Welches Europa? – Zur russischen Invasion in der Ukraine

Zahlreiche deutsche Autoren ereifern sich in den Medien über die Frage nach Wladimir Putin’s Plänen, Motiven, strategischen Absichten. Das ist mangels entsprechendem setting ungefähr so sinnlos wie die Psychoanalyse längst Verstorbener. Putin ist nicht Russland. Wer wissen will, wohin Russland strebt, könnte statt dessen diejenigen Russen zu Wort kommen lassen, die an einem tatsächlichen Gespräch interessiert sind, selbst denken können und nicht nur eilfertig Putins Lügen wiederholen. Von diesen hört man jedoch deutlich zu wenig.

Vor lauter Putin ist Europa ganz in den Hintergrund gerückt – Europa – welches Europa? Welches Europa wollen wir eigentlich? Ist Europa bloß ein Wort, vergänglich wie Schall und Rauch, eine geographische Bezeichnung, die als totes Wissen im Lexikon steht, oder etwas uns Bedeutendes, gar politisch Bedeutendes, etwas, das Leidenschaften erweckt? Diejenigen, die hierzulande das Wort ständig im Munde führen, wollen uns weismachen, Europa wäre ganz wichtig, es wäre der einzige Schutz gegen einen Rückfall in jene grausigen Zeiten, in denen sich Nationen bekriegt, gegenseitig überfallen und Unmengen Leid übereinander gebracht haben, Europa, das wäre die politische Lektion aus dem vergangenen Katastrophenjahrhundert. Das klingt vernünftig – doch wo sind all die Sonntagsredner, hier und jetzt, wo Europa auf dem Spiel steht? Rufen Sie etwa zum Kampf, zur Verteidigung Europas? – Ich höre nichts. Ich hörte auch schon nichts, als die 8000 Bosniaken abgeschlachtet wurden, und als die Litauer am Fernsehturm in Vilnius im Januar 1991 14 Tote zu beklagen hatten, hörte ich auch nichts. Schließlich hatte doch unser langjähriger Außenminister drei Monate zuvor, nachdem die Deutschen ihre Schäfchen ins Trockene gebracht hatten, in grandioser Ignoranz der tatsächlichen Lage verkündet, nun sei der Zweite Weltkrieg zu Ende. Für Deutschland vielleicht, aber nicht für Europa.

Auch in Syrien, das mit dem Sykes-Picot Abkommen eine ähnlich kolonial-imperiale Vorgeschichte hat wie das Baltikum, schauen wir drei Jahre lang zu und werden erst aktiv, wenn mit der drohenden Vernichtung der Yesiden unsere gewohnte Religionskriegwahrnehmung bedient wird. Das wir im alten Europa Gesinnungsschlachten können, haben wir zur Genüge gezeigt und zeigen es immer noch, aber wo ist eine politische Wahrnehmung geblieben?

Man muss schon sein Ohr nach Osten neigen, um etwas Politisches von Europa zu hören. Eine Woche vor dem 75sten Jahrestag des Hitler-Stalin Paktes, über den hier bemerkenswert wenig zu hören war, fand die Litauische Präsidentin Dalia Grybauskaite zur Bedeutung des russischen Vorgehens in der Ukraine die Worte, die aus dem alten Europa nicht zu hören sind: “Ich sehe das nicht nur als Gefahr für die Ukraine, sondern für die ganze internationale Gemeinschaft. Hier wird mit brutaler Gewalt versucht, die europäische Landkarte neu zu zeichnen und die Nachkriegsarchitektur Europas zu unterhöhlen.” Es ist auch Litauen und nicht etwa Deutschland, das die Dringlichkeitssitzung der UN beantragt. Man hätte also hören können. Man soll später nicht sagen, uns hätte niemand gesagt, was auf dem Spiel steht.

Was aber ist mit dem alten Europa, von dem man nichts hört? Ist etwa die EZB eine europäische Institution oder vielmehr eine Vereinigung zum Schutz korrupter politischer Systeme vor übermäßigem Reformdruck. Ist etwa der Euro, den Mitterand erzwungen hat, um Frankreich vor einer übermächtig werdenden deutschen Volkswirtschaft zu schützen, eine europäische Währung? Fast überall, wo man im alten Europa hinter die Kulissen blickt, kommen die alten Nationalismen zum Vorschein. Ist Europa ein potemkinsches Dorf?

Wäre Europa etwas Politisches, hätte es ein Versprechen sein müssen, eines mit einer dreifachen Bindung, eines, mit dem sich die Menschen, die etwas versprechen, selbst binden, eines, mit dem sie sich an die anderen, denen sie etwas versprechen, binden und eines, mit dem sie sich zusammen an eine gemeinsame Sache binden. Erst ein solches Versprechen hätte aus Europa etwas hervorgebracht, was im Bewusstsein aller in der Zeitlichkeit gehalten werden muss, gerade dann, wenn es gefährdet und bedroht ist. Die Balten wissen, wovon die Rede ist, sie strömten aus dem ganzen Land zusammen, um ihre öffentlichen Institutionen vor den russischen Panzern zu schützen. Und wir? Strömen wir irgendwo hin, um Europa zu schützen? Schon die Vorstellung, dass wir unser Parlament umstellen würden, ist absurd – wir doch nicht!

Man hört viel von Europa, wenn es um nichts großes geht wie die Leistungsbeschränkung von Haushaltsgeräten oder die Krümmungsgrade von Gurken, wenn nur die Erregungsunkultur der Medien bedient werden muss, aber sobald es ernst wird, wird es immer eigentümlich still in diesem alten Europa. Wir sind müde geworden, müde und dekadent. 68 hat den Trümmerhaufen, den es vorgefunden hat, noch ins Gigantische vergrößert, wir erleben hier und jetzt einen historischen Moment, in dem ganz unterschiedliche historisch-politische Zeitlichkeiten aufeinandertreffen. Wir Deutschen sind an uns selbst so kaputt, dass es noch Generationen dauern wird, bis wir aus diesem Loch wieder herauskommen. Die Herausforderung Putins ereilt uns zu einem Zeitpunkt, zu dem wir politisch gar nicht antworten können – woher auch, die letzte Möglichkeit, eine eigene ‘constitutio libertatis’ zustande zu bringen, wurde 1989 verpasst. Wir können uns also nur in die zweite oder dritte Linie stellen und uns hier und jetzt denjenigen unterordnen, die an sich selbst weniger kaputt sind, die ‘nur’ durch die Korrumpierung durch andere kaputt gemacht wurden, aber auf eine eigene Vorgeschichte zurückgreifen können, an die sich anknüpfen läßt.

Denn wenn Europa jetzt nicht aufwacht, es nicht fertig bringt, jenen Ordnungsrahmen gegenüber einer kriegerischen Herausforderung aufrechtzuerhalten, auf den es sich bereits 1928 mit der Ächtung des Angriffskrieges (Briand-Kellogg Pakt) geeinigt hat, ist das politische Europa Geschichte, bevor es überhaupt angefangen hat.

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Hannah Arendt Preis “für politisches Denken” an Pussy Riot?

Einer Jury, die seit Jahren im eigenen Saft brät, scheint der Geist verdampft zu sein. Mit dieser Entscheidung ist sie nun endlich auf dem Niveau des moralerhabenen deutschen Gutmenschen angekommen, der seine symbolischen ‘ein Zeichen setzenden’ Aktionen für etwas Politisches hält und längst nicht mehr bemerkt, dass er damit nur sein eigenes Selbst bewichtigt, zu einer wohnlicheren Welt aber nichts beiträgt. In einer Gesellschaft, die in weiten Teilen jegliche Politikfähigkeit eingebüßt hat und es genießt, mit Konflikthaftem nicht konfrontiert zu werden, wird man damit auf wohlfeilen Beifall treffen. Die Claudia Roth’s des Landes werden begeistert sein. Hannah Arendt aber und Zoltán Szankay, dessen anfänglicher Initiative der Preis seine Entstehung verdankt, werden sich im Grabe herum drehen. Daß ‘nebenbei’ noch eine Stimme der ukrainischen Unabhängigkeitsbewegung ausgezeichnet wurde, geht bei dieser albernen Doppelvergabe völlig unter.

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Über das Böse? – Was für ein Irrtum?

Hannah Arendt hielt 1965 an der New School for Social Research in New York eine Vorlesung unter dem Titel: “Some Questions of Moral Philosophy.” Die Vorlesung wurde von Jerome Kohn 2003 als Teilstück in dem Sammelband “Responsibility and Jugdement” herausgegeben.  2007 kam die von Ursula Ludz besorgte deutsche Übersetzung bei Piper unter dem Titel: “Über das Böse – Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik” heraus.

Der eigenmächtige deutsche Titel ist nicht nur falsch, sondern darüber hinaus politisch gefährlich. Der ‘falsche’ Titel ist aber nicht nur einfach so, rein zufällig, falsch, etwa, weil der Verleger den Text weggelegt und nur seine Rechnung kalkuliert hat. Der falsche Titel ist in einem ausgezeichneten, uns etwas bedeutenden Sinne, falsch, er lässt jene Diskrepanz erscheinen, auf die Zoltán Szankay schon früh aufmerksam gemacht hat, und die darin liegt, dass man über Hannah Arendt redet, sich aber gleichzeitig gegen den Anspruch ihres Sagens verschließt, ihn in einer wehrhaften, sicheren Stellung verwehrt.

Deshalb lege ich hier eine Lektüre dieser Vorlesung vor, die sich der Gefahr des Verlesens aussetzt und die man, in Anlehnung an einen Titel von Klaus Heinrich auch nennen könnte:  Von der Schwierigkeit, mit Hannah Arendt ins Gespräch zu kommen.

Der Text ist Zoltán Szankay gewidmet – er wäre im Mai 85 Jahre alt geworden:
» Zwischen Churchill und Senat

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Philosophie, Du kriegst uns nie

Am 5. Mai dieses Jahres jährte sich der Geburtstag von Soren Kierkegaard und zwar zum 200. mal. Wie zu solchen Jahrestagen üblich bringt die schreibende Zunft in den Feuilletons einschlägige Essays. So auch in der ZEIT vom 2. Mai 2013, in der Tilo Wesche unter der Überschrift „Kampf den Spießern!“ einen kurzen und informativen Abriss über das Kierkegaardsche Denken gibt. Kiergegaard wird dort als nachidealistischer Philosoph porträtiert, der gegen das abstrakte Systemdenken den konkreten Menschen ins Zentrum seines Denkens rückt. Mit existentieller Radikalität, so Wesche, verwirft Kierkegaard die Idee einer (prä)stabilisierenden Vernunft und Moral, von vorgegebenen Zielen und Zwecken. Statt metaphysischer Gewissheiten ist es nun der Sprung in die Entscheidung, der zu einer bestimmten Lebenspraxis führt. Nicht mehr die Suche nach Letztbegründungen, sondern das offene Verhältnis zur Welt seien für und mit Kierkegaard die Voraussetzungen des gelingenen Lebens, so Wesche weiter.

Konsens-Leid
Interessant wird es nun an jenen Stellen, an denen Wesche die Brücke zur Gegenwart schlägt, um die politische Relevanz von Kierkegaard zu verdeutlichen und politische Anschlussfähigkeit herzustellen. Interessant deshalb, weil auch Wesche einen Sprung vornimmt, der sich so unscheinbar ausnimmt, dass man glatt über ihn hinwegsieht. Zunächst besteht Wesche auf die Wichtigkeit der Frage nach dem guten Leben im Kierkegaardschen Werk. Diese ließe sich vom Einzelnen jedoch nicht einfach beantworten und wenn, dann nur in einem negativen Sinne als Antwort auf die Frage nach dem misslingenden Leben. Wesche schreibt.„Wenn wir auch nicht wissen, wie zu leben gut ist, so wissen wir doch zuerst, was wir nicht wollen – wir wollen nicht leiden.“ Wie kommt man plötzlich so umstandslos vom Ich, von dem vorher exklusiv die Rede war, zum Wir? Man wird einwenden wollen, dass es sich nur um eine Petitesse, ein rhethorisches Stilmittel handelt, ohne tieferen Sinn. Allerdings: „Wenn ich auch nicht weiß, wie zu leben gut ist, so weiß ich doch zuerst, was ich nicht will – ich will nicht leiden.“ So umformuliert zeigt der Satz, dass der Weg vom Ich, vom Einzelnen, zum Wir, zur politischen Gemeinschaft, keineswegs so geradlinig verläuft, wie hier untergeschoben. Während der „Ich-Satz“ durchaus offen lässt, wie und ob mein Nicht-leiden-wollen mit oder gegen die Anderen realisiert werden soll (und dabei eine egoistische Färbung bekommt), suggeriert der originale Wesche-Wir-Satz, dass das Nicht-leiden-wollen schon universelle Gültigkeit besäße, das ohne politische oder sonstige Ausenandersetzungen quasi kostenlos zu haben wäre. Handelt es sich hierbei nicht um eine Spielart jener Abstraktheit (und metaphysischer Gründung), die zuvor mit Kierkegaard verworfen wurde?

Was man wissen muss
Während etwas zusammengedacht wird, was keineswegs zwanglos zusammengehört, wird die Operation in gleicher Weise eine Zeitungsspalte weiter wiederholt und zwar im Zusammenhang mit der Kierkegaardschen Herangehensweise an das Thema der Selbsttäuschung. Mit Bezug auf Kierkegaard heißt Selbsttäuschung für Tilo Wesche, dass jemand ohne äußeren Grund kein offenes Verhältnis zur Welt entwickelt, um die Dinge realitätsgerecht sehen zu können. Aus den metaphysischen Fängen entlassen, wird die menschliche Freiheit, das offene Verhältnis zur Welt in neuer Weise ermöglicht. Zugleich nimmt aber die Neigung zu, so Wesche, sich der Selbsttäuschung hinzugeben und auf schwierige Fragen einfache Antworten gelten zu lassen. Wesche folgert: „Für uns heute heißt dies: Wir können uns nicht herausreden. Wenn wir vor den Folgen des Wachstums die Augen verschließen oder ökonomische Krisen kleinreden, dann können wir nicht einfach die ‘Unübersichtlichkeit’ der Verhältnisse für unsere Blindheit verantwortlich machen.“
Dieser Satz ist insofern bemerkenswert, als dass er zwar nicht für eine einfache Antwort eintritt, so doch eine mögliche richtige Antwort, wie komplex auch immer, voraussetzt. Die Verhältnisse mögen unübersichtlich sein, aber man kann der Blindheit wissend entfliehen, so offenbar die Folgerung von Wesche. Aus der Selbsttäuschung hat Wesche also eine ideologisches Subjekt geformt, was die Ausgangslage insofern umkehrt, als dass Selbsttäuschung für Kierkegaard die Öffnung zur Welt verhindert, während sie für Wesche das Wissen zur Wahrheit verstellt. Aus dem offenen Verhältnis zur Welt wird so das a-politische Wissen um die Welt. Und mit dem oben zitierten „Wir“ sind, wie im ersten Zitat auch, keineswegs die pluralen Akteure in einem strittigen politischen Raum gemeint, an deren Urteilskraft ich appellieren kann, sondern die möglichen Mitwisser, die die Dinge so sehen, wie sie jenseits der Selbsttäuschung wirklich sein sollen. Gleich so, als ob unsere Realität nicht von jenem – im eigentlichen Sinne politischen – Wir abhängt, das, um mit Arendt zu sprechen, in jenem Zwischen lebt und handelt, das zwar nicht greifbar, aber realitätsstiftend ist.

Das Kapital der Soziologie
Wenn man das „Wir“ nicht politisch denken kann oder will, so taucht es im Sozialen wieder auf, könnte man in Anlehnung an Arendt und Freud formulieren. Und so sicher wie das Amen in der Kirche endet die Spießerkampfansage ganz bürgerlich mit der Frage nach dem Sozialen. Schlußendlich muss Wesche Kierkegaard zur Last legen – man spürt, wie Leid es ihm tut-, die „sozialen Ermöglichungsbedingungen von Selbsterkenntnis“ nicht mitbedacht zu haben, kann doch das existentielle Ich die soziale Transzendenz für sein eigenes und eigentliches Sein nicht schultern oder durchschauen, so der Vorwurf. Und da das Ich nicht in einer genuin politischen Welt, in einem Zwischen, gedacht werden kann und soll, muss Wesche noch einen Experten, nein nicht für die Welt, so doch für die sozio-ökonomische Realität hinzuziehen, sprich Karl Marx. So zerfällt die Frage nach dem Politischen, nach dem politischen Wir, in zwei Teile: auf der einen Seite das freie, existentielle, expressive Ich und auf der anderen die „wirkliche“ soziale Realität. Von politischer Relevanz oder politischer Öffnung bleibt nicht mehr viel. Wenn Tilo Wesche Kierkegaard und Marx in einer „Geschwisterbeziehung“ Hand in Hand durch die Geschichte spazieren lässt, so fügt sich das so auf skurrile Wiese in die gängige Ordnung der deutschen Philosophie und Sozialwissenschaft. Das ist nicht schön gedacht, aber lustig.

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“Töte zuerst” – oder – ‘Die Verrückten’

“Moment mal, du bist kein Beobachter, du bist Teil des Spiels”
Yuval Diskin (Leiter Schin Bet 2005–2011)

Am 05.März 2013 zeigt arte, einen Tag später auch ‘Das Erste’ die Dokumentation des israelischen Regisseurs Dror Moreh. “Töte zuerst” (Orginaltitel: “The Gatekeepers”). Da es ein neuralgisches Thema berührt, in der internationalen Produktion der NDR als Koproduzent mitwirkt, der Film zudem noch für den Oscar nominiert ist, ruft er auch bei uns ein reges Medienecho hervor, ein Blogautor der ‘Achse des Guten’ versteigt sich gar, des etwas unglücklichen deutschen Titels wegen, in die Manie, den NDR als Verschwörer zu entlarven und verliert vor lauter Entlarverei den Film dabei völlig aus den Augen.

Das alles wäre nicht weiter der Rede wert, gäbe es da nicht im Film ein fast unscheinbares, aber hoch bedeutsames Detail, das die Kommentatoren der sogenannten deutschen Leitmedien offenbar nicht bemerkt haben und das es rechtfertigen mag, die Gelegenheit zu nutzen, um mit ein wenig Abstand am Rande der tagtäglichen Spektakelskandali-sierung den Film oder besser die Filme noch einmal zu Wort kommen zu lassen, aber zunächst zum Detail.

Es dauert bis zur 19ten Minute und urplötzlich hört man etwas, das man nicht sieht. Zu den sechs ehemaligen Geheimdienstchefs, die über Ihre Erfahrungen berichten, kommt aus dem Off eine siebte Stimme hinzu, sie kommt jedoch nur hörend in die Wahrnehmung, rückt aber nicht ins Bild. Man sieht weder das Gesicht zur Stimme, noch sonst irgend ein Anzeichen von Anwesenheit, etwa einen Schatten. Es ist daher nur wahrscheinlich, aber nicht gewiss, dass es sich hier um den Interviewer, also den Regisseur selbst handelt. In dem Augenblick, in dem man ihn, wenn auch nur kurz, reden hört, beleuchtet dieser Augenblick die gesamte bisher abgelaufene Szenerie gänzlich neu, denn der, den man da nur hört, muss, der Sichtbarkeit entzogen, von Beginn des Films an dagewesen sein. Da es allerdings 19 Minuten dauert, bis diese Stimme überhaupt in die Wahrnehmung kommt und fragend den bislang ungestörten Redefluss des gerade Sprechenden unterbricht, scheint es fraglich zu werden, ob es sich hier überhaupt um Interviews im gewöhnlichen Sinne handeln kann, wird doch, normalerweise, bei einem richtigen Interview der Zuschauer nur Zeuge eines Gesprächs zwischen dem Interviewer/Moderator und einem oder mehreren Interviewten. Auch die räumliche Konstellation passt nicht so recht zum Interview, sitzen sich doch normalerweise die handelnden Personen gegenüber, an einem Tisch oder in offener Runde. Dem Zuschauer werden die Fragen, sowie die Antworten präsentiert und die Kamera schwenkt zwischendurch von einem zum anderen. Meistens, bei Politikerinterviews ohnehin, sind die Fragen vorher fest vereinbart und es handelt sich nur um die Illusion eines Gesprächs. Der Zuschauer ist in dieser Konstellation nicht Teil des ‘Gesprächs’, sondern Publikum, das ‘Gespräch’ selbst findet vor ihm, räumlich deutlich getrennt, auf einer Bühne statt, eine seit langem bekannte Konstellation – man findet sie in jeder Kirche, was neben anderem den Vorzug hat, dass man als Zuschauer jederzeit verschwinden kann, ohne das Geschehen da vorne zu beeinträchtigen, während das Verschwinden als Dialogpartner wenigstens unhöflich wäre, denn irgendwie wird man ja doch als Angesprochener im Gespräch gehalten.

In einem Interview erzählt Dror Moreh, dass ihn ein anderer Film zu ‘The Gatekeepers’ inspiriert hat, ‘The Fog of War’ aus dem Jahre 2003 von Errol Morris, eine gute Gelegenheit, diesen noch einmal anzuschauen und man bemerkt, entsprechend sensibilisiert, recht schnell, was Dror Moreh inspiriert hat: Der Film von Errol Morris arbeitet mit einem ganz ähnlichen setting. Auf einem Stuhl sitzt der 85jährige Robert Strange McNamara, ehemaliger Verteidigungsminister unter Kennedy und Johnson und erzählt uns in der hierzulande aus der Erfahrung entlassenen Figur des Großvaters, was er aus seinem Leben gelernt hat und an die Enkelgenerationen weitergeben möchte. Auch in diesem Film kommt der ‘Interviewer’ nur hörend in die Wahrnehmung – er bleibt in der Länge des gesamten Films dem Blick entrückt. Das daraus resultierende charakteristische Schwanken in der Einstufung war auch schon bei ‘The Fog of War’ zu bemerken , meinten doch manche, es handle sich mehr um einen Monolog, denn um ein Interview. Dem Regisseur wurde gar vorgeworfen, er hätte sich von McNamara instrumentalisieren lassen, weil er darauf verzichtet habe, ihn kritisch zur Rede zu stellen. Ob in dem ‘zur Rede stellen’ das zu Wort kommt, was zu Hören aufgegeben ist, darf gefragt werden. Die Klassifizierung als Monolog wäre jedenfalls nur ebenso unzutreffend, da der Interviewer ja auf eine etwas unheimliche Weise abwesend anwesend ist. Diese eigenartige Konstellation lenkt unseren Sinn in den Kern der Freudschen Erfahrung. Am Anfang des 20sten Jahrhunderts findet der Jude Freud jenen besonderen Raum wieder, in dem sich das Sprechen vom Verkünden lösen kann – es spricht sich frei. Am Ende seines Schreibens wird Freud mit dem Mann Moses die Dimension dieser Erfahrung für uns markiert haben.

Soweit sich in den beiden Filmen der ‘Interviewer’ aus dem Bild rückt, sich als Fragender entzieht, rückt er die Interviewten aus der direkten Verantwortung aus, es geschieht etwas, das in dem ‘zur Rede stellen’ gerade verfehlt würde, uns als Zuschauer wiederum rückt es in ein besonderes Sprechen ein, in dem sich der Schwerpunkt vom Sehen zum Hören verlagert. Dieses setting, das kaum noch als Dialog eingestuft werden kann, zumal sich auch die Blickachsen der Sprechenden mit denen des Hörenden nur in ganz kurzen Momenten kreuzen, verrückt beide Positionen, es verschiebt die gesamte Topologie und öffnet ein Zwischen, das die ‘Verrückten’ anders als gewöhnlich wieder zusammenbindet. Es ist oft bemerkt worden, dass die Geheimdienstchefs auffallend frei und offen von etwas erzählen, von dem normalerweise nichts nach Draußen dringt. Zudem wenden sich die Geheimdienstchefs von denjenigen ab, denen sie zuvor ihre Sicht der Dinge zur Beurteilung und Entscheidung vorgelegt haben. Allen entscheidenden israelischen Politikern, wohl nur mit Ausnahme des gerade deshalb getöteten Rabin, wird an mehreren Stellen ein gefährlicher Mangel an politischer Klugheit attestiert. Die Abwendung in die eine ist zugleich eine Hinwendung in die andere Richtung, was nebenbei im englischen Titel deutlich hörbarer zu Wort kommt. Mit der Hinwendung und dem Appell an uns verschiebt sich jedoch auch unsere Position des ‘Zuschauers’, sie rückt merklich ins Unbehagliche, wird der Angesprochene doch in einer Weise adressiert, die ihm zumutet, zu beurteilen, was ihm da gesagt wird, den Fluss des Bedeutenden aus- und aufzuhalten. Unbehaglich gerade deshalb, weil wir uns so sehr daran gewöhnt haben, genau diesem Sprechen den Rücken zuzuwenden. Von wo aus da verrückt wird, mag eine Episode in Erinnerung rufen.

Im Dezember 1993 veröffentlicht die Zeit ein Gespräch zwischen Adam Michnik und Jürgen Habermas, moderiert von Adam Krzeminski. Das Gespräch versammelt eine ganze Reihe von Ungleichzeitigkeiten, von denen hier nur eine herausgegriffen werden soll. Adam Michnik kommt auf das Thema Jugoslawien zu sprechen, es ist 1993, der erste Völkermord in Europa nach Ausschwitz hat noch anderthalb Jahre Zeit, aber im Unterschied zum Vertreter der Aufklärung lässt sich Michnik auf die Begegnung ein. Er sagt zu Habermas: “Mein Eindruck ist, dass der Balkan Europa prinzipiell herausgefordert hat. Man sagt dort: Schluss mit Auschwitz, mit dem demokratischen Europa ist es vorbei, nun kommt die Utopie der ethnisch reinen Staaten. Das ist die erschreckendste Botschaft, der ich in meinem Leben begegnet bin. Das ist gefährlicher als der Kommunismus.” Habermas antwortet darauf: “Am besten wäre es, wenn die Amerikaner einmarschierten und vierzig Jahre blieben, dann bekämen wir eine ebenso stabile Demokratie wie die Bundesrepublik.”

 Vor diesem Hintergrund lässt der Film von Dror Moreh für uns ein Moment einer Erfahrung zu, in der viel auf dem Spiel steht, eine Erfahrung, die bei Srebrenica noch durch ihre Unmöglichkeit verbannt war und man wird sich vielleicht noch daran erinnern, dass seinerzeit eines jener Ohren, das gerade im Beginn war, sich dem Hörbaren zu öffnen mit einem roten Farbbeutel sofort wieder taub gemacht werden musste.

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Zusammengewürfelt

27.03.2013 – DIE WELT: Tilmann Krause berichtet unter dem Titel ‘Entfesselter Mob’: “Und jetzt Til Schweiger. Der lobt den Bundeswehreinsatz in Afghanistan und findet auch noch zu allem Überfluss, die heutigen Heldentaten deutscher Soldaten würden viel zu selten gewürdigt. Umgehend fackelt man das Auto seiner Freundin ab und bewirft ihr gemeinsames Haus in Hamburg mit Farbbeuteln.”

Krause erinnert auch an den ‘Shitstorm’, der über die Schauspielerin Katja Riemann hereinbrach, weil sie in einer Talksendung die sinnfreien Belanglosigkeiten eines selbstverliebten Moderators (für die wir ja unsere Demokratieabgabe entrichten) als solche erkennbar werden lies.

Schon etwas länger zurück, aber darum nicht weniger erinnerungswürdig, liegt die Hetzkampagne gegen Thilo Sarrazin, bei der zuletzt der Historiker Hans-Ulrich Wehler, ein weithin geachteter Mann, sich bemüßigt fühlte, den Eiferern ins Gewissen zu reden – sie werden ihn kaum gehört haben. Einer der widerwärtigsten Figuren in dieser Kampagne war seinerzeit der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, ein Konvertit (der Bekenntniszwang unter diesen muss erheblich höher sein, weil der Zweifel einen biographischen Ansatz hat), der Sarrazin wegen seiner Äußerungen zum Judentum in die Nähe der nationalsozialistischen Euthanasiedebatten rückte, wohl wissend, dass bei der Assoziation von Euthanasie und Judentum hierzulande die antifaschistischen Reflexe zuschlagen und das Denken verschwindet. Wenige Tage später musste sich Herr Kramer von Chaim Noll, einem deutsch-jüdischen Schriftsteller, der in Israel lebt, vorhalten lassen, dass “ihm offenbar elementares Grundwissen über das Judentum abhanden gekommen ist.” Aber da war die Kampagne schon in vollem Gange.

06.01.2013 – arte tv zeigte den herausragenden Dokumentarfilm “Töte zuerst”, der sich von einem ebenso herausragenden Vorbild, ‘The fog of war’ inspirieren lies, dieser ist allerdings, des notorischen Antiamerikanismus wegen, wenig bekannt. Der Film von Dror Moreh lässt sechs ehemalige Chefs des israelischen Inlandsgeheimdienstes Schin Beth zu Wort kommen. Schon dadurch unterbricht er die üblichen Zuordnungen zu linksradikalen Rebellenromantikern oder falsch verstandener Rücksichtnahme. Im Abschnitt ‘Unser eigen Fleisch und Blut’ berichten zwei der Geheimdienstchefs von der Aufdeckung einer jüdischen Terrororganisation, die Bombenanschläge auf Palästinenser verübt hatte und plante, mithilfe von Semtex Sprengstoff den gesamten Felsendom in die Luft zu sprengen. Die Gruppe wollte die finale Entscheidungsschlacht (Armageddon) zwischen Recht- und Ungläubigen auszulösen. Zitat: “Eine Sprengung des Felsendoms hätte einen totalen Krieg zwischen Israel und allen islamischen Ländern auslösen können”. Drei der Täter wurden vor Gericht gestellt und zu lebenslänglich verurteilt. Die Gruppe war jedoch bestens in die Politik vernetzt. Alle, auch die lebenslänglich Verurteilten, kamen sehr schnell wieder frei – das israelische Parlament beschloss eine Amnestie und der Premierminister unterzeichnete sie. Sie kehrten in ihre alten Positionen zurück, als ob nichts gewesen wäre, einige wurden sogar befördert, so erzählt es uns der israelische Inlandsgeheimdienst. Israel, zwar ein Rechtsstaat, hat aber keine geschriebene Verfassung und so auch keinen eigentlichen Supreme Court, der über die Einhaltung derselben wachen könnte.

16.03.2013 – FAZ: In der Rubrik “Fremde Federn”, was hier mal nichts mit Plagiat zu tun hat, schreibt Robert Goldmann, ein amerikanischer Jude deutscher Herkunft, der in New York lebt, über ‘Israels vitale Demokratie’. Anlass des Textes ist eine Wahl in Israel, in der eine relativ junge Partei genügend Stimmen erhielt, um alteingessene Parteien zu Koalitionsverhandlungen zu bewegen. Zitat: “Warum ist Israel die einzige wahre und dauerhafte Demokratie in der Region? … weil es eine zivilisierte Art des Streitens und Diskutierens ist, die Juden schon übten, bevor Moses vom Berg Sinai mit den zehn Geboten zurückkehrte, … Daher die jüdische Liebe zu dieser Regierungsform.”

Beunruhigendes Auseinanderdriften der Zeitläufte: Während in Ost-Mitteleuropa die Freunde der Gesinnungsgewißheit die verfassungsmäßig verankerte führende Rolle reihenweise abgeben mussten, hat man den Eindruck, im zivilisierten Westen verbreite sich der Tugendfuror. Aber wir haben uns ja gerade selbst den Friedennobelpreis verliehen – da können wir uns doch ganz beruhigt zurücklehnen.

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Frau von Trotta’s verunglückte Hannah Arendt

Der Film enthält zweifellos eine Reihe beeindruckender Szenen, so die aus dem Gerichtssaal in Jerusalem, in denen auf der einen Seite israelisches Dokumentations-material vom Prozess genutzt wird und man den tatsächlichen Adolf Eichmann in seinem Glaskasten sieht und hört und auf der anderen Seite eine gespielte Hannah Arendt, die angestrengt und voller Erstaunen bemerkt, dass ihre Vorstellungen von Eichmann überhaupt nicht mit dem zusammen passen, was sie da sieht und hört.

Anders als Hegel, der gesagt haben soll, wenn der Gedanke nicht zur Wirklichkeit passt, umso schlimmer für die Wirklichkeit, ist für Arendt vorrangig, was sie da auf- und wahrnimmt. Etwas in die Wahr nehmen, etwas von dem, was als Wirkliches von sich aus entgegen kommt, in die Obhut nehmen, das sind die Assoziationen, die sie von Heidegger gehört hat, denn wenn die Wirklichkeit nicht zum Denken passt, dann  – in einer Kehrtwendung gegen Hegel und das gesamte Christentum-  ist der Mensch das Problem, nicht die Wirklichkeit. Dieser so normale, mittelmäßige Eichmann, dieser gedankenlose, fast lächerliche Bürokrat, wie wir ihn zu Tausenden in jeder Anstalt finden, er passt so gar nicht zu der Monströsität des Verbrechens, an dem er beteiligt war.

Auch die Schlussszene, Arendts Vorstellungs- und Verteidigungsrede im Hörsaal – sind wir nicht beeindruckt von der unabhängigen, souveränen Haltung dieser mutigen Frau, die sich von all der Medienhysterie nicht beeindrucken lässt, die stark und selbstbewusst ihren Weg gegen alle Widerstände geht und selbst in Kauf nimmt, dass langjährige Freunde sich von Ihr abwenden. So wären wir doch alle gerne, wenn wir es nur könnten….

Es dauert ein wenig, bis sich die ersten Zweifel regen, dass etwas nicht stimmt an diesem Film. Heidegger legt man an einer Stelle in den Mund, dass Denken etwas mit Einsamkeit zu tun haben soll und so sieht man dann Hannah Arendt häufig alleine, alleine am Schreibtisch, alleine rauchend auf der Couch, alleine im Landhaus im Wald. Im Gespräch mit Gleichrangigen sieht man die Arendt eher selten, wenn, dann fast nur beiläufig. Doch Einsamkeit ist ein unpolitisches, christliches, genauer monotheistisches Phänomen. Platon verlies ‘in vollkommener Vereinzelung’ die angeketteten Menschen in der Höhle, Moses ging ganz alleine auf den Berg und kam mit den Zehn Geboten in Stein geschlagen als Verkünder einer von da an unbezweifelbaren Gewissheit wieder und Echnaton war ebenso allein, als ihn die Vorstellung des neuen Mono-Gottes Aton übermannte, von den vielen Propheten, die erst alleine in irgendeiner Wüste sich die Wahrheit abgehungert haben, gar nicht zu reden.

Sokrates hingegen war in dem Bild, das sich von ihm überliefert hat, nie alleine – und auch nicht hungrig. Sokrates war immer im Gespräch, auf dem Marktplatz mit zufällig vorbeikommenden Athener Bürgern, zuhause oder im Gasthaus zusammen mit vielen anderen. Was von Sokrates überliefert ist, findet im Modus eines Gesprächs statt. Man sitzt zusammen, isst etwas, trinkt einen  mit viel Wasser verdünnten Wein und unterhält sich über die Dinge, die alle etwas angehen.

Wenn die Film Arendt diskutiert, dann eher gegen andere, selten mit ihnen um etwas, was erst noch hervorkommen könnte. Mehrere Szenen zeigen die Diskussionen in und mit der Familie Blumenfeld in Jerusalem, doch diese Diskussionen sind nie ein Gespräch, schon gar kein philosophisch oder politisches, sie zeigen Arendt mit dem – meistens vergeblichen – Versuch , die anderen von Ihrer Meinung zu überzeugen. Auch die Szenen in ihrer Wohnung: es ‘diskutiert’ Heinrich und auch dort geht es um ein Gegeneinander – Heinrich Blücher gegen Hans Jonas. Obwohl Hannah Arendt zu den wenigen politischen Denkerinnen gehört, die sich bestens in der griechisch-römischen Antike auskennen, kommt in dem ganzen Film das, was sowohl die politischen Griechen als auch die republikanischen Römer unter einem Gespräch verstanden, nirgendwo vor. Warum eigentlich nicht?

Einer der Anknüpfungspunkte von Heideggers Meditationen ist der Begriff Wahrheit. Heidegger übersetzt das griechische Wort aletheia mit Un-Verborgenheit und interpretiert zunächst ganz im Sinne der Aufklärung über die Lichtmetapher Wahrheit als etwas, was ans Licht gebracht wird, der Mensch holt sie aus der Verborgenheit hervor, er deckt auf, er stellt das Objekt, den Gegenstand ins Licht. Allmählich verschieben sich die Gewichte. Heidegger zweifelt immer mehr an den Menschen, die Wahrheit machen, Wahrheit herstellen. Die Wissenschaft denkt nicht, sagt er, weil Wahrheit als Gewissheit herstellen etwas anderes ist, als Wahrheit in Freiheit von sich aus hervorkommen lassen. Der Mensch zerrt jetzt ans Licht, er entreißt mit dem Experiment der Natur ihr Geheimnis, er entlarvt, er zieht den Schleier herunter, er jagt der Wahrheit hinterher, der Hund stellt das Wild, der Schuss tötet es. Aufklärung verknüpft sich mit Gewalt. Die moderne Naturwissenschaft übernimmt von der monotheistischen Religion die Vorstellung von Wahrheit als Gewissheit. Wahr ist das, was sich wiederholen lässt, was unabhängig von Ort und Zeit, von Sprache und Kultur seine Gültigkeit behält und Sicherheit verspricht.

Auch die kommunistischen Ideologien vertrauten völlig auf die Gewissheit, dass der geschichtliche Verlauf nur eine Richtung und ein Ziel kennt. Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf, so die Kurzfassung von Erich, dem Dummen. Gewissheit ist ein Phänomen, das erst mit dem Monotheismus in die Welt kommt, die geoffenbarte Wahrheit ist zugleich die entmenschlichte Wahrheit, denn Offenbarung findet nicht vor einem Publikum, auf offener Bühne statt, es ist keine antike Tragödie, die vor dem versammelten Volk im Theater aufgeführt wird, es ist ein einsamer, von den anderen getrennter Mensch, dem etwas offenbart wird, das er dann, zu den anderen zurückkehrend, als neue Gewissheit verkündet. Den anderen etwas verkünden ist aber etwas völlig anderes, als mit anderen über etwas sprechen. Zweifeln nämlich welche ernsthaft an dieser neuen Gewissheit, müssen sie geläutert, entfernt oder umgebracht werden. Der innere  Zusammenhang zwischen monotheistischer Gewissheit und Gewalt gegenüber denen, sie sie anzweifeln, ist fundamental und unauflöslich.

Für die politischen Griechen war Wahrheit etwas, das in einer geselligen Runde, wenn es besonders gut läuft,  zwischen ihnen sich zeigen und auch wieder sich entziehen kann. Wahrheit hatte etwas mit der Freiheit des Hervorkommens zu tun. Und wenn es etwas ist, was die gesellige Runde länger über die Zeit retten will, dann müssen sie es fest halten. “We hold these truths ….” beginnt die amerikanische Unabhängigkeitserklärung. Diese ‘Wahrheit’ ist nicht die innere Überzeugung eines einzelnen Ich, sie ist als mit anderen geteilte an ein Wir gebunden und an das Halten, sie ist gefährdet, denn keiner da draußen verbürgt ihre Gewissheit, und wenn keiner mehr hält, dann verschwindet sie wieder und geht verloren. Das Wir wiederum sind keine längst Verstorbenen, es sind immer gerade diejenigen mitdenkenden Mitlebenden, mit denen wir zusammen eine ‘political nation’ bilden.

Hinter der christlich-philosophischen Tradition und durch diese hindurch das vorchristliche antike Denken wieder zu seinem Eigensinn verholfen zu haben, ist eine der zentralen Leistungen Heideggers. Dadurch öffnet sich auch für uns neben der Hauptlinie der christlich geprägten Tradition, deren letzter philosophischer Großmeister Hegel, deren letzter Großmacher Stalin war, eine häufig weniger gut wahrnehmbare Nebenlinie einer antiken, republikanisch-politischen Tradition, die nie ganz verschwunden, aber eher an der Peripherie als im Zentrum und 89 in Osteuropa wieder zum Vorschein gekommen ist. Arendt hatte das sehr wohl verstanden –  von Trotta leider überhaupt nicht. Die leibhaftige Arendt hätte vermutlich erfreut auf Solidarnosc geantwortet und auch Solidarnosc war zu ihren besten Zeiten ein Wir, als es nur einer wurde, war es cäsaristisch und nicht mehr Solidarnosc.

Frau von Trotta dagegen macht aus Hannah Arendt einen modernen Martin Luther, ein einsames Ich, das alleine dasteht, jemanden, der für seine innere Überzeugung einsteht und sagt: Hier stehe ich und kann nicht anders, auch dann, wenn alle anderen etwas anderes für richtig halten. Luther war, wie alle Monotheisten, ein Einsamer, ihm ging es um die Gewissheit der Gesinnung, er trennt die Wahrheit nur von der Hierarchie, nicht von der Gewissheit und so ist auch der Protestant ein einsamer Leser in seiner Stube vor seinem Buch. Wahrheit, an die innere Überzeugung eines einsamen Ich gekoppelt, entzieht sich damit allem Politischen. “Denn was immer Menschen tun, erkennen, erfahren oder wissen, wird sinnvoll nur in dem Maß, in dem (miteinander) darüber gesprochen werden kann.” (Vita Activa, 10). Das plurale ‘Wir’, das die echte Hannah Arendt nicht müde wird, immer wieder als die Grundbedingung allen politisch Seins zu betonen, kommt in diesem Film ebenso wenig vor, wie das Gespräch zwischen denen, die dieses Wir ausmachen.

An dieser Stelle wird vielleicht ein wenig deutlicher, was dieser Film so fundamental verfehlt: Innerhalb eines solchen Rahmens, in dem es um die Gewissheit der inneren Gesinnung/Überzeugung geht, ist der Unterschied zwischen Gudrun Ensslin und Hannah Arendt nicht zu verstehen aber genau dieser Unterschied ist die Kernlektion des 20. Jahrhunderts und auch die, die Frau von Trotta aus der bleiernen Zeit längst hätte lernen müssen.

Hannah Arendt hatte die Lektion schon lange vor dem Eichmann Prozess verstanden und im Buch ‘Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft‘ (im Orginal 1951 erschienen) beredt davon Zeugnis abgelegt. Es war unter anderem auch dieses gewichtige Buch, das Ihre Wahrnehmung durch die 68-Bewegung blockiert hat – denn dort vertrat man die anti-faschistische Gesinnung. Den Streit zwischen anti-totalitär und anti-faschistisch gibt es bei uns bis heute, und immer noch wird er nicht innerhalb einer Streitkultur ausgetragen, sondern mehr nach dem Motto, wer daran zweifelt, muss weg, man denke nur an Ernst Nolte oder Philip Jenninger. Für denkende Osteuropäer, wie erfrischend anders, ist dieser Streit schon seit Jahrzehnten eine reine Gespensterdebatte. In dieser Hinsicht wäre eine politische Differenzierung nach dem alten und dem neuen Europa durchaus angebracht.

Bremen, Januar 2013

 


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