Haben Sie in letz­ter Zeit etwas vom Par­la­ment gehört? Par­la­ment? Wie­so? Hat­ten wir eins? Ach Sie mei­nen das, wo die­se komi­sche Frau mit den bun­ten Haa­ren und den bun­ten Tüchern sitzt und ein wich­ti­ges Gesicht macht? Ist das nicht eine Folk­lo­re-Ver­an­stal­tung für die Tou­ris­ten, die den Reichs­tag besuchen?

Im Mut­ter­land des Par­la­men­ta­ris­mus hat­te sich das Par­la­ment als Ver­tre­tung des Lan­des sei­nen blei­ben­den Rang in meh­re­ren ful­mi­nan­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen gegen die Ver­su­che der Kro­ne, eine Allein­herr­schaft zu eta­blie­ren, erkämpft und die­sen Rang seit­her nicht wie­der ver­spielt. In Deutsch­land lief das ande­res, lan­ge gab es kei­nes, es gab ja auch kein Deutsch­land. Der ers­te nen­nens­wer­te Ver­such, die Frank­fur­ter Natio­nal­ver­samm­lung, schei­ter­te gleich auf gan­zer Linie, fass­te zwar einen Beschluss, konn­te ihn aber nicht durch­set­zen. Das Par­la­ment war, wenn es über­haupt eines gab, eine, wenn es gut lief, fast bedeu­tungs­lo­se Ver­an­stal­tung, meist eher ein Ele­ment von Hohn und Spott. Schwatz- oder Quas­sel­bu­de waren noch die harm­lo­se­ren Bezeich­nun­gen. Wenn Wil­helm II. vom Reichs­af­fen­stall sprach, klopf­te sich der schnei­di­ge Offi­zier drau­ßen im Lan­de begeis­tert auf die Schen­kel und im Stamm­tisch­mi­lieu der Arbei­ter dürf­te es nicht viel bes­ser gewe­sen sein. Das Euro­pa­par­la­ment ist heu­te die Ent­sor­gungs­an­stalt für abge­brann­te Poli­tele­men­te, die zu Hau­se und erst recht in der frei­en Wirt­schaft kei­ner mehr gebrau­chen kann. Als christ­lich-huma­nis­ti­sches Haus Euro­pa kann man sie ja nicht ver­hun­gern las­sen. Da bekom­men sie wenigs­tens ihr Gnadenbrot.

Der Deut­sche mag es eben nicht, wenn gespro­chen und gestrit­ten wird, schon gar nicht, wenn etwas lan­ge hin und her wogt und zu kei­ner Ent­schei­dung kommt. Die sol­len sich gefäl­ligst eini­gen. Zwei- oder gar Mehr­deu­tig­kei­ten sind nicht sein Metier. Wo die Gewiß­hei­ten abhan­den kom­men, fühlt sich der Deut­sche nicht wohl. Den poli­ti­schen Kern der anti­ken Tra­gö­die ver­steht er nicht. Anders als ver­wur­zel­te regio­na­le Iden­ti­tä­ten wie die Sach­sen, zeig­ten sich die Deut­schen nur sel­ten reni­tent und frei­heits­süch­tig. Der Deut­sche hat es lie­ber klar und deut­lich. Er liebt den Befehl, einer­lei, wor­um es sich han­delt; Befehl ist Befehl, man han­delt ja nicht selbst, son­dern führt nur aus, was ande­re von einem ver­lan­gen. Wenn Mut­ti sagt, zieht alle eine Mas­ke auf, dann zieht der Deut­sche eben eine Mas­ke auf und denun­ziert jeden als Staats­feind und Ver­rä­ter, der nicht sofort gehorcht. Und wehe, die Fami­li­en spu­ren nicht und son­dern ihre ver­dachts­fäl­li­gen Klein­kin­der im eige­nen Haus nicht ordent­lich ab, da kommt die Gesund­heits­po­li­zei, nimmt die Klei­nen in Obhut und bringt ihnen in der pas­sen­den Anstalt die rich­ti­ge Staats­ge­sin­nung bei.

Eigent­lich hät­te das alles anders wer­den sol­len, nach 45. Die Bun­des­re­pu­blik soll­te ihre inne­re Unru­he beru­hi­gen, vom deut­schen Son­der­weg ablas­sen und eine so nor­ma­le Demo­kra­tie wer­den, wie die ande­ren Län­der des Wes­tens auch. Auch die DDR nann­te sich eine Demo­kra­tie, war aber kei­ne, denn, wie man vom Hand­werks­ge­sel­len Ulb­richt, Sta­lins Mann fürs Gro­be, weiß, es muss nach Demo­kra­tie aus­se­hen, aber wir müs­sen alles in der Hand haben.

Eine libe­ral-demo­kra­ti­sche Ord­nung, das lernt man gewöhn­lich schon in der Schu­le, besteht aus einer Gewal­ten­tei­lung zwi­schen Exe­ku­ti­ve, Judi­ka­ti­ve und Legis­la­ti­ve. Eigent­lich dürf­te es nicht Gewal­ten­tei­lung, son­dern müß­te Macht­gleich­ge­wicht hei­ßen, das ame­ri­ka­ni­sche “checks and balan­ces” klingt ange­mes­se­ner, denn, so Arendt, wo die Gewalt beginnt, endet die Poli­tik. Im Unter­schied zu Volks­de­mo­kra­tien kom­mu­nis­ti­scher Prä­gung, in denen nur einer herrscht, ist, zumin­dest soll es in der Theo­rie so sein, die Macht in libe­ra­len Demo­kra­tien auf meh­re­re Macht­fak­to­ren ver­teilt, wobei dem Kräf­te­gleich­ge­wicht zwi­schen Exe­ku­ti­ve und Legis­la­ti­ve eine beson­de­re Bedeu­tung zukommt, weil die Judi­ka­ti­ve immer zu spät kommt. Wo kein Klä­ger, da kein Rich­ter und bis Ver­fah­ren den gesam­ten Instan­zen­weg durch­lau­fen, kann bei der sprich­wört­li­chen Lang­sam­keit der Büro­kra­tie viel Was­ser den Rhein hin­un­ter­lau­fen, die nor­ma­ti­ve Kraft des Faktischen.

Man hat sich zu Beginn ja auch red­lich bemüht. Kon­rad Ade­nau­er, Kurt Schu­ma­cher, Lud­wig Erhardt, spä­ter Karl Schil­ler und Franz-Josef Strauss, Brandt, Schmidt und Weh­ner waren noch poli­ti­sche Grö­ßen, selbst Hel­mut Kohl, den wir in mei­ner Jugend dumm und ein­ge­bil­det, wie wir waren, als Bir­ne ver­spot­te­ten, erweist sich im Lich­te heu­ti­ger Figu­ren als gro­ßer Staats­mann. Es gab auch leben­di­ge Aus­ein­an­der­set­zun­gen, man den­ke nur an die Ost­po­li­tik, den Para­gra­phen 218 oder die Nach­rüs­tungs­de­bat­te unter Hel­mut Schmidt.

Das Ver­schwin­den des Par­la­ments kün­dig­te sich schlei­chend an. Anfangs bemerk­te man gar nicht, dass eine sozia­lis­tisch gepräg­te Bun­des­kanz­le­rin einen, auch bezo­gen auf die libe­ra­le Ord­nung, neu­en Stil ein­führ­te. Man bewun­der­te ihre unauf­fäl­li­ge, stil­le Art, das gegen­über Schrö­ders Macher­at­ti­tü­de dezen­te­re, mode­rie­ren­de Auf­tre­ten und sah nicht so genau hin. Wer sich näher mit der Ope­ra­ti­ons­wei­se der Mos­kau­er beschäf­tigt, Sta­lins Grup­pe der Zehn, die schon vor der Kapi­tu­la­ti­on in die spä­te­re Sowje­tisch Besetz­te Zone ein­ge­schleust wor­den sind, wird auf­fäl­li­ge Ähn­lich­kei­ten entdecken.

Gestützt auf eine jahr­zehn­te­lan­ge ideo­lo­gi­sche Unter­wan­de­rung der Bun­des­re­pu­blik, an der die poli­tik­fer­nen Frank­fur­ter Post­mar­xis­ten wenigs­tens so viel Anteil hat­ten wie das Ber­li­ner Minis­te­ri­um für Staats­si­cher­heit, begann die fina­le Aus­schal­tung des Par­la­ments 2011, als die Bun­des­kanz­le­rin ein Atom-Mora­to­ri­um ver­kün­de­te, das nur vom Gesetz­ge­ber hät­te beschlos­sen wer­den kön­nen. Den Staats­recht­lern stan­den ob die­ses ers­ten kla­ren Ver­fas­sungs­bruchs, die Haa­re zu Ber­ge, aber ihren Unmut konn­te man nur in eso­te­ri­schen Fach­zeit­schrif­ten lesen. Die Juris­ten, die als Organ der Rechts­pfle­ge beson­de­re Pri­vi­le­gi­en genie­ßen, pfleg­ten bes­ten­falls ihr Image oder den eige­nen Geld­beu­tel, aber nicht das Recht. An die­sem Moment hät­te ein Par­la­ment, das sei­nen Ver­fas­sungs­auf­trag ernst nimmt, den Ver­such sei­ner eige­nen Ent­mach­tung umge­hend mit einem erfolg­rei­chen Miß­trau­ens­vo­tum beant­wor­ten müs­sen. Das deut­sche Par­la­ment, ohne­hin schon par­tei­po­li­tisch domes­ti­ziert, ließ sich sei­ne Kern­kom­pe­tenz wider­stands­los aus der Hand neh­men. Murr­te es über­haupt? Ich fürch­te, nicht ein­mal das. Weh­ret den Anfän­gen scheint der Deut­sche nur für künst­lich erzeug­te Feind­bil­der gel­ten zu las­sen. Die wirk­li­chen, die poli­ti­schen Gefah­ren bemerkt er gar nicht. Die Bevöl­ke­rung war mit so vie­len ver­schie­de­nen Din­gen beschäf­tigt, dass es den Ver­lust sei­ner Ver­tre­tung schlicht über­sah. Ein Phä­no­men wie das am spä­ter so genann­ten „Blut­sonn­tag von Vil­ni­us“, als Litau­er ihr Par­la­ment mit einer mensch­li­chen Schutz­mau­er gegen die ein­drin­gen­de sowje­ti­sche Sol­da­tes­ka schütz­ten, ist in Deutsch­land bis­lang nicht vorstellbar.

Mein per­sön­li­ches Erwe­ckungs­er­leb­nis hat­te ich bei Mer­kels Neu­jahrs­an­spra­che 2014/15, als ganz neben­bei aus einem Ver­samm­lungs­recht eine Ver­samm­lungs­vor­schrift wur­de. Da wuß­te man: Frau Mer­kel hat, wie so vie­le Sozia­lis­ten, ein defi­zi­tä­res Ver­hält­nis zur Bin­dung des eige­nen Han­delns an das Recht, stand für sol­che doch immer schon der exe­ku­tie­ren­de Wil­le über dem Gesetz des Lan­des. Man hat schließ­lich weit Grö­ße­res im Sinn und erfüllt als eigens Aus­er­wähl­ter wenn schon nicht Got­tes, dann wenigs­tens das Gesetz der (Natur-) Geschich­te. Im Kon­text der Bedeu­tung der „rule of law“, wor­in Urtei­le zahl­rei­cher Genera­tio­nen ein­ge­gan­gen sind, erwähn­te Arendt einen Satz von Adolf Hit­ler, der gesagt haben soll, er seh­ne den Tag her­bei, an dem es in Deutsch­land für eine Schan­de gehal­ten wer­de, ein Jurist zu sein. 

Der nächs­te gro­ße Schlag erfolg­te mit der ein­sa­men Grenz­öff­nungs­ent­schei­dung Mit­te 2015 aus huma­ni­tä­ren Grün­den, wie es genannt wur­de. Mer­ke: huma­ni­tä­re sind Gesinnungs‑, kei­ne recht­li­chen Grün­de. Das Par­la­ment, die Ver­tre­tung des Lan­des hat­te zur Öff­nung sei­ner Lan­des­gren­zen schon nichts mehr zu sagen. Der baye­ri­sche Löwe brüll­te kurz etwas von der ‘Herr­schaft des Unrechts’ und ver­schwand wie stets als Maus im Loch, das bereits fer­tig geschrie­be­ne Gut­ach­ten von Bun­des­ver­fas­sungs­rich­ter Di Fabio ver­schwand mit ihm in der Schub­la­de. Neben der legis­la­ti­ven blieb auch die judi­ka­ti­ve Gewalt aus dem Spiel. Gewal­ten­tei­lung? Macht­gleich­ge­wicht? Seit­her ist Horst See­hofer nur noch ein wan­deln­des Nichts. 

Die end­gül­ti­ge Ver­ab­schie­dung des Par­la­ments erfolg­te im März 2020, als der Deut­sche Bun­des­tag, getrie­ben von einer bis­lang bei­spiel­lo­sen media­len Panik­wel­le bar jeder Beson­nen­heit eine “epi­de­mi­sche Lage natio­na­ler Trag­wei­te” beschloss, sei­nen fata­len Irr­tum nicht kor­ri­gier­te und die Macht damit voll­stän­dig an eine Exe­ku­ti­ve abgab, die sich damit inzwi­schen voll­stän­dig ver­rannt hat und selbst nicht mehr weiß, wie sie aus die­ser Sack­gas­se wie­der her­aus­kom­men soll. Seit­her ist zwar die äuße­re Hül­le des Par­la­ments noch da, die Abge­ord­ne­ten tra­gen sich noch brav in die Lis­ten ein, aber sei­ne Macht ist unwi­der­bring­lich dahin, auch das Par­la­ment ist nur noch ein wan­deln­des Nichts. Wäh­rend vie­le die Ergeb­nis­se der aktu­el­len Kom­mu­nal­wah­len in NRW kom­men­tie­ren, als sei die Zeit 1984 ste­hen­ge­blie­ben, gerät die libe­ral-demo­kra­ti­sche Macht­ba­lan­ce aus den Fugen, das Haus stürzt gera­de ohne eines sei­ner drei tra­gen­den Wän­de in sich zusam­men. Die hohen Erwar­tun­gen, die die Müt­ter und Väter des Grund­ge­set­zes in die­se ver­ant­wort­li­che Posi­ti­on gesetzt hat­ten, konn­te das Par­la­ment nicht erfül­len. Wir sind wie­der da, wo wir eigent­lich nicht mehr hin­woll­ten. Die erfolg­rei­che Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung erweist sich als die zen­tra­le Lebens­lü­ge der gesamt­deut­schen Nachkriegsgeschichte.

Der ein­zi­ge Hoff­nungs­schim­mer: Wenn das Par­la­ment als Ver­tre­tung des Vol­kes aus dem Spiel­feld ver­schwun­den ist, wer ver­tritt dann das Volk? Wer kon­trol­liert und begrenzt die Macht­ge­lüs­te der Exe­ku­ti­ve? Wer sorgt dafür, daß bei weit­rei­chen­den Ent­schei­dun­gen Risi­ko­fol­gen­ab­schät­zun­gen vor­ge­nom­men wer­den? Wer blo­ckiert recht­zei­tig über­flüs­si­ge Maß­nah­men, die einen in Frie­dens­zei­ten bei­spiel­lo­sen Scha­den anrich­ten? Einer Main­zer Anwäl­tin, die vom bay­ri­schen Ver­wal­tungs­ge­richt­hof die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit der getrof­fe­nen Coro­na-Maß­nah­men über­prü­fen lässt, wur­de jetzt vom bay­ri­schen Gesund­heits­mi­nis­te­ri­um mit­ge­teilt, es gäbe dar­über kei­ne Akten. Wur­de etwa nach Gefühl ent­schie­den? Nach Tages­lau­ne? Wur­den Maß­nah­men per Los aus dem Hut gezau­bert? Ein Fb-Freund hat es schön for­mu­liert: Wenn sich der ideo­lo­gi­sche Nebel ver­zo­gen hat, wird man beschämt fest­stel­len, welch jäm­mer­li­chen Figu­ren man sein Land anver­traut hat. 

Es scheint eine wach­sen­de Zahl von ganz nor­ma­len Men­schen zu geben, die intui­tiv ver­stan­den haben, dass sie, wenn sie kei­ne Ver­tre­tung mehr haben, selbst spre­chen müs­sen. Zwei Din­ge fal­len dabei auf. Der bis­he­ri­ge Begriff ‚sozia­le Bewe­gung’ passt nicht, die neue Volks­be­we­gung ent­stammt weder bestimm­ten Milieus, noch kon­sti­tu­iert sie sich über ein zen­tra­les Anti‑, Anti-Atom, Anti-Kapi­ta­lis­mus, gegen-rechts etc. Anders als die bis­he­ri­gen Bewe­gun­gen (ich ver­wei­se auf mei­nen Text: “Die tota­le Bewe­gung”) erstrebt die­se neue Bewe­gung weder ein zukünf­ti­ges idea­les Ziel wie den kli­ma­neu­tra­len Mus­ter­staat, noch möch­te sie einen neu­en Men­schen schaf­fen. Sie will, weit­aus beschei­de­ner, nur die Rück­kehr zu den recht­lich gere­gel­ten Zustän­den, die das Grund­ge­setz garan­tie­ren soll­te. Ist dies erreicht, wird sie sich wie­der zer­streu­en. Sind die Ver­ant­wort­li­chen für die Außer­kraft­set­zung der Ver­fas­sung und die maß­lo­se Scha­dens­an­häu­fung gericht­lich abge­ur­teilt und aus dem poli­ti­schen Spiel ent­fernt, wird man aller­dings fra­gen müs­sen, wie man den vor­herr­schen­den Trend zur Nega­tiv­aus­le­se stop­pen und umkeh­ren kann und wel­che zusätz­li­chen Siche­run­gen man in die Ver­fas­sung auf­neh­men muss, um das Aus­ein­an­der­bre­chen einer müh­sam ein­ge­rich­te­ten Macht­ba­lan­ce zukünf­tig zu erschweren.

Zuerst publi­ziert auf: GLOBKULT,
Eine leicht erwei­ter­te Fas­sung erschien auf Tichys Ein­blick