Welches Europa? – Zur russischen Invasion in der Ukraine

Zahlreiche Autoren ereifern sich in den Medien über die Frage nach Wladimir Putin’s Plänen, Motiven, strategischen Absichten. Das ist mangels entsprechendem setting ungefähr so sinnlos wie die Psychoanalyse längst Verstorbener. Putin ist aber nicht Russland. Wer wissen will, wohin Russland strebt, könnte statt dessen diejenigen Russen zu Wort kommen lassen, die an einem tatsächlichen Gespräch interessiert sind, selbst denken können und nicht nur eilfertig Putins Lügen wiederholen. Von diesen hört man jedoch deutlich zu wenig. Weiterlesen

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Hannah Arendt Preis “für politisches Denken” an Pussy Riot?

Einer Jury, die seit Jahren im eigenen Saft brät, scheint der Geist verdampft zu sein. Mit dieser Entscheidung ist sie nun endlich auf dem Niveau des moralerhabenen deutschen Gutmenschen angekommen, der seine symbolischen ‘ein Zeichen setzenden’ Aktionen für etwas Politisches hält und längst nicht mehr bemerkt, dass er damit nur sein eigenes Selbst bewichtigt, zu einer wohnlicheren Welt aber nichts beiträgt. In einer Gesellschaft, die in weiten Teilen jegliche Politikfähigkeit eingebüßt hat und es genießt, mit Konflikthaftem nicht konfrontiert zu werden, wird man damit auf wohlfeilen Beifall treffen. Die Claudia Roth’s des Landes werden begeistert sein. Hannah Arendt aber und Zoltán Szankay, dessen anfänglicher Initiative der Preis seine Entstehung verdankt, werden sich im Grabe herum drehen. Daß ‘nebenbei’ noch eine Stimme der ukrainischen Unabhängigkeitsbewegung ausgezeichnet wurde, geht bei dieser albernen Doppelvergabe völlig unter.

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Über das Böse? – Was für ein Irrtum?

Hannah Arendt hielt 1965 an der New School for Social Research in New York eine Vorlesung unter dem Titel: “Some Questions of Moral Philosophy.” Die Vorlesung wurde von Jerome Kohn 2003 als Teilstück in dem Sammelband “Responsibility and Jugdement” herausgegeben.  2007 kam die von Ursula Ludz besorgte deutsche Übersetzung bei Piper unter dem Titel: “Über das Böse – Eine Vorlesung zu Fragen der Ethik” heraus.

Der eigenmächtige deutsche Titel ist nicht nur falsch, sondern darüber hinaus politisch gefährlich. Der ‘falsche’ Titel ist aber nicht nur einfach so, rein zufällig, falsch, etwa, weil der Verleger den Text weggelegt und nur seine Rechnung kalkuliert hat. Der falsche Titel ist in einem ausgezeichneten, uns etwas bedeutenden Sinne, falsch, er lässt jene Diskrepanz erscheinen, auf die Zoltán Szankay schon früh aufmerksam gemacht hat, und die darin liegt, dass man über Hannah Arendt redet, sich aber gleichzeitig gegen den Anspruch ihres Sagens verschließt, ihn in einer wehrhaften, sicheren Stellung verwehrt.

Deshalb lege ich hier eine Lektüre dieser Vorlesung vor, die sich der Gefahr des Verlesens aussetzt und die man, in Anlehnung an einen Titel von Klaus Heinrich auch nennen könnte:  Von der Schwierigkeit, mit Hannah Arendt ins Gespräch zu kommen.

Der Text ist Zoltán Szankay gewidmet – er wäre im Mai 85 Jahre alt geworden:
» Zwischen Churchill und Senat

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Philosophie, Du kriegst uns nie

Am 5. Mai dieses Jahres jährte sich der Geburtstag von Soren Kierkegaard und zwar zum 200. mal. Wie zu solchen Jahrestagen üblich bringt die schreibende Zunft in den Feuilletons einschlägige Essays. So auch in der ZEIT vom 2. Mai 2013, in der Tilo Wesche unter der Überschrift „Kampf den Spießern!“ einen kurzen und informativen Abriss über das Kierkegaardsche Denken gibt. Kiergegaard wird dort als nachidealistischer Philosoph porträtiert, der gegen das abstrakte Systemdenken den konkreten Menschen ins Zentrum seines Denkens rückt. Mit existentieller Radikalität, so Wesche, verwirft Kierkegaard die Idee einer (prä)stabilisierenden Vernunft und Moral, von vorgegebenen Zielen und Zwecken. Statt metaphysischer Gewissheiten ist es nun der Sprung in die Entscheidung, der zu einer bestimmten Lebenspraxis führt. Nicht mehr die Suche nach Letztbegründungen, sondern das offene Verhältnis zur Welt seien für und mit Kierkegaard die Voraussetzungen des gelingenen Lebens, so Wesche weiter. Weiterlesen

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“Töte zuerst” – oder – ‘Die Verrückten’

“Moment mal, du bist kein Beobachter, du bist Teil des Spiels”
Yuval Diskin (Leiter Schin Bet 2005–2011)

Am 05.März 2013 zeigt arte, einen Tag später auch ‘Das Erste’ die Dokumentation des israelischen Regisseurs Dror Moreh. “Töte zuerst” (Orginaltitel: “The Gatekeepers”). Da es ein neuralgisches Thema berührt, in der internationalen Produktion der NDR als Koproduzent mitwirkt, der Film zudem noch für den Oscar nominiert ist, ruft er auch bei uns ein reges Medienecho hervor, ein Blogautor der ‘Achse des Guten’ versteigt sich gar, des etwas unglücklichen deutschen Titels wegen, in die Manie, den NDR als Verschwörer zu entlarven und verliert vor lauter Entlarverei den Film dabei völlig aus den Augen. Weiterlesen

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Zusammengewürfelt

27.03.2013 – DIE WELT: Tilmann Krause berichtet unter dem Titel ‘Entfesselter Mob': “Und jetzt Til Schweiger. Der lobt den Bundeswehreinsatz in Afghanistan und findet auch noch zu allem Überfluss, die heutigen Heldentaten deutscher Soldaten würden viel zu selten gewürdigt. Umgehend fackelt man das Auto seiner Freundin ab und bewirft ihr gemeinsames Haus in Hamburg mit Farbbeuteln.”

Krause erinnert auch an den ‘Shitstorm’, der über die Schauspielerin Katja Riemann hereinbrach, weil sie in einer Talksendung die sinnfreien Belanglosigkeiten eines selbstverliebten Moderators (für die wir ja unsere Demokratieabgabe entrichten) als solche erkennbar werden lies. Weiterlesen

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Frau von Trotta’s verunglückte Hannah Arendt

Der Film enthält zweifellos eine Reihe beeindruckender Szenen, so die aus dem Gerichtssaal in Jerusalem, in denen auf der einen Seite israelisches Dokumentations-material vom Prozess genutzt wird und man den tatsächlichen Adolf Eichmann in seinem Glaskasten sieht und hört und auf der anderen Seite eine gespielte Hannah Arendt, die angestrengt und voller Erstaunen bemerkt, dass ihre Vorstellungen von Eichmann überhaupt nicht mit dem zusammen passen, was sie da sieht und hört.

Anders als Hegel, der gesagt haben soll, wenn der Gedanke nicht zur Wirklichkeit passt, umso schlimmer für die Wirklichkeit, ist für Arendt vorrangig, was sie da auf- und wahrnimmt. Etwas in die Wahr nehmen, etwas von dem, was als Wirkliches von sich aus entgegen kommt, in die Obhut nehmen, das sind die Assoziationen, die sie von Heidegger gehört hat, denn wenn die Wirklichkeit nicht zum Denken passt, dann  – in einer Kehrtwendung gegen Hegel und das gesamte Christentum-  ist der Mensch das Problem, nicht die Wirklichkeit. Dieser so normale, mittelmäßige Eichmann, dieser gedankenlose, fast lächerliche Bürokrat, wie wir ihn zu Tausenden in jeder Anstalt finden, er passt so gar nicht zu der Monströsität des Verbrechens, an dem er beteiligt war. Weiterlesen

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