Antonia Grunenberg

Meine Damen und Herren, Wir haben die diesjährige Preisverleihung unter das Motto: »Antiglobalismus, Populismus und der Sinnverlust des Politischen« gestellt. Aktueller hätten wir das Thema kaum wählen können.
Wer in den vergangenen Tagen in die Zeitung geschaut hat, traute seinen Augen kaum: Der Historiker Arnulf Baring rief in der FAZ in dramatischer Geste das Volk auf, die Regierung Schröder zu verjagen. Und wieder einmal musste die Weimarer Republik herhalten. Arnulf Baring beschwor nämlich die Wiederkehr von Heinrich Brüning, dem berühmt-berüchtigten Kanzler der Notverordnungen aus der Endzeit der ersten deutschen Republik. Und wie um die Sache ins Komische zu treiben, kritisierte der ehemalige Finanzminister Oskar Lafontaine (SPD) in der BILD-Zeitung gleichzeitig seinen Kanzler dafür, dass er viel zu sehr jenem Brüning ähnele.
Beide Kritiker bedienen das konservative Begriffsarsenal wie Bahnwärter, die Signale betätigen. Solcherart populistische Rhetorik kann mühelos von den Hypervokabeln der Gen-Debatte zu den Hypervokabeln der politischen Krise springen.
Wie immer, wenn die Wirtschaft darbt, feiert der Populismus fröhliche Urständ und schreit: Krise der Demokratie. – In solchen Spiegelfechtereien zeigt sich jedoch auch, dass es augenscheinlich immer schwieriger wird, politische Auseinandersetzungen mit dem alten Vokabularium, den alten Denkfiguren zu führen. Also wird immer häufiger zum Extrem gegriffen: zum Megabild, zur Hypervokabel für die endgültige Lösung des Problems. –

Was ich Ihnen hier schildere, steht durchaus in Zusammenhang mit dem diesjährigen »Hannah Arendt-Preis für politisches Denken«. Diesem Preis liegt eine Frage zugrunde, auf die auch der Populismus Antwort geben will: Wie und wo entsteht politische Sinnstiftung in Gemeinwesen?
Es ist nicht ganz zufällig, dass der italienische Philosoph und Politiker Gianni Vattimo dieses Jahr den »Hannah Arendt-Preis für politisches Denken« erhält. Wenige unter den gegenwärtigen politischen Denkerinnen und Denkern haben so deutlich wie Gianni Vattimo auf das Dilemma der immanenten Sinnstiftung in unseren politischen Gemeinwesen aufmerksam gemacht, auf das Problem nämlich: im Hier und Jetzt eine politische Sinnhaftigkeit zu erzeugen, die gleichwohl nicht gänzlich aus dem Hier und Jetzt heraus erwächst. Das 19. und das 20. Jahrhundert haben aus diesem Dilemma heraus Utopien, Ideologien, politische Bewegungen und Herrschaften erzeugt, die dann in totalitäre Bewegungen übergingen und in ihrer menschenverachtenden Brutalität ohnegleichen waren. Dennoch ist die Frage nach einem sinnhaften politischen Zusammenleben geblieben. Wie schon im 20. Jahrhundert will auch im 21. Jahrhundert der Glaube an einen ewig vorwärts laufenden Fortschritt oder an eine in der Ferne liegende solidarische Weltgesellschaft nicht recht tragen. Das Problem besteht also darin, Sinn zu erzeugen, ohne dass die Sinnstiftung gewalttätig oder irgendwie diktatorisch wird. Hannah Arendt hat seinerzeit darauf hingewiesen, dass politischer Sinn nicht von einer zentralen Autorität kommen kann, nicht aus Institutionen fließt, sondern beim Handeln entsteht, zwischen den Handelnden, die sich darauf besinnen, dass sie gemeinsam etwas schaffen wollen: eine Verfassung, ein politisches Gemeinwesen oder eine Erneuerung der politischen Freiheit. Die Trennlinie zwischen Populismus und Politik hat sie dort gezogen, wo sich entscheidet, ob Revolutionen oder Bewegungen auf die Gründung beziehungsweise die Wiederbelebung eines Gemeinwesens aus sind oder ob sie dieses – mit der Berufung auf die »legitimen Interessen des Volkes« – unterminieren.
Auch Gianni Vattimo hat immer wieder darauf hingewiesen, dass Sinnstiftung nicht mit Dominanzanspruch auftreten darf. Sein Plädoyer für ein »schwaches Denken« griff einen Impuls des postmodernen Denkens auf. Er wollte nämlich das intellektuelle Gerüst des so genannten starken Denkens der politischen Ideologien dekonstruieren, um den Weg frei zu machen für einen Diskurs, der von pluralen Sinnstiftungsprozessen ausgeht, die sich berühren und miteinander kommunizieren, ohne sich zu vereinigen. In Vattimos Denken ist das Streben nach politischer Freiheit demnach von Stärke und Gewalt radikal zu trennen. Es verzichtet auf Universalität, es bietet keine »globale Theorie«, sondern eine deutende Herangehensweise, die sich immer wieder auch auf die aktuellen kulturellen und politischen Geschehnisse von neuem tastend bezieht.
Lange vor den Ereignissen und Erfahrungen des 11. September hat sich Vattimo mit dem Wiederauftreten des Religiösen in der Politik beschäftigt. Er sieht in der Wiederkehr der religiösen Dimension das »Wiederauftauchen eines Kerns von Bewusstseinsinhalten, den wir vergessen hatten«. In der Sehnsucht nach oder gar der Wiederentdeckung einer – wie immer auch säkularisierten – religiösen Dimension aber scheint eben jenes Grundproblem der Moderne wieder auf, das mehrfach angesprochen wurde: Sinnstiftung geht nicht gänzlich und nicht evident aus Institutionen, Verfassungen oder Märkten hervor; sie bedarf zusätzlicher Quellen.

Mit Gianni Vattimo hat die Jury einen Denker ausgezeichnet, der sich seit vielen Jahren auf die Spur jenes Politischen begeben hat, das in der griechischen Antike präsent war und in der Neuzeit so radikal verschwand – und dennoch immer wieder aufscheint, als Sinnsuche oder Bewusstsein des Sinnverlusts, als Sehnsucht nach politischer Freiheit wie 1989, aber auch nach ihrer Erneuerung – wie immer wieder in den so genannten stabilen Demokratien – und nicht zuletzt als etwas, was das Verbindende zwischen den Bürgern ist, obwohl man es nicht definieren kann.
Gianni Vattimo steht als politischer Denker und Politiker in seiner Zeit. Er kommt aus einem Land, in dem gegenwärtig der Populismus triumphiert, in dem die Institutionen des Rechtsstaates ausgehöhlt und manipuliert werden und ein Teil der demokratischen Kräfte öffentlich protestiert, weil er den Missbrauch der Exekutive nicht tolerieren will. Auch hier geht es um die politische Freiheit und ihre Verfassung. Der Preis geht insofern auch an einen Demokraten, der sich als politischer Publizist und Europapolitiker um das politische Profil Italiens und Europas sorgt.

Ich möchte für einen Augenblick noch auf die Reihe unserer Preisträgerinnen und Preisträger zurückkommen. Wir vergeben den Preis dieses Jahr zum achten Mal. Wenn man zurückschaut, so gibt es bei aller Verschiedenartigkeit der Preisträgerinnen und Preisträger doch auch Gemeinsamkeiten: Unsere Preisträgerinnen und Preisträger überschreiten immer wieder die unsichtbare Grenze zwischen dem politischen Denken und dem Raum des Handelns, ohne das Problem der Übertragbarkeit zu leugnen. Zwei Themen tauchen in ihren so unterschiedlichen schriftlichen und mündlichen Werken, in ihren Worten und Handlungen auf:
– das Erbe des Totalitarismus und sein immer wieder überraschendes Aufscheinen und
– das Weiterdenken über den Verlust und die Stiftung von politischer Freiheit.
Das verbindet Agnes Heller mit Dany Cohn-Bendit, Joachim Gauck mit Claude Lefort, Massimo Cacciari mit Freimut Duve, Francois Furet mit Ernst Vollrath und Antje Vollmer mit Gianni Vattimo. Dies gilt auch für Jelena Bonner, unsere Preisträgerin des Jahres 2000, die in einem Aufruf anlässlich der Geiselnahme in Moskau im November darauf aufmerksam machte, dass traditionsbeladene und so hasserfüllte Konflikte wie die zwischen dem russischen Staat und Tschetschenien nicht durch Gewalt, sondern nur durch Verhandlungen aufzulösen sind.

Lassen Sie mich zum Abschluss noch ein paar Worte des Dankes sagen. – Dass uns der Senat der Hansestadt Bremen mit seinem Bürgermeister Henning Scherf und die Heinrich Böll-Stiftung mit Ralf Fücks diese Preisverleihung ermöglichen, dafür danken wir ihnen herzlich. Danken möchte ich aber auch meinen Mitstreitern Zoltan Szankay, Lothar Probst und Peter Rüdel und nicht zuletzt den Kolleginnen und Kollegen von der Jury für die schwierige Arbeit der Preisträgerfindung.


Antonia Grunenberg ist Professorin für Politikwisschenschaft, Vorstandsmitglied des »Hannah-Arend-Preises für politisches Denken e.V.« und Mitglied der internationalen Preisjury. Seit 1999 leitet sie das Hannah-Arendt-Zentrum an der Universität Oldenburg


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