Am 5. Mai die­ses Jah­res jähr­te sich der Geburts­tag von Soren Kier­ke­gaard und zwar zum 200. mal. Wie zu sol­chen Jah­res­ta­gen üblich bringt die schrei­ben­de Zunft in den Feuil­le­tons ein­schlä­gi­ge Essays. So auch in der ZEIT vom 2. Mai 2013, in der Tilo Wesche unter der Über­schrift „Kampf den Spie­ßern!“ einen kur­zen und infor­ma­ti­ven Abriss über das Kier­ke­gaar­d­sche Den­ken gibt. Kier­ge­gaard wird dort als nach­i­dea­lis­ti­scher Phi­lo­soph por­trä­tiert, der gegen das abs­trak­te Sys­tem­den­ken den kon­kre­ten Men­schen ins Zen­trum sei­nes Den­kens rückt. Mit exis­ten­ti­el­ler Radi­ka­li­tät, so Wesche, ver­wirft Kier­ke­gaard die Idee einer (prä)stabilisierenden Ver­nunft und Moral, von vor­ge­ge­be­nen Zie­len und Zwe­cken. Statt meta­phy­si­scher Gewiss­hei­ten ist es nun der Sprung in die Ent­schei­dung, der zu einer bestimm­ten Lebens­pra­xis führt. Nicht mehr die Suche nach Letzt­be­grün­dun­gen, son­dern das offe­ne Ver­hält­nis zur Welt sei­en für und mit Kier­ke­gaard die Vor­aus­set­zun­gen des gelin­ge­nen Lebens, so Wesche weiter.

Kon­sens-Leid
Inter­es­sant wird es nun an jenen Stel­len, an denen Wesche die Brü­cke zur Gegen­wart schlägt, um die poli­ti­sche Rele­vanz von Kier­ke­gaard zu ver­deut­li­chen und poli­ti­sche Anschluss­fä­hig­keit her­zu­stel­len. Inter­es­sant des­halb, weil auch Wesche einen Sprung vor­nimmt, der sich so unschein­bar aus­nimmt, dass man glatt über ihn hin­weg­sieht. Zunächst besteht Wesche auf die Wich­tig­keit der Fra­ge nach dem guten Leben im Kier­ke­gaar­d­schen Werk. Die­se lie­ße sich vom Ein­zel­nen jedoch nicht ein­fach beant­wor­ten und wenn, dann nur in einem nega­ti­ven Sin­ne als Ant­wort auf die Fra­ge nach dem miss­lin­gen­den Leben. Wesche schreibt.„Wenn wir auch nicht wis­sen, wie zu leben gut ist, so wis­sen wir doch zuerst, was wir nicht wol­len – wir wol­len nicht lei­den.“ Wie kommt man plötz­lich so umstands­los vom Ich, von dem vor­her exklu­siv die Rede war, zum Wir? Man wird ein­wen­den wol­len, dass es sich nur um eine Peti­tes­se, ein rhe­tho­ri­sches Stil­mit­tel han­delt, ohne tie­fe­ren Sinn. Aller­dings: „Wenn ich auch nicht weiß, wie zu leben gut ist, so weiß ich doch zuerst, was ich nicht will – ich will nicht lei­den.“ So umfor­mu­liert zeigt der Satz, dass der Weg vom Ich, vom Ein­zel­nen, zum Wir, zur poli­ti­schen Gemein­schaft, kei­nes­wegs so gerad­li­nig ver­läuft, wie hier unter­ge­scho­ben. Wäh­rend der „Ich-Satz“ durch­aus offen lässt, wie und ob mein Nicht-lei­den-wol­len mit oder gegen die Ande­ren rea­li­siert wer­den soll (und dabei eine ego­is­ti­sche Fär­bung bekommt), sug­ge­riert der ori­gi­na­le Wesche-Wir-Satz, dass das Nicht-lei­den-wol­len schon uni­ver­sel­le Gül­tig­keit besä­ße, das ohne poli­ti­sche oder sons­ti­ge Aus­en­an­der­set­zun­gen qua­si kos­ten­los zu haben wäre. Han­delt es sich hier­bei nicht um eine Spiel­art jener Abs­trakt­heit (und meta­phy­si­scher Grün­dung), die zuvor mit Kier­ke­gaard ver­wor­fen wurde?

Was man wis­sen muss
Wäh­rend etwas zusam­men­ge­dacht wird, was kei­nes­wegs zwang­los zusam­men­ge­hört, wird die Ope­ra­ti­on in glei­cher Wei­se eine Zei­tungs­spal­te wei­ter wie­der­holt und zwar im Zusam­men­hang mit der Kier­ke­gaar­d­schen Her­an­ge­hens­wei­se an das The­ma der Selbst­täu­schung. Mit Bezug auf Kier­ke­gaard heißt Selbst­täu­schung für Tilo Wesche, dass jemand ohne äuße­ren Grund kein offe­nes Ver­hält­nis zur Welt ent­wi­ckelt, um die Din­ge rea­li­täts­ge­recht sehen zu kön­nen. Aus den meta­phy­si­schen Fän­gen ent­las­sen, wird die mensch­li­che Frei­heit, das offe­ne Ver­hält­nis zur Welt in neu­er Wei­se ermög­licht. Zugleich nimmt aber die Nei­gung zu, so Wesche, sich der Selbst­täu­schung hin­zu­ge­ben und auf schwie­ri­ge Fra­gen ein­fa­che Ant­wor­ten gel­ten zu las­sen. Wesche fol­gert: „Für uns heu­te heißt dies: Wir kön­nen uns nicht her­aus­re­den. Wenn wir vor den Fol­gen des Wachs­tums die Augen ver­schlie­ßen oder öko­no­mi­sche Kri­sen klein­re­den, dann kön­nen wir nicht ein­fach die ‘Unüber­sicht­lich­keit’ der Ver­hält­nis­se für unse­re Blind­heit ver­ant­wort­lich machen.“
Die­ser Satz ist inso­fern bemer­kens­wert, als dass er zwar nicht für eine ein­fa­che Ant­wort ein­tritt, so doch eine mög­li­che rich­ti­ge Ant­wort, wie kom­plex auch immer, vor­aus­setzt. Die Ver­hält­nis­se mögen unüber­sicht­lich sein, aber man kann der Blind­heit wis­send ent­flie­hen, so offen­bar die Fol­ge­rung von Wesche. Aus der Selbst­täu­schung hat Wesche also eine ideo­lo­gi­sches Sub­jekt geformt, was die Aus­gangs­la­ge inso­fern umkehrt, als dass Selbst­täu­schung für Kier­ke­gaard die Öff­nung zur Welt ver­hin­dert, wäh­rend sie für Wesche das Wis­sen zur Wahr­heit ver­stellt. Aus dem offe­nen Ver­hält­nis zur Welt wird so das a‑politische Wis­sen um die Welt. Und mit dem oben zitier­ten „Wir“ sind, wie im ers­ten Zitat auch, kei­nes­wegs die plu­ra­len Akteu­re in einem strit­ti­gen poli­ti­schen Raum gemeint, an deren Urteils­kraft ich appel­lie­ren kann, son­dern die mög­li­chen Mit­wis­ser, die die Din­ge so sehen, wie sie jen­seits der Selbst­täu­schung wirk­lich sein sol­len. Gleich so, als ob unse­re Rea­li­tät nicht von jenem – im eigent­li­chen Sin­ne poli­ti­schen – Wir abhängt, das, um mit Arendt zu spre­chen, in jenem Zwi­schen lebt und han­delt, das zwar nicht greif­bar, aber rea­li­täts­stif­tend ist.

Das Kapi­tal der Soziologie
Wenn man das „Wir“ nicht poli­tisch den­ken kann oder will, so taucht es im Sozia­len wie­der auf, könn­te man in Anleh­nung an Arendt und Freud for­mu­lie­ren. Und so sicher wie das Amen in der Kir­che endet die Spie­ßer­kampf­an­sa­ge ganz bür­ger­lich mit der Fra­ge nach dem Sozia­len. Schlu­ßend­lich muss Wesche Kier­ke­gaard zur Last legen – man spürt, wie Leid es ihm tut‑, die „sozia­len Ermög­li­chungs­be­din­gun­gen von Selbst­er­kennt­nis“ nicht mit­be­dacht zu haben, kann doch das exis­ten­ti­el­le Ich die sozia­le Tran­szen­denz für sein eige­nes und eigent­li­ches Sein nicht schul­tern oder durch­schau­en, so der Vor­wurf. Und da das Ich nicht in einer genu­in poli­ti­schen Welt, in einem Zwi­schen, gedacht wer­den kann und soll, muss Wesche noch einen Exper­ten, nein nicht für die Welt, so doch für die sozio-öko­no­mi­sche Rea­li­tät hin­zu­zie­hen, sprich Karl Marx. So zer­fällt die Fra­ge nach dem Poli­ti­schen, nach dem poli­ti­schen Wir, in zwei Tei­le: auf der einen Sei­te das freie, exis­ten­ti­el­le, expres­si­ve Ich und auf der ande­ren die „wirk­li­che“ sozia­le Rea­li­tät. Von poli­ti­scher Rele­vanz oder poli­ti­scher Öff­nung bleibt nicht mehr viel. Wenn Tilo Wesche Kier­ke­gaard und Marx in einer „Geschwis­ter­be­zie­hung“ Hand in Hand durch die Geschich­te spa­zie­ren lässt, so fügt sich das so auf skur­ri­le Wie­se in die gän­gi­ge Ord­nung der deut­schen Phi­lo­so­phie und Sozi­al­wis­sen­schaft. Das ist nicht schön gedacht, aber lustig.