Wir sind so gewöhnt, Gesetz und Recht im Sinne
der Zehn Gebo­te und Ver­bo­te zu ver­ste­hen, deren
ein­zi­ger Sinn dar­in besteht, dass sie Gehor­sam fordern,
dass wir den ursprüng­lich räum­li­chen Cha­rak­ter des
Geset­zes leicht in Ver­ges­sen­heit gera­ten lassen.
Han­nah Arendt

Wenn gro­ße Tei­le der ent­wur­zel­ten euro­päi­schen Mas­sen frag­wür­di­gen Heils­brin­gern fol­gen und nicht ein­mal davor zurück­schre­cken, ein kran­kes Kind als neu­en Mes­si­as zu ver­eh­ren, ist es an der Zeit, über jenen Sinn von Gesetz zu spre­chen, der durch die mosai­sche Sinn­ver­schie­bung aus dem Gemein­sinn zu ver­schwin­den droht: Wer heu­te ein belie­bi­ges Lexi­kon auf- und den Begriff Gesetz nach­schlägt, wird Defi­ni­tio­nen fin­den, die mehr oder weni­ger deut­lich auf die mosai­sche Sinn­ver­schie­bung von Gesetz zurück­ge­hen, eine Ver­schie­bung, die, um eine For­mu­lie­rung von Jan Ass­mann zu ver­wen­den, „ent­schei­den­der als alle poli­ti­schen Ver­än­de­run­gen die Welt bestimmt hat, in der wir heu­te leben.“1 Gesetz ist jetzt eine unbe­dingt gel­ten­de Vor­schrift, ein Gebot des Herrn, dem Gehor­sam zu leis­ten ist.

Ich kann hier aus Zeit­grün­den nur sehr kur­ze Stich­punk­te zu den Aus­wir­kun­gen die­ser Sinn­ver­schie­bung geben: man den­ke an die Natur­rechts­tra­di­ti­on, an Kants For­mu­lie­rung, dass der Ver­stand der Natur ihr Gesetz vor­schreibt, an die Vor­schrift des Moral­ge­set­zes, den kate­go­ri­schen Impe­ra­tiv und vor allem an den ver­häng­nis­volls­ten Moment der Moder­ne, als bei Hegel der ursprüng­li­che Gegen­satz von Gesetz und Bewe­gung in das Bewe­gungs­ge­setz der Geschich­te auf­ge­ho­ben wird. Der tran­szen­den­te Gott wird zur imma­nen­ten Geschich­te. Das ‘es gibt’ der Zeit ver­schwin­det, das Gesetz der Dia­lek­tik schreibt jetzt auch der Zeit Bewe­gung und Rich­tung vor, eine Zuspit­zung der Sinn­ver­schie­bung mit gewal­ti­gen Fol­gen. Marx wird von den wis­sen­schaft­li­chen Ent­wick­lungs­ge­set­zen der Geschich­te, Dar­win von denen der Natur reden. Das Gesetz schreibt jetzt der Zeit die Not­wen­dig­keit der Bewe­gung vor und ermög­licht die Rol­le des Exe­ku­tors. Die­ser spricht nicht in sei­nem Namen, nicht im Namen sei­nes Lan­des, nicht im Namen eines „poli­ti­schen Wir“, also von sol­chen, die ihn eigens dazu auto­ri­siert haben, son­dern im Namen eines über­ge­ord­ne­ten Geset­zes, das der gesam­ten Mensch­heit die Rich­tung der Bewe­gung vor­schreibt. Als bloß aus­füh­ren­des Organ anders­wo beschlos­se­ner Not­wen­dig­kei­ten ver­lie­ren die Men­schen in die­sem Sinn­ho­ri­zont Frei­heit und Ver­ant­wor­tung. Arendts Hin­weis auf den fast ver­ges­se­nen, ursprüng­lich räum­li­chen Sinn von Gesetz, den ich hier als Mot­to vor­an­ge­stellt habe, erscheint in einem Kon­text, in dem ihr deut­lich wird, dass die „Herr­schaft des EINEN“ an Ausch­witz nicht ganz unschul­dig gewe­sen sein kann2 und ihr die Fra­ge dring­lich wird, wie denn über­haupt die Vor­stel­lung von Herr­schaft in den poli­ti­schen Bereich ein­ge­drun­gen ist, dem sie ursprüng­lich fremd war. An einer Stel­le, die ich als Schlüs­sel­stel­le für ein ver­tief­tes Ver­ständ­nis des Arendt‘schen Den­kens ein­stu­fe, spricht sie von der „an Feind­se­lig­keit gren­zen­den Span­nung zwi­schen Phi­lo­so­phie und Poli­tik“, die „wie ein Fluch auf der abend­län­di­schen Geis­tes­ge­schich­te gele­gen“ habe. Erst wenn wir begin­nen zu ahnen, was sie alles bei dem außer­ge­wöhn­li­chen Wort Fluch mit­denkt, wer­den wir etwas von der klu­gen Frau ver­stan­den haben.3

Gesetz kommt von set­zen. Der Mensch, der sich setzt, been­det sei­ne Bewe­gung und besetzt eine Stel­le. Wo meh­re­re Men­schen sich set­zen, been­den sie durch die gemein­sa­me Hand­lung der Geset­zung ihre Bewe­gung und neh­men je unter­schied­li­che Plät­ze in einem Raum ein, der durch die­se Geset­zung aller­erst – zwi­schen ihnen und um sie her­um – ent­steht. Um den Sinn­un­ter­schied auch sprach­lich deut­lich zu machen, wer­de ich den Begriff Gesetz nur ver­wen­den, wenn der seit Lan­gem ein­ge­schlif­fe­ne Sinn, die Vor­schrift gemeint ist und das etwas sper­ri­ge Wort Geset­zung, wenn die gemein­sa­me Hand­lung im Vor­der­grund steht. Die Geset­zung teilt und grenzt Innen von Außen ab, sie frie­det ein, ver­teilt Plät­ze im Innen und eröff­net Zwi­schen­räu­me. Das ältes­te Gesetz – so sagt man – ist das der Ver­tei­lung der Beu­te. Es ent­steht genau in dem Moment, in dem die Bewe­gung mit äußers­ter Anspan­nung ihr Ziel erreicht und die Tötungs­ge­walt, die zur Erle­gung des Wil­des gebraucht wird, ihre maxi­ma­le Kraft her­vor­bringt. Die nach außen hin sinn­vol­le Gewalt droht, nach innen gewen­det, ins Nega­ti­ve umzu­schla­gen. Eine Selbst­de­zi­mie­rung wür­de die Über­le­bens­fä­hig­keit nicht nur der Jäger, son­dern des gesam­ten Clans gefähr­den. Das ers­te Gesetz ent­steht also in genau dem Moment, in dem die Tötungs­ge­walt zur Gefahr wird und so aus den Men­schen, die sich ihr aus­ge­setzt erfah­ren, Gefähr­ten macht. Die Gefahr betrifft die Gefähr­ten glei­cher­ma­ßen, sie ist etwas, das sie – sowohl mit­ein­an­der, als auch gegen­über der Gefahr – tei­len. In der Aus­ge­setzt­heit gegen­über der Gefahr sind die Gefähr­ten Glei­che, aber die­ser Sinn von Gleich­heit ist ein ande­rer, als eine Gleich­heit, die dadurch ent­steht, dass sie alle von ein und dem­sel­ben Schöp­fer nach sei­nem Bil­de geschaf­fen wur­den. Es macht einen erheb­li­chen Unter­schied, ob man gegen­über der Gefahr oder vor Gott gleich ist. Brü­der blei­ben Brü­der, weil sie kei­ne Gefähr­ten wer­den kön­nen oder wol­len. Als Kin­der ver­har­ren sie im Haus des Herrn und über­las­sen die­sem die Gefah­ren­ab­wehr. Nietz­sche nann­te sie die letz­ten Men­schen. Für die Gefähr­ten ist jeder ein­zel­ne unver­zicht­bar, nur ver­sam­melt sind sie der Gefahr gewach­sen, bei den Brü­dern kann die Fra­ge der Aus­er­wählt­heit zu mör­de­ri­scher Riva­li­tät ausarten.

Der eigent­li­che Sinn von Gesetz ist nicht die Vor­schrift, son­dern die Ein­he­gung und Ver­tei­lung. Inner­halb einer Ver­tei­lung der Plät­ze ent­ste­hen Ver­hält­nis­se, auch Rang­ord­nun­gen und hier­ar­chi­sche Bezü­ge, der Platz des Sou­ve­räns aber bleibt leer und man darf dar­an erin­nern, dass die letz­ten im vol­len Sinn dau­er­haft erfolg­rei­chen poli­ti­schen Revo­lu­tio­nen auf dem euro­päi­schen Kon­ti­nent, die die Geset­zung ihres Lan­des gegen die Herr­schaft des Einen behaup­ten konn­ten und zur Ent­ste­hung der Repu­blik der ver­ei­nig­ten Pro­vin­zen der Nie­der­lan­de führ­ten, ohne die Figur des Sou­ve­räns aus­ka­men, eine, wie von Johan Hui­zin­ga bemerkt wur­de, eigen­ar­ti­ge Ano­ma­lie, die, gera­de im Unter­schied zur Fran­zö­si­schen Revo­lu­ti­on, auch bei der ame­ri­ka­ni­schen Revo­lu­ti­on wie­der deut­lich her­vor­trat, wie Arendt bemerkte.

Der ursprüng­li­che Sinn der Geset­zung ergibt sich aus der gemein­sa­men Angst­be­wäl­ti­gung und Gefah­ren­ab­wehr. Inmit­ten einer von der Not­wen­dig­keit des Tötens und getö­tet Wer­dens durch­herrsch­ten Natur eröff­net und begrenzt die Geset­zung einen frei­en Zeit-Spiel-Raum, der die Zwän­ge der Gewalt drau­ßen zu hal­ten sucht. Die Geset­zung schafft eine klei­ne Oase der Fried­fer­tig­keit, sie frie­det ein. Es isst sich angst­frei­er und genuss­vol­ler, wenn man nicht jeden Augen­blick gewär­tig sein muss, von sei­nem Neben­es­ser erschla­gen zu wer­den. Als fried­los und vogel­frei dage­gen galt lan­ge Zeit der­je­ni­ge, der, weil er sich gegen die Rechts­ord­nung der Gemein­schaft ver­gan­gen hat­te, wie­der aus der Geset­zung her­aus gesetzt wur­de. Ist es nicht bemer­kens­wert, dass sich der Zusam­men­hang zwi­schen einem aus dem Drum­her­um her­aus­ge­lös­ten Raum und Fried­fer­tig­keit sprach­lich fast nur noch im Begriff Fried­hof erhal­ten hat? Haus- oder gar Land­frie­den sind außer Gebrauch geraten.

Wer sess­haft wird, ein Stück Land erobert oder erwirbt, will blei­ben. Er rich­tet sein in-der-Welt-sein auf Dau­ern ein. Sein Modus ist woh­nen. Was er ein­zäunt, ein­rich­tet, hegt und pflegt, soll ihn selbst über­dau­ern. Der mit viel Mühe zivi­li­sier­te Zustand soll auch der nächs­ten Genera­ti­on über­ge­ben wer­den und ihr ein fried­li­ches Zusam­men­sein ermög­li­chen. Wohn­lich­keit braucht Zeit. Sieht man jeden Tag die glei­chen Gesich­ter aus den glei­chen Häu­sern kom­men, ent­steht auch zwi­schen den Häu­sern Gewohn­heit. Mit zuneh­men­der Ver­traut­heit schwin­det das mehr oder weni­ger ängst­li­che Unbe­ha­gen, das gegen­über Frem­den stets ange­bracht ist. Öffent­li­che Räu­me kön­nen unbe­schwert und frei von Sor­ge genutzt wer­den. Die Geset­zung, in die jedes Neu­ge­bo­re­ne mit sei­nem Namen ein­ge­setzt wird, gewährt einen gesi­cher­ten Platz in einer gemein­sa­men Welt. Auch die Häu­ser bekom­men Namen. Sie wer­den Teil der Geschich­ten, die erzählt wer­den. Über Genera­tio­nen blei­ben sie in Fami­li­en­hand. Sol­che Häu­ser geben Sta­bi­li­tät und Sicher­heit. Nach eini­gen Genera­tio­nen kommt man aus ‘gutem Hau­se’. Die Gabe der Zeit lässt aus Gewohn­heit Sit­te und aus Sitt­lich­keit Recht erwach­sen. Die Güte des Rechts war sein Alter. Je mehr Genera­tio­nen mit die­sem Recht gut leben konn­ten, des­to mehr wur­de das Recht zum guten alten Recht. Fritz Kern hat es berich­tet.4 Die dau­ern­de Zeit gab dem Recht sei­ne eige­ne Wür­de. Je älter es wur­de, des­to weni­ger trau­te man sich, es aus einer blo­ßen Tages­lau­ne her­aus zu ändern. Gegen­über dem guten alten Recht ent­stand ein Gefühl, das heu­te fast ver­ges­sen scheint: Scheu.

Die Städ­te been­den das land­lo­se, umher­zie­hen­de Noma­den­le­ben. Das hat Fol­gen für den Cha­rak­ter der Bin­dun­gen. Die Bin­dung des Rau­mes ersetzt jetzt die des Blu­tes5. Hesi­od hat es bereits treff­lich formuliert:

Wer dich liebt, den lade zum Mahl, und las­se den Hader.
Doch wer nahe dir wohnt, den lade am meis­ten zum Mahle.
Denn wenn unver­hofft ein Unglück im Dorf dir begegnet,
gurt­los kom­men die Nach­barn, die Vet­tern gür­ten sich erst noch. (Erga, 341)

Die Ores­tie von Aischy­los, urauf­ge­führt 458 v. Chr. voll­endet bei den Erfin­dern des Poli­ti­schen den Über­gang von der Blut­ra­che zwi­schen den Geschlech­tern zum Recht inner­halb der Polis. Das Volk, das sich selbst regiert, been­det die Vor­herr­schaft der Clans. Aus der all­mäh­lich wach­sen­den Gewohn­heit einer Bin­dung des Rau­mes ent­stan­den die Lands­leu­te und es ist kein Zufall, dass sich der Wider­stand gegen den Ver­such, den gan­zen Glo­bus in eine ein­zi­ge Mas­sen­be­we­gung zu ent­set­zen als „we want our coun­try back“ arti­ku­liert. Dass das eng­li­sche Gewohn­heits­recht schon stark und aus­ge­reift genug war, um den Über­grif­fen eines theo­lo­gisch-sys­te­ma­tisch von oben dedu­zier­ten, ursprüng­lich fall­be­zo­ge­nen römi­schen Rechts Wider­stand ent­ge­gen hal­ten zu kön­nen, macht ein Ele­ment der Beson­der­heit der eng­li­schen im Ver­gleich zur kon­ti­nen­tal­eu­ro­päi­schen Geschich­te aus. Noch nach dem Zwei­ten Welt­krieg waren in den länd­li­chen und im Ver­gleich zu den grö­ße­ren Städ­ten nur wenig oder gar nicht ver­wüs­te­ten Regio­nen Deutsch­lands die Bin­dun­gen des Rau­mes Teil des Gemein­sinns: In einem Schlüs­sel­text der Nach­kriegs­zeit schil­dert Bern­ward Ves­per, wie anläss­lich einer bevor­ste­hen­den Schlach­tung von zwei Schwei­nen der Leh­rer den Schü­lern „ein­drück­lich den Wert der alten Über­lie­fe­rung erläu­ter­te, wonach Nach­barn sich in jedem Dorf die ers­ten fri­schen Würs­te, ein Stück Lamm, eine Len­de vom Schlacht­fest, einen Eimer Brü­he zuschi­cken, eine Gabe, die, sobald das eige­ne Schwein, das den Som­mer über im Koben gemäs­tet wor­den, gefal­len, erwi­dert wer­den muss­te.“6 Auch sol­che, die die Gabe nicht erwi­dern konn­ten, weil sie kei­ne eige­nen Schwei­ne hat­ten, wie Leh­rer und Pfar­rer, durf­ten nicht über­gan­gen werden.

Wäh­rend im Mit­tel­al­ter auf dem Kon­ti­nent noch feu­da­le Zustän­de herrsch­ten, mau­ser­ten sich auch nörd­lich der Alpen die ummau­er­ten und stark bewehr­ten Städ­te zu Oasen der Frei­heit. Stadt­luft macht frei, hieß es. Ein Leib­ei­ge­ner, der sich in den Schutz einer frei­en Stadt begab, war nach Jahr und Tag ein frei­er Mann. Die schüt­zen­den Mau­ern und die Ein­tracht der Schwur­ge­mein­de garan­tier­ten Frei­heit und Sicher­heit. Sobald man den eigens geschaf­fe­nen Rechts­raum der Stadt ver­ließ, galt wie­der die Gewalt des Stär­ke­ren. Auf See herrsch­te völ­li­ge Recht­lo­sig­keit. Heu­te ist es umge­kehrt: die Städ­te wer­den zu Schlacht­fel­dern der Gewalt. Wer noch halb­wegs gesit­te­te Zustän­de erstrebt, muss aufs Land zie­hen. Die weit­rei­chen­de Bedeu­tung die­ses Über­gangs von der Bin­dung des Blu­tes an die Bin­dung des Rau­mes (spä­ter wird man von Gebiets­kör­per­schaft ver­sus Per­so­nen­ver­band spre­chen) wur­de erst in der Rück­schau deut­li­cher wahr­nehm­bar. Die als Not­lö­sung aus den Reli­gi­ons­krie­gen ent­stan­de­ne und an der Herr­schaft des Einen aus­ge­rich­te­te euro­päi­sche Kon­struk­ti­on einer Tren­nung von Gesell­schaft und Staat, die den ver­ant­wort­li­chen Voll­bür­ger zum ato­mi­sier­ten gesell­schaft­li­chen und pri­va­ten Indi­vi­du­um degra­dier­te, alle öffent­li­chen Auf­ga­ben der Gesetzt­heit an den Staat mono­po­li­sier­te und damit erst die Vor­aus­set­zung der Anfäl­lig­keit für tota­li­tä­re Bewe­gun­gen schuf, konn­te sei­ne Kern­auf­ga­be der Auf­recht­erhal­tung der Rechts­ord­nung nicht erfül­len und wur­de von Bewe­gun­gen über­rollt. An die­sem Zustand hat sich bis heu­te nichts Wesent­li­ches geän­dert. Dass der Rechts­staat das Recht auch gegen­über heu­ti­gen Heils- und Erlö­ser­be­we­gun­gen nicht hal­ten kann, demons­triert die gegen­wär­ti­ge hyper­mo­ra­li­sche Zuspit­zung. Wer sich dem tota­len Anspruch der Bewe­gung ver­wei­gert, wird zum ‚Feind der Mensch­heit‘ erklärt und ent­rech­tet. Dabei macht es kei­nen wesent­li­chen Unter­schied, ob es sich um einen Ras­sis­mus des Blu­tes oder einen der Gesin­nung han­delt, ob der Aus­er­wählt­heits­an­spruch sich als Her­ren­ras­se oder Her­ren­mo­ral arti­ku­liert. Bei­de legen einen abso­lu­ten Unter­schied zugrun­de, gegen­über dem alle ande­ren Unter­schie­de ver­schwin­den. In einem der dich­tes­ten Kapi­tel von ‘Ele­men­te und Ursprün­ge’ schil­dert Arendt am Bei­spiel der Buren, wie sich ange­sichts einer umfas­send feind­lich erfah­re­nen Umwelt inner­halb weni­ger Genera­tio­nen zivi­li­sier­te Hol­län­der in gesetz­lo­se Bar­ba­ren rück ver­wan­deln. Am Ende bleibt nur noch die Vor­stel­lung der Aus­er­wählt­heit im Ange­sicht des einen Herrn, die die wei­ßen Bar­ba­ren von allen ande­ren Bar­ba­ren rund­her­um unter­schei­det. Wer die­sen Blick zurück als Nost­al­gie oder Melan­cho­lie denun­ziert, über­sieht, dass der Natio­nal­staat kon­ti­nen­tal­eu­ro­päi­scher Prä­gung im 20. Jahr­hun­dert dem Ansturm tota­li­tä­rer Bewe­gun­gen eben­so wenig stand­hielt, wie die Ord­nung der Moder­ne dem Ein­bruch archai­scher, vor­po­li­ti­scher Clan­struk­tu­ren hilf­los aus­ge­setzt ist. In der heu­te zur Ideo­lo­gie ver­kom­me­nen ‚Zivil­ge­sell­schaft‘ gibt es kei­ne Gefähr­ten. Der vom vor­lau­ten Gesin­nungs­pö­bel ver­ket­zer­te Rolf Peter Sie­fer­le war einer der ers­ten, der das klar erkannt hat. Wer im ande­ren nur den Men­schen sieht, bleibt blind für den Unter­schied zwi­schen Zivi­li­sa­ti­on und Bar­ba­rei. Die Bru­ta­li­sie­rung der Ver­hält­nis­se, die wir der­zeit erle­ben, ver­setzt das Land in einen Zustand der Bar­ba­rei, der längst über­wun­den schien. Wer den mora­li­schen Vor­schrif­ten ver­ant­wor­tungs­lo­ser Kin­der hin­ter­her rennt, darf sich nicht wun­dern, wenn er kurz dar­auf kei­ne öffent­li­chen Räu­me mehr unbe­schwert genie­ßen kann. Die ver­öf­fent­lich­te Mei­nung der Deut­schen scheint heu­te poli­tisch so unbe­darft, wie die Vor­stel­lun­gen der Juden vom Schutz durch den Sou­ve­rän, die, als die anti­se­mi­ti­schen Bewe­gun­gen ent­stan­den, die her­auf­däm­mern­de Gefahr nicht bemerk­ten. Es ver­wun­dert nicht, dass Stim­men laut wer­den, die die aktu­el­le Lage Euro­pas mit dem Unter­gang des römi­schen Impe­ri­ums ver­glei­chen. Um zu erah­nen, was auf dem Spiel steht, möge man sich nur dar­an erin­nern, dass der Stand der Was­ser­ver­sor­gung in der Stadt Rom zur Zeit Chris­ti Geburt erst in den 50er Jah­ren des letz­ten Jahr­hun­derts wie­der erreicht wor­den ist.

Dass der Mensch frei gebo­ren sei, aber über­all in Ket­ten lie­ge, ist einer der dümms­ten und ver­ant­wor­tungs­lo­ses­ten Sprü­che, die je in die Welt gesetzt wor­den sind. An einem Neu­ge­bo­re­nen ist gar nichts frei, es ist voll­stän­dig abhän­gig von der Mut­ter, die ‚gut genug‘ sein muss, damit aus einem natür­li­chen Lebe­we­sen eine mensch­li­che Per­son wer­den kann. Ein aus dem abge­grenz­ten und ein­ge­heg­ten mensch­li­chen Schutz­raum den Gewal­ten der Natur aus­ge­setz­tes Kind ist dem siche­ren Tod geweiht, das bele­gen schon die mythi­schen Erzäh­lun­gen von den aus­ge­setz­ten Kin­dern, die von wil­den Tie­ren auf­ge­zo­gen wur­den. Sie wer­den gera­de des­halb tra­diert, weil sie jeder Erfah­rung wider­spre­chen. Frei­heit ist eine Eigen­schaft des gesetz­ten Rau­mes, prä­zi­ser, des Zwi­schen, das erst durch die Geset­zung ent­steht. Einer der­je­ni­gen, die das am bes­ten erfah­ren, wahr­ge­nom­men und ver­stan­den haben, ist der eng­li­sche Kin­der­arzt und Psy­cho­ana­ly­ti­ker Donald W. Win­ni­cott, des­sen Bedeu­tung, ins­be­son­de­re was sei­ne Kon­zep­ti­on des Über­gangs­ob­jek­tes anbe­langt, für den Kon­flikt zwi­schen Meta­phy­sik und Poli­tik noch unter­schätzt wird.7

Wer Angst hat oder haben muss, kann sich nicht frei und unbe­schwert im Raum bewe­gen. Wer Angst hat oder haben muss, kann nicht spie­len. Die Spur der Gewalt- und Angst­frei­heit an einem Ort, an dem man sich zum gemein­sa­men Mahl nie­der­lässt, hat sich bis heu­te in den Tisch­sit­ten erhal­ten, die dem Mes­ser im Unter­schied zu Gabel oder Löf­fel eine spe­zi­el­le ritu­el­le Behand­lung wid­men. Man legt das Mes­ser mit der schar­fen Sei­te nach innen zum Tel­ler, man deu­tet nicht mit dem Mes­ser auf jeman­den und man über­gibt das Mes­ser mit dem Griff nach vor­ne. Nor­bert Eli­as hat aus­führ­lich dar­über berich­tet. Als die Voll­frei­en noch alle bewaff­net waren, gehör­te es zum guten Ton, sei­ne Waf­fen vor dem Mahl abzu­le­gen. Der Tisch, ein den Men­schen äuße­res und bestän­di­ges Ele­ment der Wirk­lich­keit ver­bin­det und trennt die Men­schen, die um ihn her­um sit­zen. Ein gut gebau­ter, sta­bi­ler Tisch kann vie­len Genera­tio­nen Halt, eine gemein­sa­me Welt und jedem Ein­zel­nen von ihnen einen Platz geben, den er ein­neh­men und von dem aus er spre­chen und Geschich­ten mit sei­nem Namen ver­knüp­fen kann. Als Gesetz der Gast­freund­schaft galt die Bin­dung des Rau­mes in der gesam­ten Anti­ke für eine zwar begrenz­te, aber ver­läss­li­che Zeit der Fried­fer­tig­keit auch für den Frem­den. Tisch und Tisch­ge­mein­schaft sind Vor­for­men des Politischen.

Umsicht und Voraussicht

Wer eine Stel­le im Raum besetzt, hat einen Stand­punkt. Wer einen Stand­punkt hat, kann sich um die eige­ne Ach­se dre­hen. Ein Stand­punkt befä­higt und ermög­licht Umsicht. Man sieht sowohl sei­ne Lage, als auch die der ande­ren im Raum ver­teil­ten. Wo Men­schen je unter­schied­li­che Stel­len im Raum ein­neh­men, kön­nen sie sich etwas, das sie gemein­sam angeht, zwi­schen sich in die Mit­te legen. Jeder sieht von sei­nem Stand­punkt nur einen bestimm­ten Aus­schnitt der gemein­sa­men Sache. Wer von sei­nem Stand­punkt aus sieht, sieht auch, dass er auf die Per­spek­ti­ven der ande­ren im Raum ange­wie­sen ist. Der direkt gegen­über Sit­zen­de sieht die Sache von der genau ent­ge­gen­ge­setz­ten Sei­te. Er sieht das, was aus nur einer Sicht not­wen­dig ver­deckt blei­ben muss. Aus der gemein­sa­men Lage erge­ben die gesam­mel­ten Umsich­ten ein wirk­lich­keits­na­hes Bild des gegen­wär­ti­gen Zustan­des. Das gemein­sa­me des von den Gesetz­ten in die Mit­te geleg­ten ist der von allen erfahr­ba­re Zustand des Lan­des, des­sen Dimen­sio­nen von Ambro­gio Loren­zet­ti meis­ter­haft dar­ge­stellt wor­den sind im Fres­co von der guten und schlech­ten Regie­rung im Sala dei Nove im Palaz­zo Pub­bli­co von Sie­na. Durch die ver­sam­mel­ten Per­so­nen kommt der gegen­wär­ti­ge Zustand eines Lan­des zur Spra­che. Der gera­de aku­te Zustand des eige­nen Lan­des kann nur zwi­schen den inner­halb einer Geset­zung Han­deln­den als Lan­des­spra­che zu Wort kom­men. Nur wo ein tat­säch­li­cher Zustand eines Lan­des zu Wort kommt, kann er gehört und ver­ant­wor­tet wer­den. Arendts von Jas­pers über­nom­me­nes Mot­to am Anfang der deut­schen Aus­ga­be von ‘Ele­men­te und Ursprün­ge’ zielt auf die­sen Punkt: „Weder dem Ver­gan­ge­nen anheim­fal­len noch dem Zukünf­ti­gen. Es kommt dar­auf an, ganz gegen­wär­tig zu sein.“

Men­schen in Bewe­gung kön­nen, solan­ge sie sich im Modus der Bewe­gung fort­be­we­gen, nie­mals einen Stand­punkt haben. Ohne Stand­punkt haben sie auch kei­ne Gegen­wart. Nur wer ver­weilt, kann ent­ge­gen Kom­men­des erwar­ten, die Beweg­ten aber haben das Hier und Jetzt immer schon ver­las­sen. Sie haben statt­des­sen ein meist weit vor­aus lie­gen­des Ziel, auf das sie sich hin­be­we­gen und das sie in die­ser Vor­aus­sicht fixie­ren und nicht mehr aus dem Blick ver­lie­ren dür­fen. Sie tei­len eine Fik­ti­on. Was sie ver­eint ist, dass sie glau­ben, dass sie alle das­sel­be ima­gi­nä­re Ziel vor Augen haben, es exis­tiert aber nur in der ver­ein­zel­ten Vor­stel­lung; jeder hat nur sein Ziel für sich allein vor sei­nem eige­nen geis­ti­gen Auge. Ohne die gemein­sa­me Welt der Gesetz­ten haben die Beweg­ten außer der gemein­sa­men Bewe­gung nichts erfahr­ba­res Gemein­sa­mes. Das ein­zi­ge Ele­ment der Wirk­lich­keit einer Bewe­gung ist ihre Bewegt­heit selbst. Die Behaup­tung tota­li­tä­rer Bewe­gun­gen, dass außer­halb von ihr alle Wirk­lich­keit „abster­be“ ist gera­de des­halb so erfolg­reich, weil sie den ent­wur­zel­ten und ent­setz­ten Mas­sen, „die in das fik­ti­ve Heim der Bewe­gung geflo­hen sind, einen so hand­greif­li­chen Trost und eine so ein­leuch­ten­de Hoff­nung“8 anbie­ten. Sie müs­sen aber, um sich selbst zu erfah­ren, andau­ernd in Bewe­gun­gen blei­ben und sie müs­sen sich andau­ernd der gemein­sa­men Wer­te ver­si­chern, den feh­len­den Gemein­sinn, der durch die tat­säch­li­chen Ereig­nis­se zusam­men­ge­hal­ten wür­de, durch eine ver­bin­den­de und ver­bind­li­che Ideo­lo­gie erset­zen9. Der Ein­druck immer wie­der her­un­ter gebe­te­ter, inhalts­leer gewor­de­ner Glau­bens­sät­ze ent­steht aus die­sem andau­ern­den Bekennt­nis­zwang. Es ist, als ob die gesam­te Wirk­lich­keit eines Beweg­ten auf den kleinst­mög­li­chen Aus­schnitt zusam­men­schrumpft, Teil einer Bewe­gung zu sein. Ein Beweg­ter ist weder von Erfah­rung noch durch Argu­men­te zu errei­chen, er hat sich so sehr mit der Bewe­gung iden­ti­fi­ziert, „dass es scheint, als sei die Fähig­keit, Erfah­run­gen zu machen, über­haupt ver­nich­tet.“10 Es ist des­halb völ­lig sinn­los, einer Bewe­gung die tat­säch­li­chen Ereig­nis­se vor­hal­ten zu wol­len, zwi­schen ihrem fik­ti­ven Welt­sur­ro­gat und der Welt der ande­ren gibt es kei­ne Ver­bin­dung. Ob sich der Zustand eines Lan­des ver­bes­sert oder ver­schlech­tert, ob ein Land wohn­li­cher wird oder ver­wüs­tet, ist aus der Sicht einer Bewe­gung belang­los gewor­den.11 Was den Geset­zen die tat­säch­li­che Umsicht, ist den Beweg­ten die bloß ein­ge­bil­de­te Vor­aus­sicht. Wo die Vor­aus­sicht vor­herrscht, darf die Rück­sicht kei­ne Rol­le mehr spie­len. Rück­sichts­lo­ses Vor­ge­hen, der inne­re Zwang der Logik, wer A sagt muss auch B sagen, sind seit­her her­vor­ste­chen­des Kenn­zei­chen sol­cher Bewe­gun­gen. Die abend­län­di­sche Meta­phy­sik, die immer nur den Men­schen im Auge hat­te, bleibt blind für die­sen Unter­schied, der erst aus den ver­schie­de­nen Aggre­gat­zu­stän­den einer Plu­ra­li­tät von Men­schen ersicht­lich wird. Das Ziel einer Bewe­gung kann ein weit ent­fern­ter tat­säch­li­cher Ort sein, wie Jeru­sa­lem in den Kreuz­zü­gen, oder eine rei­ne ideo­lo­gi­sche Fik­ti­on. In der Moder­ne wird das Ziel immer aus­schließ­li­cher ein vor­ge­stell­tes Ima­gi­nä­res, etwas in der rei­nen Vor­stel­lung vor sich hin­ge­wor­fe­nes. Man spricht jetzt viel von Fort­schritt und Pro­jek­ten. Pro­jekt kommt von dem latei­ni­schem pro­iec­tum „das vor­wärts Hin­ge­wor­fe­ne oder Ausgestreckte“.

Wäh­rend ein Groß­teil der mar­xis­ti­schen Rhe­to­rik im Begriff ‚Klas­sen­stand­punkt‘ die tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se ver­schlei­ert, kommt in der extrems­ten Zuspit­zung der „Roten Armee Frak­ti­on“ der seit Hegels Bewe­gungs­ge­set­zen der einen Geschich­te ver­deck­te Gegen­satz zwi­schen räum­li­cher Geset­zung und fort­schrei­ten­der Bewe­gung wie­der zum Vor­schein und es ist wohl kaum zufäl­lig, dass die tra­gischs­te Figur der deut­schen Nach­kriegs­ge­schich­te, Ulri­ke Mein­hof, die­sen Zusam­men­hang in sei­ner töd­li­chen Kon­se­quenz zum Aus­druck bringt: „was wir wol­len ist die revo­lu­ti­on. das heisst: es gibt das ziel – im ver­hält­nis zu dem ziel gibt es kei­nen stand­punkt, son­dern nur bewe­gung. […] stand­punkt und bewe­gung schlie­ßen sich aus“.12 An die­sem Punkt wird auch deut­lich, in wel­chem Aus­maß eine an der Mobi­li­sie­rung aus­ge­rich­te­te „Akti­on“ und der dar­aus abge­lei­te­te, bis heu­te in hohem Anse­hen ste­hen­de „Akti­vist“, ein radi­ka­ler Gegen­satz zu mensch­li­chem Han­deln ist. Ohne es zu wol­len, bestä­tigt die tra­gi­sche Exis­tenz von Ulri­ke Mein­hof eine der wich­tigs­ten Ein­sich­ten Arendts: dass mensch­li­ches Han­deln in dem Sin­ne, in dem der Begriff zuerst bei Aris­to­te­les gegen­über dem Her­stel­len unter­schie­den wird, nur in einem von Angst, Gewalt und Zwang frei­en Zeit-Spiel-Raum, inner­halb einer Geset­zung mög­lich ist.

Was den Gesetz­ten ihre Lage, ist den Beweg­ten ihre Linie, die ein­zi­ge rich­ti­ge Linie, gegen­über der alle ande­ren falsch sind, der gera­de und kür­zes­te Weg zum erstreb­ten Ziel. Noch im Wort Richt­li­ni­en­kom­pe­tenz ver­bin­den sich Rich­tung und Linie. Wo die Gesetz­ten sich ver­sam­meln, um über ihre gemein­sa­me Lage zu reden, schrei­ten die Beweg­ten fort und bekämp­fen alles, was sie an der Bewe­gung in der rich­ti­gen Rich­tung hin­dert. Jede Abwei­chung von der Gene­ral­li­nie muss zwangs­läu­fig aus­ge­son­dert und still­ge­stellt wer­den. Für die revo­lu­tio­när Beweg­ten wer­den alle ande­ren zu Kon­ter­re­vo­lu­tio­nä­ren, die gewalt­sam unschäd­lich gemacht wer­den müs­sen, um den Bewe­gungs­cha­rak­ter der Bewe­gung zu erhal­ten. Die zen­tra­le Geset­zes­vor­schrift einer Bewe­gung lau­tet: Du musst alles töten, was nicht Teil der Bewe­gung ist13. Es gilt, Zustand und Ziel zu unterscheiden. 

Der Sinn von Revo­lu­ti­on ist ein ande­rer, dar­auf hat zuerst Karl Grie­wank14 auf­merk­sam gemacht, je nach­dem, ob es sich um die Rück­wen­dung zu einem frü­he­ren gesetz­ten Zustand oder das Ziel einer Bewe­gung han­delt. Die Theo­rie der ‘per­ma­nen­ten Revo­lu­ti­on’ reflek­tiert die größ­te Gefahr einer Bewe­gung: in irgend­ei­ner Form von Gesetzt­heit zu ver­en­den15. Wo die Geset­zung Plät­ze im Raum ver­teilt und plu­ra­li­siert, jedem Ein­zel­nen eine Stel­le ein­räumt, die er ein­neh­men, und von der aus er spre­chen und den ande­ren erschei­nen kann, Zwi­schen­räu­me, öffent­li­che Räu­me, hei­li­ge Orte und Nie­mands­land von­ein­an­der abgrenzt (es gab bei den Alten die Regel, dass zwi­schen zwei Grund­stü­cken jeweils ein Zwi­schen­raum Nie­mands­land sein muss), ent­plu­ra­li­siert die Bewe­gung, indem sie die Zwi­schen­räu­me ent­fernt, die vie­len unter­schied­li­chen zur ein­heit­li­chen Men­ge ver­dich­tet. Die Herr­schaft des Einen zielt auf einen ein­zi­gen Mas­sen­kör­per, der von einem Wil­len bewegt auf ein Ziel hin aus­ge­rich­tet wird. Man wird daher unter den Maß­nah­men zur Her­stel­lung eines ein­heit­li­chen Mas­sen­kör­pers auch stets die Säu­be­rungs­wel­len fin­den, die alle krank­haf­ten, fau­len und feind­li­chen Ele­men­te aus­son­dern muss. Bewe­gun­gen neh­men den Raum nur als das zu-Durch­schrei­ten­de wahr. Zur Zeit des Rau­mes, sei­nem Dau­ern, haben sie kei­nen Bezug. Raum und Recht aber gehö­ren zusam­men. Eine Men­schen­rechts­ideo­lo­gie, die von ange­bo­re­nen Rech­ten fabu­liert und den Ein­druck erweckt, man könn­te Rech­te wie per­sön­li­ches Eigen­tum besit­zen und an jeden belie­bi­gen Ort des Glo­bus mit­neh­men, ver­kennt, dass Rech­te Ver­hält­nis­se sind zwi­schen einem, der ein Recht bean­sprucht und einem ande­ren, der die­sen Anspruch aner­kennt. Rech­te hal­ten Men­schen zuein­an­der in einem rechts­för­mi­gen Bezug; sie sind eine Eigen­schaft des Zwi­schen und somit an einen spe­zi­ell geschütz­ten Rechts­raum gebun­den. Sie beru­hen auf Gegen­sei­tig­keit und der Fähig­keit, einem ande­ren ein Ver­spre­chen zu geben und sich selbst an die­ses zu hal­ten. Sta­bi­le Ver­hält­nis­se ent­ste­hen aus hal­ten­den Ver­spre­chun­gen, was in dem jähr­li­chen Schwör­tag zum Aus­druck kam, an dem die Schwur­ge­mein­de einer frei­en Stadt ihr gegen­sei­ti­ges Ver­spre­chen erneu­er­te. In vie­len Städ­ten galt des­halb der heu­te weit­ge­hend ver­ges­se­ne Schwör­tag noch vor den christ­li­chen Fei­er­ta­gen als höchs­ter Fei­er­tag. Das Pochen auf die uni­ver­sel­le Gel­tung von Men­schen­rech­ten ist des­halb nur eine beson­ders per­fi­de Form von Flucht vor der Ver­ant­wor­tung. Wenn jeder Mensch, nur weil er Mensch ist, Eigen­tü­mer von Rech­ten ist, braucht sich nie­mand mehr um die Errich­tung und Auf­recht­erhal­tung wohn­li­cher, zivi­ler Ver­hält­nis­se zu küm­mern, der Unter­schied zwi­schen zivil und bar­ba­risch wird sinn­los. Juris­ten wur­den auch des­halb pri­vi­le­giert, weil man sie als ‚Orga­ne der Rechts­pfle­ge‘ ansieht und ihnen eine Gemein­wohl­auf­ga­be anver­traut hat. Ob sie das in ihrer Mehr­heit heu­te noch recht­fer­ti­gen, ist eine ande­re Fra­ge. Ein Recht, das nicht gepflegt wird, ver­wil­dert. Es soll­te uns zu den­ken geben, dass sich die Ver­ach­tung der Juris­ten sowohl bei Hit­ler als auch bei Mer­kel16 fin­det. Erle­ben wir gera­de den zwei­ten Auf­guss einer ‘lega­len Revolution’?

Links und rechts, die Mit­te und die Extre­me sind räum­li­che Kate­go­rien. Sie machen nur Sinn inner­halb einer räum­lich geord­ne­ten Gesetzt­heit. Zur Ana­ly­se des gegen­wär­ti­gen Gesche­hens tau­gen sie nicht. Sie blo­ckie­ren nur, erst recht in ihrer hyper­mo­ra­lisch auf­ge­la­de­nen Vari­an­te, das Ver­ständ­nis des­sen, was auf dem Spiel steht. Der Ver­such der Wei­ma­rer Repu­blik, nach­dem der gro­ße Krieg – die zwei­te Urka­ta­stro­phe nach dem drei­ßig­jäh­ri­gen – Vie­les und Vie­le in Bewe­gung ver­setzt, im buch­stäb­li­chen wie über­tra­ge­nen Sin­ne ent­setzt hat­te, wie­der zu einer Gesetzt­heit zurück­zu­fin­den, dem Frei­heits-Spiel-Raum aus­rei­chend Zeit zu geben, um wie­der Gewohn­heit wer­den zu kön­nen, wur­de nicht von lin­ken und rech­ten Extre­men, son­dern von zwei Bewe­gun­gen been­det, der kom­mu­nis­ti­schen und der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen. Han­nah Arendt hat­te das ver­stan­den, Joa­chim Fest auch, Ador­no dage­gen hat es nicht ver­stan­den17. Ich kom­me dar­auf zurück. Die nach der Kata­stro­phe des Ers­ten Welt­krie­ges und der Wirt­schafts­kri­se Ende der zwan­zi­ger Jah­re ver­lo­re­ne Gesetzt­heit bleibt in Deutsch­land ohne Gewohn­heit und kann gegen­über dem Ansturm der Bewe­gun­gen kei­nen Halt geben. Leicht­fer­tig wird die Ver­fas­sung der Bewe­gung geop­fert. Dass es auch anders gehen kann, demons­trier­ten die Ita­lie­ner, die am 24./25. Juli 1943 im Augen­blick höchs­ter Gefahr im Faschis­ti­schen Groß­rat mit deut­li­cher Mehr­heit die tota­le Herr­schaft des einen ver­hin­der­ten, Mus­so­li­ni absetz­ten und die Macht mit Ver­weis auf die Ver­fas­sung wie­der an den König zurück­ga­ben. Nicht nur, dass dort der Kon­flikt zwi­schen Geset­zung und Bewe­gung in einem Rats­gre­mi­um zur pole­mi­schen Aus­tra­gung kam, er wur­de poli­tisch zuguns­ten der Gesetzt­heit entscheiden.

Geset­zung und Zersetzung

Der Gegen­satz von Gesetz ist nicht gesetz­los. Die gesam­te anar­chi­sche und spä­ter anti-auto­ri­tä­re Tra­di­ti­on bleibt an die Vor­stel­lung von Gesetz als Vor­schrift, als Gehor­sams­ge­bot des Herrn gefes­selt. Weil uns der erfahr­ba­re räum­li­che Sinn von Geset­zung weit­ge­hend abhan­den gekom­men ist, müs­sen wir den Umweg über sei­ne Nega­ti­on neh­men. Der räum­li­che Gegen­satz im Inne­ren von Ge-set­zung ist Zer-set­zung, im Äuße­ren Wüs­te. Zer­set­zung holt die Wüs­te, die die Geset­zung drau­ßen hält in das Inne­re der Geset­zung hin­ein und zer­schnei­det und ent­bin­det, was durch Geset­zung erst ent­ste­hen kann: das unsicht­ba­re Geflecht der viel­fäl­ti­gen Bin­dun­gen, die zwi­schen Men­schen, die sich in einem geschütz­ten Raum auf­hal­ten kön­nen, durch die Zeit, die Wie­der­ho­lung, die Gewohn­heit und die Ver­traut­heit ent­ste­hen. Nir­gend­wo lässt sich der Sinn von Geset­zung bes­ser ver­ste­hen als in der ehe­ma­li­gen “DDR”, einer von außen auf­ge­zwun­ge­nen tota­li­tä­ren Ord­nung, die erst den Ter­ror und dann andau­ern­de Zer­set­zungs­maß­nah­men zum Lebens­eli­xier ihres Daseins gemacht hat. Kein Land der Erde, nicht ein­mal Nord­ko­rea, hat je ein der­art dich­tes Netz von Spit­zeln, Schnüff­lern, Denun­zi­an­ten und ande­ren wider­wär­tigs­ten Figu­ren auf sei­ne eige­nen Bür­ger gehetzt. Wo immer ein Stand­punkt, eine Mei­nung, ein eige­ner Blick auf die Wirk­lich­keit sich bemerk­bar macht, müs­sen umge­hend Maß­nah­men ergrif­fen wer­den, um das Ent­ste­hen nor­ma­ler all­täg­li­cher Ver­hält­nis­se zu unter­bin­den und die Gel­tung der orga­ni­sier­ten Lüge auf­recht zu erhal­ten. Unter allen mög­li­chen Bin­dun­gen soll nur noch eine ein­zi­ge, die an die ideo­lo­gi­sche Fik­ti­on auf­recht­erhal­ten wer­den, was bis in die intims­ten pri­va­tes­ten Bin­dun­gen, die eines Kin­dern an sei­ne Mut­ter, einer Ehe­frau an ihren Ehe­mann oder eines Freun­des an sei­nen Freund reicht. Wäh­rend der Ter­ror eine bereits bestehen­de und über vie­le Genera­tio­nen gewach­se­ne Gesetzt­heit initi­al zer­stö­ren muss, ist es die Auf­ga­be der Zer­set­zung, jedes Wie­der­ent­ste­hen einer Gesetzt­heit dau­er­haft zu unter­bin­den. Lebens­lan­ge, von der Par­tei unab­hän­gi­ge, Freund­schaf­ten, darf es nicht geben. Das Ziel der Zer­set­zung ist die Zer­stö­rung des Zwi­schen. Sie ver­sucht, Men­schen dau­er­haft im Zustand der Unge­setzt­heit zu hal­ten und jedes Ent­ste­hen der Vor­for­men des Poli­ti­schen schon im Ansatz zu unter­bin­den.18

Wenn die Geset­zung die Bewe­gung been­det, muss auch umge­kehrt gel­ten: die Bewe­gung been­det die Geset­zung. Wer Men­schen in Bewe­gung ver­set­zen will, muss sie zuvor aus ihren gesetz­ten Gewohn­hei­ten her­aus­lö­sen, aus ihren Häu­sern locken, sie ver­ein­zeln, sie erst völ­lig ent­wur­zeln, um sie danach als ver­lo­re­ne See­len in der Bewe­gung wie­der auf das eine hin aus­ge­rich­tet, zusam­men­bin­den zu kön­nen. Bewe­gung und Krieg ver­wen­den dafür den glei­chen Begriff: Mobi­li­sie­rung. Die ältes­te Zer­set­zungs­ideo­lo­gie des Abend­lan­des ent­steht aus dem jüdisch-christ­li­chen Mono­the­is­mus. Die Aus­set­zung aus dem räum­lich ver­stan­de­nen Gesetz seht sowohl am Anfang der jüdi­schen, wie der christ­li­chen Bewe­gung. Der Herr schreibt Abra­ham die Aus­set­zung vor: er soll sei­nes Vaters Haus, sei­ne Ver­wandt­schaft und sein Vater­land ver­las­sen (1. Buch Mose, 12.1). Jesus über­nimmt die­sen Zug. Er sei nicht gekom­men, Frie­den zu brin­gen, wie es in Mt, 10,34 heißt, son­dern das Schwert19. Mit dem Schwert müs­sen die bereits bestehen­den Bin­dun­gen zer­schnit­ten wer­den: „Denn ich bin gekom­men, den Men­schen zu erre­gen wider sei­nen Vater und die Toch­ter wider die Mut­ter und die Schwie­ger­toch­ter wider die Schwie­ger­mut­ter. Und des Men­schen Fein­de wer­den sei­ne eige­nen Haus­ge­nos­sen sein.“ (ebd.) Der Tisch­frie­den, der Haus­frie­den, der Land­frie­den: die Bewe­gung treibt den Unfrie­den in die gesetz­ten Räu­me, aus denen er ursprüng­lich durch die Geset­zung ver­bannt wer­den soll­te. Wo die Geset­zung einen angst­frei­en Zeit-Spiel­raum ein­räumt, treibt die Bewe­gung die Angst wie­der in die Räu­me, in dem sie die ver­blei­ben­de Zeit ver­kürzt und mit dem apo­ka­lyp­ti­schen Ton, das Ende sei nahe, für Ent­set­zen sorgt. Die Prin­zi­pi­en einer Gesin­nungs­ge­mein­schaft, sich durch Aus­sto­ßung alles Unrei­nen zu kon­sti­tu­ie­ren, sind weder mit den Regeln der Ver­wandt­schaft, noch den Ritua­len einer Geset­zung zu ver­ei­nen. Von Beginn an ste­hen die­se For­men der Ver­ge­mein­schaf­tung in kras­sem Wider­spruch zuein­an­der. Den ent­schei­den­den Zug des Her­aus­lö­sens aus der Gesetzt­heit, sowie den apo­ka­lyp­ti­schen bas­so con­ti­nuo fin­det man in allen christ­li­chen und ideo­lo­gi­schen Bewe­gun­gen. Um Dyna­mik auf­zu­neh­men, muss das zer­set­zen­de Gift einer Bewe­gung alle gewach­se­nen und sta­bi­len Bezie­hun­gen angrei­fen und die gewach­se­nen Net­ze zer­schnei­den, einer­lei, ob Nach­bar­schaft, ob Fami­lie oder Freund­schaf­ten. Zur Wirk­sam­keit der Bin­dung an eine ein­zi­ge Idee müs­sen erst alle ande­ren Bin­dun­gen zer­trennt wer­den. Das ist der Sinn des ers­ten Gebots. Dass selbst die von der Natur instink­tiv als unzer­trenn­lich ange­leg­te Bin­dung zwi­schen Mut­ter und Neu­ge­bo­re­nem davor nicht gefeit ist, zeigt die Geschich­te der Per­pe­tua, die für die aus­schließ­li­che Bin­dung an den einen Gott in den Tod geht und Vater und Säug­ling zurück­lässt.20 Gud­run Ens­s­lin wie­der­holt ihr Schick­sal. Die Spur lässt sich pro­blem­los bis heu­te zie­hen, wenn Schul­kin­der aus ihrer Schu­le her­aus­ge­löst wer­den, um gegen einen ima­gi­nä­ren Kli­ma­wan­del zu demons­trie­ren oder Kin­der im Kin­der­gar­ten wider ihre ver­meint­lich rech­ten Eltern in Stel­lung gebracht wer­den sol­len. Man wird daher ideo­lo­gi­sche Bewe­gun­gen vor allem dort fin­den, wo die Zeit, die das Ent­ste­hen einer sta­bi­li­sie­ren­den Gewohn­heit benö­tigt, aus unter­schied­li­chen Grün­den nicht gege­ben war, weil sie stän­dig unter­bro­chen wur­de: durch Krie­ge, Ver­wüs­tun­gen, Epi­de­mien etc. und vie­le ori­en­tie­rungs­los und ent­wur­zelt her­um­ir­ren. Auch in Deutsch­land ist es bis­lang nicht gelun­gen, den seit den Reli­gi­ons­krie­gen im 17. Jahr­hun­dert schwe­len­den Kon­flikt zwi­schen poli­ti­scher Geset­zung und reli­giö­ser Bewe­gung nach­hal­tig zu ent­schär­fen. Ob dem Land noch eine Dau­er beschie­den sein kann, scheint durch­aus fraglich.

Ent­bin­dung und Einsetzung

Dass wir heu­te eine Geburt nur noch als Ent­bin­dung bezeich­nen, deu­tet an, dass uns wesent­li­che Sinn­be­zü­ge von Gebürt­lich­keit ver­lo­ren gegan­gen sind. Nach der Ent­bin­dung, die als natür­li­cher Vor­gang auch bei allen ande­ren Lebe­we­sen vor­kommt, erfolgt erst die eigent­lich mensch­li­che Ent­schei­dung, ob das Neu­ge­bo­re­ne in die mensch­li­chen, zivi­li­sier­ten Zusam­men­hän­ge ein­ge­setzt, oder den will­kür­li­chen Kräf­ten der Natur aus­ge­setzt wird. Die heid­ni­schen Ger­ma­nen, denen sol­che Zusam­men­hän­ge noch geläu­fig waren, spra­chen des­halb von der dop­pel­ten Geburt, die im Chris­ten­tum auf nur eine redu­ziert und aus der welt­li­chen Gemein­schaft her­aus­ge­zo­gen wur­de. Die zwei­te Geburt ent­spricht der ers­ten Ein­set­zung. Mit dem Namen bekommt das Neu­ge­bo­re­ne einen lee­ren Platz in der sym­bo­li­schen Ord­nung, der mit Geschich­ten gefüllt wer­den kann, die über die Per­son die­ses Namens und das Haus, zu dem die­ser Name gehört, erzählt wer­den kön­nen. Mit der zwei­ten Ein­set­zung erlangt der Neue sei­ne poli­ti­sche Mün­dig­keit. In jedem Neu­en steckt auch ein neu­er Anfang. Er kann nun nicht nur in sei­nem oder im Namen sei­ner Fami­lie spre­chen, son­dern zusätz­lich als Voll­bür­ger auch im Namen sei­nes Lan­des. Damit fällt ihm die Ver­ant­wor­tung zu, sei­nen Teil dazu bei­zu­tra­gen, wel­che Geschich­ten ande­re von sei­nem Land erzäh­len kön­nen. Solan­ge das Land noch da und in sei­ner Lan­des­spra­che zu Wort kom­men kann, kann jede neue Genera­ti­on auch ein neu­es Kapi­tel anfan­gen. Wel­ches ist nir­gend­wo festgelegt.

Die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Bewe­gung hat nach 1945 dem Land eine so schwe­re Last der Ver­ant­wor­tung hin­ter­las­sen, die wohl nur die ver­sam­mel­te Kraft des gesam­ten poli­ti­schen Volks hät­te schul­tern kön­nen. Ich nei­ge zu der Ansicht, dass Kurt Schu­ma­cher mit sei­nem Ver­ständ­nis von poli­ti­schem Volk etwas in die­ser Art im Sinn hat­te. Die geschicht­li­che Her­aus­for­de­rung der Bun­des­re­pu­blik wäre gewe­sen, dem Land die Zeit einer lang­sam wach­sen­den Neu­ge­set­zung zu geben, um durch eine all­mäh­li­che Wie­der­ver­wur­ze­lung die durch den Erfolg der Natio­nal­so­zia­lis­ten offen­kun­dig gewor­de­ne Anfäl­lig­keit für tota­le Bewe­gun­gen zu ver­rin­gern. Mit einer größt­mög­li­chen Dezen­tra­li­sie­rung und Ver­tei­lung poli­ti­scher Ver­ant­wor­tung wäre es eine ande­re Bun­des­re­pu­blik gewor­den. Bekannt­lich ist genau das Gegen­teil her­aus­ge­kom­men. Der Platz vor dem Gesetz, der Kaf­kas Herrn K. noch zur Ver­zweif­lung trieb, der vogel­freie Platz des Pari­as wur­de zur Ret­tungs­in­sel für alle, die am liebs­ten so tun, als hät­ten sie mit der gan­zen Geschicht­lich­keit nichts zu tun. Die bil­li­ge Flucht vor der Wirk­lich­keit wur­de zur Gro­ßen Wei­ge­rung, die Ent­bin­dung von jeg­li­cher Ver­ant­wor­tung zur Eman­zi­pa­ti­on ver­klärt21. Wäh­rend Ador­no den Platz vor dem Gesetz abseits jeder Gegen­sei­tig­keit unein­nehm­bar befes­tigt, um von dort aus allem und jedem die Nega­ti­vi­tät ent­ge­gen­schleu­dern zu kön­nen, liest Arendt aus dem Vor­han­den­sein des Ortes vor dem Gesetz das Unge­nü­gen und Vor­läu­fi­ge des mosai­schen Geset­zes her­aus. Man muss heu­te an Ador­nos Tex­te die Fra­ge rich­ten, ob er jen­seits der pathe­ti­schen Leer­for­meln Ausch­witz über­haupt ver­stan­den hat. Die Her­aus­tren­nung aus den Ver­hält­nis­sen der Gegen­sei­tig­keit; im Extrem, das ‘alle Brü­cken hin­ter sich abbre­chen’, ist ein gemein­sa­mer Zug der theo­lo­gisch-ideo­lo­gi­schen Bewe­gun­gen.22 Auch die nega­ti­ve Theo­lo­gie bleibt im Gehäu­se der Metaphysik. 

Doch die Ent­bin­dung von allem und jedem ver­län­gert nur den all­ge­mei­nen Zustand der tota­len Ver­las­sen­heit, der schon die ent­schei­den­de Bedin­gung der Mög­lich­keit der tota­li­tä­ren Bewe­gun­gen war. Die Befrei­ten ent­flie­hen bloß in die Vogel­frei­heit, die noch im Mit­tel­al­ter den Gesetz­lo­sen bezeich­net, der außer­halb einer Rechts­ge­mein­schaft über kei­nen Rechts­schutz mehr ver­fügt und von jedem sank­ti­ons­los um die Ecke gebracht wer­den kann. Was als schein­ba­re Ret­tung erschien, ver­schärf­te nur die Kri­se. Das Aus­maß an Infan­ti­li­sie­rung, das wir der­zeit erle­ben, über­steigt noch das, was uns schon am Natio­nal­so­zia­lis­mus so ver­stö­rend entgegenkam. 

Die ers­te Mas­sen­be­we­gung der bun­des­deut­schen Nach­kriegs­ge­schich­te, die Kam­pa­gne „gegen den Atom­tod“, so die Enzens­ber­ger Bio­gra­fie von Jörg Lau23, zeich­net sich bereits durch ihren end­zeit­lich gestimm­ten, apo­ka­lyp­ti­schen Ton und eine beson­de­re Iden­ti­fi­ka­ti­on aus. Indem die Pro­test­be­we­gung sich als Opfer einer End­lö­sung durch die Bom­be insze­niert, ver­wei­gert sie die Ein­set­zung in die Ver­ant­wor­tung und flüch­tet in die Fan­ta­sie einer geschicht­li­chen Ent­las­tung. Alle Nach­fol­ge­be­we­gun­gen, von der Pro­test- über die Frau­en- bis hin zur Umwelt­be­we­gung wer­den die­ser Flucht vor der Wirk­lich­keit fol­gen und die Distanz zu den Tat­sa­chen immer wei­ter ver­grö­ßern. Gab es zumin­dest in der Anfangs­pha­se noch mög­li­che Ver­bin­dun­gen zu real­po­li­ti­schen Inter­es­sen, ist die Wirk­lich­keits­flucht inzwi­schen offen­kun­dig. Und immer wird man der Zeit kei­ne Zeit geben, wird es kurz vor Zwölf sein oder schon danach. Sobald das eine Bedro­hungs­sze­na­rio sich als blan­ke Hys­te­rie her­aus­ge­stellt hat – vom abge­stor­be­nen Wald ist weit und breit nichts zu sehen – muss das nächs­te erfun­den wer­den, um den Bewe­gungs­cha­rak­ter zu erhal­ten. Im Unter­schied zur „DDR“ geht in der Bun­des­re­pu­blik die per­ma­nen­te Bewe­gung nicht von oben, son­dern von unten aus. Erst nach der Wie­der­ver­ei­ni­gung und der ‘glück­li­chen’ Fügung einer von Sta­li­nis­mus und Pro­tes­tan­tis­mus gepräg­ten Kanz­le­rin gelingt es, bei­de Strän­ge zusam­men­zu­füh­ren und poli­ti­sche Eli­te wie akkla­mie­ren­de Medi­en auf eine Herr­schaft des Einen hin aus­zu­rich­ten. Die Erstar­rung des revo­lu­tio­nä­ren Elans in der End­pha­se der „DDR“ bekommt durch die ‚neu­en sozia­len Bewe­gun­gen‘ der Bun­des­re­pu­blik end­lich wie­der Wind unter die Flü­gel. Die Fokus­sie­rung auf die 68er, egal ob nega­tiv oder posi­tiv, führt in die Irre. Bei ihnen ist der Kon­flikt zwi­schen Geset­zung und Bewe­gung längst zuguns­ten der Bewe­gung ent­schie­den. Die Selbst­in­sze­nie­rung als eigent­li­che Demo­kra­tie-Grün­der­ge­nera­ti­on soll das Ver­sa­gen vor der geschicht­li­chen Ver­ant­wor­tung nur ver­de­cken. Die eigent­li­che Pha­se der Gärung des Lan­des spielt sich zeit­lich in der Pha­se ab, in der die „DDR“ ihren anti­fa­schis­ti­schen Grün­dungs­my­thos erfolg­reich auf die jun­ge und zu wenig wider­stands­fä­hi­ge Bun­des­re­pu­blik über­trägt und den anti-tota­li­tä­ren Nach­kriegs­kon­sens ver­drängt. An sie und die Revo­lu­ti­ons­er­fah­rung des Ostens muss anknüp­fen, wer das eige­ne Land noch nicht ver­lo­ren geben will.

Wenn das Gesetz zum Bewe­gungs­ge­setz der gesam­ten Mensch­heit gewor­den ist, lau­tet sei­ne zen­tra­le Vor­schrift: du musst alles töten, was nicht Teil der Bewe­gung ist. Das Gesetz der Herr­schaft des Einen ist erst erfüllt, wenn aus einer Plu­ra­li­tät unter­schied­li­cher Men­schen eine ein­zi­ge homo­ge­ne Mas­se Mensch her­ge­stellt ist. Damit hat sich der ursprüng­li­che Sinn von Gesetz als Ein­zäu­nung und Eröff­nung eines Frei­heits­spiel­raums für die Vie­len in sein Gegen­teil ver­kehrt. Nach der Erfah­rung der tota­li­tä­ren Bewe­gun­gen ist der Sinn von Gesetz als Vor­schrift zum Abschluss bekom­men. Wir wis­sen jetzt, was am Ende dabei her­aus­kommt. Das gibt uns die ein­ma­li­ge Chan­ce, den ursprüng­li­chen Sinn von Gesetz wie­der­zu­ent­de­cken und dafür zu sor­gen, dass er als Gemein­sinn geteilt wer­den kann. Mit ihrem fei­nen Gespür für das eigent­lich Neue der Nazi­be­we­gung hat Arendt sehr genau gese­hen, dass die Bewe­gung, trotz aller Per­ver­si­on immer noch eine Ant­wort auf den mehr oder weni­ger dun­kel erfahr­ba­ren Zustand der Unge­setzt­heit24 und Ver­lo­ren­heit lie­fer­te und die­ses Ant­wort-Pla­ce­bo wur­de, weil sich an die­sem Zustand wenig geän­dert hat, auch in den Bewe­gun­gen der Nach­kriegs­re­pu­blik wie­der begeis­tert auf­ge­grif­fen. „Den Mas­sen ato­mi­sier­ter, unde­fi­nier­ba­rer und sub­stanz­lo­ser Indi­vi­du­en wur­de ein Mit­tel der Selbst­iden­ti­fi­zie­rung in die Hand gege­ben, das ihnen ein durch­aus brauch­ba­res Sur­ro­gat für das ver­lo­ren gegan­ge­ne […] lie­fer­te. […] Die­se Pro­pa­gan­da, die von vorn­her­ein auf Orga­ni­sa­ti­on abziel­te, konn­te in der Tat die Bewe­gung als eine Art Per­ma­nenz erklär­ter Mas­sen­ver­samm­lung eta­blie­ren, das heißt sie konn­te jene wesent­lich tem­po­rä­ren Stim­mun­gen über­hitz­ten Selbst- und hys­te­ri­schen Sicher­heits­ge­fühls, die die Mas­sen­ver­samm­lun­gen dem iso­lier­ten Indi­vi­du­um einer ato­mi­sier­ten Gesell­schaft inspi­riert, ratio­na­li­sie­ren und insti­tu­tio­na­li­sie­ren.“25 Das „wir müs­sen ein Zei­chen set­zen“ wur­de zum selbst­ver­ständ­li­chen Ritu­al. Eine Bewe­gung als Gegen­teil von Geset­zung hat nur sich selbst im Akt der Bewe­gung, sie hat nichts außer sich. Ihr ein­zig Gemein­sa­mes ist, dass sie sich selbst als bewegt erfährt. Damit bleibt sie gefan­gen in ihrer eige­nen Not­wen­dig­keit. Sie wird in nichts ein­ge­setzt und über­gibt nichts, sie hegt kei­ne Räu­me ein, sie pflegt und zivi­li­siert nichts, sie errich­tet kei­ne Kir­chen, die noch Jahr­hun­der­te spä­ter Besu­cher in Stau­nen ver­set­zen, sie baut kei­ne Städ­te, deren Rui­nen noch nach Jahr­tau­sen­den die Ein­bil­dungs­kraft inspi­rie­ren. Eine Bewe­gung ist zeit­los, geschichts­los und land­los. Das ein­zi­ge, das sie hin­ter­lässt, ist ein ver­wüs­te­tes Land. Die größ­te Gefahr einer Bewe­gung ist ihr Still­stand. Sie ist gezwun­gen, stets die gesam­te Mensch­heit orga­ni­sie­ren zu müs­sen und als Vor­hut im Namen aller Men­schen mit einer gro­tesk kind­li­chen All­machts­fan­ta­sie auf­zu­tre­ten. Wer sich die­sem Anspruch ent­zieht, kann nur der Feind der gesam­ten Mensch­heit sein. Bewe­gung ist der Modus der ver­lo­re­nen Men­schen der Moder­ne. Dass gro­ße Tei­le der hei­mat­los gewor­de­nen Mas­sen­ge­sell­schaf­ten Euro­pas ein neu­ro­ti­sches, völ­lig bescheu­er­tes Kind als Erlö­ser­fi­gur ver­eh­ren, ist nur der sinn­fäl­ligs­te Aus­druck der Ver­las­sen­heit der gesetz­lo­sen Mas­sen. „Je weni­ger die moder­nen Mas­sen in die­ser Welt noch wirk­lich zu Hau­se sein kön­nen, des­to geneig­ter wer­den sie sich zei­gen, sich in ein Nar­ren­pa­ra­dies oder eine Nar­ren­höl­le abkom­man­die­ren zu las­sen, in der alles gekannt, erklärt und von über­mensch­li­chen Geset­zen im Vor­hin­ein bestimmt ist.“26

Ein beson­de­rer Dank gebührt Her­bert Ammon, der den Ent­wurf gründ­lich gele­sen und etli­che Ver­bes­se­run­gen bei­gesteu­ert hat.

Wei­te­re Veröffentlichungen:

Eine für IABLIS – Jahr­buch für euro­päi­sche Pro­zes­se erstell­te Version

Auf Jür­gen Fritz Blog erschien eine drei­tei­li­ge Version:
I: Geset­zung und Bewe­gung – Vom Gefähr­ten zum Men­schen, von der Zivi­li­sa­ti­on zur Barberei

II: Geset­zung und Bewe­gung (II): Die Beweg­ten bekämp­fen alles, was sie an der Bewe­gung auf ihre Fik­ti­on hin hindert

III. Geset­zung und Bewe­gung (III): Bewe­gung ist der Modus der ver­lo­re­nen Men­schen der Moderne

Auf The Euro­pean erschien eine Ver­si­on lei­der ohne Fußnoten


1 vgl. Jan Ass­mann, Die Mosai­sche Unter­schei­dung, Mün­chen, 2003, S. 11. vgl. dazu insb. auch Egon Flaig, Das ret­ten­de Gesetz und die Apo­rie des Ver­fü­gens, in: Von Magna Grae­cia nach Asia Minor: Fest­schrift für Lin­da-Marie Gün­ther zum 65. Geburts­tag, Hg. von Hans Beck, Bene­dikt Eck­hardt, Chris­toph Michels und Son­ja Rich­ter, Wies­ba­den 2017, S. 115ff

2 vgl. Han­nah Arendt – Karl Jas­pers Brief­wech­sel 1926 ‑1969, Mün­chen 1993, S. 202

3 vgl. Arendt: Über die Revo­lu­ti­on, ers­te Fuß­no­te zum 6. Kapi­tel‚ Tra­di­ti­on und Geist der Revo­lu­ti­on; dass Fran­çois Furet in „Das Ende der Illu­si­on“ vom Fluch der revo­lu­tio­nä­ren Idee spricht, ist nur einer von vie­len Bezü­gen, S. 50

4 Fritz Kern: Recht und Ver­fas­sung im Mit­tel­al­ter, Tübin­gen 1958

5 Auf die Fra­ge, war­um im 20. Jhdt. aus­ge­rech­net die Juden mit­ten in den Sturm der Ereig­nis­se gerie­ten, gibt Arendt eine so ein­fa­che wie schwer zu tra­gen­de Ant­wort: weil sie so unpo­li­tisch waren. Nach dem Ver­lust des Tem­pels hat­ten sie weder Land, noch Regie­rung, zer­streu­ten sich und fie­len auf einen vor­po­li­ti­schen Zustand zurück. So waren sie gezwun­gen, in der ohn­mäch­ti­gen Abson­de­rung zu ver­har­ren und sich unter den Schutz des Herrn zu bege­ben. Isra­el hat dar­aus die Kon­se­quenz gezo­gen, die Deut­schen flie­hen seit­her vor der Ver­ant­wor­tung. Arendt hat früh­zei­tig dar­auf auf­merk­sam gemacht, dass im Kampf um die Herr­schaft des Einen die jüdi­sche Volks­ge­mein­schaft gera­de des­halb sowohl zum Modell wie zur schärfs­ten Riva­lin der Nazi-Volks­ge­mein­schaft wer­den konn­te, weil sie wie die­se auf einer vor­po­li­ti­schen Bin­dung des Blu­tes beruh­te. vgl. Ele­men­te und Ursprün­ge tota­ler Herr­schaft, S. 55f, S. 85; Dis­rae­li „war der ers­te Euro­pä­er, der viel radi­ka­ler als spä­ter Gobi­ne­au und viel kon­se­quen­ter als die wis­sen­schaft­lich ver­klei­de­ten Krä­mer­see­len behaup­tet hat, dass ‘Ras­se alles’ sei und auf dem ‘Blut’ beru­he“; ebd. S. 138; das hat Fol­gen für die Nazi-Ideo­lo­gi­sie­rung, denn im Unter­schied zum Ter­ror, der will­kür­lich jeden Belie­bi­gen tref­fen kann, bedarf die Ideo­lo­gie eines rea­len Anhalts, um die Mas­sen zu erreichen.

6 Bern­ward Ves­per: Die Rei­se, März Ver­lag, Frank­furt 1977, S. 296

7 vgl. D.W. Win­ni­cott: Über­gangs­ob­jek­te und Über­gangs­phä­no­me­ne, in: Psy­che 1969, 669–682

8 vgl. Han­nah Arendt: Ele­men­te und Ursprün­ge tota­ler Herr­schaft, S. 599

9 “…die Ideo­lo­gie­an­fäl­lig­keit des moder­nen Men­schen wächst in genau dem Maß, wie gesun­der Men­schen­ver­stand (und das ist der com­mon sen­se, der Gemein­sinn, durch den wir eine uns allen gemein­sa­me Welt erfah­ren und uns in ihr zurecht­fin­den) offen­bar nicht mehr zureicht, die öffent­lich poli­ti­sche Welt und ihre Ereig­nis­se zu ver­ste­hen.“ ebd. S. 35

10 ebd. S. 499

11 „In einer fik­ti­ven Welt gibt es gar kei­ne Instanz, die Miss­erfol­ge als sol­che ver­bu­chen könn­te, ja selbst der ein­fa­che Unter­schied zwi­schen Erfolg und Miss­erfolg hängt von dem Fort­be­stand einer tat­säch­li­chen und damit von der Exis­tenz einer nicht­to­ta­li­tä­ren Welt ab.“ ebd. S. 608

12 letz­te tex­te von ulri­ke, S.11 (Brief von Ulri­ke an die Gefan­ge­nen in Ham­burg), eigen­druck im selbst­ver­lag, 1976

13 vgl. ‚Ele­men­te und Ursprün­ge‘, S. 710

14 vgl. Karl Grie­wank: Der neu­zeit­li­che Revo­lu­ti­ons­be­griff, Frank­furt a. Main, 1973

15 vgl.‚Elemente und Ursprün­ge‘, S. 610: “…eine Ent­wick­lung zum Abso­lu­tis­mus wür­de der Bewe­gung im Inne­ren ein Ende set­zen, und eine Natio­na­li­sie­rung wür­de die Expan­si­on nach außen, auf die sie ange­wie­sen ist, unmög­lich machen.“; vgl auch: „Allein die unun­ter­bro­che­ne (…) Aus­tra­gung der vor­han­de­nen Wider­sprü­che ermög­licht (…) den Erzie­hungs­pro­zess der Men­schen und damit die Per­ma­nenz der Revo­lu­ti­on. Ohne die Her­aus­bil­dung des Neu­en Men­schen ist die per­ma­nen­te Revo­lu­ti­on unmög­lich.“ Rudi Dutsch­ke, Vom Anti­se­mi­tis­mus zum Anti­kom­mu­nis­mus, in: Berg­mann, Dutsch­ke, Leve­bre, Rabehl: Rebel­li­on der Stu­den­ten oder die neue Oppo­si­ti­on, Rein­bek, 1968; kon­se­quent wei­ter­ge­dacht ist die­se Revo­lu­ti­on erst am Ziel, wenn aus der gesam­ten Völ­ker­fa­mi­lie ein ein­zi­ger neu­er Mensch her­ge­stellt wor­den ist.

16 vgl. Horst Drei­er: Vom Schwin­den der Demo­kra­tie, in: Die Zukunft der Demo­kra­tie, Mün­chen 2018

17 Der gan­ze anti-auto­ri­tä­re Ansatz der Frank­fur­ter Schu­le ist ver­ständ­nis­lo­se Don­qui­chot­te­rie, weil „das Prin­zip der Auto­ri­tät in allen ent­schei­den­den Punk­ten dem der tota­len Herr­schaft dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setzt ist.“ Ele­men­te und Ursprün­ge, S. 629

18 Man hat Arendt gele­gent­lich und zu Unrecht vor­ge­hal­ten, dass sie dem Ter­ror eine zu gro­ße Bedeu­tung bei­gemes­sen hät­te. Den fun­da­men­ta­len Gegen­satz zwi­schen Geset­zung und Bewe­gung hat sie sehr wohl gese­hen. „Der tota­li­tä­re Macht­ha­ber muß mit allen Mit­teln die Bedin­gun­gen des Zer­falls, unter denen die Bewe­gung zur Macht gekom­men ist, auf­recht­erhal­ten und ver­hin­dern, daß das, was er dau­ernd ver­spro­chen hat, wirk­lich ein­tritt, näm­lich eine Neu­ord­nung aller Lebens­ver­hält­nis­se und eine neue Nor­ma­li­tät und Sta­bi­li­tät, die sich auf der Neu­ord­nung grün­det. Jede sol­che Neu­ord­nung, gleich­gül­tig, wie “revo­lu­tio­när” sie erst ein­mal anmu­ten soll­te, wür­de auf die Dau­er ihren Platz in den unge­heu­er ver­schie­de­nen und kon­tras­tie­ren­den poli­ti­schen Lebens­for­men der Völ­ker der Erde fin­den, sie wür­de zu einer unter vie­len wer­den, und gera­de dies muß um jeden Preis ver­hin­dert wer­den.“ Ele­men­te und Ursprün­ge, S. 613; die geschei­ter­te Ost­po­li­tik Egon Bahrs beruh­te auf der Illu­si­on, dass es sich bei der „DDR“ nur um eine ande­re Form von Staat han­deln wür­de. Tat­säch­lich ist der Sozia­lis­mus eine Bewe­gung, die kein Staat wer­den kann. Der bun­des­deut­sche Anti­fa­schis­mus, die damit ver­knüpf­te Abkehr vom anti­to­ta­li­tä­ren Kon­sens der frü­hen 50er Jah­re basiert auf einer Zer­set­zungs­stra­te­gie der SED: das zen­tra­le Pro­pa­gan­da­or­gan der SED für die ent­ste­hen­de Pro­test­be­we­gung im Wes­ten, der Stu­den­ten­ku­rier, spä­ter kon­kret, ist eine Maß­nah­me jener schon vor der KPD 1954 vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ver­bo­te­nen FDJ in West­deutsch­land. Die West-FDJ wur­de, wie man dem lesens­wer­ten Gerichts­ur­teil ent­neh­men kann, ver­bo­ten, weil es sich um eine zen­tral gelenk­te ter­ro­ris­ti­sche Ver­ei­ni­gung han­delt, deren End­ziel es ist, mit­hil­fe von Mas­sen­be­we­gun­gen die frei­heit­lich demo­kra­ti­sche Ord­nung zu besei­ti­gen. vgl. zur Ent­ste­hung von kon­kret auch Bet­ti­na Röhl: „So macht Kom­mu­nis­mus Spaß, Mün­chen 2018, insb. S.354 ff sowie die ein­schlä­gi­gen Arbei­ten von Huber­tus Kna­be; gemein­sam mit den im Ver­gleich zu den Katho­li­ken erheb­lich ideo­lo­gie­an­fäl­li­ge­ren Pro­tes­tan­ten berei­ten die Pro­test­be­we­gun­gen den Boden für eine Kanz­le­rin, die als ehe­ma­li­ge FDJ-Sekre­tä­rin für Pro­pa­gan­da und Agi­ta­ti­on ihre pro­tes­tan­to-sta­li­nis­ti­sche Prä­gung nun auch auf den frei­en Wes­ten überträgt.

19 ist es rei­ner Zufall, dass das zer­tren­nen­de Schwert auch in der Selbst­be­schrei­bung des MfS als ‘Schild und Schwert der Par­tei’ wie­der auftaucht?

20 vgl. Man­fred Clauss: Ein neu­er Gott für die alte Welt, Die Geschich­te des frü­hen Chris­ten­tums, Ber­lin 2015, S. 93ff

21 Die klars­te For­mu­lie­rung fin­det sich in dem Roman­frag­ment von Bern­ward Ves­per: “… wir müs­sen erst zur tota­len Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit zurück­fin­den, um uns über­haupt zu ret­ten.“ Die Rei­se, Frank­furt a.M. 1978, S. 34, vgl. auch die kla­re Wahr­neh­mung des Unter­schieds zwi­schen der Situa­ti­on des Pari­as und der Welt der ande­ren: „Die Suche nach einem Schlaf­platz hat­te sich längst ver­selbst­stän­digt, sie war die Suche nach einer Zuflucht gewor­den, die Het­ze eines Aus­ge­sto­ße­nen, der durch die Gesetz­lo­sig­keit der Nacht irr­te, wäh­rend hin­ter ver­schlos­se­nen Türen und her­un­ter­ge­las­se­nen Roll­lä­den die­je­ni­gen schlie­fen, die mit der absur­den Welt ihren Frie­den gemacht hat­ten und in Gna­den auf­ge­nom­men wor­den waren.“ ebd. S. 240, zum Zusam­men­hang zwi­schen der Grund­er­fah­rung der Ver­las­sen­heit und der Flucht in die Vogel­frei­heit vgl. auch. S. 410

22 „Alle Bin­dun­gen kap­pen. Die Woh­nun­gen ver­bren­nen, die Erin­ne­run­gen ver­bren­nen, alle Brü­cken zer­stö­ren. Fege­feu­er macht frei. Frei für ein neu­es Leben, ver­stan­den als End­kampf, als tota­ler Krieg. Was Hanke (der Gau­lei­ter von Nie­der­schle­si­en, BB) jetzt, wo alle Rück­sich­ten sinn­los wer­den, ver­kün­det, ist nichts ande­res als die per­ma­nen­te Revo­lu­ti­on. An die­sem Sonn­tag­abend im März 1945 spricht aus dem Groß­deut­schen Rund­funk der revo­lu­tio­nä­re Geist des zwan­zigs­ten Jahr­hun­derts. Es spricht der Bru­der, der Tod­feind, der Genos­se von Lenin, Sta­lin, Mao Tse-tung und Pol Pot. Auch Hanke möch­te ganz von vorn begin­nen mit dem Design des Men­schen. Sint­flut sein, Feu­er­sturm, Schöp­fer, Künst­ler der eiser­nen Faust.“ Wolf­gang Büscher, Drei Stun­den Null, Ham­burg 2003, S. 20

23 vgl. Jörg Lau: Hans Magnus Enzens­ber­ger, Ein öffent­li­ches Leben, Frank­furt 2001, S. 79ff

24 „Die Grund­er­fah­rung mensch­li­chen Zusam­men­seins, die in tota­li­tä­rer Herr­schaft poli­tisch rea­li­siert wird, ist die Erfah­rung der Ver­las­sen­heit.“ Ele­men­te und Ursprün­ge, S. 727

25 vgl. ebd. S. 566

26 ebd. S. 723