Was auf dem Spiel steht

Han­nah Arendt schreibt: „…Ver­ste­hen heißt immer, ver­ste­hen was auf dem Spiel steht, .…“ Bei einer ers­ten Lek­tü­re des Münk­ler­schen Tex­tes „Zwang und Frei­heit in der Poli­tik der Moder­ne. War­um Maxi­mie­rung nicht das Bes­te ist“ kommt es gar nicht so leicht in den Blick, was alles mit die­sem Text ins Spiel gebracht wor­den ist.

Gewohnt, wie wir sind, in Tex­ten und Vor­trä­gen nach inhalt­li­chen „The­sen“, nach „Posi­tio­nen“ zu suchen, die bei allen Varia­tio­nen und Dif­fe­ren­zen sich letzt­lich doch in die Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten unse­res hege­mo­ni­schen Poli­tik- und Geschichts­ver­ständ­nis­ses ein­ord­nen las­sen, fällt es uns schwer, die Brü­che wahr­zu­neh­men, die in dem Münk­ler­schen Text impli­zit sind. Beson­ders dann, wenn die­se Brü­che nicht pla­ka­tiv gemacht wer­den, son­dern bei einem ers­ten Hören und Lesen zunächst nur anklingen.

Es ist in die­ser Wei­se natür­lich, dass „Zwang und Frei­heit in der Poli­tik der Moder­ne“ uns als eine Vari­an­te der Kri­ti­ken ent­ge­gen kommt, die an unbe­dach­te Fol­gen (bei­spiels­wei­se öko­lo­gi­sche) der öko­no­mi­schen, gesell­schaft­li­chen und poli­ti­schen Moder­ni­sie­rung anknüp­fen, an Fol­gen, die allem Anschein nach die Grund­la­gen der Moder­ne sel­ber unter­höh­len. In die­ser Wahr­neh­mung wäre dann das Spe­zi­fi­sche an dem Münk­ler­schen Ansatz, dass er die­se Kri­tik mit der the­sen­haf­ten Ein­brin­gung einer poli­tisch-mora­li­schen Kor­rek­tur­mög­lich­keit ver­knüpft, die, ganz anders als die meist rein „zukunfts­ori­en­tier­ten“ und „maxi­mie­ren­den“ Ansät­ze, auf ein Poli­ti­sches aus der vor­mo­der­nen west­lich-repu­bli­ka­ni­schen Tra­di­ti­on zurück­greift. Die­ses Poli­ti­sche schloss durch sei­ne kon­sti­tu­ti­ve Kon­flikt­haf­tig­keit Vor­stel­lun­gen und Phan­ta­sien aus, die auf sei­ne end­gül­ti­ge Auf­he­bung gerich­tet waren; sei­en sie wachs­tums­öko­no­mi­scher (libe­ra­ler oder mar­xis­ti­scher Art) oder staat­lich gewalt­mo­no­po­li­ti­scher Art.

Stell­te man sich auf die­se Grund­la­ge, so erschie­ne das ein­zig Dis­ku­tier­ba­re an dem Münk­ler­schen Text in der Legi­ti­mier­bar­keit sei­nes unge­wöhn­li­chen Zugriffs auf tra­di­tio­nel­le Bestän­de west­li­cher Poli­tik­ver­ständ­nis­se für die Lösung aktu­el­ler Pro­ble­me. Dies ist aber der sichers­te Weg, um das, was im Münk­ler­schen Text auf dem Spiel steht, nicht zu ver­ste­hen. In unse­rem gewohn­ten Zugang zu die­sem Text rech­nen wir ihn zu den ver­schie­de­nen „fer­ti­gen“ poli­tisch-theo­re­ti­schen Moder­ni­sie­rungs­kri­ti­ken und ‑dis­kur­sen hin­zu. Was geht dabei ver­lo­ren? Wir wer­den ver­su­chen, auf die­se Fra­ge auf unter­schied­li­chen Ebe­nen zu antworten.

Die ers­te Ebe­ne wäre jene, in der wir uns zunächst gewahr wer­den, wel­cher Anstren­gung wir bedür­fen, um uns von der Selbst­ver­ständ­lich­keit einer ent­wick­lungs­lo­gisch gedach­ten Geschich­te zu ver­ab­schie­den. Nur wenn wir uns die­ser Anstren­gung unter­wor­fen haben, mer­ken wir, dass der von Münk­ler ange­führ­te „Moral­dis­kurs“ wenig mit den „Moral­dis­kur­sen“ zu tun hat, die z.B. in der exklu­si­ven „Faktizitäts-und-Geltungs“-Dichotomie in der Spar­te „Gel­tung“ (als Soll-Norm) zum Aus­druck kom­men. Die­ser „Moral­dis­kurs“ lässt unse­re gewohn­ten Vor­stel­lun­gen der sich abfol­gen­den Etap­pen des „rea­len“ Ent­wick­lungs­ge­sche­hens unan­ge­tas­tet. Vor­stel­lun­gen der sich abfol­gen­den Etap­pen ver­bie­ten de fac­to die Mög­lich­keit und die Rele­vanz von Erfah­run­gen, die nicht die­ser zwang­haf­ten, nach vor­ne gedach­ten Ent­wick­lungs- und Evo­lu­ti­ons­lo­gik entsprechen.

Wenn wir die obi­ge Anstren­gung geleis­tet haben, dann wird es uns mög­lich zu mer­ken, dass im Münk­ler­schen „Moral­dis­kurs“ eine erwei­ter­te Dimen­si­on von poli­tisch-his­to­ri­scher Erfah­rung im Spiel ist. Hin­ter dem Münk­ler­schen „Moral­dis­kurs“ steht eine aus­schlag­ge­ben­de früh­neu­zeit­li­che repu­bli­ka­ni­sche Erfah­rung, die – die poli­ti­schen Ver­stän­di­gungs­wei­sen der Anti­ke wie­der auf­neh­mend – sich in der Span­nung zwi­schen vir­tué und for­tu­na, zwi­schen poli­ti­scher Tugend und der his­to­risch poli­ti­schen Her­aus­for­de­rung des Wel­ten­laufs begreift und spürt. Es ist nicht das „Zurück­wen­den“ des His­to­ri­zis­mus zu dem, „was wirk­lich gewe­sen ist“, son­dern jenes „Zurück­wen­den“, das in den ver­schie­den­ar­ti­gen Prak­ti­ken der Phä­no­me­no­lo­gie, der Psy­cho­ana­ly­se oder der Dekon­struk­ti­on zum Zuge kommt, die die tota­le, moder­nis­ti­sche und prä­sen­ti­sche Objek­ti­vier­bar­keit der tra­di­ti­ons­ab­ge­lös­ten Gegen­wart auflockern.

Wir kön­nen auch anhand des Münk­ler­schen Dis­kur­ses erfah­ren, dass es sich nicht um eine gänz­lich ver­gan­ge­ne und ver­lo­re­ne Dimen­si­on des west­li­chen Poli­ti­schen han­delt, son­dern um eine ver­schüt­te­te. Die­se wird jedoch als sol­che auch nur erfahr­bar, wenn wir anhand von Pocock und von Münk­ler wahr­neh­men, dass die weit­hin vor­herr­schen­den öko­no­mi­schen und mora­lis­ti­schen Wahr­neh­mungs­wei­sen des Libe­ra­len sich eines kon­tin­gen­ten (d.h. eines nicht not­wen­di­gen und ent­wick­lungs­lo­gisch beding­ten) Sie­ges ver­dan­ken. Dies bedeu­tet natür­lich nicht, dass die­ser „Sieg“ nichts zu tun hät­te mit der offen­sicht­li­chen Ver­wandt­schaft der poli­ti­schen Ratio­na­li­tät des libe­ra­len Indi­vi­dua­lis­mus und sei­nes Levia­thans mit dem pla­ne­ta­ri­schen Mäch­tig­wer­den der tech­nisch-wis­sen­schaft­li­chen und öko­no­mi­schen Ratio­na­li­tät der Moder­ne. Ihn jedoch als einen ein­deu­ti­gen und „end­gül­ti­gen“ Sieg und als eine „struk­tur­lo­gi­sche“ Kon­se­quenz auf­zu­fas­sen, heißt: auf jenen alt­ehr­wür­di­gen Taschen­spie­ler­trick des poli­tisch Sie­gen­den her­ein­zu­fal­len, durch den nach­träg­lich das poli­tisch (d.h. nie voll begrün­det) Ent­schie­de­ne und des­sen Weg­ga­be­lung letz­ten Endes als eine alter­na­tiv­lo­se und „wesens­ge­tra­ge­ne“ Ent­schei­dung prä­sen­tiert wird.

Eine zwei­te Ebe­ne, auf der das erschei­nen kann, was in dem oben geschil­der­ten ers­ten Zugang zum Münk­ler­schen Text ver­lo­ren geht, zeigt sich dann, wenn wir den Münk­ler­schen Dis­kurs in die gro­ßen Schü­be der Erneue­rung der Geschichts­wis­sen­schaft und der Geschichts­schrei­bung ein­zu­ord­nen versuchen.

Begin­nend mit der bahn­bre­chen­den Schu­le der Anna­les, die mit dem longue durée die Haupt­büh­ne der Geschich­te von den in der tra­di­tio­nel­len Staats- und Poli­tik­ge­schich­te selbst­ver­ständ­li­chen Ebe­ne in die struk­tur- und kul­tur­ge­schicht­li­chen Zusam­men­hän­ge ver­setz­te, könn­te man davon spre­chen, dass die oben genann­ten Schü­be die Tren­nung zwi­schen poli­ti­scher Theo­rie und Geschichts­theo­rie radi­kal ver­grö­ßert haben. In einer mar­xis­ti­schen Spra­che gespro­chen, hie­ße dies: nur die „Geschich­te der Basis“ (und nicht die des „Über­baus“) ver­dient, „Wis­sen­schaft“ genannt zu werden.

Man kann den Struk­tu­ra­lis­mus in sei­nen geschichts­na­hen Bezü­gen auch als eine der Zuspit­zun­gen der genann­ten, sich radi­ka­li­sie­ren­den Tren­nung zwi­schen poli­ti­scher Theo­rie und Geschichts­theo­rie ver­ste­hen. Wie es sich in den span­nen­den Aus­ar­bei­tun­gen des frü­hen Fou­caults exem­pla­risch zeigt, wird dabei die Ebe­ne eines kon­ti­nu­ier­li­chen Geschichts­ab­lau­fes – eben­so wie die einer sich dar­in ereig­nen­den Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te – radi­kal ver­las­sen. Das Wis­sen­schaft­li­che die­ser – im Grun­de genom­men unge­schicht­li­chen – Geschichts­schrei­bung erweist sich in der adäqua­ten Erfas­sung der struk­tu­rel­len Zusam­men­hän­ge, der „Ord­nung der Din­ge“; der Ord­nun­gen der Din­ge, die, epis­te­misch gefasst, ähn­lich wie bei Kuhn, sich nur noch als unter­schied­li­che Wis­sens­ord­nun­gen (oder wie bei Fou­cault als Macht­for­ma­tio­nen) ablösen.

Wie wir wis­sen, ergab sich der ande­re gro­ße Schub in der Geschichts­schrei­bung des 20. Jh. durch die Wie­der­an­nä­he­rung der Geschichts­schrei­bung an die in den Spra­chen arbei­ten­den Welt­deu­tun­gen. Bei all den Berei­che­run­gen, die uns auch die oft kul­tur­anthro­po­lo­gi­schen „dich­ten Beschrei­bun­gen“ gebracht haben, bei all dem kri­ti­schen Blick, den uns ein Hay­den White qua­si erkennt­nis­kri­tisch über das Medi­um des Geschichts­ver­ständ­nis­ses ver­mit­telt hat, bleibt in den Haupt­rich­tun­gen die­ses Schu­bes die bereits ange­spro­che­ne Tren­nung zwi­schen poli­ti­scher Theo­rie und Geschichts­theo­rie, nun in einer ande­ren Gestalt, wei­ter­hin bestehen.

Wenn wir den Münk­ler­schen Dis­kurs auf die­ser Ebe­ne zu ver­ord­nen ver­su­chen, so wird deut­lich, dass es bei ihm, bei aller Distanz zur kon­ven­tio­nel­len Her­aus­stel­lung der „poli­ti­schen Haupt­büh­ne“ der Geschich­te, um eine Wie­der­an­nä­he­rung des poli­ti­schen und geschicht­li­chen Den­kens geht. Dies steht bei ihm auf dem Spiel, und nur von daher las­sen sich Münk­lers Zugän­ge adäqua­ter verstehen.

Viel­leicht wird uns durch Münk­ler deut­li­cher, dass man sehr wohl neben den zwei genann­ten bahn­bre­chen­den Schü­ben der Geschichts­schrei­bung des 20. Jh. noch einen drit­ten aus­ma­chen kann, der bei allen Abset­zun­gen von der Geschichts­schrei­bung des His­to­ris­mus nicht jene Tren­nung zwi­schen poli­ti­scher Theo­rie und Geschichts­theo­rie ver­stärkt, wie es bei den bei­den Ande­ren der Fall ist. Wie vie­le (aber immer noch zu weni­ge) wis­sen, ist mit die­sem drit­ten Schub der Name Pocock und die eigen­ar­ti­ge Über­tra­gung des „repu­bli­ka­ni­schen Moments“ in der west­li­chen poli­ti­schen Geschich­te eng verbunden.

Es gibt noch eine drit­te Ebe­ne, auf der das, was in der oben geschil­der­ten, Münk­lers Ver­ständ­nis zu leicht ein­ord­nen­den Sicht­wei­se her­aus­fällt, sicht­bar gemacht wer­den kann.

Es ist nicht ganz zufäl­lig, dass das Pocock­sche Werk, wie er im letz­ten Kapi­tel des „Machia­vel­li­an Moment“ ver­merkt, einen Arendt­schen Anstoß in sich trägt (Pocock bezieht sich dort spe­zi­fisch auf die Arendt­schen Aus­ar­bei­tun­gen in „On Revo­lu­ti­on“). Wenn es näm­lich um eine Wie­der­an­nä­he­rung im obi­gen Sin­ne gehen soll, so kann es nicht nur um eine Wie­der­an­nä­he­rung eines „neu­en Geschichts­ver­ständ­nis­ses“ an das alte Poli­tik­ver­ständ­nis der Moder­ne gehen. In die­sem Sin­ne ist dann die (auch phä­no­me­no­lo­gisch gewach­se­ne) Arendt­sche Auf­merk­sam­keit auf die „Hand­lungs­nä­he“ des poli­ti­schen Ver­ste­hens gegen­über der auch rein theo­re­tisch-aka­de­misch betreib­ba­ren „poli­ti­schen Wis­sen­schaft“ der Moder­ne eine wesent­li­che Vor­aus­set­zung jener Wie­der­an­nä­he­rung, die in den Sprech- und Adres­sie­rungs­wei­sen des Münk­ler­schen Dis­kur­ses ange­gan­gen wer­den. Vor allem in die­sem Sinn reprä­sen­tiert er einen „Wider­stand gegen Entpolitisierung“.

Dabei kommt eine – span­nen­de und beun­ru­hi­gen­de – Fra­ge auf: Ist es nicht so, dass das „repu­bli­ka­ni­sche Moment“, eng ver­bun­den mit der Frei­heits­be­zo­gen­heit der west­li­chen „In-Form-Set­zung“ (Clau­de Lefort) des Sozia­len, bis­lang gar nicht „rich­tig ver­gan­gen“ war, ja dass es die Ein­bet­tung war, in der das „Demo­kra­ti­sche“ des Wes­tens mehr war und ist, als ein rein pro­ze­du­ra­les Medi­um der Macht­le­gi­ti­ma­ti­on? (Dann ist aber auch der Münk­ler­sche Rekurs auf die „vir­tú-for­tu­na Span­nung nicht ein Rekurs auf etwas, das in einer Rum­pel­kam­mer abge­stellt wäre und von dort her­vor­ge­holt wer­den müsste.)

Könn­te es sein, dass das, was uns heu­te als „Ent­po­li­ti­sie­rung“ ent­ge­gen­kommt (bio­po­li­tisch und „glo­ba­li­sie­rend“) eine ganz neue Stu­fe der Bedro­hung, der Aus­lö­schung die­ser Über­tra­gung, die­ser Ein­bet­tung bedeu­tet? Ver­ste­hen wir, wie so oft, plötz­lich das bes­ser, das uns ver­lo­ren zu gehen droht? Aber doch nur dann, wenn wir dem Wider­stän­di­gen beistehen?

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