599 Judenkinder. Etwas über Nazis und Deutsche

Heute, in Deutschland, wird viel über die Nazis gesprochen. Die Nazis waren Deutsche. Das ist Thema dieses Beitrags.

Von Deutschen ermordet: sechs Millionen Juden. Das ist unvorstellbar. Von Deutschen ermordet: 599 Judenkinder. Das ist entsetzlich.

Im Sommer 1941 ziehen Gruppen entschlossen deutscher Männer, kameradschaftlich verbunden, durch Litauen und weitere Landstriche im “Ostraum“: so deutsche Wahrnehmung, damals.

Die Kameraden, mit Dienstgraden wie Hauptsturmführer oder Polizeiwachtmeister, sind tätig auf Weisung höchster politischer, administrativer, militärischer Stellen der Deutschen. Weisungsterminologie: Rache, Säuberung, Ausrottung, Vernichtung. Objekt: Der Jude. Im jüdisch kommunistischen, im jüdisch unreinen, unsittlichen, verdreckten, verlausten, im – höchstgradige Verdammung – materialistischen Ostraum.

Geheime Reichssache: Bericht einer Rachegruppe über Säuberungsarbeit” im Ort Kedainiai, Litauen, 28. August 1941 – 710 Juden, 767 Jüdinnen, 599 Judenkinder.

Kedainiai 1941. 599 Judenkinder. Mordobjekte damaliger gesamtdeutsch alltäglicher Stigmatisierung jüdischen Daseins. Ein Blick in die Stigma-Sprache, in die Nomenklatur deutscher Säuberung, eingefleischt populär seit langer Zeit, deutsch humorig, auch kirchenchristlich geduldet: Judenschwein und Judenhure; Judenbengel, Judenlümmel; Schmutz und Kot und Ungeziefer; Bazillen, Eiter, Maden Würmer; Ekel, Zersetzung und Untermensch; verderbt und entartet und Aussatz und Krätze und Juda verrecke!

NS/KZ/SS. Die deutschen Strategen, die deutschen Exekutoren deutscher Feldzüge der Rache und Säuberung, Feldzüge gegen Den Juden, Feldzüge des heroisch um sich schlagenden deutschen Anti-Materialismus – in Litauen und in weiteren Gegenden Europas, in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts -, werden heute in Deutschland, auffällig häufig, in Medien, Politik und Wissenschaft, durchweg undefiniert, als Der NS oder “Die Nazis”, als gespenstische Agenten des Bösen, die Deutschen heimsuchend, als schauriges Trio NS/KZ/SS, als Nazismus, Nazi-Barbarei, Nazi-Deutschland, Nazi-Schergen, Nazi-Diktatur, Nazi-Regime, sowie faustballend entschlossen als Nazis aufs Maul oder No borders, fight Nazis oder Nie wieder Faschismus vorgeführt und ausgestellt und deutschem Kummer nahegelegt.

Kultur. Gleichzeitig wrden sie, die niederdrückend Präsentierten, die Täter, geschichtswissenschaftlicher Erkenntnis, nämlich unerlässlicher Einordnung in den weiteren Raum deutscher Kultur des 19. und 20. Jahrhunderts, über das magische Jahr 1933 hinaus, nahezu programmatisch entzogen.

Kultur ist das gesellschaftliche Wertesystem im Gange der Geschichte.

Wie die Täter, so bleiben weithin auch die Gemordeten, unter ihnen die 599 Judenkinder, historisch-kultureller Einordnung vorenthalten. Man überlässt sie einem nicht näher spezifizierten, erkenntnisfernen, sakral vereinnahmten Gedenken sowie einer zeremonial absolvierten Erinnerung – welche “nicht enden darf”: so die bundespräsidiale Bestimmung, 1996.

Idealischer Idealismus: deutsche Rache. Die ungeheuerliche Dimension deutscher Mordskameraderie in Kedainiai, Sommer 1941, und in zahlreichen weitereren Rachefeldzüge – gegen Den Juden, in Europa – ist auf kurze Distanz, von 1933 oder 1918 her, schlechthin unbegreiflich.

Das Begreifen ist, jener weiten Dimension entsprechend, nur im weiten Rückblick, bis zur frühen, zur Großen Zeit des Deutschen Idealismus – Ende 18./Beginn 19. Jahrhundert – zu leisten.

Dieser spezifisch deutsche Idealismus könnte, um ihn von anderen nationalstaatlichen Idealismen zu unterscheiden, mit einem Schillerschen Glanztopos als Idealischer Idealismus erfasst werden. Er wandelt sich von seiner frühen Ausprägung des „Schönen und Erhabenen“ (Kant 1764, Schiller 1801) in eine staatlich koordinierte, „nationalsoziale“ Bewegung gewaltsam schöner und erhabener deutscher Rache.

 Idealischer Idealismus: zu erfassen nur im Kontext des un-deutsch pflichtwidrigen „Lebensgenuss“ (Kant 1788) sowie der un-deutsch „gemeinen Wirklichkeit“ und des „furchtbaren Feindes“, der gänzlich un-deutschen „Materie“ (Schiller 1795).

Von daher: „Der Jude“. In deutscher Wahrnehmug Repräsentant des eklig unreinen, die Deutschen bedrängenden und erniedrigenden Materialismus, des arroganten Westens, der pöbelhaften Demokratie und weltlichen Geschäftigkeit, der Zivilisation und Zivilität, später des unsittlich kommunistischen Ostens. Rache! „Der Jude“: Objekt institutionalisierter deutscher Rachekultur, 1933 bis 1945; und weit vorher.

Das Volk, der Kot, die Sittlichkeit. Hier zunächst einige Spitzentopoi des frühen – des schönen und erhabenen – Idealischen deutschen Idealismus: das deutsche Volk (Herder 1778: deutsche Volkslieder, Fichte 1807: deutsches Urvolk); der Reine Idealische Mensch und das Absondern vom verderbt un-Idealischen Westen (Schiller 1795, 1801); das Rein Menschliche (Goethe 1797); die Juden: Nation von Betrügern, Vampire der Gesellschaft (Kant 1798); der Kot, in welchem die Juden wohnen (Hegel, ca. 1798); sowie jüdisch-deutsche Mischehen, welche das sittliche Empfinden verletzen (Goethe, 1823).

Hier einige weiterführende Evokationen des Idealischen Idealismus in national-sozialer Aufräumkultur:

Der künftige Kanzler des Großdeutschen Reiches, 1930: aus dem deutschen Volk ist eine Organisation der Höchstwertigen, nämlich des Idealismus aufzustellen. – Der deutsche Innenminister, 1943, vor höchstwertigen Reinigungsstrategen: wir haben, mit unserem Idealismus, den Bazillus ausgerottet. – Ein deutscher Oberstudiendirektor, noch Anfang´45, in einem Brief: man möchte noch an ein Wunder glauben – „denn unmöglich können unsere Kultur und unser Idealismus dem Ansturm des vereinten Materialismus der Welt unterliegen.“ – Der bekannteste Obersturmbannführer, Adolf Eichmann, 1957: Ich war kein normaler Befehlsempfänger, ich habe mitgedacht, ich war ein Idealist.” Idealist, dienstlich, deutsch. Banal. Wie Hannah Arendt treffend sagt (Eichmann in Jerusalem, 1963).

Kein Mitleid: auch das ist deutsch-Idealische Kontinuität. Kant, 1764: Mitleid ist schwach, blind, tugendlos. – Hegel, ca. 1798: das jüdische Volk kann nicht Furcht noch Mitleiden, es kann nur Abscheu erwecken. – Otto Weininger, Kardinalfeind des Weibes und des Juden, beide unrein, 1903: Mitleidsmoral? Unmännlich. – Leiter der staatlich deutschen Terroranstalt Dachau, 1933: Mitleid mit Staatsfeinden eines Bewachers unwürdig. – Bericht Ausrottungsbeamter, November 1938: unnötigerweise Mitleid mit Juden. – Reichskanzler, Rede vor Militärs, 1939: Herz verschließen gegen Mitleid, brutales Vorgehen, größte Härte. – Oberster Verwalter, besetztes Polen, 1941: Mitleid grundsätzlich nur mit dem deutschen Volk.

Schließlich deutscher Soldatenbrief, 1941: Gestalten, die man bemitleiden könnte, wenn es keine Juden wären, verhungert, verdreckt. Man lese weitere Feldpostbriefe. Verstörende Abwesenheit deutschen Mitleids.

Exkurs: Hannah Arendt; Mitleid. HA (Über die Revolution, 1963) scheint dem Mitleid – dem individuell applizierten, situativen Mitleid, gegenüber wem auch immer – skeptisch zu begegnen. Sie nennt es gefühlsselig. Ist es möglich, dass sie damit der Idealisch Kantischen Abweisung situativen Mitleidens folgt? Als tugendlos, schwach, blind, als Verletzung der Ehre des Menschengeschlechts? Wäre hier, dem entgegen, der Pragmatismus der menschlichen Dinge (Droysen, Historik) anzuführen? Nämlich: Mitleid geht vor Ehre – und der einzelne Mensch, in seiner Angst und Einsamkeit, geht vor dem Menschengeschlecht.

Deutsches Menschentum: Nationaler Sozialismus. Die in den 1930er und 4oer Jahren des 20. Jh. in Deutschland vorherrschende spät-Idealische Kultur wird von ihren Protagonisten als Bewegung eines Nationalen Sozialismus bezeichnet. Traditionsschwere Kennwörter: Idealismus, Volk und Heldentum – deutsch! Reinheit, Schönheit, Menschentum – deutsch! Ein populäres Heimatbuch, 1930, ersehnt das Morgenrot eines neuen Aufstiegs“ – deutsch! Genau das ist die NS-Triebkraft, in Idealischer Kontinuität: Morgenrot, Aufstieg, Göttlichsein. Völkischer Aktivist Edgar Jung, 1930: wir Deutschen fördern das Näherbringen des Menschen an das Göttliche. Philosoph Ernst Bergmann, 1933: Deutschland, das Bildungsland der neuen Menschheit. Philosoph Werner Sombart, 1934: begeben wir uns an das große Reinigungswerk. Philosoph Martin Heidegger, Vorlesung 1935, Einführung in die Metaphysik: Russland und Amerika…trostlose Raserei …bodenlose Organisation des Normalmenschen.“

Normalmensch: Ausgrenzung, Ausschaltung, Ausmerzung! Vorneweg Der Jude. Dieser, da störrisch normal, ist kein Heideggerscher Entschlossenheitsmensch. Das enthusiasmierte deutsche Volk hingegen, „gläubig“ den Arm hebend (war es der linke oder der rechte?), wählt die Volkspartei des Protests(Falter, Hitlers Wähler, 1991), und so wird, aus völkischem Protest – Protest gegen den Westen, gegen den Anstand, gegen die civility – die rechthaberisch deutsche, die kulturelle, spezifisch Idealische „Judenfrage“ an die mörderische Endlösung” weitergeleitet.

Auch andere „undeutsche“ Normalmenschen werden entfernt: säuberlich, kameradistisch. Die heute häufig angeführte lässliche Verstrickung blauäugig Volkslieder singender Deutscher kann über die gesamtdeutsche Mordskameraderie nicht hinwegtäuschen: Hannah Arendt weist überzeugend auf die totale Komplizenschaft des deutschen Volkes hin; das ist die furchtbare Wirklichkeit (Organisierte Schuld; zuerst 1945, in: Sechs Essays. Die verborgene Tradition, 2019.)

Das NS-Regime und die Ermordung der Juden. So oder ähnlich, heute, die vorherrschende Darstellung Idealisch populären Aufräumens und Fortschaffens. Ein Titel wie Deutsche, Juden, Völkermord (Matthäus, 2006) ist selten, nach wie vor. Deutsche? Aber es war doch das NS-Regime. Die NS-Diktatur. „Nazis, aufs Maul!“

Nazis? Das impliziert Widerwillen des Volkes. Das Volk hat mehrheitlich, jedenfalls in entscheidenden Gruppen, die staatlich bestellten Aufräumer, mitsamt planmäßig militärischem Aktionismus, aufräumen und fortschaffen lassen. Man hat zugeschaut, man hat gejohlt, rein deutsch, nicht ideologisiert nazistisch, wenn die Synagogen brannten, wenn die Ausgemusterten, mit ihren Habseligkeiten, mit verstört blickenden Kindern (Rucksack, Stofftier), vom Sammelpunkt zum Bahnhof geleitet wurden, Waggons Richtung Osten: und warum nicht, warum nicht, wurde ihnen jenes bekannte christliche Balkenmahnmal, hoch aufgerichtet, schützend, warum wohl nicht vorangetragen?

Grundgesetz oder Nazi-Regime? Ist es nicht seltsam: anstatt in Fragen von grundlegender kultureller und politischer Bedeutung ausschließlich auf das unmittelbar naheliegende und – als direkte und vernünftige Reaktion auf die deutsche Sammelpunktkultur der 30er und 40er Jahre geschaffene – demokratische Grundgesetz vom 23. Mai 1949 zu rekurrieren, bleiben tonangebende Kreise – in Kirchen, Politik und Medien -, wie gebannt, wie hypnotisiert, eben bei der vom GG ausgeschlossenen Vernichtungskultur, als Referenzpunkt, stehen; und halten dieses insular gehütete Stück deutscher Kultur am Leben, künstlich, museal, in Gedenkstätten, mittels ritualer Beschwörung des Bösen und des bequem ent-deutschten Menschheitsverbrechens: wir dürfen keine Nazis, geschweige denn Faschisten sein, Gott behüte, und das heißt, wir brauchen die Nazis – strafverschärfend die Faschisten -, als die Bösen, die Erzbösen, um uns, permanent, aufdringlich, moralgesättigt, als die Guten vorzuführen und zu beweisen und der ganzen Welt gegenüber, entschlossen, ein Zeichen zu setzen und aus jedem Migranten wohlfeil menschheitlich einen Flüchtenden zu machen und dann die Welt insgesamt zu verbessern und überhaupt zu verändern und letztlich in den korrekten, nämlich entspannten Umlauf zu bringen: siehe die eklatant antichristlich den Glauben verfehlende Kampfschrift, Käßmann/Bedford, Die Welt verändern, Was uns der Glaube heute zu sagen hat, 2016,

und siehe treffend Boris Blaha, Betreiber des HA blog: “Der ‚Welcome Refugees‘ Wahn hat nichts mit Gastfreundschaft zu tun. Es ist der verzweifelte Versuch, sich der Last der Geschichte auf bequemste Art zu entledigen.“ (im blog-Beitrag: Was heißt uns Roger Scruton lesen?)

Genau. Und wie denn begründen unsere Nachbarn, etwa CZ, DK, NL, PL, ihre Demokratie? Was, als Last der Geschichte, als nationale Vorzeigelast, als ihr Menschheitsverbrechen, haben sie anzubieten? Können sie denn, mit Blick auf ihre Geschichte, gar nichts identitätsstiftend Böses vorweisen? – Krämerstaaten.

Rachekultur und Idealismus. Warum aber das deutsche Festklammern am Bösen, am NS? Am Tabu-Gelände 33/45? Weil verborgen hinter dem Tabu, hinter dem Bösen, die Wahrheit ist. Erkenntnis der Wahrheit: unerträglich.

Wahrheit: Geburt der deutschen Rachekultur aus dem Geiste des Deutschen Idealismus.

Würde man das anti-faschistisch verdinglichte Böse anpacken, und auseinander nehmen, und einordnen, pragmatisch, in deutsche Kultur und Geschichte, so würde man auf den Idealischen Ursprung des NS stoßen: man müsste sich von der tradierten Größe jener Idealischen Zeit verabschieden, zumindest sich distanzieren; das aber ist unmöglich: alle Goethe-Institute, global, müssten umbenannt werden.

Karl-May-Institut? K. M. soll ein früher antifaschistischer Sinnsucher gewesen sein.

Sinn? Zum Sinn spätidealisch deutscher Ausrottung äußert sich Hannah Arendt. Sie sagt (Nach Auschwitz, 1989): kein Sinn. Ausschweifungen der Mordanstalten: “vollendete Sinnlosigkeit. Aber, sagt HA, wenn wir von der damaligen Ideologie der Deutschen ausgehen, dann haben wir den Sinn. Richtig. Nur sollte Ideologie durch Kultur ersetzt werden. Die Deutschen sind, entgegen Verstrickungsthese, weder ideologisiert noch indoktriniert worden. NS-Kurse im Volksbildungsheim? Es war alles schon da. Idealische Todesboten Deutschen Menschentums im verlausten Ostraum waren wohlgemut der Überzeugung, sinnvoll zu handeln: s. Feldpost, etwa Kipp, Großreinemachen im Osten, 2014.

Der Generalfeldmarschall. Ein Paradedokument sinnvoll Idealischen Mordens ist der Befehl eines deutschen Generalfeldmarschalls zur Zeit der Eröffnung der totalen Mordsaison, Ende 1941, zur Zeit des Säuberungsberichts aus dem Ostraum, aus Kedainiai: 599 Kinder, weg, fort.

Es ist nun angebracht, so der deutsche GFM, den Sinn für den gegenwärtigen Kampf wachzurufen”. Hier ist er, der Sinn. Der schlicht deutsche Sinn; nicht der trügerische, der exkulpatorische „NS“-Sinn. Deutscher Idealismus, angekommen in endgültiger deutscher Kampfkameraderie, und dort, „völkisch“, zu Hause. Völkisches Mordsvokabular im Befehl des deutschen GFM:

„Vernichtungskampf. Erbarmungslose Ausrottung. Geschichtliche Aufgabe. Jüdisches Untermenschentum. Entartete Weiber. Unerbittliche völkische Idee.“

Das ist deutscher Sinn, damals. Als Warnung, heute, vor schwärmerischer Verfälschung von Geschichte in Heldentat und Großdeutschland. Als bescheiden pragmatische, nicht vermummt „antifaschistische“ Abweisung jeder heutigen „völkischen Idee“. Als Beitrag zur erkenntnis-, nicht erinnerungsgeleiteten Bewältigung, schließlich, von: Holocaust und Shoah.

Holocaust? Shoah? Vollständiges Opfer, Großes Unheil. Wer hat geopfert, und wen? Wer hat Unheil gestiftet? Keine Antwort. Schweigend verharren sie: Shoah, Holocaust, steinern, zeremonial, sakral. Unheilstifter: sittliche Deutsche. Opfer: als unsittlich niedergemachte jüdische Deutsche und jüdische Menschen anderer europäischer Kulturen. Mit-Menschen, Kinder, Frauen, Männer; fort, weg, aus:

die Shoah und der Holocaust.

Wirklichkeitsgerecht wäre: „Die Vernichtung der Europäischen Juden. So der nüchterne, aber passgenaue Titel des großartigen Standardwerkes: Hilberg, The Destruction of the European Jews, zuerst 1961.

Hilberg benutzt, im amerikanischen Original, wiederum passgenau, das deutsche Wort Erlebnis, um die allumfassende kameradistische Mordsstimmung deutscher Fortschaffender, ja einer ganzen – heute als einzigartig benannten – Mordskultur, zu erfassen und zu belegen: an der Front wie in der Heimat und am Schreibtisch wie im Felde.

Aber einzigartig, unvergleichlich? Dazu noch einmal HA. Sie missbilligt die Neigung des Historikers, Analogien zu ziehen (Nach Auschwitz, 1989). Analogiesuche: größte Gefahr bei Erklärung der deutschen Vernichtungskultur. Der damalige deutsche Kanzler, sagt HA, war kein Dschingis Khan. Der Kanzler war absolut anders”; ja, er war – „einzigartig“.

Auftritt Historiker. Warum sollte der Kanzler – mit ihm der Generalfeldmarschall, der Oberstudiendirektor, der Innenminister, sowie der Obersturmbannführer – warum sollten die einzigartig”, d. h. kulturell nicht einzuordnen sein? Alle sind Angehörige End-Idealischer Oberstudiendirektorenkultur. – Vom Dschingis Khan wäre diese gemieden worden.

Schließlich zur heute angemahnten Unvergleichlichkeit schändlich völkischen Fortschaffens der Juden. Unvergleichlich? Gemeint ist: auffallende Größe, hoher Wert, eines Objekts, einer Person, eines Ereignis. Aber das Auffallende, das Einzigartige, kann doch nur, und unvermeidlich so, mittels des Vergleichs mit anderen, ähnlichen, Objekten statuiert werden. Es gibt keine isolierte Einzigartigkeit. In der Gegenwart nicht, und in der Geschichte nicht.

 history? Die Romantisierung, die Sentimentalisierung, die Neo-Idealische, die entschlossene Vermenschheitlichung von Kedainiai, die Ent-Historisierung des spät-Idealisch großdeutschen Fortschaffens schreitet voran. Eine neue NS-Sendereihe wird angekündigt. Als history, spannungsvoll. Als “… dunkles Kapitel der Geschichte … schicksalhaftes Ereignis von Weltbedeutung größter Konflikt in der Geschichte der Menschheit … Menschheitskatastrophe …“

Missing: deutsch.

Deutsch: die Blauen Dragoner. Die Zeit deutscher Ausrottungsfeldzüge muss aus ihrem angestrengt menscheitlichen, außervergleichlichen, historyumwobenen Inseldasein, aus dem antifaschistisch überwachten Nazigehege, aus dem Zahlenzaun – Nr. 33 bis Nr. 45 -, befreit werden. Die Mordszeit gehört in den Fluss moderner deutscher Geschichte und Kultur; hier ist die Historische Kulturwissenschaft gefragt. Deutscher Kultur entstammt das soldatische Lied von den Blauen Dragonern. Das Lied, in jenen erhaben gewaltsamen Jahren, hat einen humorvoll völkischen Zusatz: “Krumme Juden ziehen dahin, sie ziehen daher, sie ziehen durchs Rote Meer, die Wellen schlagen zu, die Welt hat Ruh. Sommer 1941. Kedainiai, Litauen. 599 Judenkinder. Vor deutschen Gewehren. Vater, Mutter. Wo sind die? Schon weg.

Andreas Hermann
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Über Andreas Hermann

Historiker, M. Phil., Yale, ex: Assistant in Instruction, Y History Dept - Y Course Critique: "Mr. H.s sections are amusing and informative"; Redakteur FR, Studioleiter "Wissenschaft direkt", FernU Hagen/WDR Köln
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