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	<title>Moral - Hannah Arendt - Der Sinn von Politik ist Freiheit</title>
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	<description>Verstehen heißt immer verstehen was auf dem Spiel steht</description>
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		<title>Der Tag als Helene F. starb</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Peter Levin]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 18 Feb 2024 15:27:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Bürgerkrieg]]></category>
		<category><![CDATA[Deutsche und Juden]]></category>
		<category><![CDATA[Französische Revolution]]></category>
		<category><![CDATA[Gut & Böse]]></category>
		<category><![CDATA[Israel]]></category>
		<category><![CDATA[Moral]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Eine Menschenfischerin in der Welt von Gestern und Heute 19. Februar 1972, das war der Tag als bei uns endlich der Fernsehapparat ins Wohnzimmer kam. Für uns Kinder ein aufregender Tag, über den wir immer noch gerne sprechen. Bisher gingen... <a class="more-link" href="https://www.hannah-arendt.de/2024/02/der-tag-als-helene-f-starb/">Weiterlesen &#8594;</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<h4 class="Normal tm5"><span class="tm7">Eine Menschenfischerin in der Welt von Gestern und Heute</span></h4>
<p class="Normal tm5"><span class="tm6">19. Februar 1972, das war der Tag als bei uns endlich der Fernsehapparat ins Wohnzimmer kam. Für uns Kinder ein aufregender Tag, über den wir immer noch gerne sprechen. Bisher gingen wir nach der Kehrwoche ins Dorflokal. Nun saßen alle um 18 Uhr bei der Sportschau zu Haus. Oma und Opa, meine Eltern, alle Geschwister und die Nachbarskinder, die noch keinen Apparat zu Hause hatten. Auch jene, die sich nicht für Fußball interessierten, harrten aus bis zum Kanalwechsel. Dann, um „18.45 und 16 Sekunden“ legte Schnellsprech Dieter Thomas Heck los.</span></p>
<p class="Normal tm5"><span class="tm6">Das war ein wunderbarer Tag, der Tag an dem Conny Kramer starb. <a href="https://www.youtube.com/watch?v=OD8-q-Zey7Q" target="_blank" rel="noopener">Juliane</a> war zu Gast bei uns</span><span class="tm6">. Sie konnte damals auf den Punkt bringen, was heute eine wie Helene kann: kein einig Volk, aber eine verbindende Volksmusik; keine Verfassung, aber ein Gesetz mit Grund und Recht. Liebe Leserinnen und Leser, fragen Sie sich, wie ich mich: Wer spielt heute eine Musik, die verbindet das zerrissene Volk, das in miserabler Verfassung und kaum noch Grund für sein Recht? Ein einig Volk im ständigen Kampf mit sich.</span></p>
<p class="Normal tm5"><span class="tm6">Als ich, 45 Jahre später, das erste Mal bei Helene Fischer war, spürte ich deutlich: Egal welchen Alters und Geschlechts; egal welcher sozialen, farblichen oder politischen Kalamitäten und Pubertäten - alle waren verbunden im Herzen als sie auf uns zeigte und sang: „Du, Du, Du!“…und ich war sicher, sie meinte mich. Ihre Nichte stand nicht weit von mir und als Tante Helene ihr vor 10.000 zum Geburtstag gratulierte, waren wir eine große Familie. Sie wenden ein: Schau doch in ihr Gesicht, fehlt nicht der fröhlichen Helene, der Tiefgang, der bei der schwermütigen Juliane besticht. Die Helene ist zart, ihre russische „Jelena“ trägt das verletzbare Reh in sich. Warum ist sie so hart zu sich? An jenem Abend in Zürich, es konnte jeder sehen, waren ihre Augen - beide, das rechte wie das linke - entzündet und voller Tränen. Den beiden Damen ist aber eines gewiss und gemein, das Talent eine Menschen-Fischerin zu sein. Das ist höchste Christen-Kunst, seit Simon dem Petrus, der auch ein Fischer war. Er sollte Menschen vor der Verderbnis und aus der Seelennot für den rechten Glauben retten. </span></p>
<p class="Normal tm5"><span class="tm6">Wie sehr sich die „<a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Welt_von_Gestern" target="_blank" rel="noopener">Welt von Gestern</a>“ doch geändert hat! Menschenfischerei wird heute professionell und von Staats wegen betrieben: in Schiffen, die sich „Seebrücken“ nennen, und mit Lust die Brücken zwischen den Menschen brechen, wenn diese bei ihrem ruhmvollen Feldzug mitmachen wollen. Ruhm und Ehre bei der Auflösung des Mutter- und Vaterlands; Bundesverdienstorden für den Kampf gegen die menschliche Bedürfnis- und Bündnisnatur. Am Ende kommt nur einer gut dabei weg, der allmächtige, seelen- und gottlose Staat. Der gute Staat ist lieblich, sorgt für ein Leben ohne Sorgen und Leiden. Im Auftrag der internationalen Elendsverwaltung auch dafür, dass weder leidliche Freiheit und selbst gemachtes Glück uns weiter belasten. Dir schmeckt das nicht? Geh doch rüber und beug dich runter! Seit der französischen Revolution steht die Guillotine für dich bereit. Ist unsere Generation noch zum Leiden bereit? Wie Petrus, der ein Fels war, dem Leiden seines Herrn am Kreuz zusah. Ein Leiden, dass zur Erlösung führt? Muss staats-tragend sein, sonst wird es archiviert. </span></p>
<p class="Normal tm5"><span class="tm6">Das Leiden der Juliane an Conny’s Tod ergab sich drei Tage nach Aschermittwoch. Da wird die Fasnacht zur Fastenzeit in Erinnerungen das Leiden des Jesu zum Christus, zur Erlösung der Menschenseele vor Selbstüberhöhung und Selbstzerstörung. Heute fasten wir politisch korrigiert, aus Selbstmitleid und zur Erlösung von klimakterischen und selbst-gemachten politischen Pubsitäten. Dazu versammeln sich die Jünger und Jüngerinnen, die verwöhnten Stein-Meier-Brücks, an der Alster*innen, Alster*außen, und den Landungsbrücken. Oh weh, wen sehe ich da? Ach ja, sie wohnt ja um die Ecke. Um Gottes Willen, was macht denn die Helene da an der Wasserfront bei Volksfrontmucke? Der Anti-Anti-Faschist und Anti-Anti-Antisemit mit Residenz im Schloss hat zum Appell gerufen. Wie kam der Ruf bei Helene an? Wurde sie, gerade bedenken- und atemlos in ihrem Treppenhaus, überrumpelt? Bei dieser Vorstellung wird mir ganz plümerant und bleibt die Spucke weg. Ist das die Welt von Heute, in der die Volksmusik gemeine Sache macht mit der staatlichen Übermacht? Erinnert sich noch irgendwer an die singende Revolution der Esten über dem östlichen Meer? Die sangen sich 1988 aus der Knechtschaft, ein Meer von Fahnen, Trachten und Volkesstimmen. Melde sich bei mir, wer bei den Worten des Roman Toi nicht Rotz und Wasser heult: „<a href="https://www.youtube.com/watch?v=aCDsPbUORtc" target="_blank" rel="noopener">Please dear Lord, Help us to Keep Our Country and Our Language</a>“.</span></p>
<p class="Normal tm5"><span class="tm6">Gemeinsam steht der Chor der Selbstgerechten auf, wir bleiben wie damals sitzen. Der Samstag war ein schöner Tag, die Glocken klangen, Weltoffenheit war selbstverständlich und freudige Pflicht. Was hätten wir wohl damals getan, hätte uns der Apparat so zerschlissen, mit Sockenschuss und Muckenschiss beschmissen. Das ist Schwäbisch und soll heißen: Samstag abend ist Hitparade und wir stehen nicht auf, weil wir die ganze Woche standen und brauchen weder Kleingeister noch rote Socken, um zu wissen auf welcher Polit-Party wir tanzen; von unseren Sternchen wollen wir große und reife Gefühle, billige Erklärungen im Stern jucken uns nicht. Sonst geht es Helene wie Manuel dem Erneuerer, Bindenträger und Rädelsführer von nationaler Tragweite. Wer mitten im Spiel das Team wechselt findet sich nicht zurecht. Er schießt ein Eigentor - nanu, das Lob der Südkurve bleibt aus. Bald tauscht er die Last der Spielführerschaft gegen die Freuden der Vaterschaft. Das wird seine wichtigste Champions League, hier zeigt sich ob wirklich ein Mann in ihm steckt. Es ist das Kind, das den Mann schafft; das Endspiel findet ständig und zu Hause statt. </span></p>
<p class="Normal tm5"><span class="tm6">In der Welt von Gestern gehört der Realitäts-Check zum Pflichtprogramm. Den Kickern und Interpreten folgten auf dem Fuße das Ticken der Uhr und der Ding-Dong-Ruf zur Tagesschau. Manche Kinder gingen, ich blieb sitzen. Die Aufregung stieg, auch bei den Erwachsenen, wenn es um den Volkssport jener Tage - das linksradikale Attentat - ging. Flugzeugentführung (Kairo), Absturz wegen Bombenexplosion an Bord (Schweiz), Geiselnahme (aller Orten), Judenselektion (Entebbe), Hinrichtung (Mogadischu) - klingt schlimm nicht wahr, war damals halt so. Helene noch nicht einmal geboren, der Walter noch klein und nicht Frank genug, das Geschick der Nation zu bestimmen. Erst langsam stimmte sich die Nation ein auf die Interpretation der Explosion und Exekution: Freiheitskampf und hilfloser Schrei nach Liebe und Gerechtigkeit. Damals war Walter noch toleranter und schrieb für eine sozialistische Postille. Heute geht er allen auf den Zeiger mit dem „<a href="https://www.dw.com/de/blutiger-anschlag-auf-synagoge-in-jerusalem/a-18070539" target="_blank" rel="noopener">Weckruf</a>“ den er bei massakrierten Juden vernimmt. Er springt im Kreis und mahnt - das kann er besonders gut - um die Spirale der Gewalt zu beenden. Hat der Mann denn keinen, der ihn wecken kann, ohne ein Blutbad anzurichten? Vielleicht sollte er - ganz ohne Gewalt - die schwindel-erregende Spirale seiner Amtszeit beenden. </span></p>
<p class="Normal tm5"><span class="tm6">Heute sind die Mahner so seltsam erbarmungslos. Auch wenn sie selbst nicht Gnade walten lassen, wir gönnen ihnen einen gnädigen Abgang, ich schwöre, bei Gott dem Barmherzigen. Dieser hatte damals im September eine schwache Stunde, wir waren hautnah dabei. Die Stürmer des palästinensischen Teams fegten das israelische vom Platz, Kalaschnikow and more. Diesen feigen Sieg der Volksfront über die olympische Volksmusik besangen deutsche Barden damals noch auf kleinen Bühnen in jordanischen Flüchtlingslagern. Bald aber erklang das geile Triumphgejohle auf den Berliner Straßen und den großen Tribünen der Welt: Siebter Oktober, ich höre den Ruf deiner Trompeten schon.</span></p>
<p class="Normal tm5"><span class="tm6">Eine andere fotogene Juliane jener Tage hieß Plambeck, hatte viel Ärger im Gesicht. Sie starb bei der Flucht aus dem Knast. Ihr Leben endete tragisch, ein Vorbild für ihre ganze Klasse: das gestohlene Fluchtauto, ein weinroter Volkswagen, gerät auf die linke Fahrbahn und stößt mit einem Laster zusammen, der Kies und Asche für die arbeitende Klasse bringt. Während dessen bereitet sich Julianes P’s Arbeitskolleginnen im palästinensischen Lager auf den Gegenangriff vor. Wir waren wieder am Apparat als die Wein- und Olivenleser ihre Judenauslese nach Afrika exportierten. Das sind alte Geschichten, kaum jemand erinnert sich noch, wäre nicht kürzlich der besagte Walter so frank und frei gewesen, die Gudrun von damals mit höchsten Lorbeeren zu schmücken. Er befand, sie gehöre ins Alphabet der Heldinnen der Nation: E wie Ensslin kommt vor F wie Fischer. Steht Helene schon auf Frank-Walters Liste? Findet sich die Menschenfischerin dort denn wieder - in der Mitte, zwischen Antifa, Ensslin und der seelenlosen Seebrücke?</span></p>
<p class="Normal tm5"><span class="tm6">Ich bedauere sehr, was dieser Tage mit Helene geschah. Es steht zu befürchten, dass sie bald einen Platz auf Walters Liste - für Verdienste beim Kriechen zum falschen Kreuze - angeboten bekommt. Mein Gott, wer hat sie nur verraten, an die Sozialdemokraten? Schaut sie denn nicht hin, wen sie sich zur Wahlverwandtschaft nimmt? Goethe sollte sie lesen, der ist eine Sternschnuppe unserer Geschichte. Statt dessen zu publizieren im schwarzen Loch abstürzender Kometen, was glaubt sie denn was ihr Publikum liest und liebet. Die Charlotte bei Goethe hat es ja schon gesagt: </span><span class="tm7">„Das Bewusstsein, mein Liebster… ist keine hinlängliche Waffe, ja manchmal eine gefährliche für den, der sie führt“.</span></p>
<p class="Normal tm5"><span class="tm6">Liebe Helene, dein Sterntalertag war ein Waffengang, der Tag an dem wieder ein Stück meiner heilen Welt zerbrach. Mal sehen was aus dem Scherbenhaufen wird. Urteilen möchte ich nicht, nur gerne fragen dich: weißt du noch, in welche Gesellschaft du dich begibst. Wer sind deine Berater? Sich gegen die Fankurve zu stellen, im Ton einer Gouvernante, sorry liebe Tante, das gehört sich nicht. Hoffentlich findest du dein Glück bei ganz anderen Mächten: der heilsamen Kraft der Kinder und dem Glauben an den Barmherzigen. Wenn ich wünschen dürfte, das Schicksal der Charlotte wünsche ich dir nicht. Das Ende war absehbar, es kam wie es kommen musste. Ihre Tochter wurde das Opfer ihrer eigenen Machenschaft und Wahlverwandtschaften. Ich wünschte du bleibst deiner Sache treu, der Menschenfischerei.</span></p>
<p class="Normal tm5"><span class="tm6">&nbsp;</span></p>
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		<title>Die permanente Vergangenheit</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Boris Blaha]]></dc:creator>
		<pubDate>Wed, 23 Jun 2021 11:38:54 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Das Politische]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Gesetz]]></category>
		<category><![CDATA[Gut & Böse]]></category>
		<category><![CDATA[Moral]]></category>
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		<category><![CDATA[Totalitarismus]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Im Unterschied zu einem rechtlichen Schuldvorwurf, der die Verletzung eines weltlichen Gesetzes oder Gewohnheitsrechtes angeben muss, bezieht der moralische Schuldvorwurf seine Legitimation aus einem, nur bestimmten auserwählten Medien geoffenbarten Universalgesetz. Anders als das Tatsachenereignis, das gewöhnlich von mehreren wahrgenommen, erfahren... <a class="more-link" href="https://www.hannah-arendt.de/2021/06/die-permanente-vergangenheit/">Weiterlesen &#8594;</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Im Unterschied zu einem rechtlichen Schuldvorwurf, der die Verletzung eines weltlichen Gesetzes oder Gewohnheitsrechtes angeben muss, bezieht der moralische Schuldvorwurf seine Legitimation aus einem, nur bestimmten auserwählten Medien geoffenbarten Universalgesetz. Anders als das Tatsachenereignis, das gewöhnlich von mehreren wahrgenommen, erfahren und in seinen Auswirkungen gemeinsam gedeutet werden kann, erleuchteten die das abendländische Denken prägenden Offenbarungen jeweils nur Einen, das gilt für den Mann am brennenden Dornbusch (Mose), wie für den, der die Höhle der gefesselten anderen verließ, um die Idee, nicht nur ihren Schatten mit seinem geistigen Auge zu schauen (Platons Höhlengleichnis). Was der eine gehört haben soll, soll der andere erblickt haben, aber von weiteren Beteiligten, gar unabhängigen Zeugen ist bislang nichts bekannt, ein Indiz für die merklichen gedanklichen Defizite der Metaphysik gegenüber den öffentlichen Angelegenheiten, in denen stets die gemeinsame Sache Vieler auf dem Spiel steht. Die traditionelle Philosophie hat immer nur <em>den</em> Menschen gedacht, zu einer politischen Leistung wie der antiken Tragödie war sie nicht in der Lage. Auch die monotheistische Gottesvorstellung kennt immer nur den Einen als Ebenbild und die anderen als bloße Wiederholung des Einen.<span id="more-1266"></span></p>
<p>Wer als Vermittler einer nur ihm geoffenbarten Wahrheit spricht, sondert sich von den unterschiedlichen politischen wie rechtlichen Räumen der Gleichheit ab, die sich eine öffentliche Sache in ihre Mitte legen und etabliert, sofern die Angesprochenen ihm zuhören und folgen, eine neue räumliche Ordnung, in der die prinzipiell unendliche, mit jeder Geburt, jedem Neuanfang erweiterbare Differenz der möglichen Positionen und Standpunkte (keine Meinung ohne Standpunkt) auf ein nur noch zweiwertiges Über- und Unterordnungs-Verhältnis reduziert wird. Mit etwas Glück&nbsp; stößt man in alten Kirchen noch auf die Schranke, die den Raum der Kleriker von dem der Laien separierte. Hören fällt hier mit Gehorchen, Unterschied mit Abfall zusammen: man kann sich dem Schuldvorwurf unterwerfen und geloben, alle Vorschriften des Herrn fürderhin gehorsamst zu erfüllen oder denjenigen, der den Vorwurf erhebt, von seinem Platz vertreiben, um den Platz des Herrn selbst einzunehmen und dauerhaft zu behaupten, was in aller Regel nicht ohne Gewalt zu bewerkstelligen ist. Tertium non datur. Machen sich neben dem einen Herrn und seinen Vorschriften konkurrierende Begehrlichkeiten breit, wozu auch Freiheit und Sicherheit einer privaten Sphäre vor politischen, religiösen oder moralischen Übergriffigkeiten gehören, muss das Schwert gegürtet und den Abfallenden der Garaus gemacht werden, einerlei, welch andere Bindungen hier noch eine Rolle spielen könnten. Die Bindung an den Einen dominiert alle anderen Bindungen, die an die Familie oder das Land oder auch nur an das private Hobby. Dieses Sollen erlaubt keine andere Abwägung und gilt unbedingt. („<em>.. und erschlage seinen Bruder, Freund und Nächsten</em>“, Mose 2, 32, 27). Peter Sloterdijk nannte das Sinai-Schema die Urszene einer Totalen Mitgliedschaft (<em>Gottes Eifer</em>, 2007 und <em>Im Schatten des Sinai. Fußnote über Ursprünge und Wandlungen totaler Mitgliedschaf</em>t, 2013). Immer radikaler werden auch heute wieder aus dem Kreis der Wohlmeinenden diejenigen Sterblichen entfernt, die sich ein selbst verantwortetes Leben nicht aus der Hand nehmen lassen wollen, was für die nahe Zukunft nichts Gutes erahnen lässt.</p>
<p>Die Moralisierung der Politik führt die Figur des Souveräns in eine Ordnung ein, in der aus politischer Sicht der Platz des Souveräns leer zu bleiben hat (Claude Lefort) und sie fügt die Gewalt in eine Raumordnung ein, die aus rechtlicher wie politischer Sicht eigens daraus verdrängt wurde („<em>Wo die Gewalt in die Politik selbst eindringt, ist es um die Politik geschehen</em>“. Hannah Arendt, 1963). Auch der runderneuerte Herr beansprucht die vollständige Herrschaft über das Leben. Was manche Biopolitik nennen, ist bloß zum wiederholten Mal aufgewärmte Theokratie. Unter dem dünnen Firnis einer als „Zivilgesellschaft“ nur scheinbar befriedeten Ordnung brechen Herrschaftsphantasie und Gewaltsamkeit erneut explosiv hervor. Von Eintracht (<em>concordia</em>), einer der wichtigsten politischen Tugenden einer bewohnbaren Welt, spricht schon längst keiner mehr.</p>
<p>Mit dem Stuttgarter Schuldbekenntnis der deutschen Protestanten von 1945, ein Bekenntnis vor Gott, nicht gegenüber den anderen, blieben sowohl Raum wie Position des Herrn und seiner Verkünder intakt. Kurz darauf entstand die, was schon der Name unmissverständlich zum Ausdruck brachte, dezidiert antipolitische „Ohne Mich-Bewegung“, der Vorläufer der späteren Friedensbewegung, wenn nicht gar das prägende Beispiel aller deutschen Nachkriegsbewegungen inklusive der infantilisierten Globusretter, die jeden Boden unter den Füßen verloren haben. Die nachhaltigen Folgen bis heute hat gerade Herbert Ammon in einem Text auf Globkult dargestellt (<a href="https://www.globkult.de/geschichte/zeitgeschichte/2081-historische-schuld-und-politische-gegenwart"><em>Historische Schuld und politische Gegenwart</em></a>). Ammon erwähnt eine Formulierung vom EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm, der eine Synode als „Avantgarde des Reiches Gottes“ bezeichnete und damit schon sprachlich eine Verbindung herstellte zwischen Lenin, der führenden Rolle der Partei und der evangelischen Kirche in Deutschland. Schert einer aus und versetzt sich selbst vom moralischen zurück in den politischen Raum, wie seinerzeit Philipp Jenninger, verschwindet er so unmittelbar aus der öffentlichen Sicht- und Hörbarkeit, wie nach ihm keiner mehr. Dass nun ausgerechnet die deutschen Protestanten jene Avantgarde wieder einführen wollen, die ganz Mittel-Osteuropa 1989 endlich aus den vom sowjetischen Imperium diktierten Verfassungen gestrichen hatten, kann nur als Treppenwitz der Geschichte bezeichnet werden.</p>
<p>Der moralische Vorwurf enthält gegenüber dem juristischen zahlreiche unmittelbare Vorzüge: egal wer, selbst unmündige, gar kranke Kinder können ihn überall, zu jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit, an beliebige Adressaten richten und ohne jegliche formale Hürde, Anforderung oder Vorprüfung erheben. Nicht einmal irgendein Beleg für die erhobenen Behauptungen ist erforderlich. Trifft der moralische Vorwurf auf einen zeitgeistigen Erwartungshorizont und adressiert sich an bereits massenmedial erfolgreich etablierte Feindbilder, verbreitet sich das Gerücht in Windeseile, bevor auch nur die leiseste Skepsis sich Gehör verschaffen kann (<em>die Hetzjagden von Chemnitz</em>). Zudem enthält der moralische Schuldvorwurf einen unmittelbaren psychologischen Identitätszuwachs, der ohne den Umweg über die Anerkennung der anderen quasi völlig autonom eingestrichen werden kann: es erhebt den Ankläger und erniedrigt den Beschuldigten und das alles ohne jede Auseinandersetzung, Streit oder Wettbewerb vor Zuschauern. Der andere ist schon aus dem rechtlichen Raum der Gleichen entfernt, bevor er überhaupt widersprechen kann. Der moralische Vorwurf ist auf das Urteil der anderen nicht angewiesen. Alles das, was in einem ordentlichen procedere zur Klärung einer juristischen Schuld selbstverständlich ist, vom <em>audiatur et altera pars </em>bis zum Austausch eines Richters wegen Befangenheit, ist der moralischen Schuld entbehrlich. Wo diese ihre Stimme erhebt, ist es um Freiheit und Selbstbestimmung geschehen.</p>
<p>Und: die moralische Schuld vergeht nicht, da, gemessen an einem klassischen Gerichtsprozess (ein fast schon anachronistisches Überbleibsel aus der Antike), die zweite und dritte Position, die des Verteidigers und die des Richters fehlen und damit Urteil, Strafe, Verbüßung und Wiederaufnahme in die Gemeinschaft auf das Jüngste Gericht hinaufgeschoben sind. Die Schuld haftet, wie das Kainsmal, auf ewig, denen sie angeheftet wurde. Das weltliche, vom Vergessen bis zum Versöhnen bleibt ihr äußerlich. Während die weltliche Schuld einzelne aus der Gemeinschaft herausgreift, um die beschädigte Rechtsordnung für die anderen wieder zusammen zu fügen, organisieren die Ordnungen totaler Mitgliedschaft die gesamte Menschheit als schuldig. Das Gerede vom CO<sub>2</sub> Fußabdruck ist nur die Neuauflage von Adams sündhaftem Samen, der jedes Neugeborene schon infiziert hat, bevor es überhaupt seinen ersten Schrei von sich geben kann.</p>
<p>Vor wenigen Wochen machte eine Anzeigenkampagne der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft die Runde, in der die Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock als Moses mit zwei Verbotstafeln dargestellt wurde. Wie nicht anders zu erwarten, rief sie die üblichen Reflexe der Immergleichen hervor, die hier nicht weiter von Belang sind. Wahrscheinlich ohne sich dessen bewusst zu sein, traf die Kampagne jedoch einen entscheidenden Punkt. <span class="tm7">Erinnert sei an dieser Stelle nur daran, dass Walter Ulbricht, ein Tischlergeselle, auf dem Fünften Parteitag der SED im Juli 1958 die Zehn Gebote für den sozialistischen Menschen verkündete. </span>Der moralische und der politische Sinn von Gesetz unterscheiden sich fundamental und ein weit über seinen akademischen Fachhorizont hinaus denkender Ägyptologe wie Jan Assmann hatte zu der Formulierung gefunden, dass die mosaische Unterscheidung eine Wende herbeigeführt hat, „<em>die entscheidender als alle politischen Veränderungen die Welt bestimmt hat, in der wir heute leben</em>“ (Jan Assmann, 2003). Auch Hannah Arendt, Walter Benjamin und Carl Schmitt gehören zu denen, in deren Gedanken der genannte Unterschied zwischen politischem und moralischem Sinn von Gesetz eine nicht unbeträchtliche Rolle spielt. (<em>„Wir sind so gewöhnt, Gesetz und Recht im Sinne der Zehn Gebote und Verbote zu verstehen, deren einziger Sinn darin besteht, dass sie Gehorsam fordern, dass wir den ursprünglich räumlichen Charakter des Gesetzes leicht in Vergessenheit geraten lassen.“ </em>Hannah Arendt<em>).</em></p>
<p>Die grüne Ideologie dagegen beruht auf der gleichsinnigen Scharnierfunktion eines mosaischen Sinnes von Gesetz, das als Naturgesetz Ereignisse mit Notwendigkeit aufeinander folgen lässt, einer Gewissheitsherstellung aufgeklärter Wissenschaft, die wie bei Kant der Natur ihr Gesetz vorschreibt und einem Moralgesetz, das den Sterblichen alternativlos das Leben vorzuschreiben sich erneut anschickt. Der Klimawandel gilt als unbestreitbares Naturgesetz, seine Gewissheit stammt aus wissenschaftlichen Modellrechnungen, woraus zwingende Verhaltensvorschriften mit Notwendigkeit abgeleitet sind, die weder Aufschub noch Abweichung dulden. Wer sich dem verweigert, wird zum Feind der Menschheit erklärt. Für Freiheit ist in diesem Gestell kein Platz. Das gleiche Scharnier diente den Bolschewisten als Herrschaftslegitimation, nur dass sie sich anstelle des Naturgesetzes auf das der Geschichte beriefen. Das ganz andere Extrem dieser einfachen zweiwertigen Herr-Knecht Logik im Haus des Herrn markiert eine radikal-orthodoxe jüdische Gruppierung in New York, die aus den totalitären Einbrüchen des 20. Jahrhunderts die genau umgekehrte Konsequenz einer totalen Unterwerfung zog. Hitler sei, so berichtet ein Mitglied der Satmarer Gemeinde in ihrer autobiographischen Schilderung des allmählichen Ausbruchs aus dieser totalen Mitgliedschaft, von Gott als Strafe geschickt worden, „<em>um die Juden dafür zu bestrafen, sich selbst erleuchtet zu haben. Er kam, um uns zu reinigen, um alle assimilierten Juden zu vernichten, alle frejen Jidden, die dachten, sie könnten sich selbst vom Joch, die Auserwählten zu sein, befreien.</em>“ (Deborah Feldmann, Unorthodox, 2016).</p>
<p>Die massive Moralisierung der Politik begann nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, der Urkatastrophe der europäischen Moderne und entfesselte eine unheilvolle Dynamik von Schuld- und Erlösungsphantasien, die bis heute, insbesondere in Deutschland, weder dauerhaft noch wirksam unterbrochen wurde. Die Grünen und ihre intellektuellen Claqueure würden sie weder unterbrechen, noch auflockern, nur weiter radikalisieren.</p>
<p>&nbsp;</p>
<p>zuerst publiziert auf: <strong><a href="https://globkult.de/geschichte/zeitgeschichte/2082-die-permanente-vergangenheit">Globkult</a></strong></p>
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		<title>Annalena und Adolf</title>
		<link>https://www.hannah-arendt.de/2021/06/annalena-und-adolf/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Boris Blaha]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 14 Jun 2021 19:42:57 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Das Politische]]></category>
		<category><![CDATA[Freiheit]]></category>
		<category><![CDATA[Gut & Böse]]></category>
		<category><![CDATA[Moral]]></category>
		<guid isPermaLink="false">https://www.hannah-arendt.de/?p=1247</guid>

					<description><![CDATA[<p>Moralisch gesehen ist es ebenso falsch, sich schuldig zu fühlen, ohne etwas Bestimmtes getan zu haben, wie sich unschuldig zu fühlen, wenn man tatsächlich etwas begangen hat. Hannah Arendt &#160; Vergleiche sind ein gewagtes Spiel, wenn das, was verglichen werden... <a class="more-link" href="https://www.hannah-arendt.de/2021/06/annalena-und-adolf/">Weiterlesen &#8594;</a></p>
<p>The post <a href="https://www.hannah-arendt.de/2021/06/annalena-und-adolf/">Annalena und Adolf</a> first appeared on <a href="https://www.hannah-arendt.de">Hannah Arendt - Der Sinn von Politik ist Freiheit</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: right;">Moralisch gesehen ist es ebenso falsch, sich<br>
schuldig zu fühlen, ohne etwas Bestimmtes<br>
getan zu haben, wie sich unschuldig zu fühlen,<br>
wenn man tatsächlich etwas begangen hat.<br>
<em>Hannah Arendt</em></p>
<p>&nbsp;</p>
<p class="Normal tm5"><span class="tm6">Vergleiche sind ein gewagtes Spiel, wenn das, was verglichen werden soll, von vielen zum Fetisch erhoben und damit der gewöhnlichen Auseinandersetzung entzogen werden soll. Andererseits: ohne Vergleich weder Gemeinsamkeit noch Unterschied. Denken beginnt mit unterscheiden, soll eine kluge Frau gesagt haben. Dass beide Vornamen mit A anfangen, mag Esoteriker inspirieren, dem gesunden Menschenverstand fällt zunächst auf, dass beide nichts anzubieten haben und damit weit aus dem politischen Tagesgeschäft herausfallen. In den Zeiten der römischen Republik nannte man das den <em>cursus honorum</em>, eine traditionelle Abfolge der Ämter, die erst durchlaufen werden mußte, bevor man sich für das höchste Amt qualifizieren konnte. Konrad Adenauer war in aller Kürze und unvollständig Volljurist, verfügte über mehrjährige Berufserfahrung beim Amts- und Oberlandesgericht Köln, bevor er auf dem Weg über Zwischenstufen als Beigeordneter viele Jahre lang das Amt des Oberbürgermeisters der Stadt Köln ausübte. Er war Aufsichtsrat in mehreren großen Unternehmen, 12 Jahre lang Präsident des preußischen Staatsrates und 73 Jahre alt, als er am 15. September 1949 das Amt des Bundeskanzlers übernahm. Wir ersparen dem Leser die Auflistung der Vorzüge, die ein Helmut Schmidt oder zahlreiche andere ins Amt mitbrachten. Die Peinlichkeit zum gegenwärtigen Tiefststand wäre doch zu unerträglich.</span><span id="more-1247"></span></p>
<p class="Normal tm5"><span class="tm6">Der Kanzlerkandidat der Union hat wenigstens schon ein Bundesland regiert, bevor er den Sprung nach ganz oben wagt und selbst ein Joschka Fischer hat sich Nächte lang durch die Bücher gefressen und nachgeholt, was durch den fehlenden formalen Bildungsweg versäumt worden war. Hingegen haben weder Adolf noch Annalena einen Beruf, nicht einmal eine ordentliche abgeschlossene Ausbildung. Der gekaufte Master kann da nichts ersetzten. Sie haben weder Lebens- noch Berufserfahrung und erst recht keine Erfahrung in öffentlichen Angelegenheiten. Nichts, aber auch wirklich gar nichts in ihrem bisherigen Lebenslauf qualifiziert sie, Millionen anderen mit gänzlich anderen vorzeigbaren Lebensleistungen zu sagen, wo es langgehen soll. Ist es vielleicht gerade dieses Nichts, das sie so anziehend macht und vielen ermöglicht, alles Mögliche, was sie sehen wollen, dort hineinzusehen, wo nichts ist. Ein unbeschriebenes Blatt, mit dem nahenden Weltende apokalyptisch orchestriert, als maximale Projektionsfläche jüdisch-christlicher Erlösungsphantasien? Der mit der Alleinschuld am Ersten Weltkrieg einsetzenden massiven Moralisierung der Politik würde, statt einer Unterbrechung, bloss ein weiteres Kapitel hinzugefügt werden.</span></p>
<p class="Normal tm5"><span class="tm6">Freilich, ein markanter Unterschied ist nicht zu übersehen. Während der eine, männlich aggressiv, alles riskierte, die Nachbarländer mit Krieg und Vernichtung überzog, die alleinige Weltherrschaft anstrebte und bald größter Feldherr aller Zeiten genannt wurde, wirbt die andere mit ihrer kindlich reinen, von allem Bösen unbefleckten Naivität und möchte die ganze Welt statt Herrschaft mit ihren infantilen Rettungsphantasien beglücken. Radikal-pragmatisch müsse jetzt, so schreiben ihre intellektuellen Claquere, ein Zeitenbruch herbeigeführt, das Gute, wo nötig mit Gewalt, hergestellt werden. Wollte Hitler der deutschen Herrenrasse so viel Lebensraum wie möglich verschaffen, geben die Grünen erst Ruhe, wenn der letzte Biodeutsche verschwunden, die multikulturelle Gesellschaft verwirklicht, die Schuld endlich getilgt sei, ein umgekehrter Rassismus. Wo die einen den Krieg nach außen, treiben die anderen den Krieg nach innen. Der Kampf gegen rechts hat längst manichäische Züge. Beide eint wiederum, dass sie, so scheints, dem alltäglichen, normalen Urteilen entzogen sind. Sie repräsentieren eine, religiös überdeterminierte Erlösungssehnsucht aus einer, offenbar anders nicht auflösbaren Bedrängnis. Die religiös überhöhte Heilserwartung an den „Führer“ kann man unter anderem den Tagebüchern Goebbels ablesen. Das empörte Aufheulen eines Robert Bütikofer (widerwärtiger Dreckspatz, Griftspritzerei), weil man auf tichyseinlick Lebenslauf und Aussagen seiner Heiligen genauer unter die Lupe genommen und mit der Wirklichkeit konfrontiert hatte, läßt sich mit aufgeklärter Rationalität alleine nicht verstehen. In den Anfängen der historischen Bibelkritik wird man ähnlich wütende Reaktionen der Offenbarungsverwalter vernommen haben. Schon die Kanzlerkandidatur von Martin Schulz war mit zahlreichen Metaphern dem politischen Diskurs entzogen und religiös verfremdet worden. Das sogenannte Sturmgeschütz der Demokratie markierte mit dem Titelbild des heiligen St. Martin einen besonderen Tiefpunkt politischer Urteilkraft. Schon 1946 monierte Heinrich Blücher an Karl Jaspers die gedankenlose Fortsetzung der Kontinuität der abendländischen Schuld- und Erlösungsdynamik. Das christlich scheinheilige Gequatsche diene nur dazu, die Verantwortung zu vernichten. Die Deutschen hätten sich nicht aus der Schuld, sondern aus der Schande zu retten. Ihr eigentlicher Konflikt bestünde in dem republikanisch-freiheitlichen Willen Weniger gegenüber den kosakisch-knechtischen Neigungen Vieler. </span></p>
<p class="Normal tm5"><span class="tm6">Auch nach dem Zweiten Weltkrieg zählt nicht die moralische Beruhigungspille ‚wer schläft sündigt nicht‘, sondern politisch: man ist nicht nur verantwortlich für das, was man tut, sondern auch für das, was man unterlässt, aber hätte tun können. Es heißt, bei seiner ersten militärischen Aktion, der Besetzung des entmilitarisierten Rheinlandes, ein klarer Bruch des Versailler Vertrages, sei Hitler von all seinen militärischen Abenteuern am nervösesten gewesen, standen doch auf der anderen Rheinseite 12 gut ausgebildete französische Divisionen parat, die seinem Vabanque-Spiel mit hastig zusammengewürfelten, schlecht ausgerüsteten und weit unterlegenen Kräften mühelos ein jähes Ende hätten bereiten können. Maria Dabrowska, die große Dame der polnischen Literatur, schrieb in ihrem Tagebuch im Mai 1939: „Überhaupt haben England und Frankreich Hitler großgezogen, wie einst wir Preußen an unserer Brust großgezogen haben.“ Auch Hitlers perfides Spiel, alle Differenzen auszulöschen und „die Deutschen“ in die Mithaftung der organisierten Schuld zu ziehen, haben viele, der eigenen bequemen Entlastung wegen, weitergespielt. Es sei nur an Historiker-Streit und Goldhagen-Debatte erinnert.</span></p>
<p class="Normal tm5"><span class="tm6">Was also, wenn, bezogen auf die religiöse Überdeterminierung, Annalena und Adolf aus der gleichen Prägung kämen und die eine nur die Kehrseite des anderen wäre? Wäre dann nicht die öffentlich geforderte Rückbindung von Aussagen an die Realität nicht Wahlkampf, sondern viel allgemeiner, ein notwendiges, ethisches Korrektiv? Außerhalb der christlichen Schuld- und Erlösungsdynamik formulierte es Arendt politisch: Die Realität ist zu ihrem Schutz auf uns angewiesen. Diese Verantwortung geht uns alle an.</span></p>
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		<title>Neues vom Stuhlkreis. Integration, Offenheit, Toleranz; und: Gewalt</title>
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		<dc:creator><![CDATA[A. K. Hermann]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 22 Mar 2021 16:47:29 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Gut & Böse]]></category>
		<category><![CDATA[Moral]]></category>
		<category><![CDATA[Verfassung]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Kürzlich fand eine Veranstaltung namens “Integrationsgipfel” statt. In Deutschland, März 2021. Thema: Integration von Migranten in deutsche Gesellschaft und Kultur. Die deutsche Bundeskanzlerin hat, vom Gipfel her, einheimische Deutsche zu Offenheit und Toleranz gegenüber migrantischen Mitbürgern aufgerufen. Sie hat für... <a class="more-link" href="https://www.hannah-arendt.de/2021/03/neues-vom-stuhlkreis-integration-offenheit-toleranz-und-gewalt/">Weiterlesen &#8594;</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p class="Normal tm5"><span class="tm6">Kürzlich fand eine Veranstaltung namens </span><span class="tm6">“</span><span class="tm6">Integrationsgipfel</span><span class="tm6">”</span><span class="tm6"> statt. In Deutschland, März 2021. Thema: Integration von Migranten in deutsche Gesellschaft und Kultur. </span><span class="tm6">Die deutsche Bundeskanzlerin hat, vom Gipfel her, einheimische Deutsche zu Offenheit und Toleranz gegenüber migrantischen Mitbürgern aufgerufen. Sie hat für Zusammenhalt</span><span class="tm6"> und </span><span class="tm6">Zivilgesellschaft plädiert; gegen Hass und Gewalt. Aus dem Nebeneinander müsse ein Miteinander werden - das erinnert an den Stuhlkreis, in der Kita.</span></p>
<p class="Normal tm5"><span class="tm6">Und eins fällt auf. Der Sache nach geht es um zwei soziale Gruppen. Ankömmlinge, Einheimische. Der Aufruf zum wohligen Miteinander jedoch richtet sich - nur - an die Einheimischen. </span></p>
<p class="Normal tm5"><strong><span class="tm7">Warum wird nicht auch den Ankömmlingen, sogenannten Flüchtlingen</span><span class="tm7"> -</span><span class="tm7"> naseweis ausweichend: “Geflüchteten”</span> <span class="tm7">- , Offenheit und Toleranz anempfohlen? </span></strong><span id="more-1211"></span></p>
<p class="Normal tm5"><span class="tm6">Es sind, zunächst einmal, durchaus nicht Flüchtlinge, die hierher kommen. Es sind, nach Asylgesetz § 3, schlicht </span><em><span class="tm8">Ausländer</span></em><span class="tm6">. Diese können die </span><span class="tm6">“</span><em><span class="tm8">Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft</span></em><span class="tm6">”</span><span class="tm6"> - und damit das Asyl - mit Verweis auf fünf definierte Arten der Verfolgung </span><em><span class="tm8">beantragen</span></em><span class="tm6">. </span><span class="tm6">Asylrecht ist Antragsrecht, mehr nicht. </span></p>
<p class="Normal tm5"><span class="tm6">Das vom deutschen - vom zeremonial erkenntnislosen “Gedenken” an jüngere deutsche Geschichte belasteten - </span><span class="tm6">“</span><span class="tm6">Flüchtlings</span><span class="tm6">”</span><span class="tm6">-Idealismus so unermüdlich wie realitätsfern beschworene </span><span class="tm6">“</span><span class="tm6">Recht auf Asyl</span><span class="tm6">”</span><span class="tm6"> gibt es nicht. </span><span class="tm6">Und das theatralisch dargebotene </span><span class="tm6">“</span><span class="tm6">Kirchen-Asyl</span><span class="tm6">”</span><span class="tm6"> mag “christlich” sein, was immer das sein soll: jedenfalls ist es grundgesetzwidrig. </span></p>
<p class="Normal tm5"><strong><span class="tm7">Man richte den Blick vom Stuhlkreis-Gipfel doch einmal nach Dänemark. </span></strong><span class="tm6">Zur dänisch gipfellosen, erfrischend pragmatischen, </span><em><span class="tm8">down-to-earth </span></em><span class="tm6">Bewältigung der Migration. Will jemand behaupten, dass DK ein undemokratisches Land ist? </span></p>
<p class="Normal tm5"><span class="tm6">Deutsche Stuhlkreis-Appelle und Gipfel-Worte werden verhallen, solange nicht die Ankömmlinge auf ihre nun einsetzende </span><em><span class="tm8">Grundgesetz-Bindung</span></em><span class="tm6">, inbesonders an Art. 3 - </span><span class="tm6">“</span><span class="tm6">Gleichberechtigung von Frau und Mann</span><span class="tm6">”</span><span class="tm6"> - nüchtern, verpflichtend, eindringlich hingewiesen werden. </span></p>
<p class="Normal tm5"><strong><span class="tm7">Deutlich so schon an der deutschen Grenze! </span></strong><span class="tm6">Wo, unbestreitbar sachgemäß, auch das gesamte Antrags/Aufnahme/Abweisungsverfahren abgewickelt werden muss. </span></p>
<p class="Normal tm5"><span class="tm6">Es ist an der Zeit, eben die - wohlfeil gescholtene - “Bürokratie”, die </span><em><span class="tm8">Antrags</span></em><span class="tm6">dimension des Asylverfahrens, zu verdeutlichen. Asyl! Übersetzt: Freiheit von Beraubung, oder Bedrohung, des Lebens. </span><span class="tm6">Diese Wirklichkeit wird weithin nicht zur Kenntnis genommen. Von Politik und Medien nicht. Von wohlmeinenden “Flüchtlings”-Hilfstruppen nicht. Von Migranten schon gar nicht. </span><span class="tm6">Nach wie vor, und primär, geht es - wenn man, etwa als kühne “Kapitänin” und Retterin aus angeblicher “Seenot”, Recht und Ordnung zu achten sich herablassen würde - um </span><em><span class="tm8">nachzuweisende</span></em><span class="tm6"> lebensbedrohliche </span><em><span class="tm8">Verfolgung</span></em><span class="tm6">. Das ist alles.</span></p>
<p class="Normal tm5"><span class="tm6">Die vielbeschworene “Mitmenschlichkkeit” muss demokratisch begründet sein. Idealische deutsche Männer, keine “Nazis”, sind unter der Flagge “deutschen Menschentums” in Polen und Russland eingefallen. </span></p>
<p class="Normal tm5"><strong><span class="tm7">Wozu denn haben wir das Grundgesetz? </span></strong><span class="tm6">Die GG-Bindung hat strikte Priorität. Gegenüber jeder Form locker feiernder, ahnungslos naiver, kläglich ahistorischer, lächerlich kniefälliger </span><span class="tm6">“</span><span class="tm6">Buntheit</span><span class="tm6">”</span><span class="tm6"> und </span><span class="tm6">“</span><span class="tm6">Vielfalt</span><span class="tm6">”</span><span class="tm6">. Und gegenüber allen mitgebrachten, meist als sakrosankt </span><span class="tm6">“</span><span class="tm6">religiös</span><span class="tm6">”</span><span class="tm6"> vorgeführten Schriften, Sitten und Gebräuchen. Religion? Nichts als ein - hochfragwürdiges und, Gott sei Dank, veränderbares - Kulturprodukt. </span></p>
<p class="Normal tm5"><span class="tm6">Wenige Tage vor dem Stuhlkreisgipfel hat ein deutsches Gericht einen Migranten zu sieben Jahren Haft verurteilt - wegen Vergewaltigung. Schreckliche Untaten dieser Art, begangen von Migranten, sind nicht selten. Nun aber die verquere Logik des deutschen Flüchtlingsidealismus, vorgebracht bereits Silvester 2015/16, Domplatte Köln: auch einheimische deutsche Männer sind ja Vergewaltiger. </span></p>
<p class="Normal tm5"><span class="tm6">Richtig. Falsch dagegen: die aus dieser Erkenntnis folgende, häufig </span><span class="tm6">“</span><span class="tm6">statistisch</span><span class="tm6">”</span><span class="tm6"> abgesicherte </span><em><span class="tm8">Relativierung und Verharmlosung </span></em><span class="tm6">migrantischer Gewalttaten.</span></p>
<p class="Normal">
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		<title>Zeichen setzen, Flagge zeigen. Über die NS-getriebene deutsche Staatsmoral</title>
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		<dc:creator><![CDATA[A. K. Hermann]]></dc:creator>
		<pubDate>Tue, 25 Feb 2020 07:41:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Das Politische]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Gesetz]]></category>
		<category><![CDATA[Moral]]></category>
		<category><![CDATA[Totalitarismus]]></category>
		<category><![CDATA[Verfassung]]></category>
		<category><![CDATA[Welt]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Deutsche Medien berichten täglich über das deutsche Ein-Zeichen-Setzen. Berichte sind weithin zustimmend; nicht selten bei Überschreitung der Grenze zwischen Bericht und Meinung. Zeichen setzen, auch Flagge zeigen, heißt Einsatz für die den Deutschen von maßgebenden Stellen des Staates anempfohlene Basismoral:... <a class="more-link" href="https://www.hannah-arendt.de/2020/02/zeichen-setzen-flagge-zeigen-ueber-die-ns-getriebene-deutsche-staatsmoral/">Weiterlesen &#8594;</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Deutsche Medien berichten täglich über das deutsche Ein-Zeichen-Setzen. Berichte sind weithin zustimmend; nicht selten bei Überschreitung der Grenze zwischen Bericht und Meinung.</p>
<p>Zeichen setzen, auch Flagge zeigen, heißt Einsatz für die den Deutschen von maßgebenden Stellen des Staates anempfohlene Basismoral: Staatsmoral. Name: Wir-dürfen-keine-Nazis-sein. Die Nazis sind das Böse. Wir zeigen uns dem Herrn, damit er am Ende über uns urteilen wird. Wir sind die Guten. Wir lassen urteilen, aber wir urteilen nicht selbst. Wir sind Kinder und wollen es bleiben - im Haus des Herrn.</p>
<p><strong>Staatsmoral: Negativmoral, deutsch. </strong>Wir pflegen unseren Staat, unsere Gesellschaft, unmittelbar, auf dem Grunde der Verneinung des Bösen.<span id="more-1033"></span></p>
<p>Die Negativmoral, das Kein-Nazi-Sein, zeigt sich, in der Sprache des Einzeichensetzens, als: Buntheit und Vielfalt, Erlebnis, Toleranz, Miteinander, Bereicherung; als: Grenz-Überschreitung, Welt-Offenheit, Welt-Veränderung. Auch:&nbsp; Anstand, Aufstand der Anständigen, Widerstand.</p>
<p>Als Nazis werden vorgeführt: die Rechten. Die Populisten, Rassisten, Faschisten.&nbsp; Braunes Pack, brauner Sumpf, braune Horden, brauner Mob. Kennzeichen der Nazis, aus Sicht der Staatsmoral und des Zeichensetzens: Hass und Hetze; Rassismus, Ausgrenzung, Fremdenhass, Menschenverachtung.</p>
<p><strong>Das Böse ist hier. </strong>Auffälliges Merkmal der Staatsmoral: deutsche Rechte, heute, in Zeichensetzerperspektive, <em>sind</em> die Nazis, <em>sind </em>die Faschisten. <em>Unmittelbar</em>. Rechts-Sein ist Nazi-Sein. <em>Wir leben in Nazi-Deutschland. Die Nazis sind unter uns</em>.&nbsp; Brandstifter, hassend, hetzend, braun, rassistisch. NS-Gauleiter, KZ-Schergen, SS-Obersturmbannführer. Peiniger der Deutschen; hier, heute. Peiniger überwinden? Da müssen wir gut sein: fröhlich, bunt, erlebnisbereit, weltoffen, grenzoffen, bereichernd. Sommermärchen, 2006; Migration, seit 2014; Seenotrettung (Seenot? Rettung?), 2020. Das ist die Nazi-getriebene, vom Bösen her bestimmte - negative, abgeleitete, sekundäre - deutsche Staatsmoral: Sollbuch-Moral.</p>
<p><strong>Die Freisprechung der Deutschen mittels der Nazis. </strong>Die Nazigetriebene Sollbuchmoral zehrt vom verdinglichten Trio des Schreckens: NS/KZ/SS. Heutige „Erinnerung“? Erkenntnislos. Heutiges „Gedenken“? Sakralisiert, zeremonialisiert. „Terrorstätten des NS-Regimes“? Terrorstätten der Deutschen. Aber das&nbsp; „Menschheitsverbrechen“! Großtopos des Zeichensetzens. „Menschheit“:&nbsp;&nbsp; Freisprechung der Deutschen. Staatsmoral: Allerweltsmenschheit, touristisch, locker&nbsp; <em>geschichtsfern</em>. Die Nazis machen es möglich. Nazis: Erlebnis und Schauder. Böse, geschichtslos, gesichtslos, verharmlost. Eingefallen, 1933, von irgendwoher, in Deutschland; verschwunden, 1945, irgendwohin. Mit deutscher Kultur haben die nichts zu tun.</p>
<p>Deutsche Kultur, damals, ist das in offene Gewalt umschlagende, seit der Französischen Revolution von westlicher Zivilisation sich „<em>absondernde</em>“ (Friedrich Schiller) idealische deutsche Menschentum: Reinheit, Volk und Sittlichkeit; gegen Materialismus, Schmutz, Dreck, Ekel, Bazillen und Unsittlichkeit. Von daher, am Ende: Aufräumen, Fortschaffen, Ausrotten, Vernichten. Im Namen einer erzdeutschen „Befreiungs“-Bewegung namens „Nationaler Sozialismus“. Weithin unter aktiver Mitarbeit, nicht in bloßer „Verstrickung“, deutscher Gesellschaft: geheiligt als „Volk“.</p>
<p><strong>Aber Geschichte wiederholt sich nicht</strong>. Die Nazis leben nicht mehr. Der Aufstand der Zeichensetzer geht fehl. Die Anständigen irren. „Aufmarsch der Rechten“ in Deutschland, heute, ist nicht Nazi-Aufmarsch. „Nazi“: ein <em>besetzt</em>er, ein historisch gebundener Begriff. Wir leben nicht im Großdeutschen Reich. Wir leben in der Bundesrepublik Deutschland. Wir leben in deutscher <em>Eigenheit</em>; so wie Niederländer in niederländischer, Polen aber in polnischer Eigenheit leben. Wir leben innerhalb deutscher <em>Grenzen</em>, deutscher <em>Gesetzlichkeit</em>, deutscher <em>Zivilität</em>; civis: der Bürger.</p>
<p>Deutsche Eigenheit wird belastet, das ist richtig, von heutiger <em>Volks</em>-Ideologie: das deutsche Volk als reine Einheit. Romantisch, sich abschottend; in der völkischen Wagenburg. Hier, <em>heute, </em>Protest einlegen<em>: das</em> sollte das Ziel deutschen Zeichensetzens sein. Alle deutschen Nachbarn haben ihre Völkischen. So etwa DK, PL, F, NL. Deutschland: völkisch umzingelt. Das heißt aber nicht: von Nazis umzingelt. Wer heute, staatsunterstützt, die „Nazis“ am Werk sieht, neigt zur Verharmlosung vergangener deutscher Ausrottungskultur: NS/KZ/SS.</p>
<p><strong>Der wahre Bezugspunkt der Demokratie. </strong>Der Hinweis auf Demokratie und Gesetzlichkeit, auf <em>Grenzen</em>, auf <em>Eigenheit</em> und <em>Zivilität</em>, ist kein „Fremdenhass“.</p>
<p>Warum muss, in Deutschland, nach Vorgabe des Zeichensetzens, die Begründung von Demokratie negativ, vom Bösen, von der Vergangenheit her, erfolgen? Im Bezug auf eine bequem un-deutsche, nämlich als “nazistisch” etikettierte Widermenschlichkeit? Die deutsche Demokratie muss positiv begründet werden, von heute her. Wahrer Bezugspunkt: Grundgesetz, von 1948. Gleiches Recht für Frau und Mann; Entfaltung in der Gemeinschaft; Achtung des Willens zum Leben. Das sind die ersten drei GG-Artikel. Wer sie - völkisch, „religiös“, antifaschistisch - nicht einzuhalten bereit ist, zeigt sich als Anzweifler deutscher GG-Zivilität. Diese funktioniert.</p>
<p>Erst vom positiven Referenzpunkt, von der GG-Zivilität her, kann dann das gesamt-deutsch völkische Vernichtungsunternehmen in einer früheren deutschen Gesellschaft begriffen werden.</p>
<p><strong>Ein Wort zum Rassismus. </strong>Dem zeichensetzenden Draufgängertum gilt Skepsis gegenüber der Migration als „Rassismus“. Ist das nicht ein veralteter Begriff?</p>
<p>Es geht doch nicht um Hautfarbe und Kopfform. Sondern um <em>kulturelle</em>, mit dem GG partout nicht vereinbare, oft anmaßend als sakrosankt „religiös“ tabuisierte <em>Eigenheiten</em>. Solange deutsche Medien, erbärmlich „tolerant“, den ehrlosen Begriff „Ehrenmord“ einsetzen; solange, mittels unbefragter „Religion“eine männliche, über die Bekleidung vermittelte Herabstufung der Frau als gottgegeben gilt („Das ist mein Glaube“); solange aber auch, das sei schleunigst beigefügt, ein seit ca. 1800 Jahren unvermeidbar hiesiger, <em>konstitutiv frauenfeindlicher </em>Männerbund, „allgemeingültig“ (kat-holisch) genannt - nebst „Protest“-Abzweigung -, ungefragt, unlegitimiert vom GG, fachlich nicht ausgewiesen, als höchste moralische Autorität für uns Deutsche gelten soll: solange wird das Grundgesetz, wenn auch salbungsvoll, in Frage gestellt; und wird die Zivilität missachtet.</p>
<p><strong>Ein Hauch von Weimar</strong>! <strong>Schon einmal! </strong>Das sind die Gruß-Formeln, und Groß-Formeln, des Nazigetriebenen Zeichensetzens. Wir leben nicht im Großdeutschen Reich, 1941. Auch nicht in jener - zeichensetzend - heruntergemachten Republik, 1931. Es häufen sich heute vergangenheitsbelastete Verweigerungsschwüre. Sandkastenhaft. Thüringer Wahl: “Keine Kooperation mit Nazis“. Und auch nicht - mit? „Faschisten“! Und: „Das wurde uns schon einmal vorgeführt.“ Und: “Ein Hauch von Weimar liegt über der Republik.“ Absageformeln, aus dem zeichensetzenden Gruselkostümverleih.</p>
<p>Wer von heutigen Nazis redet, von Weimar heute, der verkennt den deutsch idealischen Terror, damals, das gewaltmoralistische Wegsperren, das Aufräumen, das Morden, das Wegschaffen, nach Osten, im Namen fahnenschwingenden „Deutschen Menschentums“; deutschvölkisch. Und richtig: es gibt, <em>heute</em>, schreckliche Gewalttaten, völkisch motiviert. Es gibt aber auch, in der GG-Kultur, Institutionen, die über Demokratiepassung oder -nichtpassung von Einzelnen und von Parteien zu befinden haben. Warum werden nicht, angesichts jener Taten, anstatt gut eingeführte Trotzformeln („Wir lassen uns nicht …“) vorzuführen, auf einen Schlag, und noch heute, wenn´s recht ist, und für den Anfang, 16.000 Polizeistellen, 16.000 Statsanwaltsstellen und 16.000 Richterstellen geschaffen (für jedes Bundesland: 1000); es ist ja auch Geld da, in Milliardenhöhe, für obskure Beratertätigkeiten, bei diversen Regierungsstellen.</p>
<p>Nichts passiert. Wen wundert da der Zulauf zu einer vom Sollbuch der Anständigen so heroisch wie sandkastenhaft gemiedenen Schmuddelkindpartei?</p>
<p><strong>Die Krise. </strong>Es könnte sein, dass wir uns, in Deutschland, in der Krise befinden. <em>krisis</em>: Zwiespalt, Scheidung, Zerrissenheit. Das ist bedrückend. Zwiespaltpartner könnten, annähernd, unter „Eigenheit“ einerseits und, nun ja, „Weltoffenheit“ andererseits subsumiert werden. Vielleicht gibt es einen Weg der Mitte.</p>
<p><strong>Auftritt Hannah Arendt. </strong>Thema: Unmittelbares Urteil. Die Krise, sagt HA, verlangt von uns “unmittelbare Urteile”. Die Krise nämlich “wird zu einem Unheil erst, wenn wir auf sie mit schon Geurteiltem, also mit Vor-Urteilen antworten. Ein solches Verhalten verschärft nicht nur die Krise, sondern bringt uns um die Erfahrung des Wirklichen und um die Chance der Besinnung, die gerade durch sie gegeben ist.” (Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im politischen Denken. München 1994. 1: 1968, Between Past and Future.)</p>
<p>Das Vorurteil, heute, in Deutschland, staatsmoralisch, zeichensetzend,&nbsp;&nbsp; krisenverschärfend: Deutschland ist Naziland. Dagegen die Erfahrung des Wirklichen, das <em>unmittelbare</em> Urteil: Deutschland ist Grundgesetzland. Das ist heutige deutsche <em>Eigenheit</em>. Das ist der einzig wahre Referenzpunkt. Für die Demokratie, die Zivilität. Das ist der Weg der Mitte. Zwischen Eigenheit und Weltoffenheit.</p>
<p>Von da aus, vom <em>positiven</em> Standpunkt, können wir dann zurück blicken - nicht sakral erinnernd, gedenkend, sondern handfest <em>erkennend</em> - in eine Zeit furchtbar gewaltsamer deutscher Kultur und Geschichte.</p>
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			</item>
		<item>
		<title>Das oberste Gebot: Du sollst nicht erfahren!</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Boris Blaha]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 21 Feb 2020 12:57:32 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Das Politische]]></category>
		<category><![CDATA[Deutschland]]></category>
		<category><![CDATA[Moral]]></category>
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		<category><![CDATA[Totalitarismus]]></category>
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		<category><![CDATA[Westen]]></category>
		<category><![CDATA[Erfahrung]]></category>
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		<category><![CDATA[Verbot]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Lebenserfahren nennt man jemanden, der viel herumgekommen ist, viel erlebt hat, zahlreiche unterschiedliche Länder, Menschen, Sitten und Gewohnheiten kennengelernt, ja sie buchstäblich erfahren hat. Dagegen wird man Menschen, die nie aus ihrem kleinen Dorf hinausgekommen sind und solchen, die das... <a class="more-link" href="https://www.hannah-arendt.de/2020/02/du-sollst-nicht-erfahren/">Weiterlesen &#8594;</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p class="Normal"><span class="tm5">Lebenserfahren nennt man jemanden, der viel herumgekommen ist, viel erlebt hat, zahlreiche unterschiedliche Länder, Menschen, Sitten und Gewohnheiten kennengelernt, ja sie buchstäblich erfahren hat. Dagegen wird man Menschen, die nie aus ihrem kleinen Dorf hinausgekommen sind und solchen, die das geistige Milieu ihres Konfirmationsstuhlkreises ihr Lebtag nicht verlassen haben, einen eher beschränkten Horizont attestieren. Erfahren kann nur werden, wer sich Gefahren aussetzen kann, wobei hier als Gefahr nicht nur eine existentielle Lebensgefahr gemeint ist, sondern jegliche Konstellation, in der man nicht sicher voraussehen kann, was sich als Nächstes ereignen wird. Für dieses Fehlen von Gewissheit gibt es im Deutschen den schönen Begriff unheimlich. Unheimlich kann schon der dichte Wald sein, in dem das flaue Gefühl der Orientierungslosigkeit auftaucht, was in aller Regel das berüchtigte Pfeifen im Walde hervorruft. Wer noch genügend Phantasie hat, mag sich vorstellen, wie es wohl gewesen sein muss, als sich Gefährten auf unsicheren Schiffen das erste Mal aufs offene Meer hinauswagten und außer Wasser rings herum nichts anderes mehr zu sehen war. Im Unterschied zu heute galt früheren Zeiten die Fähigkeit, ungewisse, gar gefährliche Begegnungen, zumal mit Fremdem, in friedliche und angstreduzierte Bahnen zu lenken, ungleich mehr.</span><span id="more-1027"></span></p>
<p class="Normal"><span class="tm5">Auch ohne die philosophische Aufklärung des Westens haben viele Kulturen den inneren Zusammenhang zwischen Gefahren und Erfahrung intuitiv verstanden. Der Ethnologe Arnold van Gennep berichtete von zahlreichen Übergangsriten, mit deren Hilfe die schwierige biografische Passage vom Jugendlichen zum Erwachsenen gefordert, erleichtert und eingeübt wurde. Auch in Europa war über viele Jahrhunderte hinweg nach der Lehrzeit in etlichen Handwerksberufen die Wanderschaft, auch Walz genannt, die Voraussetzung dafür, überhaupt Meister werden zu können. Selbst die von allem Weltlichen zurückgezogenen Klöster schickten Mönche auf gefährliche Reisen durch ganz Europa, um wertvolle Bücher zu kopieren. Klugheit und Erfahrung wurden ebenso geschätzt wie die Gelassenheit, nicht bei jeder kleinen Unterbrechung des Gewohnten gleich aus der Haut zu fahren. Die Großväter erzählten nicht nur von früher, sondern auch von draußen, dem außerhalb der vertrauten Umgebung.</span></p>
<p class="Normal"><span class="tm5">Von derlei zivilisatorischen Errungenschaften sind wir wieder weit entfernt. Die gleichen Leute, die Menschenrechte für ein unhintergehbares Prinzip halten, bezeichnen mittlerweile andere Menschen als gefährliche Bakterien, krebsartige Geschwüre oder Unkraut. Wer solche Reden in die allgemeine Sprache einführt, hat sicher auch keinerlei Probleme damit, zur Beseitigung von Unkraut entsprechende Vernichtungsmittel einzusetzen. Die Sprache ist inzwischen so offen menschenverachtend, dass man sich verwundert fragen muss, wie das in einem Land geschehen kann, das seine Betroffenheitskultur zu höchster Blüte getrieben hat.</span></p>
<p class="Normal"><span class="tm5">Schon am Begriff Flüchtlinge war deutlich geworden, in welchem Ausmaß seine allgemeine Verbreitung Berichte über tatsächliche Erfahrungen mit Fremden untersagte. Erinnert sei nur an das ‚kommunikative Beschweigen‘ der Silvesterereignisse von Köln. Bis heute muss das eine Bild mit immer größerem Aufwand gegen die Ereignisse der Wirklichkeit abgedichtet werden, ein Zug, der tief in der abendländischen Geistesgeschichte verankert ist. Hannah Arendts erste Vorlesung bei Heidegger – Platons Sophistes - handelte von der Festschreibung der Rangordnung zwischen sophia und phronesis, eine Verfestigung, die nach dem Untergang der Antike erst Machiavelli wieder auflockerte.</span></p>
<p class="Normal"><span class="tm6">Die Intensität der Aufregung um eine vergleichsweise belanglose Wahl eines Ministerpräsidenten hat diesen Zug der Wirklichkeitsabwehr noch deutlicher als bislang hervortreten lassen. Wie ein nächtlicher Blitz, der eine Szenerie schlagartig erhellt, machen Reaktion und Wortwahl der Bundeskanzlerin die politische Konsequenz sichtbar, die in der Tradition der modernen Selbstvergewisserung liegt. Mit Verweis auf Machiavelli, der diesen Konflikt zwischen Christenmensch und politischer Verantwortung als erster verstanden hatte, sprach Arendt vom Unterschied zwischen der ‚Sorge um das Selbst‘ gegenüber der ‚Sorge um die Welt‘ und davon, dass es in der Politik darum gehe, nicht gut zu sein, also gerade nicht im Sinne christlicher Moralvorstellungen zu handeln.</span><span class="tm5"> Das im christlichen Abendland häufiger vorkommende Aufflammen religiös motivierter Reinigungsleidenschaften spricht für die anhaltende Stabilität der „Sorge um das Selbst.“</span></p>
<p class="Normal"><span class="tm6">Wenn eine protestanto-stalinistisch geprägte Bundeskanzlerin einen demokratischen Wahlakt als </span><em><span class="tm7">unverzeihlich</span></em><span class="tm8"> qualifiziert, so erhält nicht nur das allgemeine und gleiche Wahlrecht eine neue Qualität. Bestimmte Abgeordnete sind nun nicht mehr gleich. Sie tragen das Kainsmal deutlich sichtbar auf der Stirn. Mit unverzeihlich wird zudem eine Schuld eingeführt, die im Strafgesetzbuch aus gutem Grund nicht vorgesehen ist – die Kontaktschuld. Die Unverzeihlichen dürften eigentlich weder wählen, noch sich überhaupt in einem öffentlichen Raum aufhalten, denn jeder Kontakt mit einem solchen, jede zufällige Begegnung auf der Straße, im Fahrstuhl, in einem Cafe enthält schon die Gefahr einer Ansteckung, die nie wieder gutzumachen wäre. Jude und Klassenfeind in einem, werden die Unverzeihlichen zur Verkörperung alles Negativen. Die erfolgreiche Auslagerung entlastet die Auslagernden vom Anspruch eigener Konfliktbewältigung und verhilft ihnen zu einer fragilen Scheinidentität. Damit sie nicht wieder zerbricht, muss das Feindbild permanent gemacht werden. Müsste man jetzt die Unverzeihlichen nicht in Lagern konzentrieren?</span> <span class="tm6">Die auf dem intellektuellen Tiefpunkt angekommene SPD entblödete sich nicht, Gesetze wieder rückgängig machen zu wollen, die mit unverzeihlichen Stimmen verabschiedet worden waren. Kurzfristigen Ruhm erlangte auch die Vorsitzende einer Landtagsfraktion mit der bemerkenswerten Einsicht, Faschisten würde man zweifelsfrei daran erkennen, dass sie höflich sind. Selten wurde anschaulicher demonstriert, wie sich Geschichte als Farce wiederholt.</span></p>
<p class="Normal"><span class="tm6">Die Kontaktschuld wirkt als Erfahrungsverbot. Das Verbot der Erfahrung steckt schon im ersten der zehn Gebote: Du sollst keinen anderen Gott neben mir haben heißt ja nichts anders als: Du sollst <em>eine Vorstellung</em> vor alles andere stellen. Unverzeihlich handelt ab sofort schon der bloße Skeptiker, der um die Vorstellung herum einen eigenen Zugang zur Wirklichkeit sucht, ist doch der Kontakt zur Wirklichkeit als solcher schon verdächtig. Die Bonner/Berliner Republik ist zu Ende. Die SED wird’s freuen. Nachdem Sie schon die Ostzone ruiniert hat, kann sie jetzt auch im Westen ganze Arbeit leisten. Der Antifaschismus wird zur neuen Staatsreligion deklariert, das Grundgesetz dient nur noch als Fassade. Meinungsfreiheit stand auch in der DDR-Verfassung. Gefordert wird jetzt ein echtes Bekenntnis zum neuen Einheitsglauben. Wer noch nicht konvertiert ist, sollte es jetzt tun. <em>Cuius regio eius religio</em>. Im Kampf gegen das Böse sind Parteien entbehrlich, eine geschlossene Front genügt. Man müsse jetzt zusammenstehen. Die Bücklinge beeilen sich und stehen Schlange. Eine allgemeine Kennzeichnungspflicht der Unverzeihlichen müsste jetzt die verbleibenden Reinen vor jeder Kontamination schützen. Der ganze Spuk wäre sofort vorbei, wenn Bürger tun würden, was nach allgemeiner Auffassung zum Status eines Erwachsenen gehört: sich in Dingen allgemeiner Relevanz eine eigene Meinung zu bilden. Es würde schon genügen, Bundestagsreden zu verfolgen oder das offizielle Programm zu studieren. Die ganz Mutigen könnten sogar einen der Unverzeihlichen zum Kaffee einladen und sich, wie das am Tisch so üblich ist, gepflegt unterhalten. Der ganze infantilisierte Zirkus funktioniert nur unter der Voraussetzung, dass sich erwachsene Menschen ohne jede Not vorschreiben lassen, welche Begegnungen erlaubt und welche verboten sind. Das einstige Land der Dichter und Denker hat sich zur Region kreischender und duckender Kinder zurückentwickelt. Zum dritten Mal nach 1918 tun die Deutschen alles, um sich den Titel des politisch dümmsten Volkes redlich zu verdienen.</span></p>
<p class="Normal"><span class="tm6">Im Endstadium der ideologischen Fiktion entsteht durch die Einbildungskraft zwischen dem fiktiven Bild des Wirklichen und einer möglichen Erfahrung ein unüberwindlicher Graben. Der reine Glaube hat jeden Außenbezug aufgegeben, sich vollständig in sich selbst zurückgezogen und sich dort verkapselt. Alle Türen und Fenster sind fest verriegelt. Ironie der Geschichte: sie nennen ihr Erfahrungsverbot weltoffen. Tatsächlich handelt es sich um ein von der Wirklichkeit abgesondertes Selbstverhältnis, das die theologische mit der philosophischen Metaphysik teilt. Die Monade, so erklärte Leibniz, hat keine Fenster, enthält aber in sich das Ganze. Das Paradox der Kant’schen Metaphysik: die Frage nach der Bedingung der Möglichkeit der Erfahrung verunmöglicht jede tatsächliche Erfahrung. Nur seine dritte Kritik arbeitete mit einem Weltbezug.</span></p>
<p class="Normal"><span class="tm6">Die vollständige Absonderung von der wirklichen Welt hat Folgen: Die Schar der auserwählten Heiligen landet am Ende dort, von wo sie herkam. Die ersten Christengemeinden Roms trafen sich bekanntlich in den Katakomben. Warum zusehen, wie sie immer mehr die bewohnte Welt verwüsten? Warum erfüllen wir ihnen nicht ihren sehnlichsten Wunsch? Ungenutzte weitläufige Bunkeranlagen tief unter der Erde sind noch ausreichend vorhanden. Als Versammlungsstätte einer Sekte würden sie sich vortrefflich eignen. <a id="aGoBack"></a></span></p>
<p>Zuerst publiziert auf: <strong><a href="https://www.globkult.de/gesellschaft/projektionen/1854-das-oberste-gebot-du-sollst-nicht-erfahren">GLOBKULT</a><br>
</strong>jetzt auch auf <strong><a href="https://www.theeuropean.de/boris-blaha/vom-mut-zur-gefahr/">The European</a></strong> und <a href="https://www.tumult-magazine.net/post/boris-blaha-das-oberste-gebot-du-sollst-nicht-erfahren"><strong>TUMULT-Blog</strong></a><br>
<strong><a href="https://vera-lengsfeld.de/2020/03/01/die-unverzeihlichen/">Vera Lengsfeld</a></strong> war so freundlich, auf den Text aufmerksam zu machen - Besten Dank!</p>
<p>&nbsp;</p>
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		<title>Wollt Ihr nicht langsam erwachsen werden?  Eine USA Nachlese</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Boris Blaha]]></dc:creator>
		<pubDate>Fri, 11 Nov 2016 05:39:01 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Hannah Arendt]]></category>
		<category><![CDATA[Liberalismus]]></category>
		<category><![CDATA[Moral]]></category>
		<category><![CDATA[Ordnung]]></category>
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		<category><![CDATA[Globalisierung]]></category>
		<category><![CDATA[Herfried Münkler]]></category>
		<category><![CDATA[Politik]]></category>
		<category><![CDATA[Trump]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Der Versuch einer globalen Entpolitisierung ist gescheitert und hat nun auch im Mutterland der ‚political correctness‘ eine politische Gegenbewegung hervorgerufen. Die amerikanischen Wähler haben geurteilt. „The judge of a diner is not the cook, but the man who has to... <a class="more-link" href="https://www.hannah-arendt.de/2016/11/wollt-ihr-nicht-erwachsen-werden-eine-usa-nachlese/">Weiterlesen &#8594;</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p>Der Versuch einer globalen Entpolitisierung ist gescheitert und hat nun auch im Mutterland der ‚political correctness‘ eine politische Gegenbewegung hervorgerufen. Die amerikanischen Wähler haben geurteilt. „The judge of a diner is not the cook, but the man who has to eat it“, heißt es in der Politik des Aristoteles. Einen späten Widerhall hört man noch in Lincolns Gettysburg Address: „… and that government of the people, by the people, for the people, shall not perish from the earth“. Die massiven Anstrengungen großer Teile des linksliberalen Milieus, politisches Aushandeln zu verwüsten und durch moralisches Vorschreiben zu ersetzen, das nicht mehr debattiert und je verschieden beurteilt, sondern nur noch einheitlich befolgt werden soll, waren zum Glück nicht von Dauer. Das ist nicht sonderlich überraschend und spricht für die Widerstandskraft des Politischen. <span id="more-623"></span>Ein kluger Schweizer Kommentator sprach von einer <a href="http://bazonline.ch/us-wahl/friede-den-huetten-krieg-den-palaesten/story/11232666">Revolution </a>und wies darauf hin, dass sie von den Ländern mit der ausgereiftesten republikanischen Tradition ausgeht. Wie treffsicher die Antwort ist, hört man am schrillen Ton der Beurteilten, deren Hegemonie nun beendet sein dürfte. Da wird vom Ende der Aufklärung, dem Untergang des Westens und dergleichen mehr apokalyptischen Horrorszenarien daher fabuliert, als wenn das Jüngste Gericht angebrochen wäre und der Globus in den nächsten Tagen in einem schwarzen Loch verschwände. Tatsächlich verliert nur eine bestimmte selbsternannte (Priester)-Kaste ihre sicher geglaubte Vorrangstellung. Eines der momentan am häufigsten gehörten Wörter ist ‚unberechenbar‘. Man kann die Angst derjenigen, die dieses Wort im Munde führen, förmlich riechen. Was die einen unberechenbar nennen, heißt bei den anderen Freiheit. War Politik nicht immer schon die <em>Haltung zu</em> und der <em>Umgang mit</em> dem, was nicht vorherzusehen ist?</p>
<p>Eine politische Wahl war ausnahmsweise nicht nur ein vorausberechneter Stimmenkauf, sondern eine Wahl. Und es haben nicht Frauen, nicht Latinos oder Schwarze und auch nicht weiße Männer ohne Hochschulabschluss gewählt, wie uns das ‚wissenschaftliche‘ Personal weismachen will. Weder deutsche Frauen, noch französische Schwarze noch irgendein anderer Nicht-Amerikaner war zu dieser Wahl zugelassen. Es ist genau diese abgründige Lücke zwischen dem gesellschaftlichen und dem politischen In-der-Welt-Sein, die der ontologisierende Identitätsdiskurs zu verdecken sucht. Tatsächlich aber haben Amerikaner über Amerika abgestimmt. Offenkundig wollen sie mehrheitlich ein anderes Amerika, als das, welches Hillary Clinton repräsentiert. Und um dem Versuch einer Wiederholung der Dolchstoßlegende (Hillary Clinton war doch im Felde unbesiegt …) gleich die Spitze zu nehmen: was in Amerika eine politische Mehrheit ist, entscheidet nicht irgendein Neunmalkluger, sondern die amerikanische Verfassung und, sollte es begründete Zweifel geben, der amerikanische Supreme Court, wußten doch die amerikanischen Verfassungsväter, daß die Demokratie im zeitlichen Ablauf der Regierungsformen eine Verfallsform ist und orientierten sich daher mehr an der ‚mixed constitution‘, denn an ‚demokratischen‘ Mehrheiten. Deutlich ist bei dieser Wahl bislang nur, was die Amerikaner nicht wollen - was sie stattdessen wollen, darüber werden sie zu sprechen haben - Ausgang offen. Was Amerika den Amerikanern bedeutet, ist wieder eine politische Frage geworden, denn auch die Antwort der Bewegung, die Donald Trump ins Weiße Haus getragen hat, wird natürlich nicht die letzte Antwort gewesen sein. Die Frage nach dem Sinn von Glück wird sich nie endgültig beantworten lassen. Man denke nur an Albert O. Hirschman, der unseren Sinn für den Wechsel zwischen privatem und öffentlichem Glück geschärft hat. Hier liegt der geschichtliche Gleichklang zwischen dem ‚we want our country back‘ der Briten und der Amerikaner. Wer das verstehen will, könnte bei Carl Schmitts ‚Land und Meer‘ anfangen.</p>
<p>Mit dem Stalinismus ist die Idee von der <em>Allmacht des Einen</em> an ihr Ende gekommen. Heute kann jeder erfahren, was diese Idee <em>in Wirklichkeit</em> bedeutet. Da wäre es klüger, auf diejenigen Stimmen zu hören, die sich dieser Erfahrung nicht verweigert haben. Aber wie stets in letzter Zeit, wenn sich ganz überraschend Politisches bemerkbar macht, etwas aus der <em>einen</em> Menschheit, der <em>einen</em> Vernunft oder der <em>einen</em> Geschichte ausschert, steht eine ziemlich große Menge scheinbar wissender Leute wie begossene Pudel da - das war auch 1989 nicht viel anders.</p>
<p>Wer gut christlich immer nur den anderen zu etwas deklariert, vor dem man sich nur angewidert abwenden kann, hat nichts mehr zu streiten und steht mit sich alleine da. Daraus lässt sich bestenfalls eine Kirche, aber kein Staat machen. Wo Kain mit Abel stritt, statt ihn zu erschlagen, sind die Geschichten anders verlaufen.</p>
<p>Sollten wir uns da nicht besser fragen, was diese Wahl für uns bedeutet? Die machtpolitischen Konstellationen haben sich merklich geändert. Dass eine Bundeskanzlerin, deren geschichtliche Erfahrung aus der SED-Sozialisation stammt, Amerika über demokratische Werte belehren möchte, ist mehr als peinlich, es ist dumm. Man sollte Sie vielleicht fragen, was sie denn zu tun gedenkt, wenn die baltischen Länder sie an ihr Beistandsversprechen erinnern. Sind wir schon in der Lage zu halten, was auseinanderzubrechen droht? Sind die Deutschen bereit, ihre Söhne für die politische Freiheit der baltischen Republiken zu opfern? Wohl kaum. Was wird dann aus dem Solidarpakt, wenn die Garantieinstanz fehlt und <em>wir</em> den Bund nicht halten können?</p>
<p>Der &nbsp;aggressive russische Imperialismus verfügt nun über ein klares Zeitfenster für militär-strategische Optionen, denen Europa bislang wenig entgegenzusetzen hat. Es ist eher unwahrscheinlich, dass Putin die Gelegenheiten ungenutzt verstreichen lässt. Wenn Amerika es leid ist, für das alte Europa immer wieder die Kohlen aus dem Feuer zu holen, wird man sich darüber zu streiten haben, was eine Ordnungsmacht ist und welche Ordnung den Erhalt lohnt.<sup>1</sup> Mit dem Wahlerfolg Trumps sind die Weltfriedensträume des globalen Dorfes ausgeträumt. Man stelle sich nur in der veränderten Lage eine Margot Käßman als Bundespräsidentin vor. Wer da immer noch die Absurdität nicht bemerkt, dem ist nicht mehr zu helfen. Die Deutschen sind unsanft aus der amerikanisch gesicherten Komfortzone auf den Boden der Wirklichkeit geschleudert worden und reiben sich nun verwundert die Augen. Hotel Mama - das war gestern. Sie sollten jetzt schnell erwachsen werden. Es wird entscheidend darauf ankommen, wer sich von den Illusionen lösen kann und Politik wieder an dem orientiert, was tatsächlich geschieht.</p>
<h5>1 Nachtrag vom 25.11.2016. Der hervorragende Text von <em>Herfried Münkler</em> in der Oktoberausgabe der Zeitschrift Merkur ist mir erst jetzt bekannt geworden. Noch viel überzeugender, als ich es könnte, buchstabiert der Text mit dem Titel ‚<em>Ordnung</em>‘ aus, was hier nur kurz angerissen wurde.</h5>
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		<title>Die Massenbewegung des Guten</title>
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		<dc:creator><![CDATA[Boris Blaha]]></dc:creator>
		<pubDate>Mon, 05 Oct 2015 12:23:04 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Gesetz]]></category>
		<category><![CDATA[Moral]]></category>
		<category><![CDATA[Bewegung]]></category>
		<category><![CDATA[Das Böse]]></category>
		<category><![CDATA[das Gute]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>„Wo immer die Lebensnotwendigkeiten sich in ihrer elementar zwingenden Gewalt zur Geltung bringen, ist es um die Freiheit einer von Menschen erstellten Welt geschehen.“ Hannah Arendt Siebzig Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Bewegung erleben wir in Deutschland wieder eine... <a class="more-link" href="https://www.hannah-arendt.de/2015/10/die-massenbewegung-des-guten/">Weiterlesen &#8594;</a></p>
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										<content:encoded><![CDATA[<p style="text-align: right;"><em>„Wo immer die Lebensnotwendigkeiten sich in ihrer elementar </em><br>
<em>zwingenden Gewalt zur Geltung bringen, ist es um die </em><br>
<em>Freiheit einer von Menschen erstellten Welt geschehen.“</em><br>
Hannah Arendt</p>
<p style="text-align: left;">Siebzig Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Bewegung erleben wir in Deutschland wieder eine Massenbewegung, die quer durch alle Schichten das ganze Land erfasst und als Bewegung des Guten spiegelbildlich wie alle Umkehrungen an die Bewegung, gegen die sie sich kehrt, gefesselt bleibt. Vor allem in der Generation, die durch das Anti‘ groß geworden ist, scheint die Illusion weit verbreitet, sich durch eine bloße Umkehrung der geschichtlichen Verantwortung entledigen zu können&nbsp; - ein gefährlicher Irrtum. Die nationalsozialistische Bewegung und die Bewegung des Guten verhalten sich zueinander wie zwei Seiten derselben Medaille. Wie sehr dabei das absolut Gute dem absolut Bösen gleicht, ist von Dichtern und Denkern ausführlich beschrieben worden - es könnte bekannt sein. Als sich die Männer der französischen Revolution der Bekämpfung des Elends verschrieben und das Mitleid zur politischen Tugend par excellence erhoben, gerieten sie unweigerlich auf die schiefe Bahn und endeten im großen Terror - der ursprünglich politische Aufbruch wurde auf lange Sicht verspielt, an den verhängnisvollen Folgen tragen wir bis heute. Auch diese Lektion, zumal sie im alten Europa noch mehrfach wiederholt wurde, könnte bekannt sein. Sieht man sich jedoch in den aktuellen Kommentaren sogenannter Leitmedien‘ um, so fragt man sich heute, wo die einst selbstverständliche historische Bildung von Chefredakteuren geblieben ist.</p>
<p>Mit der Hinwendung zur Not (wer könnte sich jetzt noch von ihr abwenden) als ausschließlicher Grundlage des Handelns entsteht die Dynamik einer Notwendigkeit von Maßnahmen, die aus der Sache heraus zwingend sind und damit jegliche Erörterung möglicher Alternativen schon im Ansatz vernichtet - die absolut vorrangige Behebung der Not ist alternativlos. Der Zwang wird so zum alles beherrschenden Modell des Agierens und vernichtet die Möglichkeiten des Handelns. Menschliches Handeln kann es nur geben, wenn es jederzeit und für jeden die Möglichkeit gibt, etwas Überraschendes, etwas ganz Neues anzufangen. Im Zwang kann es nichts Neues mehr geben alles ist längst schon im Voraus festgelegt. Es gibt nichts mehr zu tun, es gibt nichts mehr zu entscheiden, es geht nur noch darum, die notwendigen Maßnahmen durchzuführen. Wo es nichts mehr zu tun und nichts mehr zu entscheiden gibt, verschwindet jegliche Freiheit, das reine exekutieren wird zur polizeilichen Maßnahme und ist auf Bürger, gar unterschiedliche, nicht mehr angewiesen. Wenn völlig klar ist, was zu tun ist, kann es jeder Beliebige tun, individuelle, persönliche Unterschiede sind dann überflüssig. Das Exekutieren wird zur rein technischen, im Prinzip automatischen Angelegenheit.</p>
<p>Mit der Pflicht entsteht der Zwang, mit dem Zwang die Zucht und mit der Zucht die Züchtung - alle müssen jetzt eines werden - ein Teil der allumfassenden Bewegung des Guten. Der mit dem Hinweis auf die Unteilbarkeit der universellen Menschenrechte begründete Generalangriff auf jegliche Art von räumlicher Ordnung, deren Grenzlinie ein Innen von einem Außen unterscheidet und damit für die Ausbreitung von Bewegungen eine Haltelinie einzieht (unser Haus, unsere Stadt, unser Land etc.) vernichtet vollständig jegliche Möglichkeit des Politischen - an diesem Punkt treffen sich die nationalsozialistische Massenbewegung und die Massenbewegung des Guten - jegliche Art von Grenze muss geschleift werden, wer jetzt noch von Grenze spricht, gilt bereits als Feind der Menschheit und muss radikal bekämpft werden. Kämpfen heißt jetzt nicht länger ein Streit unter solchen, die sich innerhalb einer räumlichen Ordnung als gesetzte Gleiche anerkennen und ihren Streit dadurch einhegen, sondern die Vernichtung des Schädlichen, Schädlingsbekämpfung - eine polizeiliche Maßnahme der Hygiene, so notwendig wie die Behebung der Not, die als Bewegung erst zu Ende sein kann, wenn es nirgendwo mehr eine Not gibt. Die Bewegung des Guten muss zwangsläufig von ihrer antreibenden Quelle her gesehen eine globale Bewegung sein und sich über die gesamte Erde ausbreiten. Wie könnte man noch zwischen der einen Not, die man unbedingt beheben muss und der anderen, die man einfach ignoriert, unterscheiden, wenn schon beim absurden Begriff Flüchtling‘ jegliche Differenzierung als moralisch verwerflich verurteilt wird.</p>
<p>Der von der Massenbewegung des Guten in Geiselhaft genommene Staat zerfällt. Schon werden grundlegende Rechtsinstitutionen der ‚liberalen Demokratie‘ geschleift und erneut erweist sich die ‘liberale Demokratie’ als wehrlos gegenüber der Gewalt, die von derartigen Bewegungen ausgeht. Eine Kommune kündigt langjährigen Mietern von stadteigenen Wohnungen wegen Eigenbedarf. Man brauche die Wohnungen jetzt für Flüchtlinge. Gebäude, noch spricht man nur von leer stehenden, sollen zwangsrequiriert werden, eine Maßnahme, die man sonst nur von Kriegen kennt und die dazu diente, Soldaten unterzubringen. Notwendige Maßnahmen müssen eben mit entsprechendem Zwang durchgesetzt werden, da kann man auf Rechtsverhältnisse keine Rücksicht mehr nehmen, wo gehobelt wird, fallen Späne und wer A sagt muss auch B sagen. Diese Rhetorik ist bekannt, diese Logik ist bekannt und das Ende solcher Bewegungen ist bekannt. Je länger man sie laufen lässt, umso höher wird der Aufwand, um sie wieder zum Halten zu bringen. Schon befinden sich die ersten im Modus des gerechten Krieges. Ist nicht der Kampf gegen das Elend der gerechteste aller Kriege, dem jedes Mittel recht sein muss? Und hat nicht auch schon der Papst zum Kampf gegen das Elend aufgerufen und den Kriegführenden damit den gerechten Lohn versprochen?</p>
<p>Kommunen beginnen jetzt, ihre eigenen Bürger zu bekriegen, wer sich nicht fügt, wird gefügig gemacht, in der Wendung zur Not als Sache, um die es jetzt ausschließlich gehen soll, ist der Unterschied zwischen einem Bürger und einem Fremden überflüssig. Verschwindet dieser Unterschied, wird auch der Bürger als solcher überflüssig. Das in die totale Entortung imaginierte universelle Recht schlägt alle anderen Rechte, die noch irgend etwas mit einer räumlichen Eingrenzung zu tun haben. Der Staatsbürger verschwindet. Sollten wir da nicht anfangen, uns zu fragen: wenn wir als Bürger überflüssig gemacht werden, wozu sollten wir dann noch Abgaben bezahlen? Kann eine Kommune, die weder die Landes-, noch die Stadt-, noch die Grundstücksgrenze respektiert, überhaupt noch einen legitimen Anspruch auf Grundsteuer erheben?</p>
<p>Der Text ist erschienen auf der Seite des Deutschen Arbeitgeberverbandes unter der Rubrik: <em>Texte zur Freiheit</em>. Sie können ihn <a href="https://deutscherarbeitgeberverband.de/Artikel.html?PR_ID=704" target="_blank" rel="noopener">hier</a> lesen.</p>
<p>The post <a href="https://www.hannah-arendt.de/2015/10/die-massenbewegung-des-guten/">Die Massenbewegung des Guten</a> first appeared on <a href="https://www.hannah-arendt.de">Hannah Arendt - Der Sinn von Politik ist Freiheit</a>.</p>]]></content:encoded>
					
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			</item>
		<item>
		<title>Über unsere Selektion von Leichen</title>
		<link>https://www.hannah-arendt.de/2015/08/ueber-unsere-selektion-von-leichen/</link>
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		<dc:creator><![CDATA[Boris Blaha]]></dc:creator>
		<pubDate>Sun, 30 Aug 2015 11:40:07 +0000</pubDate>
				<category><![CDATA[Europa]]></category>
		<category><![CDATA[Flüchtlinge]]></category>
		<category><![CDATA[Gesetz]]></category>
		<category><![CDATA[Hannah Arendt]]></category>
		<category><![CDATA[Moral]]></category>
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		<category><![CDATA[Srebrenica]]></category>
		<category><![CDATA[Ukraine]]></category>
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					<description><![CDATA[<p>Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht Flüchtlingsleichen von der öffentlichen Erregungsmaschinerie zum großen Mitleidsdrama hochstilisiert werden. Es scheint einen Nerv der Zeit zu treffen. Nun hätte eigentlich jeder einzelne Mensch, der mitten aus dem Leben gerissen wird, zumal... <a class="more-link" href="https://www.hannah-arendt.de/2015/08/ueber-unsere-selektion-von-leichen/">Weiterlesen &#8594;</a></p>
<p>The post <a href="https://www.hannah-arendt.de/2015/08/ueber-unsere-selektion-von-leichen/">Über unsere Selektion von Leichen</a> first appeared on <a href="https://www.hannah-arendt.de">Hannah Arendt - Der Sinn von Politik ist Freiheit</a>.</p>]]></description>
										<content:encoded><![CDATA[<p class="Normal"><span class="tm5 ">Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht Flüchtlingsleichen von der öffentlichen Erregungsmaschinerie zum großen Mitleidsdrama hochstilisiert werden. Es scheint einen Nerv der Zeit zu treffen. Nun hätte eigentlich jeder einzelne Mensch, der mitten aus dem Leben gerissen wird, zumal wenn er unverdient und ohne eigenes Verschulden gewaltsam zu Tode kommt, einen Anspruch auf unsere erinnernde und ehrende Aufmerksamkeit. Offenbar machen wir da jedoch gewisse Unterschiede. <span id="more-476"></span></span></p>
<p>Die syrische Zivilistenfamilie mit mehreren Kindern, die zu Beginn des dortigen Bürgerkriegs völlig unbeteiligt durch einen Volltreffer auf Ihr Haus zu Tode kam - niemand hat sich hier je für sie interessiert; die syrischen Bürgerkriegstoten - 10.000 Tote, 20.000, schon 50.000 - jahrelang nur eine Frage der buchführenden Statistik; der 82-jährige Chefarchäologe von Palmyra, der von IS-Schergen enthauptet wurde - eine Meldung unter ferner liefen; die russischen Mütter, denen ihre Söhne als Leichen wieder nach Hause geschickt wurden und denen verboten wurde, darüber auch nur ein Wort in der Öffentlichkeit verlauten zu lassen, offiziell gibt es keine russischen Soldaten im Ukrainekrieg - kaum jemand weiss davon; die jungen Ukrainer, die tagtäglich zu Tode kommen - sie gelten getreu der russischen Propagandalügen als Faschisten, bestenfalls übelste Nationalisten, mit denen wir nicht das geringste zu tun haben wollen; die 8000 Leichen vom ersten Völkermord nach Auschwitz - auch sie sind völlig untauglich zur öffentlichen Erregungsmaschinerie - die jährlichen Meldungen von der rituellen Beerdigung der zwischenzeitlich Identifizierten am Jahrestag von Srebrenica gehen im allgemeinen Kampf um Aufmerksamkeit völlig unter - auch sie interessieren, von wenigen Ausnahmen abgesehen, niemanden, schon gar nicht die breite Öffentlichkeit. Der ehemalige Postminister Schwarz-Schilling hatte sich vor wenigen Jahren eigens in einem eindrucksvollen <a href="http://freie.welt.de/2011/06/20/die-verdrangte-wahrheit-uber-den-bosnienkrieg/" target="_blank">Leserbrief</a> an Richard Herzinger dafür bedankt, daß das Thema unser aller Schande nicht vollständig in der Vergessenheit verschwindet, daran kann man das Ausmaß dieser Tatsachenverleugnung erahnen. ‘Die Realität ist zu ihrem Schutz auf uns angewiesen’ - ein Satz, den uns Hannah Arendt hinterließ.</p>
<p>Offenbar gibt es also solche und solche Leichen, taugliche und weniger taugliche Leichen - woher kommt dieser Unterschied? Warum stellen wir bestimmte Leichen in das Zentrum unserer Aufmerksamkeit, während wir andere vollständig ignorieren und so tun, als hätte es sie nie gegeben? Das erscheint uns so selbstverständlich, daß wir das überaus Bemerkenswerte daran kaum noch wahrnehmen. Es mag an dieser Stelle hilfreich sein, an das gegenseitige Versprechen zu erinnern, das den analytischen Freiheitsspielraum zugleich eröffnet und begrenzt. Wo der eine verspricht , alles zu sagen, was ihm in den Sinn kommt, verspricht der andere, mit einer Art von freischwebender Aufmerksamkeit auf alles gleichermaßen zu achten. Hier dagegen sind selbst die Unfalltoten, die sonst quotenmäßig das Sensationsbedürfnis befriedigen, hinter den ins Zentrum gestellten Flüchtlingsleichen verschwunden. Brauchen wir etwa Flüchtlingsleichen? Wenn ja, wofür brauchen wir sie? Schützt uns die ausschließliche Fokussierung auf bestimmte Leichen vor dem Näherkommen der anderen Leichen? Geht es uns dabei überhaupt um Flüchtlinge oder steht etwas ganz anderes auf dem Spiel? Im Ukrainekrieg wurde lange Zeit und wird bis heute nicht von Krieg gesprochen, obwohl es längst ausreichend beweiskräftige Leichen gibt - man redete höchstens vom drohenden Krieg, oder gleich gänzlich realitätsfern von Krise oder Konflikt - mittlerweile sind die Kriegsleichen völlig aus der Wahrnehmung verschwunden, mitten im Ukrainekrieg reden wir jetzt vom ‘Friedensprozess von Minsk’. Der Krieg in Syrien kam uns erst näher, als mit der drohenden Ausrottung der Jesiden unsere gewohnte Religionskriegwahrnehmung bedient wurde - aber auch dort verebbte die kurze Erregungswelle sehr schnell wieder - tatsächlich halten uns einzig die Flüchtlingsleichen dauerhaft in Atem. Diese merkwürdige Auswahl scheint es wert zu sein, darüber nachzudenken. Was steckt hinter dieser extremen Selektion zwischen Kriegs- und Elendsleichen?</p>
<p class="Normal"><span class="tm5 ">Von Kriegsleichen geht ein gänzlich anderer Anspruch aus - sie stellen an uns die Frage, wie wir uns zu diesem tatsächlichen Krieg verhalten - hier und jetzt -, ob wir ihn einfach geschehen lassen, ihn achselzuckend zur Kenntnis nehmen, daran festhalten, dass es irgendjemand schon regeln wird, oder ob wir uns von ihm in den Anspruch nehmen lassen - letzteres würde die Frage der Macht und die der Alliierten auf die Tagesordnung setzen - sie ließe sich nur politisch beantworten. Die Elendsleichen aber appellieren an unser privates Mitleid gegenüber denen, die es gerade noch geschafft haben; sie liefern uns eine hervorragende Bühne, auf der wir uns als die auserwählten Guten in Szene setzen können. Wer braucht hier eigentlich wen? Mit der ganzen Kraft einer in Jahrtausenden andressierten christlichen Nächstenliebe stürzen wir uns auf die Flüchtlinge - das läßt uns vergessen, daß die Welt ringsherum in Flammen steht, liefert doch jeder Beitrag zur Willkommenskultur Punkte fürs Paradies, eine Weltoffenheit, die sich nur für die phantasierte öffnet, die tatsächliche aber dafür opfert. Den internen Bürgerkrieg nämlich nehmen wir gerne in Kauf, man könnte sogar meinen, wir erstreben ihn. Würde man gewissen Antifagruppen Gewaltmittel in die Hand geben, sie hätten keinerlei Probleme, das rechtsradikale ‘Unkraut’ an der Wurzel auszureißen - schließlich würden sie ja für uns alle ein gutes Werk tun. Wie viele würden heimlich oder offen applaudieren?<br>
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<p class="Normal"><span class="tm5 ">Nachtrag vom 01.09: Wenn man den aktuellen Berichten Glauben schenken darf, hat auch Ungarn verstanden, daß wir die Flüchtlinge mehr brauchen als sie uns und läßt sie, zumindest für einen kurzen Moment, ziehen. Die massenhafte Mißachtung jahrtausendealter Rechtstraditionen (jeder Gast klopft vorher an die Tür, trägt seine Bitte um Aufnahme vor und achtet die Freiheit des Gastgebers) führt das Element der Gewalt in den politischen Raum ein. In der für Kontinentaleuropa typischen Spaltung von Staat und Gesellschaft erweisen sich beide Teile als nicht politisch antwortfähig: Regierungen laufen nur noch reaktiv den Stimmungen ihrer Privatgesellschaften hinterher - vor dem not-wendigen Umschlag solcher Stimmungen kann einem bange werden. Europa zerlegt sich selbst. Die Neo-Imperialisten wird’s freuen, sie brauchen nur abwarten, bis ihnen der kümmerliche Rest vor die Füße fällt.</span></p>
<p class="Normal">Nachtrag vom 04.09.: Politik findet nur dort statt, wo die Gewalt keinen Platz hat, man überredet, man überzeugt, aber man zwingt nicht. Osteuropäische Länder haben zum Umgang mit Fremden einen anderen Standpunkt als wir - sie haben auch eine andere Geschichte. Sie sollen jetzt in die Pflicht genommen werden - in einer Formulierung des SPIEGEL heißt es: „Juncker drängt auf maximale Flexibilität für seine Behörde und möglichst wenig Einspruchsrechte der Mitgliedstaaten.“ Die Wiedereinführung der Logik der Herrschaft in die Politik ist das Ende von Europa.</p>
<p class="Normal"><span class="tm5 ">Daß die französische Revolution durch die Verlagerung auf das Mitleid auf Abwege geriet und am Ende im großen Terror endete - Schwamm drüber, wer will schon aus der Geschichte lernen, wenn es darum geht, das Gute in die Wirklichkeit zu setzen. </span></p>
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