Die revo­lu­tio­nä­re oder tota­li­tä­re Regierung
ist nichts als der Todes­kampf der Monarchie
Gugliel­mo Ferrero

Ein guter Schrift­stel­ler kann gleich­zei­tig ein mise­ra­bler poli­ti­scher Den­ker sein und umge­kehrt. Sind bei­de Fähig­kei­ten in einer Per­son auf ähn­lich hohem Niveau vor­han­den, muss man, wie bei Moni­ka Maron, von einem Glücks­fall spre­chen, nei­gen doch Schrift­stel­ler eher dazu, sich als mora­li­sches Gewis­sen der Nati­on so wort­ge­wal­tig wie poli­tisch ohn­mäch­tig in Sze­ne zu set­zen. Ein beson­ders abschre­cken­des Bei­spiel lie­fer­te der Lite­ra­tur-Nobel­preis­trä­ger Gün­ter Grass, der gegen­über den poli­ti­schen Her­aus­for­de­run­gen von 1989 kläg­lich ver­sag­te und den Deut­schen noch in tau­send Jah­ren als Stra­fe für Ausch­witz jeg­li­ches Recht abspre­chen woll­te, ihre Geschi­cke in die eige­nen Hän­de zu neh­men. Dass Grass dabei die Ideo­lo­gie der Nazis von der orga­ni­sier­ten Schuld bruch­los wei­ter­führ­te, fiel nur weni­gen auf. Sich poli­tisch nir­gend­wo die Hän­de schmut­zig machen und gleich­zei­tig über alles und jeden den obers­ten mora­li­schen Rich­ter spie­len - beque­mer geht es nicht.

Nicht viel weni­ger dane­ben lagen weit­hin geach­te­te Per­sön­lich­kei­ten wie Egon Bahr, des­sen gan­zes Kon­zept vom ‚Wan­del durch Annä­he­rung‘ auf den dau­er­haf­ten Erhalt der Macht­po­si­tio­nen der SED Funk­tio­nä­re ange­wie­sen war. Bis zuletzt hat er den poli­tisch-gesell­schaft­li­chen Auf­bruch in der DDR, der zur ers­ten fried­li­chen, dann aber unter­bro­che­nen Revo­lu­ti­on auf deut­schem Boden führ­te, nur als Stö­rung sei­ner Krei­se emp­fun­den. Geht man etwas wei­ter zurück, las­sen sich allein schon an der ver­brei­te­ten Bezeich­nung von Soli­dar­ność als ‚Gewerk­schafts­be­we­gung‘ die Blo­cka­den able­sen, sich mit der Wirk­lich­keit poli­tisch ins Ver­hält­nis zu setzen.

Gut drei­ßig Jah­re spä­ter über­rascht uns die Wirk­lich­keit erneut mit einem Phä­no­men, dass es in der glo­ba­len Welt­in­nen­po­li­tik gar nicht mehr geben dürf­te. Fast aus dem Nichts taucht ein mili­tä­risch-poli­tisch hand­lungs­fä­hi­ges ukrai­ni­sches ‚Wir‘ auf, das eigent­lich schon in den drei­ßi­ger Jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts mit einer kon­se­quen­ten Ver­nich­tung durch Hun­ger dau­er­haft aus der Geschich­te hät­te aus­ge­löscht sein sol­len und nun erneut bereit ist, für die Exis­tenz des eige­nen Lan­des das Leben aufs Spiel zu set­zen. Nichts bedroht die Herr­schaft des EINEN mehr als ein poli­tisch han­deln­des „Wir“. „Sena­to­res boni viri, sena­tus autem mala bes­tiasag­ten die Alten. Wer nur mit der Furcht regiert, erstickt an sei­ner eige­nen Para­noia. Es waren nur weni­ge, die gegen­über die­sem poli­ti­schen Moment wirk­lich ant­wort­fä­hig waren. Timo­thy Gar­ten Ash begann sei­nen Text im SPECTATOR mit einer For­mu­lie­rung, die über Chur­chill, Shake­speare bis zu Homer zurück­reicht, von dem die Grie­chen, wie Arendt beton­te, poli­ti­sches Den­ken gelernt haben. “If Ukrai­ne lasts for ano­t­her thousand years, peop­le will still say, ‘This was their finest hour.’” Was für eine Beschä­mung für Deut­sche, die schon bei einem blo­ßen Pan­de­mie­ge­rücht bereit sind, ihre frei­heit­li­che Ver­fas­sung aufzugeben.

Ob die Welt bewohn­bar oder zur Wüs­te gemacht wird, geht Pazi­fis­ten nichts an. Sie sind um ihr eige­nes Selbst besorgt. Wie sähe das auch aus, mit blut­be­fleck­ten Hän­den vor Got­tes Ange­sicht zu tre­ten. Das ist neben­bei eines der Sze­na­ri­en, in denen der Unter­schied zwi­schen Scham und Schan­de deut­lich wird. Die Gleich­gül­ti­gen, euphe­mis­tisch Äqui­di­stanz genannt, die ohne­hin jeg­li­ches Urtei­len ver­wei­gern, erfin­den rei­hen­wei­se Grün­de hier wie dort, die legi­ti­mie­ren sol­len, war­um man sich gegen­über jeder Hand­lungs­auf­for­de­rung, die aus den Ereig­nis­sen ganz von selbst her­vor tönt, noto­risch taub stellt. Sich mit kei­ner Sache gemein machen, mag in Frie­dens­zei­ten eine gute Vor­aus­set­zung fürs ordent­li­che Berich­ten sein, im Krieg, in dem es um Leben oder Tod geht, ist es nur noch ein bil­li­ger Fluchtreflex.

Der Richt­li­ni­en­kanz­ler steht exem­pla­risch für einen Groß­teil des Lan­des. Er hat weder Rich­tung noch Linie. Selbst das Urtei­len fällt ihm schwer. Am Ende der Selen­skyi Rede im Deut­schen Bun­des­tag schau­te Scholz sich erst ängst­lich um, was die ande­ren tun, bevor er sich selbst dazu ver­hielt. Da liegt es nahe, auch bei den sym­bo­li­schen Waf­fen­lie­fe­run­gen aus Schrott­be­stän­den zu unter­stel­len, sie dien­ten nur dazu, mög­lichst unauf­fäl­lig in der Her­de mit­zu­lau­fen. Für einen deut­schen Regie­rungs­chef ist das mehr als pein­lich, die buch­stäb­lich um ihre blo­ße Exis­tenz kämp­fen­den Ukrai­ner müs­sen sich ver­höhnt füh­len. Wäh­rend der ukrai­ni­sche Prä­si­dent, was er auch immer zuvor gewe­sen sein mag, von den Ereig­nis­sen, denen er nicht flieht, in die Rol­le sei­nes Lebens nicht nur gedrängt wird, son­dern sich auch bereit­wil­lig dahin drän­gen lässt - eine geglück­te Kon­stel­la­ti­on von for­tu­na und vir­tu - müht sich der offi­zi­el­le Ver­tre­ter der deut­schen Nati­on tag­täg­lich ver­geb­lich damit ab, sein ver­wei­gern­des Nichts­tun als wei­se Staats­kunst aus­zu­ge­ben. Was will er mit der von ihm ange­streb­ten Rake­ten­ab­wehr eigent­lich abweh­ren? Ist Deutsch­land aktu­ell bedroht? Leben hier so vie­le Rus­sen, dass auch die­se von den Faschis­ten befreit und heim ins Reich geholt wer­den müs­sen? Oder steht die Abwehr meta­pho­risch für die Abwehr der gegen­wär­ti­gen Wirk­lich­keit, der sich der Kanz­ler der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land so wenig zu stel­len ver­mag wie der Geschich­te sei­nes eige­nen Landes?

Über­all im Lan­de wer­den argu­men­ta­ti­ve Abwehr­bat­te­rien in Stel­lung gebracht, deren Zweck vor allem eins ist: die bedrän­gen­de Wirk­lich­keit drau­ßen hal­ten. Schon die Bil­der sind zu viel. Die infan­tils­ten Reak­tio­nen kamen von denen, die for­der­ten, die Ukrai­ner soll­ten doch end­lich kapi­tu­lie­ren, damit der wohl­fahrts­ver­wahr­los­te West­ler nicht jeden Tag durch die­se uner­quick­li­chen Bil­der in sei­nem geschütz­ten pri­va­ten Dasein gestört wer­de. Nicht viel bes­ser mach­ten es jene, die ihren ein­ge­üb­ten Anti­ame­ri­ka­nis­mus noch eine Dre­hung wei­ter radi­ka­li­sier­ten und bar jeder Geschichts­kennt­nis die Ame­ri­ka­ner für alles ver­ant­wort­lich mach­ten, was als prak­ti­scher Neben­ef­fekt die eige­ne Ver­ant­wor­tung über­flüs­sig macht. USA - SA – SS: da sind wir doch ganz auto­ma­tisch immer auf der rich­ti­gen Sei­te. Tat­säch­lich gab es, will man nicht alles im ein­heit­li­chen Grau ver­schwin­den las­sen, tota­li­tä­re Ein­brü­che im zer­fal­len­den Zaren­reich und der Wei­ma­rer Repu­blik, aber weder in Eng­land noch in den USA. Das revo­lu­tio­nä­re Vor­bild für den bol­sche­wis­ti­schen Gro­ßen Ter­ror kam aus Frank­reich. Was als fei­er­li­che Erklä­rung der Men­schen­rech­te begann, ende­te in der Über­flüs­sig­keit von Men­schen, einer­lei, ob als Klas­se oder Ras­se zusammengefasst.

Soge­nann­te Intel­lek­tu­el­le fixie­ren sich aufs Papier und blei­ben lie­ber in ihr eige­nes Glas­per­len­spiel ver­liebt. Spie­gel­bild­li­che Aus­blen­dun­gen hier wie dort. Wie die lin­ken Kri­ti­ker des Wes­tens eine ima­gi­nier­te DDR als Uto­pie benö­tig­ten, sich dabei für die dor­ti­ge Wirk­lich­keit aber nicht im gerings­ten inter­es­sier­ten, hal­ten jetzt Nost­al­gie­kon­ser­va­ti­ve, die sich an der Deka­denz des Wes­tens erei­fern, an Russ­land­bil­dern fest, die der Wirk­lich­keit längst ent­rückt sind. 

Spie­gel­bild­li­che Ver­hält­nis­se auch beim Anti-Faschis­mus: wäh­rend er Putin als Legi­ti­ma­ti­on für sei­nen Ver­nich­tungs­krieg dient, nut­zen ihn zahl­rei­che hier­zu­lan­de als Legi­ti­ma­ti­on fürs Nichts­tun. Gün­ter Ver­heu­gen - der Mann war mal in der FDP - zün­de­te eine der wider­lichs­ten Nebel­ker­zen mit dem Aus­spruch: „Das Pro­blem liegt eigent­lich gar nicht in Mos­kau oder bei uns. Das Pro­blem liegt ja in Kiew, wo wir die ers­te euro­päi­sche Regie­rung des 21. Jahr­hun­derts haben, in der Faschis­ten sit­zen.“ Hät­ten wir For­mat, wür­den wir ihm sei­ne öffent­li­chen Funk­tio­nen ent­zie­hen. Als Pri­vat­mann mag er mit sei­ner Mei­nung hau­sie­ren gehen, als Reprä­sen­tant ist er nicht län­ger tragbar.

Ange­sichts der „eth­ni­schen Säu­be­run­gen“ im zer­fal­len­den Jugo­sla­wi­en hat­te die Welt­ge­mein­schaft Anfang der 90er noch voll­mun­dig Schutz­zo­nen aus­ge­ru­fen, um die dort­hin Geflüch­te­ten kurz dar­auf schutz­los den ser­bi­schen Schläch­tern aus­zu­lie­fern. Ob es nun offi­zi­ell als Völ­ker­mord ein­ge­stuft wird oder nicht, bleibt neben­säch­lich. Etwa 8000 mas­sa­krier­te und in den umlie­gen­den Fel­dern wie Unkraut unter­ge­pflüg­te bos­nisch-mus­li­mi­sche Män­ner und Jun­gen waren die Fol­ge. Es dau­ert drei, vier, fünf Genera­tio­nen, bis sol­che Erfah­run­gen ihre destruk­ti­ve Kraft­auf­la­dung ver­lie­ren und ein nor­ma­les Zusam­men­le­ben wie­der mög­lich wird. Aktu­ell sitzt eine Enkel­ge­nera­ti­on von Sre­bre­ni­ca in Sara­je­vo, des­sen Bela­ge­rung und ver­such­te Aus­hun­ge­rung län­ger andau­er­te als die von Lenin­grad im Zwei­ten Welt­krieg, erneut auf gepack­ten Kof­fern. Neben dem Bal­ti­kum, der Land­enge von Kali­nin­grad ist auch der ser­bi­sche Teil von Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na einer der neur­al­gi­schen Punk­te Euro­pas. Marie-Lui­se Beck gehör­te schon damals zu den weni­gen Grü­nen, die sich der Erfah­rung nicht ver­wei­ger­ten. Erfreu­lich, dass Sie jetzt wie­der zu Wort kommt, wenn der Groß­teil der Grü­nen jeden Kon­takt zur Wirk­lich­keit scheut.

Der Wes­ten aber hat anders gelernt und schaut jetzt gar nicht erst hin, wenn Städ­te zu Trüm­mer­wüs­ten ver­wan­delt wer­den. Man muss befürch­ten, dass auch die ers­ten Hun­ger­to­ten von Mariu­pol, die an die 30er unter Sta­lin gemah­nen, dar­an nichts ändern wer­den. Dass die Sicher­heit Deutsch­lands auch am Hin­du­kusch ver­tei­digt wird, war nur ein Maul­hel­den­spruch. Die Ukrai­ne aber gehört tat­säch­lich zu einer gemein­sa­men euro­päi­schen Welt, deren Erhalt über die Zukunft Euro­pas entscheidet. 

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Publi­ziert auf: Weiss­ger­ber Frei­heit, reit​schus​ter​.de, PT-Maga­zin

Hin­weis in eige­ner Sache: Glob­kult hat eine Ver­öf­fent­li­chung mit dem Hin­weis abge­lehnt, das sei nicht der „Geist Han­nah Arendts, son­dern der des vom Füh­rer berausch­ten Hei­deg­ger“ - da möge sich jeder sei­ne eige­ne Mei­nung bilden.