Ulrich Schödlbau­er hat einen Roman, einen poli­ti­schen Roman über T. geschrie­ben. Hören Sie mir über­haupt zu? Was? Poli­tisch? Über T? Die­sen durch­ge­knall­ten Irren, der das Wei­ße Haus geka­pert hat und seit­her durch die moder­ne, bis­her so gut auf­ge­räum­te Welt irr­lich­tert? Das liest doch kei­ner, wo doch jeder schon weiß, was für ein unmög­lich auf­ge­bla­se­ner Voll­trot­tel die­ser T. ist.

Eigent­lich ist es ja auch gar kein Buch über T., son­dern mehr über uns aus der Per­spek­ti­ve von T. Der Plot: Zwei alte lebens­er­fah­re­ne Män­ner, ideen­ge­schicht­lich ver­siert, auf dem Weg nach unten unter­hal­ten sich auf ent­spre­chend hohem Niveau über T. ’s Weg nach oben und sei­ne unver­meid­li­chen Begleit­erschei­nun­gen. Der eine, ein gereif­ter, viet­na­me­si­scher Kom­mu­nist, der ande­re ein von ‘Loli­ta’ ver­führ­ter Mensch­heits­freund mit zu viel Geld. Schon der Plot ver­spricht intel­lek­tu­el­les Vergnügen.

Ein herr­li­ches home­ri­sches Geläch­ter durch­zieht das Buch von der ers­ten bis zur letz­ten Sei­te, weil es ein so wun­der­ba­res Buch über den west­li­chen Ika­rus ist, der der Son­ne zu nah kam, abstürz­te, als neu­er Phö­nix wie­der auf­stieg und – dumm und erfah­rungs­re­sis­tent, wie er ist – immer wie­der ver­brann­te. Zur Ein­stim­mung möch­te ich einen Punkt etwas näher beleuch­ten: den Zeit­punkt. Wie T. und sein angel­säch­si­scher Gefähr­te B. erscheint auch die­ser ‚poli­ti­sche‘ Roman zu einem bestimm­ten, einem machia­vel­li­schen Moment.

“Vir­tu” ist nie ohne “for­tu­na” und “for­tu­na” gibt es nicht ohne “vir­tu”, wer “for­tu­na” hat, dem spielt die Welt ihre Bäl­le als Chan­cen zu, damit er sie auf­fan­ge und mit ihnen jon­glie­re; wer “vir­tu” hat, dem hat sich die Welt in der “for­tu­na” geöff­net und bie­te ihm ihre Chan­cen an. In der Wech­sel­wir­kung zwi­schen die­sen bei­den zeigt sich eine Har­mo­nie zwi­schen Mensch und Welt, die sich auf­ein­an­der ein­spie­len und in der dar­um alles glückt. Die Über­le­gen­heit die­ses Men­schen, des “Fürs­ten”, den die Toren nicht ver­ste­hen, liegt offen­sicht­lich eben­so weit ab von der Weis­heit des Staats­man­nes, wie von der Kom­pe­tenz des Exper­ten.” (Han­nah Arendt)

1945 stand das welt­herr­schaft­li­che christ­li­che Abend­land wie­der mal vor den Trüm­mern sei­ner Tra­di­ti­on. Der erneu­te Ver­such ganz Euro­pa gewalt­sam unter die Herr­schaft des Einen zu zwin­gen, hat­te zur gro­ßen Ver­wüs­tung geführt. Der Wes­ten, der von sich dach­te, er sei die bei­spiel­ge­ben­de Avant­gar­de der Gesamt­ent­wick­lung der Mensch­heit, der alle ande­ren mit mehr oder weni­ger zeit­li­chem Ver­zug nach­zu­fol­gen hät­ten, war wie­der an sich selbst geschei­tert. Man sprach von der Stun­de Null, von der gro­ßen Epo­chen- und Zei­ten­wen­de und über­all ertön­te das damals schon abge­nutz­te ’nie wie­der’. Ab jetzt soll­te – natür­lich – alles anders werden.

Nach Hit­lers Schei­tern hol­ten sich die Fran­zo­sen ihren ange­stamm­ten Platz des Sou­ve­räns wie­der zurück. Der Welt­geist zu Pfer­de hieß jetzt de Gaul­le und sein hege­lia­ni­scher Ein­flüs­te­rer Kojè­ve beeil­te sich, den latei­ni­schen und katho­li­schen Län­dern, natür­lich unter fran­zö­si­scher Füh­rung die Hege­mo­nie über ganz Euro­pa anzu­ra­ten. Nach dem Zwi­schen­spiel der Teu­to­nen soll­te end­lich wie­der der wah­re Sou­ve­rän die Allein­herr­schaft über­neh­men und ein neu­es Latei­ni­sches Reich errich­ten. Ob es auch tau­send Jah­re dau­ern soll, hat Kojè­ve wohl­weis­lich nicht ver­ra­ten. Die poli­tisch rei­fe­ren Ame­ri­ka­ner, die ihre Regie­rung stets miss­trau­isch beäu­gen, weil sie kei­nen Herrn mehr im Hau­se haben wol­len, wuss­ten nicht so recht, was sie mit den dau­er­pu­ber­tie­ren­den euro­päi­schen Ben­geln anstel­len soll­ten, die sich ent­we­der auf dem Schul­hof prü­gel­ten oder ver­eint im Chor Brü­der­lich­keit in die wei­te Welt hin­aus posaun­ten, sich aber par­tout wei­ger­ten, erwach­sen zu wer­den und immer wie­der an der Ver­set­zung schei­ter­ten. Die Klas­se wie­der­ho­len, hieß daher die Vorgabe.

Nicht nur in Frank­reich, auch in Deutsch­land blieb der anfäng­li­che Schwung schon im Ansatz ste­cken. Die neue christ­li­che Par­tei ver­ar­bei­te­te ledig­lich die Erfah­run­gen des Bis­marck­schen Kul­tur­kamp­fes, erwei­ter­te den ideo­lo­gi­schen Rah­men, um auf unver­än­der­tem Spiel­feld auch die Evan­ge­len, die sich am anfäl­ligs­ten gegen­über der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­füh­rung gezeigt hat­ten, ein­zu­bin­den und mit christ­li­cher Ideo­lo­gi­sie­rung gegen die Ein­flüs­te­run­gen sozia­lis­ti­scher Pro­ve­ni­enz abzu­dich­ten. Wer erfah­rungs­re­sis­ten­te Glau­bens­sät­ze dau­er­haft ver­an­kern will, muss früh anfan­gen. Der wich­tigs­te Streit­punkt damals wie heu­te für die Isla­mis­ten: die Kon­fes­si­ons­schu­le. Ade­nau­er mach­te mit sei­nem Ver­ständ­nis von Poli­tik da wei­ter, wo er im Kai­ser­reich ange­fan­gen hat­te. Mit sei­ner anti-sozia­lis­ti­schen Kam­pa­gne gewann er zwar, wenn auch knapp die Mehr­heit, ver­spiel­te aber die belast­ba­re poli­ti­sche Neu­ord­nung. “Man muss dem Volk eine neue Ideo­lo­gie geben” soll er, schreibt ein Bio­graph, im Kabi­nett gesagt haben. Mehr Urteils­kraft im Volk stand auf Schu­ma­chers, aber nicht auf Ade­nau­ers Plan.

Ein Ansatz mit nach­hal­ti­ger Wir­kung. Die Genera­tio­nen von heu­te sind noch deut­lich leich­ter ideo­lo­gi­sier­bar als die von 1933. Als­bald schrumpf­te der gro­ße Zivi­li­sa­ti­ons- und Tra­di­ti­ons­bruch zum Betriebs­un­fall der Geschich­te, schon Anfang der 50er Jah­re hat­te Arendt die Hoff­nung auf eine Ver­ant­wor­tung des Gesche­he­nen auf­ge­ge­ben und schimpf­te über die Wie­der­kehr des ver­stun­ke­nen Libe­ra­lis­mus. Der spä­te­re, ohne­hin mono­the­ma­tisch auf­ge­stell­te Hof­his­to­ri­ker Hein­rich-August Wink­ler lie­fer­te die pas­sen­de Erzäh­lung von der Abkehr vom deut­schen Son­der­weg. Im Wes­ten nichts Neu­es also. 

Als die tat­säch­li­chen Gefah­ren näher rück­ten, die Kom­mu­nis­ten hat­ten den Korea­krieg ent­fes­selt, die Ame­ri­ka­ner rann­ten wie die Hasen, ver­schwan­den die Ver­ant­wor­tungs­scheu­en sogleich hin­ter den Büschen, ganz vorn die Pro­tes­tan­ten. Die schlot­tern­den Knie gut getarnt zeig­ten sie allen den hoch erho­be­nen, eigens zuvor vom geschicht­li­chen Bal­last gerei­nig­ten Moral­fin­ger. Wird dem ent­po­li­ti­sier­ten Pro­tes­tan­ten das Böse gezeigt, lässt er alle Hem­mung fah­ren. Von Niem­öl­ler ist der Weg zur pro­tes­tan­tisch gepräg­ten RAF so kurz wie zu Käß­manns außen­po­li­ti­scher Stern­stun­de: Tee­trin­ken mit Taliban.

Die 68er dreh­ten den Spieß wie­der um und bean­spruch­ten gegen­über der christ­li­chen, jetzt als reak­tio­när ent­larv­ten, die sozia­lis­ti­sche Ideo­lo­gie als fort­schritt­lichs­te Deu­tungs­macht, das alte Spiel. Wie schon bei den Natio­nal­so­zia­lis­ten lie­fen die nach Ideo­lo­gie süch­ti­gen halt­lo­sen Pro­tes­tan­ten auch den rund­erneu­er­ten Glo­bal­so­zia­lis­ten wie­der in Scha­ren zu. Die schlei­chen­de Zer­set­zung gesetz­ter recht­li­cher Ver­hält­nis­se erstreckt sich dies­mal über einen län­ge­ren Zeit­raum, schrei­tet aber bis­lang unauf­halt­sam vor­an. Man­dats­trä­ger, Medi­en, Juris­ten und das intel­lek­tu­el­le Gesin­del las­sen sich, von weni­gen rühm­li­chen Aus­nah­men abge­se­hen, wider­stands­los gleich­schal­ten wie eh und je.

1989 schien der Wes­ten am Ziel. Die nur mit Gewalt zusam­men­ge­hal­te­ne Sowjet­uni­on zer­fiel, sei­ne impe­ria­le Potenz schien fürs Ers­te neu­tra­li­siert. Die her­aus­ra­gen­den poli­ti­schen Revo­lu­tio­nen der ost­eu­ro­päi­schen Län­der nahm der Wes­ten wenn’s hoch kam, gelang­weilt, meist gar nicht zur Kennt­nis. Die ers­te fried­li­che hier­zu­lan­de stör­te nur die ein­ge­fah­re­nen Krei­se, war eigent­lich auch gar kei­ne und wird fol­ge­rich­tig geschreddert.

Alles schien in der rich­ti­gen Rich­tung zu lau­fen. Man erklär­te den kal­ten Krieg und damit die Geschich­te für been­det, brach­te pole­m­os brav ins Bett, sang ihn in den Schlaf und deck­te ihn zu. Es hät­te alles so schön lau­fen kön­nen. Eine klei­ne Cli­que gut orga­ni­sier­ter glo­ba­ler Klep­to­kra­ten hat­te sich gedacht, es wäre doch ganz prak­tisch, wenn wir alles kon­trol­lie­ren könn­ten, die Finanz- die Material‑, die Ideen- und die Men­schen­strö­me. Welt­or­ga­ni­sa­tio­nen und NGO’s las­sen sich leicht in die Hän­de bekom­men. Funk­tio­nä­re sind, was sie immer schon waren, maß­los kor­rupt und jeder­zeit käuf­lich. Könn­ten Sie etwas, wären Sie kei­ne Funk­tio­nä­re. Eigent­lich hät­te es doch funk­tio­nie­ren müs­sen. Den urteils­lo­sen Pöbel seift man mit Sonn­tags­re­den ein – die gro­ßen, heh­ren Wer­te, sie wis­sen schon, und mit den ver­ein­zel­ten, daher ohn­mäch­ti­gen Quer­köp­fen wird man leicht fer­tig. Für die halt­lo­sen moder­nen Sinn­süch­ti­gen reicht eine ein­fa­che Geschich­te mit apo­ka­lyp­ti­schem Unter­ton. Wer als wich­ti­ger Welt­ret­ter ange­spro­chen wird, fühlt sich doch gleich viel bes­ser und mehr will man doch gar nicht.

Was in Euro­pa, beson­ders Deutsch­land ganz leicht ist, mit der Ges­te der gro­ßen Mensch­lich­keit genü­gend Migran­ten her­ein­ho­len, um jede poli­ti­sche Potenz im Ansatz zu ver­nich­ten, funk­tio­nier­te in Ame­ri­ka aber genau anders her­um. Die Frei­heits­sta­tue ver­sprach gera­de kein kom­for­ta­bles, geschütz­tes Plätz­chen in einer Nische im Haus des Herrn und die Ver­fas­sung reif­te zum hei­li­gen Text. Auch die gro­ßen Spie­le gehen nicht ganz auf. Irgend­wo bleibt immer ein, wenn auch klei­ner Rest.

Es gab im Eng­land des 17. Jahr­hun­derts eine Dis­kus­si­on, die unter dem Namen ‘court and coun­try’ Ein­gang in die Bücher gefun­den hat. Anders als der klas­si­sche Wes­ten, der mit dem christ­li­chen Herr-Knecht Modell ope­rier­te, hat­ten die Eng­län­der eine sport­li­che­re Lösung gefun­den, die es über den Teich geschafft hat. Irgend­wie muss sie auch bei T. ange­kom­men sein, denn er dach­te wohl, es sei jetzt an der Zeit, sie wie­der hervorzuholen.

Und dann gewann T. plötz­lich gegen das gesam­te poli­ti­sche Estab­lish­ment. Nie­mand hat­te ihn ernst genom­men, die auf dem fal­schen Fuß ertapp­te neo­feu­da­le Gau­ner Cli­que, die doch alles schon so schön unter­ein­an­der ver­teilt hat­te, spuckt Gift und Gal­le und seit­her spielt T. genüss­lich mit ihnen Paw­low. Und dann kam B. und plötz­lich sind die Bri­ten drau­ßen und es gibt nur noch eine Atom­macht in der Euro­päi­schen Uni­on, aus­ge­rech­net die unzu­ver­läs­si­gen, stets wan­kel­mü­ti­gen Fran­zo­sen. Und dann kam noch ein klei­nes Ding oben­drauf, nicht mal ein voll­wer­ti­ges Lebe­we­sen und die Zier­de der Mensch­heit, die Erben der Auf­klä­rung, all die eman­zi­pier­ten, in ihre Mün­dig­keit ent­las­se­nen auto­no­men Sub­jek­te, die Kro­ne der Ver­nunft, ent­pupp­ten sich als nichts wei­ter als eine Her­de völ­lig ver­blö­de­ter Schafs­köp­fe, die sich von einer FDJ-Funk­tio­nä­rin mit ihrem Hof­staat geschlechts­neu­tra­ler Propagandist*Innen hin­ter die Fich­te füh­ren ließen.

Wenn das nicht zum Lachen ist, dann weiß ich auch nicht. Es gibt in Schödlbau­ers poli­ti­schem Roman kaum eine Sei­te, auf der es nichts zu lachen gibt. Das ist in die­sen Zei­ten eine erst­klas­si­ge Leseempfehlung.

Ulrich Schödlbau­er: T – Die Stu­fen des Kapi­tols. Poli­ti­scher Roman, Hei­del­berg (Manu­ti­us) 2020, 376 Seiten

auch erschie­nen auf:
Glob­kult, The Euro­pean, tabu­la­ra­sa­ma­ga­zin, PT-Maga­zin