Heu­te, in Deutsch­land, wird viel über die Nazis gespro­chen. Die Nazis waren Deut­sche. Das ist The­ma die­ses Beitrags. 

Von Deut­schen ermor­det: sechs Mil­lio­nen Juden. Das ist unvor­stell­bar. Von Deut­schen ermor­det: 599 Juden­kin­der. Das ist entsetzlich. 

Im Som­mer 1941 zie­hen Grup­pen ent­schlos­sen deut­scher Män­ner, kame­rad­schaft­lich ver­bun­den, durch Litau­en und wei­te­re Land­stri­che im “Ost­raum“: so deut­sche Wahr­neh­mung, damals. 

Die Kame­ra­den, mit Dienst­gra­den wie Haupt­sturm­füh­rer oder Poli­zei­wacht­meis­ter, sind tätig auf Wei­sung höchs­ter poli­ti­scher, admi­nis­tra­ti­ver, mili­tä­ri­scher Stel­len der Deut­schen. Wei­sungs­ter­mi­no­lo­gie: Rache, Säu­be­rung, Aus­rot­tung, Ver­nich­tung. Objekt: Der Jude. Im jüdisch kom­mu­nis­ti­schen, im jüdisch unrei­nen, unsitt­li­chen, ver­dreck­ten, ver­laus­ten, im – höchst­gra­di­ge Ver­dam­mung – mate­ria­lis­ti­schen Ostraum. 

Gehei­me Reichs­sa­che: Bericht einer Rachegrup­pe über Säu­be­rungs­ar­beit” im Ort Keda­i­niai, Litau­en, 28. August 1941 – 710 Juden, 767 Jüdin­nen, 599 Juden­kin­der.

Keda­i­niai 1941. 599 Juden­kin­der. Mord­ob­jek­te dama­li­ger gesamt­deutsch all­täg­li­cher Stig­ma­ti­sie­rung jüdi­schen Daseins. Ein Blick in die Stig­ma-Spra­che, in die Nomen­kla­tur deut­scher Säu­be­rung, ein­ge­fleischt popu­lär seit lan­ger Zeit, deutsch humo­rig, auch kir­chen­christ­lich gedul­det: Juden­schwein und Judenhu­re; Juden­ben­gel, Juden­lüm­mel; Schmutz und Kot und Unge­zie­fer; Bazil­len, Eiter, Maden Wür­mer; Ekel, Zer­set­zung und Unter­mensch; ver­derbt und ent­ar­tet und Aus­satz und Krät­ze und Juda verrecke! 

NS/KZ/SS. Die deut­schen Stra­te­gen, die deut­schen Exe­ku­to­ren deut­scher Feld­zü­ge der Rache und Säu­be­rung, Feld­zü­ge gegen Den Juden, Feld­zü­ge des hero­isch um sich schla­gen­den deut­schen Anti-Mate­ria­lis­mus – in Litau­en und in wei­te­ren Gegen­den Euro­pas, in den 30er und 40er Jah­ren des 20. Jahr­hun­derts -, wer­den heu­te in Deutsch­land, auf­fäl­lig häu­fig, in Medi­en, Poli­tik und Wis­sen­schaft, durch­weg unde­fi­niert, als Der NS oder “Die Nazis”, als gespens­ti­sche Agen­ten des Bösen, die Deut­schen heim­su­chend, als schau­ri­ges Trio NS/KZ/SS, als Nazis­mus, Nazi-Bar­ba­rei, Nazi-Deutsch­land, Nazi-Scher­gen, Nazi-Dik­ta­tur, Nazi-Regime, sowie faust­bal­lend ent­schlos­sen als Nazis aufs Maul oder No bor­ders, fight Nazis oder Nie wie­der Faschis­mus vor­ge­führt und aus­ge­stellt und deut­schem Kum­mer nahegelegt. 

Kul­tur. Gleich­zei­tig wrden sie, die nie­der­drü­ckend Prä­sen­tier­ten, die Täter, geschichts­wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis, näm­lich uner­läss­li­cher Ein­ord­nung in den wei­te­ren Raum deut­scher Kul­tur des 19. und 20. Jahr­hun­derts, über das magi­sche Jahr 1933 hin­aus, nahe­zu pro­gram­ma­tisch entzogen. 

Kul­tur ist das gesell­schaft­li­che Wer­te­sys­tem im Gan­ge der Geschichte. 

Wie die Täter, so blei­ben weit­hin auch die Gemor­de­ten, unter ihnen die 599 Juden­kin­der, his­to­risch-kul­tu­rel­ler Ein­ord­nung vor­ent­hal­ten. Man über­lässt sie einem nicht näher spe­zi­fi­zier­ten, erkennt­nis­fer­nen, sakral ver­ein­nahm­ten Geden­ken sowie einer zere­mo­ni­al absol­vier­ten Erin­ne­rung – wel­che “nicht enden darf”: so die bun­des­prä­si­dia­le Bestim­mung, 1996.

Idea­li­scher Idea­lis­mus: deut­sche Rache. Die unge­heu­er­li­che Dimen­si­on deut­scher Mordska­me­ra­de­rie in Keda­i­niai, Som­mer 1941, und in zahl­rei­chen wei­te­re­ren Rache­feld­zü­ge – gegen Den Juden, in Euro­pa – ist auf kur­ze Distanz, von 1933 oder 1918 her, schlecht­hin unbegreiflich. 

Das Begrei­fen ist, jener wei­ten Dimen­si­on ent­spre­chend, nur im wei­ten Rück­blick, bis zur frü­hen, zur Gro­ßen Zeit des Deut­schen Idea­lis­mus – Ende 18./Beginn 19. Jahr­hun­dert – zu leisten. 

Die­ser spe­zi­fisch deut­sche Idea­lis­mus könn­te, um ihn von ande­ren natio­nal­staat­li­chen Idea­lis­men zu unter­schei­den, mit einem Schil­ler­schen Glanz­to­pos als Idea­li­scher Idea­lis­mus erfasst wer­den. Er wan­delt sich von sei­ner frü­hen Aus­prä­gung des „Schö­nen und Erha­be­nen“ (Kant 1764, Schil­ler 1801) in eine staat­lich koor­di­nier­te, „natio­nal­so­zia­le“ Bewe­gung gewalt­sam schö­ner und erha­be­ner deut­scher Rache. 

Idea­li­scher Idea­lis­mus: zu erfas­sen nur im Kon­text des un-deutsch pflicht­wid­ri­gen „Lebens­ge­nuss“ (Kant 1788) sowie der un-deutsch „gemei­nen Wirk­lich­keit“ und des „furcht­ba­ren Fein­des“, der gänz­lich un-deut­schen „Mate­rie“ (Schil­ler 1795). 

Von daher: „Der Jude“. In deut­scher Wahr­neh­mug Reprä­sen­tant des eklig unrei­nen, die Deut­schen bedrän­gen­den und ernied­ri­gen­den Mate­ria­lis­mus, des arro­gan­ten Wes­tens, der pöbel­haf­ten Demo­kra­tie und welt­li­chen Geschäf­tig­keit, der Zivi­li­sa­ti­on und Zivi­li­tät, spä­ter des unsitt­lich kom­mu­nis­ti­schen Ostens. Rache! „Der Jude“: Objekt insti­tu­tio­na­li­sier­ter deut­scher Rache­kul­tur, 1933 bis 1945; und weit vorher.

Das Volk, der Kot, die Sitt­lich­keit. Hier zunächst eini­ge Spit­zen­to­poi des frü­hen – des schö­nen und erha­be­nen – Idea­li­schen deut­schen Idea­lis­mus: das deut­sche Volk (Her­der 1778: deut­sche Volks­lie­der, Fich­te 1807: deut­sches Urvolk); der Rei­ne Idea­li­sche Mensch und das Abson­dern vom ver­derbt un-Idea­li­schen Wes­ten (Schil­ler 1795, 1801); das Rein Mensch­li­che (Goe­the 1797); die Juden: Nati­on von Betrü­gern, Vam­pi­re der Gesell­schaft (Kant 1798); der Kot, in wel­chem die Juden woh­nen (Hegel, ca. 1798); sowie jüdisch-deut­sche Misch­ehen, wel­che das sitt­li­che Emp­fin­den ver­let­zen (Goe­the, 1823).

Hier eini­ge wei­ter­füh­ren­de Evo­ka­tio­nen des Idea­li­schen Idea­lis­mus in natio­nal-sozia­ler Aufräumkultur:

Der künf­ti­ge Kanz­ler des Groß­deut­schen Rei­ches, 1930: aus dem deut­schen Volk ist eine Orga­ni­sa­ti­on der Höchst­wer­ti­gen, näm­lich des Idea­lis­mus auf­zu­stel­len. – Der deut­sche Innen­mi­nis­ter, 1943, vor höchst­wer­ti­gen Rei­ni­gungs­stra­te­gen: wir haben, mit unse­rem Idea­lis­mus, den Bazil­lus aus­ge­rot­tet. – Ein deut­scher Ober­stu­di­en­di­rek­tor, noch Anfang´45, in einem Brief: man möch­te noch an ein Wun­der glau­ben – „denn unmög­lich kön­nen unse­re Kul­tur und unser Idea­lis­mus dem Ansturm des ver­ein­ten Mate­ria­lis­mus der Welt unter­lie­gen.“ – Der bekann­tes­te Ober­sturm­bann­füh­rer, Adolf Eich­mann, 1957: Ich war kein nor­ma­ler Befehls­emp­fän­ger, ich habe mit­ge­dacht, ich war ein Idea­list.” Idea­list, dienst­lich, deutsch. Banal. Wie Han­nah Arendt tref­fend sagt (Eich­mann in Jeru­sa­lem, 1963). 

Kein Mit­leid: auch das ist deutsch-Idea­li­sche Kon­ti­nui­tät. Kant, 1764: Mit­leid ist schwach, blind, tugend­los. – Hegel, ca. 1798: das jüdi­sche Volk kann nicht Furcht noch Mit­lei­den, es kann nur Abscheu erwe­cken. – Otto Wei­nin­ger, Kar­di­nal­feind des Wei­bes und des Juden, bei­de unrein, 1903: Mit­leids­mo­ral? Unmänn­lich. – Lei­ter der staat­lich deut­schen Ter­ror­an­stalt Dach­au, 1933: Mit­leid mit Staats­fein­den eines Bewa­chers unwür­dig. – Bericht Aus­rot­tungs­be­am­ter, Novem­ber 1938: unnö­ti­ger­wei­se Mit­leid mit Juden. – Reichs­kanz­ler, Rede vor Mili­tärs, 1939: Herz ver­schlie­ßen gegen Mit­leid, bru­ta­les Vor­ge­hen, größ­te Här­te. – Obers­ter Ver­wal­ter, besetz­tes Polen, 1941: Mit­leid grund­sätz­lich nur mit dem deut­schen Volk.

Schließ­lich deut­scher Sol­da­ten­brief, 1941: Gestal­ten, die man bemit­lei­den könn­te, wenn es kei­ne Juden wären, ver­hun­gert, ver­dreckt. Man lese wei­te­re Feld­post­brie­fe. Ver­stö­ren­de Abwe­sen­heit deut­schen Mitleids. 

Exkurs: Han­nah Arendt; Mit­leid. HA (Über die Revo­lu­ti­on, 1963) scheint dem Mit­leid – dem indi­vi­du­ell appli­zier­ten, situa­ti­ven Mit­leid, gegen­über wem auch immer – skep­tisch zu begeg­nen. Sie nennt es gefühls­se­lig. Ist es mög­lich, dass sie damit der Idea­lisch Kan­ti­schen Abwei­sung situa­ti­ven Mit­lei­dens folgt? Als tugend­los, schwach, blind, als Ver­let­zung der Ehre des Men­schen­ge­schlechts? Wäre hier, dem ent­ge­gen, der Prag­ma­tis­mus der mensch­li­chen Din­ge (Droy­sen, His­to­rik) anzu­füh­ren? Näm­lich: Mit­leid geht vor Ehre – und der ein­zel­ne Mensch, in sei­ner Angst und Ein­sam­keit, geht vor dem Menschengeschlecht.

Deut­sches Men­schen­tum: Natio­na­ler Sozia­lis­mus. Die in den 1930er und 4oer Jah­ren des 20. Jh. in Deutsch­land vor­herr­schen­de spät-Idea­li­sche Kul­tur wird von ihren Prot­ago­nis­ten als Bewe­gung eines Natio­na­len Sozia­lis­mus bezeich­net. Tra­di­ti­ons­schwe­re Kenn­wör­ter: Idea­lis­mus, Volk und Hel­den­tum – deutsch! Rein­heit, Schön­heit, Men­schen­tum – deutsch! Ein popu­lä­res Hei­mat­buch, 1930, ersehnt das Mor­gen­rot eines neu­en Auf­stiegs“ – deutsch! Genau das ist die NS-Trieb­kraft, in Idea­li­scher Kon­ti­nui­tät: Mor­gen­rot, Auf­stieg, Gött­lich­sein. Völ­ki­scher Akti­vist Edgar Jung, 1930: wir Deut­schen för­dern das Näher­brin­gen des Men­schen an das Gött­li­che. Phi­lo­soph Ernst Berg­mann, 1933: Deutsch­land, das Bil­dungs­land der neu­en Mensch­heit. Phi­lo­soph Wer­ner Som­bart, 1934: bege­ben wir uns an das gro­ße Rei­ni­gungs­werk. Phi­lo­soph Mar­tin Hei­deg­ger, Vor­le­sung 1935, Ein­füh­rung in die Meta­phy­sik: Russ­land und Amerika…trostlose Rase­rei …boden­lo­se Orga­ni­sa­ti­on des Normalmenschen.“ 

Nor­mal­mensch: Aus­gren­zung, Aus­schal­tung, Aus­mer­zung! Vor­ne­weg Der Jude. Die­ser, da stör­risch nor­mal, ist kein Hei­deg­ger­scher Ent­schlos­sen­heits­mensch. Das enthu­si­as­mier­te deut­sche Volk hin­ge­gen, „gläu­big“ den Arm hebend (war es der lin­ke oder der rech­te?), wählt die Volks­par­tei des Pro­tests(Fal­ter, Hit­lers Wäh­ler, 1991), und so wird, aus völ­ki­schem Pro­test – Pro­test gegen den Wes­ten, gegen den Anstand, gegen die civi­li­ty – die recht­ha­be­risch deut­sche, die kul­tu­rel­le, spe­zi­fisch Idea­li­sche „Juden­fra­ge“ an die mör­de­ri­sche End­lö­sung” wei­ter­ge­lei­tet.

Auch ande­re „undeut­sche“ Nor­mal­men­schen wer­den ent­fernt: säu­ber­lich, kame­ra­dis­tisch. Die heu­te häu­fig ange­führ­te läss­li­che Ver­stri­ckung blau­äu­gig Volks­lie­der sin­gen­der Deut­scher kann über die gesamt­deut­sche Mordska­me­ra­de­rie nicht hin­weg­täu­schen: Han­nah Arendt weist über­zeu­gend auf die tota­le Kom­pli­zen­schaft des deut­schen Vol­kes hin; das ist die furcht­ba­re Wirk­lich­keit (Orga­ni­sier­te Schuld; zuerst 1945, in: Sechs Essays. Die ver­bor­ge­ne Tra­di­ti­on, 2019.) 

Das NS-Regime und die Ermor­dung der Juden. So oder ähn­lich, heu­te, die vor­herr­schen­de Dar­stel­lung Idea­lisch popu­lä­ren Auf­räu­mens und Fort­schaf­fens. Ein Titel wie Deut­sche, Juden, Völ­ker­mord (Mat­thä­us, 2006) ist sel­ten, nach wie vor. Deut­sche? Aber es war doch das NS-Regime. Die NS-Dik­ta­tur. „Nazis, aufs Maul!“

Nazis? Das impli­ziert Wider­wil­len des Vol­kes. Das Volk hat mehr­heit­lich, jeden­falls in ent­schei­den­den Grup­pen, die staat­lich bestell­ten Auf­räu­mer, mit­samt plan­mä­ßig mili­tä­ri­schem Aktio­nis­mus, auf­räu­men und fort­schaf­fen las­sen. Man hat zuge­schaut, man hat gejohlt, rein deutsch, nicht ideo­lo­gi­siert nazis­tisch, wenn die Syn­ago­gen brann­ten, wenn die Aus­ge­mus­ter­ten, mit ihren Hab­se­lig­kei­ten, mit ver­stört bli­cken­den Kin­dern (Ruck­sack, Stoff­tier), vom Sam­mel­punkt zum Bahn­hof gelei­tet wur­den, Wag­gons Rich­tung Osten: und war­um nicht, war­um nicht, wur­de ihnen jenes bekann­te christ­li­che Bal­ken­mahn­mal, hoch auf­ge­rich­tet, schüt­zend, war­um wohl nicht vorangetragen? 

Grund­ge­setz oder Nazi-Regime? Ist es nicht selt­sam: anstatt in Fra­gen von grund­le­gen­der kul­tu­rel­ler und poli­ti­scher Bedeu­tung aus­schließ­lich auf das unmit­tel­bar nahe­lie­gen­de und – als direk­te und ver­nünf­ti­ge Reak­ti­on auf die deut­sche Sam­mel­punkt­kul­tur der 30er und 40er Jah­re geschaf­fe­ne – demo­kra­ti­sche Grund­ge­setz vom 23. Mai 1949 zu rekur­rie­ren, blei­ben ton­an­ge­ben­de Krei­se – in Kir­chen, Poli­tik und Medi­en -, wie gebannt, wie hyp­no­ti­siert, eben bei der vom GG aus­ge­schlos­se­nen Ver­nich­tungs­kul­tur, als Refe­renz­punkt, ste­hen; und hal­ten die­ses insu­lar gehü­te­te Stück deut­scher Kul­tur am Leben, künst­lich, muse­al, in Gedenk­stät­ten, mit­tels ritua­ler Beschwö­rung des Bösen und des bequem ent-deutsch­ten Mensch­heits­ver­bre­chens: wir dür­fen kei­ne Nazis, geschwei­ge denn Faschis­ten sein, Gott behü­te, und das heißt, wir brau­chen die Nazis – straf­ver­schär­fend die Faschis­ten -, als die Bösen, die Erz­bö­sen, um uns, per­ma­nent, auf­dring­lich, moral­ge­sät­tigt, als die Guten vor­zu­füh­ren und zu bewei­sen und der gan­zen Welt gegen­über, ent­schlos­sen, ein Zei­chen zu set­zen und aus jedem Migran­ten wohl­feil mensch­heit­lich einen Flüch­ten­den zu machen und dann die Welt ins­ge­samt zu ver­bes­sern und über­haupt zu ver­än­dern und letzt­lich in den kor­rek­ten, näm­lich ent­spann­ten Umlauf zu brin­gen: sie­he die ekla­tant anti­christ­lich den Glau­ben ver­feh­len­de Kampf­schrift, Käßmann/Bedford, Die Welt ver­än­dern, Was uns der Glau­be heu­te zu sagen hat, 2016,

und sie­he tref­fend Boris Blaha, Betrei­ber des HA blog: “Der ‚Wel­co­me Refu­gees‘ Wahn hat nichts mit Gast­freund­schaft zu tun. Es ist der ver­zwei­fel­te Ver­such, sich der Last der Geschich­te auf bequems­te Art zu ent­le­di­gen.“ (im blog-Bei­trag: Was heißt uns Roger Scrut­on lesen?) 

Genau. Und wie denn begrün­den unse­re Nach­barn, etwa CZ, DK, NL, PL, ihre Demo­kra­tie? Was, als Last der Geschich­te, als natio­na­le Vor­zei­ge­last, als ihr Mensch­heits­ver­bre­chen, haben sie anzu­bie­ten? Kön­nen sie denn, mit Blick auf ihre Geschich­te, gar nichts iden­ti­täts­stif­tend Böses vor­wei­sen? – Krämerstaaten. 

Rache­kul­tur und Idea­lis­mus. War­um aber das deut­sche Fest­klam­mern am Bösen, am NS? Am Tabu-Gelän­de 33/45? Weil ver­bor­gen hin­ter dem Tabu, hin­ter dem Bösen, die Wahr­heit ist. Erkennt­nis der Wahr­heit: unerträglich. 

Wahr­heit: Geburt der deut­schen Rache­kul­tur aus dem Geis­te des Deut­schen Idealismus. 

Wür­de man das anti-faschis­tisch ver­ding­lich­te Böse anpa­cken, und aus­ein­an­der neh­men, und ein­ord­nen, prag­ma­tisch, in deut­sche Kul­tur und Geschich­te, so wür­de man auf den Idea­li­schen Ursprung des NS sto­ßen: man müss­te sich von der tra­dier­ten Grö­ße jener Idea­li­schen Zeit ver­ab­schie­den, zumin­dest sich distan­zie­ren; das aber ist unmög­lich: alle Goe­the-Insti­tu­te, glo­bal, müss­ten umbe­nannt werden. 

Karl-May-Insti­tut? K. M. soll ein frü­her anti­fa­schis­ti­scher Sinn­su­cher gewe­sen sein.

Sinn? Zum Sinn spä­t­idea­lisch deut­scher Aus­rot­tung äußert sich Han­nah Arendt. Sie sagt (Nach Ausch­witz, 1989): kein Sinn. Aus­schwei­fun­gen der Mord­an­stal­ten: “voll­ende­te Sinn­lo­sig­keit. Aber, sagt HA, wenn wir von der dama­li­gen Ideo­lo­gie der Deut­schen aus­ge­hen, dann haben wir den Sinn. Rich­tig. Nur soll­te Ideo­lo­gie durch Kul­tur ersetzt wer­den. Die Deut­schen sind, ent­ge­gen Ver­stri­ckungs­the­se, weder ideo­lo­gi­siert noch indok­tri­niert wor­den. NS-Kur­se im Volks­bil­dungs­heim? Es war alles schon da. Idea­li­sche Todes­bo­ten Deut­schen Men­schen­tums im ver­laus­ten Ost­raum waren wohl­ge­mut der Über­zeu­gung, sinn­voll zu han­deln: s. Feld­post, etwa Kipp, Groß­rei­ne­ma­chen im Osten, 2014.

Der Gene­ral­feld­mar­schall. Ein Para­de­do­ku­ment sinn­voll Idea­li­schen Mor­dens ist der Befehl eines deut­schen Gene­ral­feld­mar­schalls zur Zeit der Eröff­nung der tota­len Mord­sai­son, Ende 1941, zur Zeit des Säu­be­rungs­be­richts aus dem Ost­raum, aus Keda­i­niai: 599 Kin­der, weg, fort. 

Es ist nun ange­bracht, so der deut­sche GFM, den Sinn für den gegen­wär­ti­gen Kampf wach­zu­ru­fen”. Hier ist er, der Sinn. Der schlicht deut­sche Sinn; nicht der trü­ge­ri­sche, der exkul­pa­to­ri­sche „NS“-Sinn. Deut­scher Idea­lis­mus, ange­kom­men in end­gül­ti­ger deut­scher Kampf­ka­me­ra­de­rie, und dort, „völ­kisch“, zu Hau­se. Völ­ki­sches Mords­vo­ka­bu­lar im Befehl des deut­schen GFM: 

„Ver­nich­tungs­kampf. Erbar­mungs­lo­se Aus­rot­tung. Geschicht­li­che Auf­ga­be. Jüdi­sches Unter­men­schen­tum. Ent­ar­te­te Wei­ber. Uner­bitt­li­che völ­ki­sche Idee.“ 

Das ist deut­scher Sinn, damals. Als War­nung, heu­te, vor schwär­me­ri­scher Ver­fäl­schung von Geschich­te in Hel­den­tat und Groß­deutsch­land. Als beschei­den prag­ma­ti­sche, nicht ver­mummt „anti­fa­schis­ti­sche“ Abwei­sung jeder heu­ti­gen „völ­ki­schen Idee“. Als Bei­trag zur erkenntnis‑, nicht erin­ne­rungs­ge­lei­te­ten Bewäl­ti­gung, schließ­lich, von: Holo­caust und Shoah. 

Holo­caust? Sho­ah? Voll­stän­di­ges Opfer, Gro­ßes Unheil. Wer hat geop­fert, und wen? Wer hat Unheil gestif­tet? Kei­ne Ant­wort. Schwei­gend ver­har­ren sie: Sho­ah, Holo­caust, stei­nern, zere­mo­ni­al, sakral. Unheil­stif­ter: sitt­li­che Deut­sche. Opfer: als unsitt­lich nie­der­ge­mach­te jüdi­sche Deut­sche und jüdi­sche Men­schen ande­rer euro­päi­scher Kul­tu­ren. Mit-Men­schen, Kin­der, Frau­en, Män­ner; fort, weg, aus: 

die Sho­ah und der Holo­caust.

Wirk­lich­keits­ge­recht wäre: „Die Ver­nich­tung der Euro­päi­schen Juden. So der nüch­ter­ne, aber pass­ge­naue Titel des groß­ar­ti­gen Stan­dard­wer­kes: Hil­berg, The Dest­ruc­tion of the Euro­pean Jews, zuerst 1961. 

Hil­berg benutzt, im ame­ri­ka­ni­schen Ori­gi­nal, wie­der­um pass­ge­nau, das deut­sche Wort Erleb­nis, um die all­um­fas­sen­de kame­ra­dis­ti­sche Mordsstim­mung deut­scher Fort­schaf­fen­der, ja einer gan­zen – heu­te als ein­zig­ar­tig benann­ten – Mord­skul­tur, zu erfas­sen und zu bele­gen: an der Front wie in der Hei­mat und am Schreib­tisch wie im Felde. 

Aber ein­zig­ar­tig, unver­gleich­lich? Dazu noch ein­mal HA. Sie miss­bil­ligt die Nei­gung des His­to­ri­kers, Ana­lo­gien zu zie­hen (Nach Ausch­witz, 1989). Ana­lo­gie­su­che: größ­te Gefahr bei Erklä­rung der deut­schen Ver­nich­tungs­kul­tur. Der dama­li­ge deut­sche Kanz­ler, sagt HA, war kein Dschin­gis Khan. Der Kanz­ler war abso­lut anders”; ja, er war – „ein­zig­ar­tig“.

Auf­tritt His­to­ri­ker. War­um soll­te der Kanz­ler – mit ihm der Gene­ral­feld­mar­schall, der Ober­stu­di­en­di­rek­tor, der Innen­mi­nis­ter, sowie der Ober­sturm­bann­füh­rer – war­um soll­ten die ein­zig­ar­tig”, d. h. kul­tu­rell nicht ein­zu­ord­nen sein? Alle sind Ange­hö­ri­ge End-Idea­li­scher Ober­stu­di­en­di­rek­to­ren­kul­tur. – Vom Dschin­gis Khan wäre die­se gemie­den worden. 

Schließ­lich zur heu­te ange­mahn­ten Unver­gleich­lich­keit schänd­lich völ­ki­schen Fort­schaf­fens der Juden. Unver­gleich­lich? Gemeint ist: auf­fal­len­de Grö­ße, hoher Wert, eines Objekts, einer Per­son, eines Ereig­nis. Aber das Auf­fal­len­de, das Ein­zig­ar­ti­ge, kann doch nur, und unver­meid­lich so, mit­tels des Ver­gleichs mit ande­ren, ähn­li­chen, Objek­ten sta­tu­iert wer­den. Es gibt kei­ne iso­lier­te Ein­zig­ar­tig­keit. In der Gegen­wart nicht, und in der Geschich­te nicht. 

histo­ry? Die Roman­ti­sie­rung, die Sen­ti­men­ta­li­sie­rung, die Neo-Idea­li­sche, die ent­schlos­se­ne Ver­mensch­heit­li­chung von Keda­i­niai, die Ent-His­to­ri­sie­rung des spät-Idea­lisch groß­deut­schen Fort­schaf­fens schrei­tet vor­an. Eine neue NS-Sen­de­rei­he wird ange­kün­digt. Als histo­ry, span­nungs­voll. Als “… dunk­les Kapi­tel der Geschich­te … schick­sal­haf­tes Ereig­nis von Welt­be­deu­tung größ­ter Kon­flikt in der Geschich­te der Mensch­heit … Menschheitskatastrophe …“ 

Mis­sing: deutsch.

Deutsch: die Blau­en Dra­go­ner. Die Zeit deut­scher Aus­rot­tungs­feld­zü­ge muss aus ihrem ange­strengt men­scheit­li­chen, außer­ver­gleich­li­chen, histo­ry-umwo­be­nen Insel­da­sein, aus dem anti­fa­schis­tisch über­wach­ten Nazi­ge­he­ge, aus dem Zah­len­zaun – Nr. 33 bis Nr. 45 -, befreit wer­den. Die Mords­zeit gehört in den Fluss moder­ner deut­scher Geschich­te und Kul­tur; hier ist die His­to­ri­sche Kul­tur­wis­sen­schaft gefragt. Deut­scher Kul­tur ent­stammt das sol­da­ti­sche Lied von den Blau­en Dra­go­nern. Das Lied, in jenen erha­ben gewalt­sa­men Jah­ren, hat einen humor­voll völ­ki­schen Zusatz: “Krum­me Juden zie­hen dahin, sie zie­hen daher, sie zie­hen durchs Rote Meer, die Wel­len schla­gen zu, die Welt hat Ruh. Som­mer 1941. Keda­i­niai, Litau­en. 599 Juden­kin­der. Vor deut­schen Geweh­ren. Vater, Mut­ter. Wo sind die? Schon weg.