die Metaphysik, jene furchtbare Wissenschaft, nicht auf einmal wie mit einem Schwamm weggewischt werden kann. Aber er ist trotzalledem fest dazu entschlossen, allen restaurativen Versuchungen zu widerstehen.
Das schwache Denken entspricht also nicht dem ethos des Flaneurs, der sich damit zufrieden gibt, flüchtige Momente mit einem einfachen Augenaufschlag zu registrieren und zu sammeln. Es bedeutet vielmehr jene riskante, aber verantwortungsbewusste Haltung, die der moderne Held einnimmt, wie ihn Baudelaire beschreibt. Obwohl dieser sich darüber im klaren ist, dass die Moderne das Reich des Flüchtigen ist, versucht er, "heroisch das Ewige nicht aus dem Jenseits, sondern aus dem Vergänglichen" zu nehmen. Seinem Imperativ entspricht die philosophischen Vokation von Gianni Vattimo.
Es lautet: "Vous n'avez pas le droit de mépriser le présent";
"Ihr habt nicht das Recht, die Gegenwart zu verachten"

Aus dem Italienischen von Eva Birkenstock und Jorg Luther
Simona Forti ist Philosophin in Turin


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