Es ver­geht kaum ein Tag, an dem nicht Flücht­lings­lei­chen von der öffent­li­chen Erre­gungs­ma­schi­ne­rie zum gro­ßen Mit­leids­dra­ma hoch­sti­li­siert wer­den. Es scheint einen Nerv der Zeit zu tref­fen. Nun hät­te eigent­lich jeder ein­zel­ne Mensch, der mit­ten aus dem Leben geris­sen wird, zumal wenn er unver­dient und ohne eige­nes Ver­schul­den gewalt­sam zu Tode kommt, einen Anspruch auf unse­re erin­nern­de und ehren­de Auf­merk­sam­keit. Offen­bar machen wir da jedoch gewis­se Unterschiede. 

Die syri­sche Zivi­lis­ten­fa­mi­lie mit meh­re­ren Kin­dern, die zu Beginn des dor­ti­gen Bür­ger­kriegs völ­lig unbe­tei­ligt durch einen Voll­tref­fer auf Ihr Haus zu Tode kam – nie­mand hat sich hier je für sie inter­es­siert; die syri­schen Bür­ger­kriegs­to­ten – 10.000 Tote, 20.000, schon 50.000 – jah­re­lang nur eine Fra­ge der buch­füh­ren­den Sta­tis­tik; der 82-jäh­ri­ge Chef­ar­chäo­lo­ge von Pal­my­ra, der von IS-Scher­gen ent­haup­tet wur­de – eine Mel­dung unter fer­ner lie­fen; die rus­si­schen Müt­ter, denen ihre Söh­ne als Lei­chen wie­der nach Hau­se geschickt wur­den und denen ver­bo­ten wur­de, dar­über auch nur ein Wort in der Öffent­lich­keit ver­lau­ten zu las­sen, offi­zi­ell gibt es kei­ne rus­si­schen Sol­da­ten im Ukrai­ne­krieg – kaum jemand weiss davon; die jun­gen Ukrai­ner, die tag­täg­lich zu Tode kom­men – sie gel­ten getreu der rus­si­schen Pro­pa­gan­da­lü­gen als Faschis­ten, bes­ten­falls übels­te Natio­na­lis­ten, mit denen wir nicht das gerings­te zu tun haben wol­len; die 8000 Lei­chen vom ers­ten Völ­ker­mord nach Ausch­witz – auch sie sind völ­lig untaug­lich zur öffent­li­chen Erre­gungs­ma­schi­ne­rie – die jähr­li­chen Mel­dun­gen von der ritu­el­len Beer­di­gung der zwi­schen­zeit­lich Iden­ti­fi­zier­ten am Jah­res­tag von Sre­bre­ni­ca gehen im all­ge­mei­nen Kampf um Auf­merk­sam­keit völ­lig unter – auch sie inter­es­sie­ren, von weni­gen Aus­nah­men abge­se­hen, nie­man­den, schon gar nicht die brei­te Öffent­lich­keit. Der ehe­ma­li­ge Post­mi­nis­ter Schwarz-Schil­ling hat­te sich vor weni­gen Jah­ren eigens in einem ein­drucks­vol­len Leser­brief an Richard Her­zin­ger dafür bedankt, daß das The­ma unser aller Schan­de nicht voll­stän­dig in der Ver­ges­sen­heit ver­schwin­det, dar­an kann man das Aus­maß die­ser Tat­sa­chen­ver­leug­nung erah­nen. ‘Die Rea­li­tät ist zu ihrem Schutz auf uns ange­wie­sen’ – ein Satz, den uns Han­nah Arendt hinterließ.

Offen­bar gibt es also sol­che und sol­che Lei­chen, taug­li­che und weni­ger taug­li­che Lei­chen – woher kommt die­ser Unter­schied? War­um stel­len wir bestimm­te Lei­chen in das Zen­trum unse­rer Auf­merk­sam­keit, wäh­rend wir ande­re voll­stän­dig igno­rie­ren und so tun, als hät­te es sie nie gege­ben? Das erscheint uns so selbst­ver­ständ­lich, daß wir das über­aus Bemer­kens­wer­te dar­an kaum noch wahr­neh­men. Es mag an die­ser Stel­le hilf­reich sein, an das gegen­sei­ti­ge Ver­spre­chen zu erin­nern, das den ana­ly­ti­schen Frei­heits­spiel­raum zugleich eröff­net und begrenzt. Wo der eine ver­spricht , alles zu sagen, was ihm in den Sinn kommt, ver­spricht der ande­re, mit einer Art von frei­schwe­ben­der Auf­merk­sam­keit auf alles glei­cher­ma­ßen zu ach­ten. Hier dage­gen sind selbst die Unfall­to­ten, die sonst quo­ten­mä­ßig das Sen­sa­ti­ons­be­dürf­nis befrie­di­gen, hin­ter den ins Zen­trum gestell­ten Flücht­lings­lei­chen ver­schwun­den. Brau­chen wir etwa Flücht­lings­lei­chen? Wenn ja, wofür brau­chen wir sie? Schützt uns die aus­schließ­li­che Fokus­sie­rung auf bestimm­te Lei­chen vor dem Näher­kom­men der ande­ren Lei­chen? Geht es uns dabei über­haupt um Flücht­lin­ge oder steht etwas ganz ande­res auf dem Spiel? Im Ukrai­ne­krieg wur­de lan­ge Zeit und wird bis heu­te nicht von Krieg gespro­chen, obwohl es längst aus­rei­chend beweis­kräf­ti­ge Lei­chen gibt – man rede­te höchs­tens vom dro­hen­den Krieg, oder gleich gänz­lich rea­li­täts­fern von Kri­se oder Kon­flikt – mitt­ler­wei­le sind die Kriegs­lei­chen völ­lig aus der Wahr­neh­mung ver­schwun­den, mit­ten im Ukrai­ne­krieg reden wir jetzt vom ‘Frie­dens­pro­zess von Minsk’. Der Krieg in Syri­en kam uns erst näher, als mit der dro­hen­den Aus­rot­tung der Jesi­den unse­re gewohn­te Reli­gi­ons­krieg­wahr­neh­mung bedient wur­de – aber auch dort ver­ebb­te die kur­ze Erre­gungs­wel­le sehr schnell wie­der – tat­säch­lich hal­ten uns ein­zig die Flücht­lings­lei­chen dau­er­haft in Atem. Die­se merk­wür­di­ge Aus­wahl scheint es wert zu sein, dar­über nach­zu­den­ken. Was steckt hin­ter die­ser extre­men Selek­ti­on zwi­schen Kriegs- und Elendsleichen?

Von Kriegs­lei­chen geht ein gänz­lich ande­rer Anspruch aus – sie stel­len an uns die Fra­ge, wie wir uns zu die­sem tat­säch­li­chen Krieg ver­hal­ten – hier und jetzt -, ob wir ihn ein­fach gesche­hen las­sen, ihn ach­sel­zu­ckend zur Kennt­nis neh­men, dar­an fest­hal­ten, dass es irgend­je­mand schon regeln wird, oder ob wir uns von ihm in den Anspruch neh­men las­sen – letz­te­res wür­de die Fra­ge der Macht und die der Alli­ier­ten auf die Tages­ord­nung set­zen – sie lie­ße sich nur poli­tisch beant­wor­ten. Die Elend­s­lei­chen aber appel­lie­ren an unser pri­va­tes Mit­leid gegen­über denen, die es gera­de noch geschafft haben; sie lie­fern uns eine her­vor­ra­gen­de Büh­ne, auf der wir uns als die aus­er­wähl­ten Guten in Sze­ne set­zen kön­nen. Wer braucht hier eigent­lich wen? Mit der gan­zen Kraft einer in Jahr­tau­sen­den and­res­sier­ten christ­li­chen Nächs­ten­lie­be stür­zen wir uns auf die Flücht­lin­ge – das läßt uns ver­ges­sen, daß die Welt rings­her­um in Flam­men steht, lie­fert doch jeder Bei­trag zur Will­kom­mens­kul­tur Punk­te fürs Para­dies, eine Welt­of­fen­heit, die sich nur für die phan­ta­sier­te öff­net, die tat­säch­li­che aber dafür opfert. Den inter­nen Bür­ger­krieg näm­lich neh­men wir ger­ne in Kauf, man könn­te sogar mei­nen, wir erstre­ben ihn. Wür­de man gewis­sen Anti­fa­grup­pen Gewalt­mit­tel in die Hand geben, sie hät­ten kei­ner­lei Pro­ble­me, das rechts­ra­di­ka­le ‘Unkraut’ an der Wur­zel aus­zu­rei­ßen – schließ­lich wür­den sie ja für uns alle ein gutes Werk tun. Wie vie­le wür­den heim­lich oder offen applaudieren?

Nach­trag vom 01.09: Wenn man den aktu­el­len Berich­ten Glau­ben schen­ken darf, hat auch Ungarn ver­stan­den, daß wir die Flücht­lin­ge mehr brau­chen als sie uns und läßt sie, zumin­dest für einen kur­zen Moment, zie­hen. Die mas­sen­haf­te Miß­ach­tung jahr­tau­sen­de­al­ter Rechts­tra­di­tio­nen (jeder Gast klopft vor­her an die Tür, trägt sei­ne Bit­te um Auf­nah­me vor und ach­tet die Frei­heit des Gast­ge­bers) führt das Ele­ment der Gewalt in den poli­ti­schen Raum ein. In der für Kon­ti­nen­tal­eu­ro­pa typi­schen Spal­tung von Staat und Gesell­schaft erwei­sen sich bei­de Tei­le als nicht poli­tisch ant­wort­fä­hig: Regie­run­gen lau­fen nur noch reak­tiv den Stim­mun­gen ihrer Pri­vat­ge­sell­schaf­ten hin­ter­her – vor dem not-wen­di­gen Umschlag sol­cher Stim­mun­gen kann einem ban­ge wer­den. Euro­pa zer­legt sich selbst. Die Neo-Impe­ria­lis­ten wird’s freu­en, sie brau­chen nur abwar­ten, bis ihnen der küm­mer­li­che Rest vor die Füße fällt.

Nach­trag vom 04.09.: Poli­tik fin­det nur dort statt, wo die Gewalt kei­nen Platz hat, man über­re­det, man über­zeugt, aber man zwingt nicht. Ost­eu­ro­päi­sche Län­der haben zum Umgang mit Frem­den einen ande­ren Stand­punkt als wir – sie haben auch eine ande­re Geschich­te. Sie sol­len jetzt in die Pflicht genom­men wer­den – in einer For­mu­lie­rung des SPIEGEL heißt es: “Juncker drängt auf maxi­ma­le Fle­xi­bi­li­tät für sei­ne Behör­de und mög­lichst wenig Ein­spruchs­rech­te der Mit­glied­staa­ten.” Die Wie­der­ein­füh­rung der Logik der Herr­schaft in die Poli­tik ist das Ende von Europa.

Daß die fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on durch die Ver­la­ge­rung auf das Mit­leid auf Abwe­ge geriet und am Ende im gro­ßen Ter­ror ende­te – Schwamm drü­ber, wer will schon aus der Geschich­te ler­nen, wenn es dar­um geht, das Gute in die Wirk­lich­keit zu setzen.