Gianni Vattimo

Vielen, vielen Dank natürlich für diesen Preis. Ich bin so tief bewegt, obwohl das nicht sichtbar ist. Ich habe den ganzen Tag heute Deutsch gesprochen – nun bin ich ein wenig müde, weil mein Deutsch nicht so flüssig ist, wie Sie erwarten könnten. Aber ich bin wirklich sehr dankbar für diesen Preis. Ich habe immer über deutsche Philosophie, auch über diese zweifelhaften Persönlichkeiten wie Nietzsche und Heidegger, gearbeitet – ich habe in einem gewissen Sinn deutsche Philosophen von der Verdammung gerettet, die sie ... –, da habe ich einige Verdienste... (lacht) Aber natürlich, das ist auch wichtig, dass ich diesen Preis in Bremen bekommen habe, ich kenne die Geschichte der freien Städte des Nordens Deutschlands, der Hansestädte. Eines der ersten Dinge, die ich in Deutschland gesehen habe, sind die Autoschilder: HB, HH, HL, Hansestadt Bremen, Hansestadt Hamburg, Hansestadt Lübeck. Das war ein besonderer Weg, sich der deutschen Geschichte anzunähern. Sie waren alle so höflich zu mir und natürlich glaube ich an alles, was Sie gesagt haben. Hoffentlich glauben Sie auch. (lacht) Und das ist sehr schön.

Der Herr Bürgermeister von Bremen hat mir die Ehre gemacht, Fragen zu stellen. Und lassen Sie mich ein wenig zu antworten versuchen. Postmodernes Denken – beliebiges Denken: Natürlich, die Idee der Heterotopie, die mein Freund Otto Kallscheuer evoziert hat, hat etwas damit zu tun. Ich meine, Freiheit ist nicht die göttliche Freiheit. Vielmehr ist die göttliche Freiheit nicht die Unmöglichkeit, etwas falsch oder einen Irrtum zu machen. Denn das ist wahrscheinlich auch bei Gott nicht genau so, aber das weiß ich nicht. Bei uns kann Freiheit nicht bedeuten, dass wir keinen Irrtum begehen können oder sollen, im Gegenteil. Freiheit kann nur sein, dass wir wählen können, wählen zwischen verschiedenen Möglichkeiten. Heterotopie meint, dass unsere Freiheit immer da ist, wo eine Möglichkeit, eine Vielfalt verschiedener Möglichkeiten vorhanden ist. Ich glaube, das hat mit caritas und pietas zu tun, natürlich. Ich bin frei, insofern ich nicht isoliert bin in meiner Option, in meiner Wahl, wählen kann und so weiter. Beliebiges Denken, in diesem Sinne hat meine postmoderne Interpretation von Heidegger und Nietzsche in einem gewissen Sinne ein wenig den Schein, etwas Beliebiges zu sein. Aber genau in diesem Kontext können wir nicht vollkommen Arbiträre, Willkürliche sein, weil – ich erinnere mich an ein Wort von Nietzsche über diesen Zweifel. In der Welt, in der Gott gestorben ist, in der Gott tot ist, soll man ein Übermensch sein oder man wird verschwinden. Natürlich, was ist ein Übermensch? Nicht Super-Woman, Super-Man? Ich habe das ins Italienische übersetzt als »sultre-uomo« – »über«, aber »über« nicht im Sinne der Potenzierung, sondern im Sinne des »overcomings«, der »Überwindung«. In diesem Sinne soll man in dieser Welt ein Individuum, ein Interpret sein, um sich nicht vollkommen zu verlieren. Und in diesem Sinne lädt uns die Multiplizierung, die Vielfalt der Postmoderne, die explizite Vielfältigkeit der Postmoderne ein oder, in einem gewissen Sinn, zwingt sie uns Interpreten zu sein.
Dagegen war die Tradition kaum unlinear, ganz klar, ganz mitgeteilt und so weiter, wir wussten nicht, dass es viele Möglichkeiten gibt – so waren wir nicht in den Zwang gestellt, Interpreten zu sein. Heute Interpret zu werden meint auch, nicht etwas Beliebiges zu tun, sondern eine Linie zu wählen, eine Linie ohne Fundamentalismen zu erkennen. Ich weiß, wenn ich kein metaphysisches Wunder als Begründung habe, muss ich einen Weg wählen. Ich muss einen Weg wählen, ... ich muss argumentieren auf der Basis historischer Gründe und nicht auf der Basis metaphysischer Gründe und so fort. Deswegen ist auch in einem gewissen Sinne Tradition für mich sehr wichtig. Aber nicht Tradition als etwas Starres, sondern Tradition in dem Sinn, wie Heidegger den Unterschied gemacht hat, nicht Revision, sondern Überlieferung. Er meinte mit Überlieferung – und nicht mit Tradition – ein historisches Bewusstsein, das nicht die Geschichte als zwingend nimmt, sondern als ein Repertoire von Möglichkeiten. Das ist auch die Postmoderne. Die Postmoderne hat die Geschichte zum Beispiel der Architektur und der Literatur und der Malerei als ein Repertoire von möglichen Ornamenten. Aber das ist nicht Historizismus, sondern die Freiheit gegenüber den vielfältigen Sinnen des Seins zuerst zu fragen. Keine Beliebigkeit, sondern eine verantwortliche Wahl unserer besonderen Tradition. Innerhalb dieser Tradition gibt es viele Möglichkeiten. Ich erinnere hier an ein Wort des Evangeliums. Der Interpret des Gesetzes ist wie ein pater familias, der Vater einer Familie, der von seinem armario, closet oder Plakat [Zwischenruf: Schrank], Schrank alte und neue Dinge weg abstrahiert. Das meint unsere Relation. Unsere Beziehung zur Tradition ist nicht so starr, aber eine vielfältige Möglichkeit des Argumentierens.

Zweite Frage: Was hat mein wieder entdecktes Christentum mit der Politik zu tun? Letztlich ist die moderne Politik ohne Christentum und ohne die Bibel, sagen wir im Bereich der hebräischen und christlichen Bibel, undenkbar. Die griechische Demokratie war eine Art Karikatur der Demokratie, ich meine, es waren hundert Personen, die mal diskutierten, die Sklaven arbeiteten, die Frauen hatten keine Seele und dann arbeiteten sie auch und so fort. Das war kein Modell der Demokratie. Ohne die christliche Botschaft, ohne die Säkularisierung der Bibel in unserer Gesellschaft wäre unsere Demokratie undenkbar. In diesem Sinne ist das Christentum wichtig für unsere heutige Politik. Nicht nur aus diesem Grund, sondern auch, sagen wir, für die Politik ist es wichtig, eine Art Ideal von einer ideellen Welt haben. Bis jetzt hat die Politik immer wieder mit metaphysischen Begründungen gearbeitet. Entweder die metaphysische Begründung der Autorität, oder mit der metaphysischen Begründung der Menschenrechte. Aber die Menschenrechte sind auch gefährlich, denn auf dieser Basis kann man präventiven Krieg machen. Wir wollen die Menschenrechte verteidigen und dann gehen wir und bombardieren den Irak und so fort. Natürlich glaube ich an die Menschenrechte, meine, unsere Menschenrechte, aber nicht als natürliche, wesentliche Rechte, weil wenn es ein Wesen, wenn es eine absolute Wahrheit gibt, dann gibt es auch die Möglichkeit, die anderen zu töten. Ich sage immer wieder, Gott sei Dank bin ich ein Atheist – ich glaube nicht an diese Idole der absoluten Wahrheit in Politik und gesellschaftlichem Leben und so fort, so, ich glaube, das Christentum ist wichtig für die Politik als ein Ideal der Gesellschaft, in der nicht Prinzipien dominieren, sondern die caritas, das heißt, der Andere, der Dialog, das Gespräch und nur Gesetze, die wir zusammen etabliert haben und die nicht aus der Natur kommen; von der Autorität, vom Papst natürlich, das ist meiner Meinung nach ein wichtiger Beitrag, ein wichtiger, christlicher Beitrag zur Politik.

Auch Herr Fücks hat mir eine einfachere Frage gestellt über Europa und Christentum und so weiter. Was ich in Europa als Philosoph sehr interessant und sehr wichtig finde, ist, dass es eine vollkommen artifizielle Formation ist. Wir haben keine Nation, keine ethnische Identität, keine natürliche Zusammengehörigkeit, sondern das ist reine Kultur, nicht einmal reine Ökonomie, sondern reine Kultur, reine Entscheidung, zusammen zu sterben, natürlich auf sehr klaren Begründungen. Zum Beispiel wollen wir keine Kriege innerhalb Europas und auch außerhalb Europas haben. Und dann wollen wir eine Union konstruieren. Auf dieser Basis sehe ich keine klaren Grenzen der europäischen Union, wenn sie nicht Grenzen der Werte sind. Ich bin nicht, ich habe nichts gegen die Türkei in der Union, ich habe jetzt einige Zweifel, weil ich weiß, dass die Amerikaner zu günstig für die ... (lacht), es ist verdächtig, aber natürlich, das ist im Prinzip ein kosmopolitischer Staat. Ich würde nicht einen universalen, homogenen Staat haben, weil es wahrscheinlich ist, wie ich in meiner Rede vorher gesagt habe, es wäre zu wahrscheinlich, dass es auch ein totalitärer Staat werden kann und dann Terrorismus innerhalb hat und so weiter. Es ist interessant zu beachten, wie unterschiedlich Bush Nordkorea betrachtet, das die Atombombe hat, und Saddam Hussein – vielleicht hat er die Atombombe. Wenn ich Saddam Hussein wäre, dann hätte ich alles gemacht, um eine Atombombe zu haben, weil diese Leute immer drohen, mich wegzuschicken und so weiter. Aber wenn wir ein Imperium und uns selbst als Imperium betrachten, dann wird alles Terrorismus. Alle die Alternativen im Imperium können nur Terrorismus sein, und in diesem Sinne würde ich ganz günstig eine Erweiterung Europas finden, ohne kosmopolitischen, kantianischen universalen Staaten zu trauen. Wir brauchen ein größeres Europa, weil wir ein Pol innerhalb der konformen, zeitgenössischen Welt sein sollen.

Das wären meine Antworten. Ich weiß, sie sind vollkommen unbefriedigend, aber glauben Sie mir, ich habe mein Bestes gegeben. Und hoffentlich werde ich, wenngleich ich diesen Preis nicht verdient habe, alles tun, um ihn in der Zukunft zu verdienen. Vielen, vielen Dank !


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