Corona und der Gute Hirte. Etwas über Christen und Menschen

Deutschland, Mitte 2020. Corona schlägt zu, erneut. Ziel: hochprekäre Wohnanlagen, zweifelhafte Fleischfabriken. Zahl der Infizierten: steigt erneut. Und wieder: Maske, Abstand, Hände waschen.

Auftritt EKD. Evangelische Kirche in Deutschland. Körperschaft des öffentlichen Rechts. Wie die Handwerkskammer. EKD: grundgesetzlich eine „Religionsgesellschaft“. Eine „christliche“. Für die „seelische Erhebung“.

 So das Grundgesetz. Was aber ist mit Religion und Erhebung gemeint? Manches deutet, heute, auf einen peinlich unchristlichen Event-Zeremonialismus sowie auf einen dia-bolisch antichristlichen Hang zur „Weltveränderung“ hin.

Maske, Abstand, kräftig Waschen: das genügt der christlichen – traditionell seit gut 1600 Jahren an staatliche Regierungen gekoppelten – Religionsgesellschaft nicht. Sie empfiehlt, in der Krise, unter dem www-Titel „Hinweise zum Coronavirus“, die Beherzigung eines Spruchs. Dieser wird im Älteren Teil des Fundamentalbuchs der „Christen“ aufbewahrt.

 Titel des Spruchs: „Der Gute Hirte“. Gemeint ist eine für Mitglieder der EKD grundwichtige, jedoch strikt undefinierte Erscheinung – ein Objekt (?), eine Person (?), eine Erfahrung (?) namens „gott“, auch „Herr“ und „Allmächtiger“.

Das dem Corona-Bann der EKD dienende Zitat lautet: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ EKD: „Das hilft gegen Panik und Überreaktion. Es ist die beste Voraussetzung, jetzt das Richtige zu tun, um Gefahren für die Zukunft zu vermeiden.“

Aber wer ist dieser Hirte? Was ist seine Heilungskraft? Wie wirkt seine Hirtenqualität sich auf mein Vorsorgeprogramm aus? Wie verhilft er zum „Tun des Richtigen„? Maske, Abstand, Händewaschen: genügt das nicht?

Kirchenchristlichkeit strebt, konstitutiv, höher hinaus. Sie strebt in ein – nicht existentes – „Jenseits“. Das pragmatische Dasein, in alltäglicher Mit-Menschlichkeit, genügt nicht.

Dazu G. E. Lessing, im „Nathan“, 1779, über die Kirchenchristen: „Ihr Stolz ist Christen sein, nicht Menschen.“ – Baruch Spinoza, im Theologisch-Politischen Traktat, 1670: nichts anderes lehrt das Grundbuch der Christen, „als was die Menschen in ihrer bestimmten Lebensweise nachahmen können.“ – Schön auch J. G. Droysen, in der Historik, 1882: die Kirche strebt danach, „für den Pragmatismus der menschlichen Dinge immer neue Wunderwirkungen Gottes und seines unerforschlichen Ratschlusses zu substituieren.“ –

Zuständig für Religion, Glaube, Kirche: die Historische Kulturwissenschaft. Religion ist Produkt von Geschichte, Kultur, von Dasein. Aus dem Menschsein kommen wir nicht heraus. Im Jahre 14 u.Z. etwa gibt es auf der ganzen Welt keinen einzigen Christianós, Anhänger der kulturellen Leitfigur Christós, des Gesalbten. Im Jahre 140 u. Z. aber gibt es viele Christianói. Christsein ist eine historische Erscheinung. Kirche (von kyriakón, zum Herrn, Kýrios, gehörig) fällt nicht vom Himmel.

Ohne die Wahrnehmung der Entstehungszeit der Herrengruppen in hellenistisch-judaiischer Kultur – 1. bis 4. Jahrhundert, Ende des überlieferten kósmos, Angst und Verzweiflung, Wechsel zu den Figuren des Einen Gottes und des Christós Kýrios – kann niemand ein Christianós sein. – Im übrigen: aus der Sicht der Historischen Kulturwissenschaft ist diese Figur, und sind die Verfasser jener frühen Christóstexte, auch der Paulus, als leibhaftig existent nicht nachzuweisen.

pístis, Vertrauen. Glauben, pístis, pistía, in den Kýriostexten und schon bei Heraklit, pisteía, um 500 v.u.Z., ist nur zu verstehen als ein menschliches Verhalten namens Vertrauen.

In EKD-Sicht dagegen, dargelegt im online-Beitrag, ist Glauben eine Kategorie des Wissens und Nichtwissens, ja gesteigerten Nichtwissens: EKD-Glauben ist „mehr als das Gegenteil von Wissen“. Mehr als? Grenzenlos erkenntnislos? Glauben als Feind – impliziert mindergradiger – „wissenschaftlicher Erkenntnisse“ und „intellektueller Überlegungen“?

Intellektuell! Gottbehüte. In deutscher Kultur und Geschichte, auch Kirchengeschichte, ein offen gewaltträchtiges Ausgrenzungswort.

tatriatauta. Die zentrale Botschaft, das kérygma der kýrios-Texte, ist 1 Kor 13.13: ta tria tauta, diese drei, pístis, elpís, agápe. Vertrauen, Hoffnung, Verbindlichkeit. (Die gängige agápe-Übersetzung, „Liebe“, passt nicht.) – Grundlegend: pístis.

re-ligio, Rücksicht. Auch nichts weiter als mit-menschliches Verhalten. re-ligio kommt von „rem ligare“. Eine Sache binden, zurückhalten. In Rücksicht auf das Interesse des Anderen: ein humanes – dem „Tätigen Da-Sein“ (Hannah Arendt, The Human Condition) inhärentes – Verhalten: Gewissenhaftigkeit. So übersetzt der Historiker Jacob Burkhardt das Wort re-ligio.

Von daher: der Heilige Geist, pneuma hágion? Nichts anderes als der Gute Lebenstrieb, der Schopenhauersche „Wille zum Leben“. – Ewiges Leben? tsoé aiónios: nicht das törichte Trugbild vom Leben nach dem physischen Tode, sondern das zeitlich geschlossene, bruchlose Leben, ein aión nach dem anderen, hier, jetzt. – Sünde? Nichts anderes als hamartía, Verfehlung; kann wiedergutgemacht werden, alltäglich, über das tatriatauta. – Vergebung? áphesis: stockmenschlich. – Und Erbarmen, éleos, erhalte ich – Mensch unter Menschen -, „weil ich unwissend gehandelt habe, im Misstrauen“: apistía, 1 Tim 1.13. Usw., usw.

Atheistisch? Auch so eine kirchliche Ausgrenzung. A-Theismus folgt aus Theismus. Aber warum sich auf den Theismus einlassen, warum sich vom theós her definieren lassen? Haben Theisten die Definitionshoheit? Wer Diesseits sagt, impliziert Jenseits. Jenseits von was? Wer sich auf eine tapfere „Innerweltlichkeit“ beruft, der sanktioniert eine schimärische „Außerweltlichkeit“. Was ist denn „inner-weltlich„? Was ist „trans-zendent“, über-steigend?

Warum die heutige humanistische Diskussion eines „Neuen Atheismus“? Wieso nennt man sich selbst gott-los: A-theistin, Atheist? Und wiederum: was ist „gott“? Soll man sich vom Konstrukt „gott“ her bestimmen und herumkommandieren lassen: als ungehörig, als Ketzer? Umgotteswillen: als „Intellektueller? Warum nicht, umgekehrt, den Theismus als A-Humanismus erkennen?

Glaube, was ist das? Frage, neulich, in einer Runde der vom Guten Hirten Betreuten. Antwort: „Jesus hat mich erlöst. Das ist mein Glaube.“ Glaube als Abbruch von Kommunikation. – Was nun? pístis, elpís, agápe. Maske, Abstand, Hände waschen: ta tría tauta. – Und soeben noch handfeste Definition „gott“ gefunden. Von einem hardcore „Intellektuellen„! James Joyce, Ulysses (1922): „He jerked his thumb towards the windows, saying: That is God.- What? Mr Deasy asked. – Answer: A shout in the street.

éleos und áphesis und amén Corona!

Andreas Hermann
Andreas Hermann

Über Andreas Hermann

Historiker, M. Phil., Yale, ex: Assistant in Instruction, Y History Dept - Y Course Critique: "Mr. H.s sections are amusing and informative"; Redakteur FR, Studioleiter "Wissenschaft direkt", FernU Hagen/WDR Köln
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