Zoltán Szankay

Zoltán Szankay lernte ich 1986 an der Bremer Universität in einem Seminar kennen, dessen Titel mir leider entfallen ist. Ich erinnere nur noch, dass es ein langer, etwas umständlicher Titel war, in dem es um den jungen Hegel ging. Es muss etwas an diesem Titel gewesen sein, was meine Neugier erweckt hat. Im Seminarraum waren nur wenige Studenten, drei oder vier, einer ging auch nach kurzer Zeit bereits wieder. An der Stirnseite des recht-eckigen Raumes saß an einem dieser langweiligen, grauen Tische ein eher schmächtiger Mann mit einem hageren, markanten Gesicht und auffällig dunklen, pechschwarzen Haaren. Er sprach langsam, sehr langsam, mit einem deutlichen Akzent. Zwischen den Wörtern oder Satzteilen entstanden immer wieder längere, manchmal quälend lange Pausen, in denen er wohl erst nach einer Formulierung suchte, die es wert war, mitgeteilt zu werden. Hatte er dann etwas gefunden, was gut genug war, kam ihm gelegentlich noch ein Sprachfehler in die Quere, und er stotterte etwas, bevor die Wörter den Weg zur Hörbarkeit gefunden hatten. Alles in allem also nicht das, was man gemeinhin für einen glänzenden Redner hält. Von dem, was der Mann da zu uns wenigen sprach, verstand ich zu Anfang rein gar nichts. Was mich davon abhielt, den Raum wieder zu verlassen, war nur die Mimik dieses Mannes, jenes faszinierende Zusammenspiel der einzelnen Muskeln und Gesichtsfalten, das vor allem in den Sprechpausen ein bemerkenswertes Anzeichen für die Anstrengung war, die das Suchen nach den sprechenden Wörtern ihn kostete. Wenn einer sich so anstrengt, dachte ich, muss es etwas Bedeutsames sein, auch wenn ich davon noch nichts verstehe – also blieb ich. Wir beschäftigten uns drei Semester lang mit zwei Seiten Hegel. Es wurde eine prägende Erfahrung dessen, was philosophieren bedeuten kann.
In den gut 30 Semestern, die ich an verschiedenen Universitäten verbrachte, habe ich viele kennengelernt. Die meisten sagten mir nicht viel, wenige waren anregend, aber nur von einem habe ich wirklich gelernt. Dieser eine war Zoltán Szankay. Er ist, leider zu früh, Anfang 2008 verstorben.

Zoltán Szankay ist der Initiator und, zusammen mit anderen, Mitbegründer des „Hannah Arendt Preis für politisches Denken“, der seit 1995 jährlich in Bremen vergeben wird. Ich werde hier, Stück für Stück, das, was er zu Hannah Arendt geschrieben oder hinterlassen hat, zur Verfügung stellen. Das ist, auch wenn es in Zeiten zivilisierter Gleich-Gültigkeit altmodisch klingen mag, eine gewisse Verpflichtung gegenüber dem Geschenk dieser Erfahrung.

Ole Sören Schulz hat eine Bibliographie der Texte Zoltán Szankays zusammengestellt. Ich bedanke mich ganz herzlich dafür, dass wir Sie hier zur Verfügung stellen können.

  • Neue Sichtbarkeiten und Fragen im Lichte der Ereignisse (1990)

    Universität Bremen, 1990; ein Schlüsseltext Zoltán Szankays für die Entstehungsgeschichte des Hannah Arendt Preis für politisches Denken e.V. Wer diesen Text heute aufmerksam liest, dem wird auffallen, von welch beunruhigender Aktualität er in einer Gegenwart ist, in der noch weit verheerender als damals antinationale und -faschistische Hysterien politische Wahrnehmungen weitestgehend blockieren. Wir danken der Universität Bremen für die Erlaubnis, den Text hier zur Verfügung stellen zu können.

  • Arendtsche Denkungsart und Öffnungsweisen der ‚Demokratischen Frage‘
    (1995)

    in: Einschnitte, Hannah Arendts politisches Denken heute, hg.von Antonia Grunenberg und Lothar Probst, Edition Temmen, Bremen 1995; wir danken dem Verleger für die Erlaubnis, den Text hier zu veröffentlichen.

  • Zeit und Demokratie – Eine Einstimmung (1999, zusammen mit Hans Scheulen)

    Für Claude Lefort, der im Jahre 1998 den Hannah Arendt Preis für politisches Denken erhalten hat. In: Claude Lefort: Fortdauer des Theologisch-Politischen?, Passagen Verlag, Wien 1999; wir danken dem Passagen Verlag für die Erlaubnis, den Text hier zur Verfügung stellen zu können.

  • Die andere Verantwortung – Auch unseres Mittlerraums gegenüber Russland? (2000)

    Laut der Bibliographie von Ole Sören Schulz ist der Text Teil der Festschrift zur Verleihung des Hannah-Arendt-Preises für politisches Denken 2000 an Jelena Bonner. Die Festschriften stehen auf der Website der Heinrich-Böll-Stiftung Bremen zur Verfügung. Dort ist der Text jedoch nicht enthalten. Er ist nur noch über das Online Archiv der Zeitschrift Kommune verfügbar. Der letzte Satz dieses Textes lautet: Zoltan Szankay ist Vorstandstandsmitglied des Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken e. V. in Bremen. – Warum taucht der Name Zoltán Szankay dann in der Liste der Vorstandsmitglieder nicht auf?

  • Was heißt Widerstand gegen Entpolitisierung? Was auf dem Spiel steht (2001)

    in: Herfried Münklers Herausforderung an die hegemonische Denkweise des Politischen, Kann man einen in Deutschland blockierten Diskurs über die republikanische Einbettung des Demokratischen aufbrechen?, hg. von Wolfgang Röhr, ad fontes, Hamburg 2001; wir danken dem Verleger für die Erlaubnis, den Text hier zu veröffentlichen.

  • Damit Politik Sinn macht (2004)

    in: Festschrift zur Verleihung des Hannah-Arendt-Preises für politisches Denken 2004 an Ernst-Wolfgang Böckenforde; Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken e.V.; wir danken der Familie Szankay für die Erlaubnis, den Text hier zu veröffentlichen.

  • Macht und Ereignis (2006)

    in: Festschrift zur Verleihung des Hannah-Arendt-Preises für politisches Denken 2006 an Julia Kristeva; Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken e.V.; wir danken der Familie Szankay für die Erlaubnis, den Text hier zu veröffentlichen.

Zoltán Szankay hat zahlreiche Artikel veröffentlicht, viele davon in der Zeitschrift Kommune – einige sind über das Online Archiv der Zeitschrift noch verfügbar:

Chance und Gefährdung – Die wundersame Schlüsselrolle eines bündnisgrünen Außenminister in den Dilemmata der westlichen Allianz; in: Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur, Nr. 06/1999, Hg. v. M. Ackermann, et.al, Frankfurt a.M., S. 47 – 49

Die zwei neuen Fragen – Die Verleugnung der Fischer-Chance entpolitisiert die Bündnisgrünen; in Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur, Nr. 11/1999, Hg. v. M. Ackermann, Frankfurt a.M., S. 52 – 54

Das fehlende Nachwort – Lockerungen für die Dilemmata des neuen bündnisgrünen Grundsatzprogramms; in Kommune. Forum für Politik, Ökonomie, Kultur, Nr. 09/2001, Hg. v. M. Ackermann, et.al, Frankfurt a.M., S. 41 – 43

 

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