Die Gewalt kann nie mehr, als die Grenzen
des poli­ti­schen Bereichs schüt­zen. Wo die
Gewalt selbst in die Poli­tik eindringt,
ist es um die Poli­tik gesche­hen
.
Han­nah Arendt

In einem offe­nen Brief loben „Intel­lek­tu­el­le“ und medi­al Pro­mi­nen­te die „Beson­nen­heit“ des Bun­des­kanz­lers Scholz, beschwö­ren die Gefahr eines Drit­ten Welt­krie­ges und for­dern ihn auf, die Lie­fe­run­gen schwe­rer Waf­fen an die Ukrai­ne umge­hend ein­zu­stel­len. Sie reden von Gebo­ten der poli­ti­schen Ethik (eine con­tra­dic­tio in adjec­to), von his­to­ri­scher Ver­ant­wor­tung und zahl­rei­chen ande­ren woh­klin­gen­den Wort­hül­sen, deren Gemein­sinn sie als selbst­ver­ständ­lich in Anspruch neh­men. Als ob es nie einen Unter­schied gege­ben hät­te, wer­den mora­lisch und poli­tisch syn­onym ver­wen­det. Natür­lich fehlt auch nicht der Hin­weis aufs Uni­ver­sel­le, ein Maß­stab, der von „deut­schem Geist“ beson­ders in Kri­sen­zei­ten immer wie­der ger­ne als nicht wei­ter bezwei­fel­ba­re, qua­si gött­li­che Legi­ti­ma­ti­on her­an­ge­zo­gen wird. Ach­tet man auf­merk­sam auf ver­schie­de­ne sprach­li­che Wen­dun­gen und die Wort­wahl, las­sen sich ganz erstaun­li­che Kon­ti­nui­tä­ten zum Sprach­duk­tus der über­wie­gen­den Mehr­zahl der Intel­lek­tu­el­len im Ers­ten Welt­krieg her­aus­le­sen. Was damals Welt­gel­tung hieß, heißt heu­te glo­ba­le Gesund­heit, dar­un­ter macht es der aus­er­wähl­te deut­sche Intel­lek­tu­el­le nicht. Der Brief ver­zeich­net so illus­tre Namen wie Rein­hard Mey, Ant­je Voll­mer, Ali­ce Schwar­zer, Julia Zeh und Mar­tin Walser. 

In Anleh­nung an eine ähn­lich gela­ger­te Inter­ven­ti­on von „Intel­lek­tu­el­len“ im August 1914 könn­te man von Anti-Kriegs­re­den oder auch von Demo­bi­li­sie­rungs­ideo­lo­gie spre­chen. So wie man damals mit meta­phy­si­schen, theo­lo­gi­schen Über­hö­hun­gen, einem voll­kom­men illu­sio­nä­ren Gefühl von der Aus­er­wählt­heit und Welt­gel­tung der Deut­schen die Kriegs­be­geis­te­rung eigens rhe­to­risch ange­feu­ert hat, so will man heu­te auf gar kei­nen Fall in etwas hin­ein­ge­zo­gen wer­den, von dem man behaup­tet, es wür­de einen nichts ange­hen. Es drängt sich der Ein­druck auf, es han­delt sich hier um zwei Sei­ten einer Medail­le, deren Tausch­wert die voll­stän­di­ge Unfä­hig­keit ist, sich poli­tisch mit den Gescheh­nis­sen in ein bestimm­tes Ver­hält­nis zu set­zen. So gese­hen han­delt es sich um eine Kon­ti­nui­tät, die sich weder von Faschis­mus, Sta­li­nis­mus, Natio­nal­so­zia­lis­mus, den poli­ti­schen Revo­lu­tio­nen von Ungarn 56, Polen wäh­rend der 80er, dem Zer­fall der Sowjet­uni­on noch der hier­zu­lan­de unter­bro­che­nen Revo­lu­ti­on von 1989 hat aus der Fas­sung brin­gen las­sen. Man macht ein­fach so wei­ter, als sei nichts gesche­hen, was neben­bei für Lin­ke wie Rech­te, Libe­ral-Pro­gres­si­ve wie Kon­ser­va­ti­ve glei­cher­ma­ßen gel­ten kann.

Haben die­je­ni­gen, die die­sen offe­nen Brief unter­zeich­net haben, jemals dar­über nach­ge­dacht, was die Bedin­gung der Mög­lich­keit ist, dass sie, ohne ins Gefäng­nis oder ins Lager zu kom­men, über­haupt einen offe­nen Brief schrei­ben kön­nen? Haben sie jemals dar­über nach­ge­dacht, woher die Opfer kamen und wer den Blut­zoll ent­rich­tet hat, wodurch die­se Bedin­gun­gen erst geschaf­fen wur­den, die sie jetzt so selbst­ver­ständ­lich in Anspruch neh­men, als hät­ten sie sie selbst her­bei­ge­führt? Haben Sie nie­mals dar­über reflek­tiert, dass ein Gespräch, eine Ver­hand­lung, ein Dia­log und ein Kom­pro­miss einen vor Gewalt geschütz­ten Spiel­raum vor­aus­set­zen, in dem man sich gegen­sei­tig als in Frei­heit Han­deln­der aner­kannt hat?

Bekannt­lich darf in Russ­land das Gesche­hen in der Ukrai­ne unter Andro­hung von Stra­fe nicht Krieg genannt wer­den. Es han­de­le sich viel­mehr um eine „Spe­zi­al­ope­ra­ti­on“. Man pflegt sei­nen Dün­kel, wenn man das bloß als rus­si­sche Pro­pa­gan­da abtut. Tat­säch­lich macht die Unter­schei­dung durch­aus Sinn, denn von Krieg lässt sich sinn­voll nur spre­chen, wenn der ande­re nicht nur als Kriegs­geg­ner, son­dern auch als Ver­hand­lungs­part­ner aner­kannt wird, mit dem sich sowohl ein Waf­fen­still­stand, als auch spä­ter ein Frie­dens­ver­trag ver­ein­ba­ren und ein Frie­den auch hal­ten läßt. Eine der schöns­ten lite­ra­ri­schen For­men hat die­se Aner­ken­nung in der grie­chi­schen Tra­gö­die „Die Per­ser“ gefun­den. Die Tra­gö­die beginnt - nach dem Sieg der Grie­chen - mit der Aner­ken­nung und Wür­di­gung des Besieg­ten. Und selbst ein auf den Mas­sen­ge­schmack zie­len­der Hol­ly­wood Film wie Tro­ja kann eine sol­che Aner­ken­nung in der nächt­li­chen Sze­ne zwi­schen Achill und Pria­mos, der um sei­nen getö­te­ten Sohn bit­tet, auch über meh­re­re tau­send Jah­re danach noch über­zeu­gend nacherzählen. 

Die Aner­ken­nung als Kriegs­geg­ner impli­ziert auch die Aner­ken­nung als fried­li­cher Nach­bar. Wer über die Macht ver­fügt, einen Krieg zu füh­ren, ver­fügt auch über die Macht, den Frie­den zu wah­ren und nach­bar­schaft­li­che Ver­hält­nis­se auf­recht­zu­er­hal­ten, die recht­lich ver­fasst sind. Ver­hält­nis­se, ins­be­son­de­re recht­li­che kön­nen sich nur in der Zeit hal­ten, wenn die­je­ni­gen, die im Ver­hält­nis zuein­an­der ste­hen auch über die Macht und den Mut ver­fü­gen, das Hal­ten des Ver­hält­nis­ses vor dem Zer­fall zu bewah­ren. Das „Wir hal­ten“ der ame­ri­ka­ni­schen Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung signa­li­siert einen gewich­ti­gen Unter­schied zwi­schen der Fran­zö­si­schen und der ame­ri­ka­ni­schen Revo­lu­ti­on, der der Auf­merk­sam­keit die­ser Offe­nen Brief Intel­lek­tu­el­len offen­bar ent­gan­gen ist. Wer bequem dar­auf ver­traut, das es irgend ein gro­ßer Ande­rer, irgend­ei­ne tran­zen­den­te Instanz schon rich­ten wird, hat schon kapi­tu­liert, bevor er über­haupt ange­fan­gen hat. Recht ist eine Sache des irdi­schen Zwi­schen, zwi­schen uns, zwi­schen Nach­barn, zwi­schen Natio­nen in Euro­pa. Russ­land, eben­so wie die USA und Groß­bri­tan­ni­en Garan­tie­macht der Unver­letz­lich­keit der Gren­zen der Ukrai­ne, hat sich aus der Rol­le einer rechts- und ver­trags­fä­hi­gen Per­son ver­ab­schie­det. Es kann Ver­spre­chen nicht hal­ten und fällt damit auch als moral­fä­hi­ge Per­son aus, eine Erfah­rung, deren Wahr­neh­mung und Ver­ar­bei­tung die Unter­zeich­ner des Offe­nen Brie­fes offen­bar bewußt vermeiden.

Sieht man genau­er hin, han­delt es sich in der Ukrai­ne nicht um einen Krieg in dem Sin­ne, wie wir seit schrift­li­cher Über­lie­fe­rung von Krieg spre­chen, son­dern viel eher um eine Maß­nah­me, die sehr viel mehr Ähn­lich­keit mit dem hat, was im deut­schen Kon­text als „End­lö­sung“ bezeich­net wird. Einen Angriffs­krieg hat auch Fried­rich der Gro­ße um Schle­si­en mit Maria The­re­sia geführt, aber er wäre nie auf die Idee gekom­men, den Habs­bur­gern das Exis­tenz­recht abzu­spre­chen. Wer einer Grup­pe von ande­ren Men­schen das Exis­tenz­recht abspricht, kann die­se Grup­pe unmög­lich als Geg­ner, als Ver­hand­lungs­part­ner, oder auch nur als Nach­bar aner­ken­nen. An die­ser Stel­le sind erträum­te Kom­pro­mis­se rea­li­täts­fer­ne Nai­vi­tät. Wer sich in die Rol­le ver­setzt, über die Über­flüs­sig­keit von Men­schen ent­schei­den zu kön­nen, hat sich aus allen poli­ti­schen Räu­men zwi­schen Men­schen ent­fernt und alle Brü­cken hin­ter sich abge­bro­chen. Das Phä­no­men soll­te uns bekannt sein.

Kön­nen wir mit einer „End­lö­sung“ so umge­hen, als ob es sich um einen ordi­nä­ren Krieg han­deln wür­de? Für Schwei­zer mag das ein gang­ba­rer Weg sein, aber für uns?


Publi­ziert auf: Weiss­ger­ber-Frei­heit, tabu­la­ra­sa maga­zin, Boris Reit­schus­ter