Meyer, Thomas: Hannah Arendt, Erweiterte und aktualisierte Taschenbuchausgabe, Piper Verlag, München, November 2025, 525 Seiten
Im November 2025 kommt zwei Jahre nach der Hardcover Version die Taschenbuchausgabe einer neuen Arendt Biografie von Thomas Meyer auf den deutschen Büchermarkt. Der Autor ist außerplanmäßiger Professor für Philosophie an der Universität München und beschäftigt sich laut eigenen Angaben mit der Ideen- und Philosophiegeschichte der griechischen Antike und des 20. Jahrhunderts. Der Piper-Verlag hat ihn mit der Herausgabe der Studienausgabe von Hannah Arendt betraut, ein Experte also. In die Neugier schleicht sich eine erste Irritation: auf dem Umschlag prangt ein roter Aufkleber „SPIEGEL Bestseller“. Zwar ist Hannah Arendt nicht so schwierig zu lesen wie Kant, Hegel oder Schelling, aber ein Bestseller und das zu einer Sache, mit der man sich nach dem Lübbe Wort vom „kommunikativen Beschweigen“ besser nicht beschäftigt? Der Klappentext verheißt einen ‚radikal‘ neuen Zugang zum ‚revolutionären Denken‘ Hannah Arendts, der eine Neubewertung notwendig mache. Auch ein Buch will verkauft und konsumiert werden. Die Rezensenten der klassischen Medien zeigen sich begeistert: „absolut sensationell“ (SZ), „völlig überraschende Biografie“ (DIE ZEIT), der Rezensent der H-Soz-Kult zeigt sich schon skeptischer, das Buch habe Längen und Lücken, aber den Geschmack des Publikums getroffen. Der Rezensent der Jüdischen Allgemeinen ist zwar mit der Fokussierung Arendts auf eine öffentliche Intellektuelle und politische Aktivistin nicht ganz einverstanden, geht aber diesem Eindruck nicht weiter nach und reiht, wie die meisten anderen auch, die üblichen nichtssagenden Textbausteine aneinander.
Geht es in dieser Biografie überhaupt um Hannah Arendt? Aber natürlich, wird es mir unisono entgegen schallen. Was soll die dumme Frage? Auf dem Titel steht Hannah Arendt, auf Hunderten von Seiten werden durch akribisches Quellenstudium und viel Fleißarbeit Kindheit und Jugend in Königsberg, ihre Zeit in Paris sowie die ersten Jahre in New York ausgebreitet. Sind Sie von Sinnen? Ich gebe zu, die Frage war zu provokant gestellt, ich formuliere sie im zweiten Anlauf anders. Um welche Arendt geht es, um eine oder mehrere? Auch diese Frage enthält noch zu viele Mehrdeutigkeiten. Verschiedene, aber als verschiedene gleichrangige Interpretationen des Lebenswerkes einer Person wären legitim. Die Rezeptionsgeschichten berühmter Autoren sind voll davon. Die eine Arendt gibt es ohnehin nicht, ebenso wenig wie die eine Wahrheit. So kommen wir nicht weiter. Oder geht es um ein hergestelltes, ein eigens konstruiertes Arendt-Image, das als Schutzschirm vor die andere Arendt gestellt wird. Geht es um eine gemachte Arendt, mit der man sich die tatsächliche Arendt vom Leibe halten kann? So formuliert, bekommt die Sache schon einen anderen Dreh, denn jetzt geht es ums Lesen. Wie liest Meyer? Liest er über Arendt, mit ihr oder gegen sie?
Meyer erwähnt das „Haus der Bücher“ in Königsberg (S. 290), ein Tempel der Lesehungrigen mit 200.000 Büchern, die zur damaligen Zeit sicher größte Buchhandlung Europas, vielleicht sogar der Welt. Meyer erwähnt auch die Stundenpläne der humanistischen Gymnasien, in denen Lesen, zumal der antiken Klassiker, noch einen ganz anderen Rang einnahm als heute. Wir können unterstellen, dass Arendt schon eine gute Leserin war, bevor sie mit dem Studium begann. Als sie Heidegger 1924 in Marburg das erste Mal begegnete - in der Vorlesung zu Platons „Sophistes“ - muss es eine Offenbarung für Sie gewesen sein. Etwas von diesem Schock hört man noch aus einem Brief heraus, den sie Heidegger 50 Jahre später schrieb: „Wie Du liest, liest keiner und hat auch niemand vor Dir gelesen“ (Briefwechsel, S. 250). Das Lesen, vor allem das Lesen Platons hat Arendt von Heidegger gelernt. Hat Meyer das Lesen von Arendt gelernt?
Ich beschränke mich auf zwei Schlüsselstellen. Etwa in der Mitte des 500-seitigen Machwerks finden sich zwei Sätze die es, ihrer herausragenden Schlichtheit wegen, wert sind, genauer unter die Lupe genommen zu werden. Der Philosoph Thomas Meyer legt fest, was das Politische seiner Ansicht nach sei: „Das Politische ist das, was geschieht, wenn Menschen ins Gespräch kommen, Konflikte austragen, einander töten oder lieben“, so der erste Satz (S. 233). Jedem halbwegs geübten Leser wird der Widerspruch auffallen: entweder kommt man ins Gespräch, oder man tötet sich, mit dem Töten tötet man auch das Gespräch, die Gewalt ist stumm. Dagegen Arendt: „Wo die Gewalt in die Politik selbst eindringt, ist es um die Politik geschehen“ heißt es in der Einleitung zum Revolutionsbuch mit Bezug auf die modernen Revolutionen, die im Terror enden. Auch der Verweis auf Kain, der Abel erschlug fehlt nicht. Wie geschieht das Politische, wenn Menschen einander lieben? Auch hier formuliert Arendt präzise: „Die Liebe ist ihrem Wesen nach nicht nur weltlos, sondern sogar weltzerstörend, und daher nicht nur apolitisch, sondern sogar antipolitisch - vermutlich die mächtigste aller antipolitischen Kräfte.“ (Vita Activa, S, 238). Weiter: Das Politische geschieht, wenn Menschen ins Gespräch kommen: welche Menschen und was für ein Gespräch? Geschieht das Politische, wenn der Herr mit dem Knecht spricht, die Eltern mit den Kindern oder die Herrschenden mit den Beherrschten? Man könnte zu Meyers Ehrenrettung anführen, dass er wahrscheinlich das Gaus Interview im Sinn hatte, aber es steht nicht da und präzise formulieren ist nicht seine Stärke. Wir konkretisieren in seinem Sinne: das Politische geschieht, wenn Menschen ins Gespräch kommen, die sich als gleichrangig anerkennen. Wie erkennen sich Menschen trotz ihrer natürlichen Verschiedenheit als gleichrangig an, und das ohne Kampf auf Leben und Tod (Hegels Kampf um Anerkennung), der nur in den seltensten Fällen unentschieden ausgehen dürfte. Hier hätte das Gesetz ins Spiel kommen müssen und Arendts Einklammerung der Tradition, die das Gesetz zur Vorschrift umgemünzt hat. Meyer erwähnt weder das Gesetz noch, dass Arendt mit dem geänderten Sinn von Gesetz hervor holt, was auch der zweite große Verteidiger des Politischen wieder entdeckte: Carl Schmitt. Sind es bloße Lücken, verzeihliche Ungenauigkeiten? Wir sind noch immer am ersten Satz: Das Politische geschieht. Einfach so, ohne unser Zutun? Der bürgerliche Ort, an dem Menschen ins Gespräch kamen, war der Salon. Geschah dort das Politische? Als 1934 in der „Nacht der langen Messer“ der Staatsterror offenkundig wurde, geschah - nichts. Robert Kempner, seinerzeit Verwaltungsjurist im Berliner Innenministerium und später Ankläger im Nürnberger Prozess sprach aus, was die deutschen Bürger nicht hören wollen: „Es war eine Niederlage in ganz großem Maße, an der die Bürgerschaft, teilweise auch die Arbeiterschaft, beteiligt war.“ (Lebenserinnerungen, S. 92). Eine vergleichbar totale Niederlage beschreibt Sebastian Haffner in der Geschichte eines Deutschen, als SA-Horden das altehrwürdige Berliner Kammergericht stürmten und ohne jede Gegenwehr das Recht austrieben. Kommen wir zum zweiten Satz: „die Frage ist dann, […] wie viel Raum man dieser anthropologischen Konstante gibt, wie sie ausgehandelt, also erst bewusst gemacht wird, da sie ja natürlich ist.“ Das ist, etwas moderner formuliert, die klassische aristotelische Definition vom zoon politikon. Damit bestätigt Meyer, was Arendt 1950, also in dem Zeitraum, der den Biografen ganz besonders interessiert, über die Philosophen schrieb: „Die Philosophie hat zwei gute Gründe, niemals auch nur den Ort zu finden, an dem Politik entsteht. Der erste ist: 1) Zoon politikon: als ob es im Menschen etwas Politisches gäbe, das zu seiner Essenz gehört. Dies gerade stimmt nicht; der Mensch ist a-politisch. Politik entsteht in dem Zwischen-den-Menschen, also durchaus außerhalb des Menschen. 2. Die monotheistische Gottesvorstellung - [des Gottes], in dessen Ebenbild der Mensch geschaffen sein soll.“ (Was ist Politik?, S. 11). Damit lässt sich die erste Frage beantworten: Meyer schreibt eine Menge über Arendt, aber er liest sie nicht. Das Resultat führt unmittelbar zur nächsten Frage: was ist der Sinn dieser Biografie, wenn es nicht um das Verstehen Arendts geht?
Die Schlüsselstelle dazu findet sich auf S. 131. Dass Hannah Arendt Philosophin oder politische Theoretikerin oder beides gleichzeitig war, findet Meyer „eigentümlich“. Eigentümlich schreibt jemand, der nicht genau versteht, warum etwas so ist, wie es ist, aber gleichzeitig keinerlei Neigung verspürt, dieser Irritation näher nachzugehen, es könnte lieb gewordene Gewissheiten in Frage stellen. Dass sich hinter dem „eigentümlich“ das verbirgt, womit sich Hannah Arendt ihr Leben lang beschäftigte, entgeht so dem Universitäts Philosophen. Er muss diktatorisch festklopfen, womit er selbst sich nicht befassen will. Hannah Arendt habe sich von der Philosophie abgewandt und würde nach dem Augustinus-Buch „nie wieder“ (S. 132) eine philosophische Interpretation unternehmen. Die These der Abwendung von der Philosophie könnte chronologisch gemeint sein. Wer sich abwendet, kann sich auch wieder zuwenden. Meyers theoriepolitischer Sinn erschließt sich etliche Seiten später rückwirkend. Wenn er, etwas gönnerhaft im Ton, über Arendts Philosophieren referiert, ist die Verstrickung der philosophischen Tradition in die Erfahrung totaler Herrschaft erfolgreich gekappt, die Metaphysik exkulpiert. Arendts Philosophieren wird dann zu so etwas wie ihrem Privatvergnügen, ihre Emanzipation vom übermächtigen Lehrer oder einfach nur wohlgesinnte Sonntagsreden, die die Langeweile der geschwätzigen Öffentlichkeit vertreiben. Dass diese auffällige Diskrepanz im Umgang mit Arendt schon vor 30 Jahren von Zoltán Szankay vermerkt wurde, zeigt sowohl die Hartnäckigkeit der Ignoranz als auch das ganz Außergewöhnliche Arendts.
Tatsächlich hat Arendt das Verhältnis zwischen Philosophie und Politik, dessen Auswirkungen auf die abendländische Tradition, sowie ihren Bezug dazu präzise benannt. In einer Fußnote im Revolutionsbuch heißt es: „seit Sokrates Tod hat eine an Feindseligkeit grenzende Spannung zwischen Philosophie und Politik wie ein Fluch auf der abendländischen Geistesgeschichte gelegen“ (S. 395). Die Rede vom Fluch steht nicht zufällig im Revolutionsbuch, denn der Fluch trifft jene, die Herrschaftsordnungen etablieren, sowie auch solche, die sie zur Befreiung des Menschen umstürzen wollen. Wer liest, was da steht und seiner Bedeutung nachdenkt, dem wird unmittelbar verständlich, dass ein Lebenswerk wie Arendts, das sich wie kein anderes des 20. Jahrhunderts dem Abbau dieser Feindschaft verschrieben hat, nicht nur beide Perspektiven einnimmt, diese in ihrem Verhältnis zueinander versetzt, sondern auch das Gesetz mitdenkt, das solche Standort-Setzungen einräumt.
Es sind im wesentlichen ein Heidegger-Image und drei Arendt-Images, die der Philosoph kreiert, um den Angriff auf das Selbstverständnis seines akademischen Fachs abzublocken: Heidegger ist ihm so etwas wie ein heidnischer Schamane, der mit Wortzaubereien die orientierungslose Jugend irreführt. Wenn er könnte, würde er ihm noch nachträglich den Schierlingsbecher reichen. Aus der Unruhe stiftenden Arendt macht er drei entschärfte Fassungen: die eine zieht er von der Philosophie ab und entsorgt sie in der Schublade: historisch-soziologische Studien. Die zweite fabriziert er zur jüdischen Aktivistin, womit er sie zu den Klima- und Flüchtlingsaktivisten der Gegenwart anschlussfähig macht und die dritte stilisiert er zur öffentlichen Medien-Intellektuellen, also das, was tagtäglich an Volksverdummung in den Talkshows stattfindet. Die für den Konsum einer Öffentlichkeit zurecht frisierten Arendt-Images vermeiden sorgfältig alles, was die gewohnte Gleichgültigkeit beunruhigen könnte.
Warum einer sich berufen fühlt, eine Arendt Biografie vorzulegen, der schon ihr zentrales Anliegen verfehlt und dafür Verlag und Lektoren findet, müssen die Beteiligten verantworten. Man muss es wohl als Symptom fortschreitenden geistigen Ruins zur Kenntnis nehmen. Zweifellos wird es für Verlag und Autor ein großartiger ökonomischer Erfolg werden. Es sei ihnen gegönnt. Nur, wer von geistigem Rang will dann noch mit einem solchen Verlag zusammenarbeiten? Ramschware für den Publikumsgeschmack - nein Danke!

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